Gestern gab Adam Tooze der 3sat-Kulturzeit ein Interview (Minute 10-18). Er warnte vor der Überheblichkeit der Nato-Mächte, befürwortete die Sanktionspolitik gegen das Putinregime, glaubt aber nicht, dass es dadurch “von heute auf morgen” einstürzen wird. Denn “in der multipolaren Welt”, eine Begrifflichkeit, die schon Hans Dietrich Genscher pflegte, sei es nicht isoliert. Für mich schliesst sich an solche Betrachtung eine Frage an, ganz im Sinne des klugen merkelschen “vom-Ende-her-denkens”. Was meinen die Millionen Putinolog*inn*en hat der Herr an Handlungsoptionen? Sie werden immer weniger. Die Atomwaffen gehen aber nicht weg.

Auch heute haben wieder mehrere Texte das Geschehen betrachtet und kommentiert. Reinhard Olschanski seht in “Vorher – nachher” sich verändernde Frontverläufe. Einzelne regen sich über seine Texte auf, andere, auch er selbst, über manche Kommentare. Selbstverständlich sollten Einzelstimmen nicht überbewertet werden; sie sind dennoch Bestandteil der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Auch mich strengt das an, wie derzeit mutmasslich die meisten Menschen. Augen zu und ab in die Blase kann kurzfristig therapeutisch hilfreich sein, zur Symptomlinderung; politisch ist es das nicht. Ich war gestern begeistert davon, wie das Ensemble der Anstalt exakt dieses Problem unseres Diskursverhaltens künstlerisch verarbeitet hat: “Gewissheitenmuseum”. Ende offen – ohne Auflösung. Und s.o.: die Atomwaffen fehlten nicht.

Roland Appel beschäftigt sich in “Demontage des Staatsoberhaupts?” mit dem Wochenendgeschehen. Der ukrainische Botschafter Melnyk nutzte dankbar die Megafone des Springerkonzerns und alliierter TV-Talkshows, um den Bundespräsidenten, stellvertretend für die Bundesregierung, zu attackieren. Und Letztere schweigt lautstark. Über Staatsgewalten einer Demokratie habe ich einst anderes gelernt.

Es gibt auch andere wichtige Themen. Zwei kamen heute noch vor. Zum einen eine aktuelle Betrachtung des Plattformkapitalismus von Christoph Oellers, eine Übernahme vom “Fluter” der Bundeszentrale für politische Bildung: “Der Kampf hat begonnen”. Wenig beachtet von hiesiger Medienöffentlichkeit finden im EU-Brüssel dazu heftigste Lobbykriege statt, über die Sie sich am besten bei den Kolleg*inn*en von netzpolitik informieren sollten. Ich hoffe sehr, dass Felix Reda seine ehemals als Julia Reda veröffentlichte Kolumnentätigkeit (“Edit Policy”) bald wieder aufnimmt.

Und dann habe ich noch was über “躺平”, laut Elmar Wigand/oxiblog verbotene chinesische Schriftzeichen. Der Extradienst wird regelmässig von Nutzer*inne*n der Suchmaschine Baidu aufgesucht. Ich hoffe, die Betreffenden bekommen keine Probleme mit ihren Behörden. Ins Deutsche übersetzt heissen sie “sich flach hinlegen”. Alles Weitere lesen Sie direkt im Text; und versäumen Sie auch nicht den Kommentar meines fachkundigen Maschinisten.

In mir steigt nun die Spannung, ob ich bis zum Champions-League-Magazin des ZDF wachbleibe. Oder ob mir das schon zu egal ist. So weit ist es schon. Die mich kennen, wissen, was das bedeutet. Die für #boycottqatar ausgelosten Gruppen habe ich schon erfolgreich und schmerzfrei ignoriert. Ist einfach nicht spannend. Spannung dagegen gibt es in diesen Tagen mehr als gesund ist. Ich empfehle: 躺平

Und morgen wieder aufwachen!
freundliche Grüße
Martin Böttger

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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