Beueler-Extradienst

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Medienbellizismus III.

Je länger der Krieg in der Ukraine dauert, desto absurder wird die Rolle der Politiksimulationen von Will, Plasberg, Maischberger, Illner und Lanz. Ich schlage vor, diese Sendungen für die Dauer des Krieges abzusetzen und deren “Fiction” durch seriösen Journalismus zu ersetzen – in Form von “Monitor”, “Panorama”, “Frontal 21” , “Fakt”, “Report Mainz” und “München” und Sondersendungen. Die von den Sendern als “Unterhaltung” eingestuften Talk”shows” werden dem Ernst der politischen Lage immer weniger gerecht und manipulieren die demokratische Öffentlichkeit im eigenen Quoteninteresse inzwischen hemmungslos. Ein entsetzliches Beispiel liefert regelmäßig sonntags Anne Will, immerhin die ehemalige Anchorfrau der “Tagesthemen”, deren Diskussionsrunden regelmäßig in bellizistische Szenarien und Gedankenspiele ausarten, ohne die Folgen vom Ergebnis her zu Ende zu denken.

Inkompetente Betroffenheit hat keinen Aufklärungswert

Ohne zur Kenntnis genommen zu haben, dass die Bundesrepublik aufgrund ihrer Waffenlieferungen an die Ukraine längst zur potentiellen Kriegspartei geworden ist, deren solches Tun der Geheimhaltung unterliegen muss, fragt die ehemalige Journalistin Will, völlig jenseits jeglicher Konsequenzen in ihrer Neugier, nach den Details dieser Maßnahmen und musste sich von der Verteidigungsministerin belehren lassen, dass derartige Aktionen nicht live und in Farbe veröffentlicht werden können, damit die gegnerische Seite diese Lieferungen nicht nach dem Motto “schöner beschießen” behandeln kann.  Genauso inkompetent und eigentlich überflüssig, die Beiträge der natürlich persönlich betroffenen Marina Weisband, die sich dazu verstieg, man könne ja vielleicht auch Sanktionen gegen Putin für eine begrenzte Zeit von ein paar Wochen verhängen, selbst wenn man nicht wisse, ob man sie durchhalten könne. Als ob man wenigen Wochen Subvention, die man selber dann nicht mehr durchhalten könnte, wieder darum bitten könnte: Lieber Wladimir, kannste den Gashahn wieder aufdrehen, unsere Wirtschaft bricht zusammen…?” Welch ein absurdes Theater der politischen Naivität!

Von keiner Sachkenntnis getrübte Aggressivität

Wie weit ab von jeder Kenntnis ist eine Anne Will – und ihr Team, die die These in den Raum stellen, an Deutschland und Frankreich wäre 2008 die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine gescheitert. Dank an Alexander Graf Lambsdorff, der daraufhin geradezu explodierte und der verantwortungslosen Schwafelkönigin entgegenhielt, dass dann ein Krieg bereits 2008 begonnen hätte, denn wenn Russland die NATO hätte fragen müssen, wann und wie es auf ihre Kriegsflotte auf der Krim hätte zugreifen können, wäre wohl ein Krieg unausweichlich gewesen. Diese ließ sich von einer derartigen Realitätsdusche nicht davon abhalten, wieder und wieder zu fragen, warum denn NATO und Europa nicht endlich die von Selenskij gewünschte “Flugverbotszone” einrichten. Hallo? Leidet eine ehemalige “Tagesthemen”-Moderatorin” derart an politischer Demenz, dass sie nicht weiss, dass “Flugverbotszone” ein nach Artikel VII UN-Charta definierter Fall ist, den nur der Sicherheitsrat anordnen kann, in dem Russland über ein Veto verfügt? Dass alles andere den Eintritt der NATO in den Krieg bedeuten und wahrscheinlich eine Eskalation zum atomaren Krieg bedeuten würde? Kann Frau sich so dumm stellen, oder hat sie völlig den Bezug zur Realität verloren? Geht es nur um Geschwafel für die Quote, oder übt hier jemand gewissenlos ihre mediale Macht aus, um Druck auf die Politik auszuüben?

Welche Rechtfertigung gilt für naive Politiksimulationen in Kriegszeiten?

