Beueler-Extradienst

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Hilfe zur Selbsthilfe…

… ist ein etwas anderer Ansatz, um sich ein kleines Stückchen Informationsfreiheit zurückzuerobern. Sperrungen von Seiten im Internet, weil die Seitenbetreiber zufällig nicht ins politische Bild passen, sind nicht nur in Russland an der Tagesordnung. Ebenso verfahren wir hier – ganz ohne schlechtes Gewissen – bemängeln aber dieses rigide Vorgehen bei unseren Nachbarn.

Google darf uns nicht mehr Informationen zu Russia Today oder Sputnik anzeigen. Fragt sich: sind wir so unmündig und wenig medienkompetent, dass uns nicht zugetraut wird, uns aus allen frei zugänglichen Quellen zu informieren? Diese Fürsorglichkeit ist gar rührend. Soviel Fürsorglichkeit für das eigene Volk beweist auch Putin – nur er wird deswegen kritisiert. Warum eigentlich?

Wenn mir Tante Google keine Links mehr zu Russia Today anzeigen darf, dann ist es an der Zeit, die Seiten selbst aufzurufen. In einem brutalen Selbstversuch, mit Angstschweiß auf der Stirn, ob der illegalen Annäherung an eine fremde Weltsicht tippe ich ein: rt.com

Kaum drücke ich zitternd vor Aufregung die „Enter“-Taste erscheint sofort: „Seite nicht erreichbar“ – ein Stein fällt mir vom Herzen, die Fürsorglichkeit greift, ich bin nicht gefährdet.

Ich denke nach, zugegeben nicht lange, denn das Internet ist ein löchriger Sack und ich möchte mich (zumindest ein wenig) dieser wohlmeinenden Bemutterung entziehen. Irgendwie keimt in mir der Gedanke: ich sitze nicht in der Psychiatrie, ich bin erwachsen, ich kann lesen und schreiben, bin sogar für mich selbst verantwortlich – was soll also passieren?

Wer ein ähnliches Bild von sich selbst hat, geimpft, geboostert und getestet ist, der (oder auch die) sollte gefahrlos weiterlesen können.

Im Internet gibt es so ein Ding, es heißt DNS. Die Abkürzung steht für Domain Name System. Das macht eigentlich nicht viel, denn jeder Computer oder Server hat eine Nummer, die kennt aber niemand. Dieses DNS kennt die Nummern, aber nicht nur das, sondern auch, welcher Name dazu gehört – so ähnlich wie ein Telefonbuch. Sehr praktisch, wenn ich in der Zeile für den Seitenaufruf facebook.com eingebe, dann liefert das DNS die Nummer dazu und Schwupp, ich liefere alle meine Daten bei Facebook ab.

Bis hierhin wissen wir, dass ein DNS eine Schlüsselrolle hat. Was können wir damit anfangen? Nichts.

Oder doch? Fragt sich: gibt es nur ein DNS? Gibt es mehrere davon, vielleicht sogar ganz viele? Ja, gibt es. Denn wenn etwas eine solch zentrale Schlüsselrolle hat, dann gibt es das von Google ebenso, wie von Geheimdiensten (und jeder Provider hat natürlich einen eigenen DNS-Dienst), denn jeder Aufruf, den ich von meinem Computer mache, wird allein schon deshalb dokumentiert, weil dieses DNS den Namen zu der Seite melden muss, die ich aufrufe. Insgesamt ein sehr transparentes System – für die Anbieter.

Jetzt wird auch klar, warum es unproblematisch ist, einzelne Seiten aus dem Internet zu entfernen: einfach die Telefonnummer löschen. Wenn es aber kein Hexenwerk ist, ein eigenes DNS zu betreiben, dann sollte es möglich sein, einen Anbieter zu finden, der uns die Arbeit bereits abgenommen hat. Wer jetzt froh gelaunt Tante Google nach DNS fragt, der landet genau da: bei Google. Oder anders, wenn in diesem Zusammenhang die Zahlenkombinationen „8.8.8.8“, „8.8.4.4“ oder „1.1.1.1“ auftauchen: Finger weg.

Besser ist eine Suche nach: „alternative DNS Digitalcourage Chaos Computer Club“ (die passenden Links am Ende). Der nächste Schritt ist es, dem eigenen Router, Computer oder Smartphone ein eigenes DNS unterzujubeln. Das ist sehr viel einfacher, als es scheint. Grob gesagt, einen alternativen DNS-Dienst suchen und – mit einer kurzen Anleitung für sein Gerät aus dem Internet – die paar Zahlen eingeben und ohne Zensur im Internet unterwegs sein.

