Dreimal reiste Andreas Rost nach Afghanistan. Seine Fotografien des Alltags dort zeigt er jetzt im Haus am Kleistpark

„Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt.“ Der Spruch, der Bundesverteidigungsminister Peter Struck 2004 berühmt machte, kennzeichnet den Umgang mit dieser Region. Im Westen wird das gebirgige Reich in Zentral­asien meist als globalstrategisches Faustpfand gesehen. Zbigniew Brzezinski, der Sicherheitsberater des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, ließ sich Anfang der 1980er Jahre gar demonstrativ mit einer Kalaschnikow am Khyber-Pass ablichten. Auch die archaische Vormoderne, die die Mudschaheddin über das Land brachten, ließen ihn noch Jahrzehnte später seine Idee nicht bereuen, sie mit US-Hilfe gegen die sowjetfreundliche Linksregierung des Landes in Stellung gebracht zu haben.

Das Wichtigste, das sich über die Bilder des Berliner Fotografen Andreas Rost sagen lässt, ist, dass sie den Blick auf Afghanistan als Lebensraum der realen Menschen richten, die in der politischen Perspektive meist fehlen. Von 2007 bis 2009, wenige Jahre nach Peter Strucks zwiespältiger Metapher, reiste der 1966 in Weimar geborene Künstler im Auftrag des deutschen Goethe-Instituts und des Instituts für Auslandsbeziehungen in das Land am Hindukusch, um die Situation dort zu dokumentieren. In der sehenswerten kleinen Ausstellung im Projektraum des Hauses am Kleistpark, in dem nun eine Auswahl der damals gemachten Aufnahmen zu sehen sind, findet sich nichts vordergründig Politisches.

Die Be­trach­te­r:in­nen tauchen tief in den afghanischen Alltag ein.

In den staubigen Straßen der schwer zerstörten Stadt Kabul sitzen die Menschen auf der Straße, verkaufen ein paar notdürftig auf Decken ausgebreitete Habseligkeiten, sieben Getreide oder schauen an einem Kebab-Stand einem Mann zu, der Holzkohle anfeuert.

Nur ein einziges Mal kommt Rost in die Nähe dessen, was sich als hegemonialer Blick bezeichnen ließe. Von der Anhöhe TV-Hill, damals war der Berg am Rande der Stadt Standort des Hauptquartiers der Nato-geführten Sicherheitstruppe im Afghanistan-Krieg 2001 bis 2014, geht der Blick über die Stadt bis zu der Bergkette direkt gegenüber. Da wirkt die einst blühende Metropole plötzlich wie ein Gräberfeld.

„Mit dem Blick von oben herab, der unabweisbaren Sicherheitsinteressen folgt, vertun wir uns jede Sympathie der Bergbewohner“, schrieb Rost in einem seiner Tagebuch-Einträge vom November 2007 nach einem Besuch der Station. Einige Auszüge seiner Notizen hat er neben die Fotografien gehängt. Wie nicht anders zu erwarten, ist die versprengte, seltsam desolate „Gesellschaft“, die sich auf Rosts Bildern zeigt, eine zutiefst patriarchale. Es sind fast nur Männer zu sehen, die wenigen Frauen zeigen sich natürlich in dem traditionellen Ganzkörperschleier Burka.

Man ahnt, welchen Mut es die eine Frau gekostet haben mag, sich nur mit einem lose um den Kopf geschlungenen Tuch und freiem Gesicht ihren Weg durch den Basar zu bahnen. Rings um sie herum feilscht eine wuselnde Männergruppe um blitzende Stahltöpfe und Plastikeimer.

Rost, einst Schüler der DDR-Fotogrößen Arno Fischer und Evelyn Richter, hat für seine Aufnahmen den SchwarzWeiß-Modus gewählt. Das unterstreicht sein dokumentarisches Herangehen – wie bei dem Bettler mit Beinstumpf, der seine mit einem Sneaker bewehrte Beinprothese mit der Hand festhält.

Dennoch gewinnt Andreas Rost seiner tristen Bestandsaufnahme immer wieder poetische Momente ab. Der Pelikan zwischen den zwei alten Männern am Straßenrand wirkt wie die surrealistische Metapher einer Wirklichkeit, der der Fotograf auch dann nur schwer näherkommt, wenn er sich dem unbekannten Leben in einer gezeichneten Stadt mit Respekt und den Menschen auf Augenhöhe begegnet.

Nur einmal blitzt in diesen Bildern etwas wie Hoffnung auf: wenn vor der schwarzen Silhouette einer majestätischen Bergkette die für die Region typischen Papierdrachen in den grauen Himmel aufsteigen, eine Gruppe Kinder wie eine Skulpturengruppe zu ihren Füßen.

Rost hatte, wie er berichtet, Skrupel, eine Ausstellung über eine lange zurückliegende Zeit zu eröffnen, während der Krieg in der Ukraine jeden Tag seine Opfer fordert. Doch es hätte des Fotos der De­mons­tran­t:in­nen vor der Russischen Botschaft in Berlin vom Februar am Eingang zur Ausstellung nicht bedurft, um den Toten dieser Tage die gebührende Reverenz zu erweisen.

Rosts über 15 Jahre alten Bilder wirken auch so wie ein aktuelles Menetekel: eine Erinnerung daran, wie schnell eine einst blühende Kultur in eine Art Null-Zustand der Zivilisation zurückverwandelt werden kann.

Andreas Rost: „A Forlorn Hope. Fotografien aus Afghanistan“. Haus am Kleistpark. Noch bis zum 29. Mai

Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

Über den/die Autor*in: Ingo Arend