Was bitte haben solche “Wünsch-Dir-Was-Positionen” an seriösem Informationswert?  Wem nützen solche von militärischen und verteidigungspolitischen Laien formulierten Vorschläge? Wer braucht in der sehr ernsten, ohnehin verwirrenden und viele Menschen besorgt machenden Situation solche inkompetenten Legendenbildungen? Es tut mir leid, aber es ist Krieg und da sollten wir das Kriegführen denjenigen überlassen, die darin erfahren und kompetent sind. Die teuren und unsere Rundfunkgebühren überaus belastenden Ergüsse der Talkmaster braucht jetzt niemand, weil sie keinen seriösen Beitrag zur Meinungsbildung im Krieg leisten. Wir können uns jetzt nur noch soliden Journalismus leisten und der kostet – besonders in Krisenzeiten.

Politiksimulationen weitaus teurer als seriöser Journalismus

Grund genug, einen Blick auf die Kosten dieser Sendungen für ARD und ZDF zu lenken. Denn diese Politiksimulationen finden nicht im “normalen” Rahmen der öffentlich-rechtlichen Sender statt. Plasberg, Will, Maischberger, Illner und Lanz werden nicht von den Sendern selbst, sondern von externen Produktionsfirmen produziert, die den Moderator*innen zumeist anteilig gehören. Günter Jauch gehörte zu den Pionieren dieser Methode. Sie dient einzig und allein dazu, dass die “Stars” dieser Veranstaltungen horrende Honorare verdienen können, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegen alle guten Sitten verstoßen und niemals gerechtfertigt werden könnten.

“Unterhaltung” schlägt Journalismus meilenweit

So kostete etwa bis vor kurzem eine von der ARD finanzierte Talkshow-Reihe auf drei Jahre mit 7 Millionen Euro Produktionskosten plus 800.000 Honorar jährlich für die Moderation. Sie wurde kürzlich von 34 auf 52 Sendungen aufgebohrt und kostet nun 9 Mio. € p.A. zuzüglich ca. € 990.000 Moderatorenhonorar. JÄHRLICH. Die Redaktionen und Rechercheteams der seriösen journalistischen Magazine können von solchen Konditionen aus dem Schlaraffenland nur träumen. Womit werden solche horrenden Honorarausgaben gerechtfertigt? Natürlich mit dem Totschlagargument, mit dem jede Folterung der Sorte “Bekämpfung von Bildung und gutem Geschmack”, wie z.B. die Shows von Florian Silbereisen, durchgesetzt werden: Die Einschaltquoten!  Nur haben gerade die nichts mit dem gesetzlichen Informationsauftrag des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks zu tun. Er hat die verfassungsrechtliche Aufgabe die demokratische Öffentlichkeit und damit die “vierte Gewalt” sicherzustellen – in erhöhtem Maße in Zeiten des Zeitungssterbens und der Zunahme der Fake-News in (a)sozialen Netzwerken. Eine einschneidende Reform dieser wertlosen Politiksimulationen zugunsten einer neuen Chance für seriösen Journalismus durch die Übernahme der Sendeplätze der Tingeltangel-Politiksimulationen wäre eine Sternstunde der Informations- und Pressefreiheit in Deutschland.

Endlich mit den wahren Killern der Rundfunkgebühren aufräumen!

Wie konnte es dazu kommen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender  derartig astronomische Summen für die ausdrücklich als “Unterhaltung” und “Infotainment” kategorisierten Sendungen verplempern? Das hat viel mit dem Privatfernsehen zu tun, das ab Mitte der 80er Jahre begann, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Einschaltquoten streitig zu machen. Nur: Die Zeiten, in denen RTL, SAT 1, und Co. den Öffentlichen Quoten streitig machten, sind längst vorbei! RTL hat sogar von sich aus die Übertragung der Formel 1 aufgegeben. Trotzdem schmeissen die Öffentlich-Rechtlichen nach wie vor der FIFA, UEFA, dem IOC für Wettbewerbe unter der Schirmherrschaft lupenreiner Demokraten wie China, Qatar und Saudi-Arabien Milliarden in den Rachen. Gar nicht zu reden von der Verschleuderung der Gebührengelder, die dafür sorgen, dass diese insgesamt zu etwa 70% auf den Konten der obigen Sportmultis und der DFL, der Geldeintreiber der Bundesliga, landen. Kein Rundfunkrat und keine Landesmedienpolitiker, unter denen Rheinland-Pfalz traditionell eine wichtige Stellung einnimmt, haben sich jemals getraut, der finanziellen Dominanz und Verschleuderung von Ressourcen an den Fußball und andere “Leitsportarten” wirkungsvoll entgegen zu treten.

JETZT besteht die einmalige Chance für einen guten Journalismus!