Dann funktioniert sofort rt.com oder die deutsche Seite de.rt.com – und noch ein paar andere Seiten mehr. Ganz ohne Angstschweiß
übrigens: es ist legitim, sich aus allen frei zugänglichen Quellen…

Jetzt ein paar Tipps für den eigenen Selbstversuch: im ersten Schritt den passenden DNS-Dienst suchen, z.B. hier:
https://digitalcourage.de/support/zensurfreier-dns-server

oder hier:
https://www.ccc.de/de/censorship/dns-howto

Es ist nur darauf zu achten, dass die Anfragen verschlüsselt gestellt werden (DNS over TLS), Beide IP-Adressen (ip4 und ip6) notieren. Für den Fall, dass ein Server ausfällt bieten die Endgeräte immer einen zweiten Eintrag an, also gleich zwei DNS-Dienste aussuchen.

Bei den Anleitungen zu den Endgeräten werden meist andere DNS-Dienste genannt, die sollten aber ignoriert werden, ebenso alle Lobpreisungen zur Geschwindigkeit.

Weit verbreitet die FritzBox:
https://www.heise.de/tipps-tricks/Fritzbox-DNS-Server-aendern-5054919.html#

Wer ein Gerät der Telekom besitzt, der erhält in den einschlägigen Foren gern den Tipp, sich eine FritzBox zuzulegen. Wer das nicht möchte, der trägt es eben bei Windows ein:

https://www.futura-sciences.com/de/wie-dns-server-in-windows-10-aendern_503/

Auf dem Mac braucht es keine Anleitung, einfach in den Netzwerkeinstellungen den Eintrag für DNS suchen, ändern und fertig.

Mit dem Smartphone ist es im WLAN (im Mobilfunknetz geht es nicht) möglich einen eigenen DNS-Eintrag vorzugeben, auf einem iPhone natürlich sehr viel einfacher, als bei einem Android-Gerät.

Und keine Angst, wenn etwas schief geht: auf allen Geräten gibt es die Möglichkeit mit einem Klick wieder den Ursprungszustand herzustellen.

Wer alles richtig gemacht, der ruft „rt.com” oder „de.rt.com” auf und die Seiten erscheinen sofort – welche Erkenntnistiefe damit verbunden ist, muss jeder für sich entscheiden.

Der Aufwand sich sein DNS näher anzusehen lohnt dennoch. Wer es ändert, surft nicht nur zensurfrei, sondern gibt sein Surfverhalten nicht unnötig preis. Wie wertvoll das ist, wissen Google, Microsoft und andere schon längst.

Sollten noch Fragen sein, einfach die Kommentar-Funktion nutzen.

Über den/die Autor*in: Christian Wolf

Christian Wolf (M.A.) ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geographie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digtalpurist)

5 Kommentare

  1. Der Maschinist

    Super, Christian Wolf! Vielen Dank dafür. Das sind wirklich wichtige Instrumente zur Selbstermächtigung die mensch beherrschen sollte. Jetzt wünsche ich mir eine Fortsetzung über VPN Tunnel und den Nutzen den sie auch für “ganz normale” Nutzer:innen des Webs mit sich bringen… ;-)

  2. MarS

    Eine Frage, wenn ich in der FritzBox den DNS-Eintrag geändert habe, muss ich das dann auch auf dem PC und iPhone tun oder reicht die Änderung im Router?

  3. w.nissing

    Mars, es reicht im Router, dann gilt das für alle Geräte die am Router hängen, egal ob LAN oder WLAN
    eigentlich sollten Maschinisten diese Frage beantworten können….. aber bevor ich mich hier lang und breit mit gepflegtem Halbwissen breit mach: https://de.wikipedia.org/wiki/Virtual_Private_Network

    und btw der Browser Opera (allerdings gibt es den nicht mehr für betagte i386er sondern nur für 64er) kann VPN per klick siehe hier: https://www.nachdenkseiten.de/?p=81672

  4. Christian Wolf

    Das ging im Beitrag ein wenig unter: der Router ist “Chef” im heimischen Netzwerk, wer sich mit ihm verbindet, der bekommt auch den neuen DNS-Eintrag frei Haus geliefert. Es kann allerdings ein wenig dauern, bis alle Geräte das mitbekommen. Wer es eilig hat, der startet sein Endgerät einmal neu. Es ging um Router, die es nicht sauber umsetzen, dann muss jeder PC oder Smartphone einzeln darauf trainiert werden.

    Übrigens: eine eigener DNS-Eintrag hilft uns ggf. im Ausland, je nachdem, wo wir sind….

    Wem dieser Weg zu kompliziert ist, der kann auch andere Wege gehen. Über VPN schreibe ich gerne ein paar Zeilen, wollte zuvor aber einen Blick darauf werfen, wie wir uns im Internet bewegen und welche Instrumente wir benutzen, benutzen sollten und benutzen können.

  5. Christian Wolf

    Noch ein Zusatz von mir:

    der DNS-Eintrag im heimischen Router hat nichts mit VPN zu tun, kann aber helfen eine VPN-Verbindung auch dann zu ermöglichen, wenn der Eintrag zum VPN-Dienst im Telefonbuch (=DNS) des Anbieters gelöscht wurde.

    Dann greift nur ein ausgewählter DNS-Service, der ermöglicht, nicht blockiert.

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