Mit dem Stop der Talkshow-Finanzgräber ergäbe sich die Chance zu einer grundsätzlichen Neuorientierung der Hintergrundrecherche und Informationsarbeit über Kriege, ihre Hintergründe, nationale, internationale Verflechtungen von Kartellen und (a)sozialen Netzwerken. Rechercheausnahmen wie die “Panama-Papers” blieben keine Eintagsfliegen, sondern könnten kontinuierlich verfolgt werden. Es  gäbe die Chance zu einer bisher praktisch nicht vorhandenen “Europa-Dimension” der Berichterstattung über das europäische Parlament, Reportagen über EU-Länder, besonders die mit schlechten journalistischen Arbeitsbedingungen, wie Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien, und natürlich eine breite Auseinandersetzung und Recherche über Hintergründe von Fake-News, Kampagnen von Trollen, Q-Anon und Querdenkermillieus – also eine Einlösung des Auftrags des ÖR-Rundfunks, die er derzeit nicht mehr leistet, weil die zuständigen Verfassungsorgane und Vertreter der Zivilgesellschaft zugelassen haben, dass er ein Appendix der “Sportschau” geworden ist.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net

5 Kommentare

  1. w.nissing

    Danke Roland!!
    Bin ja sonst nicht immer deiner Ansichten, aber hier 1000 %

    PS: vll könnte man ja von den Zwangsabgaben einen kleinen Teil (2 % ?) in einen Font lenken für unabhängigen redaktionell autonomen Journalismus, gerne auch lokal. (muß ja nicht alles so degenerieren wie die TAZ)

  2. Maria Heider

    Gut gebrüllt, Löwe!! Ich kann den Sch… schon lange nicht mehr sehen und war stets zutiefst gequält, wenn ich in früherer Funktion, meinen Chef dorthin gehen lassen und auch noch begleiten musste 🤮

    Du fragst, wem das nutzt aktuell: Putin. Ich glaube, in seinem Wahn sehnt er einen Fehltritt einer EU-Regierung nahezu herbei um danach hemmungslos den Krieg auszuweiten.

    Und auch deinen weiteren Kommentar zu den Kostentreibern der Rundfunkgebühren zu lasten seriösen Journalismus, teile ich 100%
    Liebe Grüsse Maria

  3. Helmut Lorscheid

    Wenn ich das hier so lese, muß es ja furchbar sein, was da so erzählt wird. Ich habe noch nie im Leben eine Sportschau gesehen und auch noch nie im Leben Lanz, Will, Blasbach oder wie die heißen. Sind mir auch egal. Was mir nicht egal ist, ist das Senden privater Videos in der Tagesschau, wo dann der ARD-Korrespondenz in Kiew Restle (also der von Monitor) aufsagt, dass Journalisten nicht nach Butscha könnten. Was sendet dann die Tagesschau, was sind das für Videos, von wem, wann und wo aufgenommen? Scholz und diese dumme Frau im Außenministerium springen über jedes Stöckchen. Ich habe den Eindruck, die Richtlinien der deutschen Politik werden in Kiew erlassen und dieser ungehobelte Kerl Melnyk achtet in Berlin darauf, dass Scholz auch alles richtig macht. Und wenn – wie geschehen – ein SPD-Abgeordneter die Rüpeleien dieses Kerls kritisierte, wird er vom Herrn Botschafter als “Arschloch” bezeichnet. Und unser Bundespräsident ist ein Strippenzieher für Moskau. Gehts noch? Warum scheißt diese dumme Frau im Auswärtigen Amt diesen Kerl nicht aus dem Land? Und die Medien – laden den Kerl zum nächsten Interview. Wie zufrieden sind Sie denn? Darf es noch etwas mehr Kriegsgerät sein? Wie unzufrieden sind sie denn mit der Bundesregierung?

  4. Reiner Löffel

    Lieber Roland,

    ich melde mich etwas spät, aber Du hast wieder mein Innerstes getroffen !!! Danke !
    Nun stelle ich mir aber auch die Frage, worin sich die ÖR von den privaten Sendern unterscheiden, wenn die Sendungen der ÖR von privatrechtlichen Firmen wie der Will Media GmbH, der Vincent Television GmbH (Maischberger mit Partnerin) oder Ansager & Schnipselmann GmbH&Co.KG (der Firmenname von Plasberg ist Programm) produziert werden. Was läuft hier ab ? Was kann man dagegen tun ? Die Frage nach der rechtlichen Zulässigkeit dürfte wohl sehr naiv sein. Auf jeden Fall ist das alles so ziemlich zum Kotzen.

  5. Audax

    Nur kurz: Danke. Man liest in diesen Tagen selten so zutreffende Kommentare.

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