Beueler-Extradienst

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Nicht vergeblich

Politische Bildung hilft – hier einige Beweise

mit Update nachmittags: Nato, Energie

Das Reuters Institute hat seinen diesjährigen “Digital News Report” veröffentlicht. Deutscher Partner war das Hans-Bredow-Institut in Hamburg. Er enthält gute, einige sehr gute Nachrichten zur Mündigkeit der befragten Bürger*innen. Die Beste gleich zuerst: ganze 21% vertrauen der Marke “Bild”, das sind gerade mal so viele, wie AfD und FDP wählen würden. 55% tun es nicht und 24% ist es egal (bei denen wäre ich). Auch ansonsten ist die deutsche Mediennutzerin weit selbstständiger, als deutsche Medien es im Wald pfeifen.

Ganze 50% vertrauen dem, was an Nachrichten über sie ausgekippt wird, bescheidene 57% den Nachrichtenquellen, die sie selbst nutzen. Das war schon mal mehr (Zeitreihe ab 2015). Spitzenreiterin bleibt, demografischer Wandel hin oder her, mit 67% die ARD-Tagesschau. In meiner Lebenszeit (65 Jahre) war das noch nie anders. 17% vertrauen auch der nicht. Abgefragt wurde ein allgemeines Vertrauen in die Marke (“Brand”) – das schliesst Kritik nicht aus. Bescheidene 41 bzw. 40% glauben, die Medien seien unabhängig von staatlichen und kommerziellen Einflüssen.

Die Nutzung von Nachrichtenquellen verschiebt sich langsam, aber stetig weiter. TV ist von über 80% 2013 jetzt auf den zweiten Platz (65%) hinter Online (68%) zurückgefallen (da bin ich dabei), Print von über 60 auf 26% gefallen (da bin ich ebenfalls dabei), noch hinter “Social Media” (32%, da bin ich nicht dabei). Hätte ich gar nicht gedacht, dass ich Teil so vieler Mehrheiten bin.

Qualitative Beispiele aus Bonn und Mönchengladbach

Erinnern Sie sich noch an die “Welle”, die um die EU-“Taxonomie” gemacht wurde: AKWs und Gas sollten ein “Nachhaltig”-Etikett verliehen bekommen, ein Putsch der von-der-Leyen-geführten EU-Kommission mit den Regierungen Deutschlands und Frankreichs, von dem sich die Grünen weitgehend kostenlos distanzieren konnten. Jetzt stottert diese Lobby-Maschine. In der verlinkten Quelle wird ein ominöser “Verband kommunaler Unternehmen” verhaltensauffällig. Der unterhält wohl in Brüssel eine gewiss nicht preisgünstige Lobbytankstelle. Er ist nicht zu verwechseln mit dem “Verband der kommunalen Aktionäre”, dem 24% der RWE-Aktien gehören. Dafür gehören ihm aber nicht weniger als fünf Bonner kommunale Unternehmen an: die Stadtwerke, BonnOrange (= Abfall), die MVA (noch mehr Abfall) und Tochtergesellschaften. Frage an die Ratskoalition und die Oberbürgermeisterin: welche Nasen vertreten eigentlich Bonn in diesem merkwürdigen Verband? Und was machen die da für ihre Aufwandsentschädigungen, Sitzungsgelder und Reisekosten?

Ewald is coming home

Ewald Lienen, gebürtiger Westfale, aber jahrzehntelang im Rheinland assimiliert, Brückenbauer zwischen dem FC, Karnevalsverein am Dom, und meiner Borussia, geht mit 68 in Rente. Nach jahrelanger Beschäftigung in diversen Funktionen beim FC St. Pauli, kehrt er heim. Er hatte schon in den 80ern Unterschriften gegen Berufsverbote und für Abrüstung gesammelt (die Mehrheit von Gladbachs Mannschaft machte mit), sogar einmal aussichtslos für die “Friedensliste” zu einer Europawahl kandidiert. Ein Pionier der politischen Aufklärung im Massenmedium Profisport.

„15.000 Tote für große Kulissen – FIFA und Co. ohne Gewissen!“

Es war nicht vergeblich. Ewalds Jünger waren gestern wieder in Mönchengladbach im Stadion, und wurden prompt von DFB und Polizei belästigt. Der Fortschritt scheint zu sein, dass denen das wenigstens gegenüber der Presse peinlich ist.

Und der Krieg?

Schauen Sie mal hier auf die taz-Tabelle (Quelle UNHCR, verantw. Redakteur Lalon Sander). Wohin flüchten die Ukrainer*innen vor dem Krieg? Insgesamt über 7 Mio. sind abgehauen, in insgesamt 44 Länder. Die meisten mit über 1,15 Mio. nach Polen, naheliegend. Die zweitmeisten mit 1,13 Mio. – nach Russland. Dä! War mir nicht klar. Ihnen?

Update nachmittags: Oder haben Sie mitbekommen, was der Nato-Generalsekretär gestern in Helsinki gesagt hat? telepolis-Chefredakteur Neuber gibt ihn in indirekter Rede wo wieder: “Stoltenberg hatte zuvor gesagt, der Krieg in der Ukraine könne lediglich am Verhandlungstisch beendet werden. Ein Friedensabkommen fordere immer auch Kompromisse, fügte er an – auch in Bezug auf territoriale Fragen.” Phhht. Prüfen Sie selbst, wie weit er damit von Roland Appel entfernt ist. Und in mir stieg die Frage auf: ist es womöglich die Nato, die der blindfliegenden Bundesregierung (und den sie treibenden Medien) Zügel anlegen kann? Wenn es für Waffenstillstand und Verhandlungen gut ist, ist es gut.

Nachsitzen für Habeck (und Lemke?)

Die Energie- und Klimawochenschau von telepolis ist immer dafür gut. Bei Habeck weissichsnich, aber ich kenne Leute, die schon für Steffi Lemke gearbeitet haben. An ihr wird das nicht achtlos vorbeirauschen. Heute von Wolfgang Pomrehn. Guter Mann.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

2 Kommentare

  1. w. nissing

    Die zweitmeisten mit 1,13 Mio…….. tztztz ja sind die denn wahnsinnig, direkt in die Kanonenrohre vom neuen Hitler zu laufen?? Kann natürlich auch sein das ein Teil derer, die in Richtung Westen flüchten, Garagen suchen ( was ich persönlich auch für legitim halte. Wer braucht schon, außer unseren Wertesten, Kanonenfutter für sein Moralkorsett)
    PS: könnte dieses Unwissen vielleicht an den im 2 Absatz kolportierten Zahlen liegen ? ;)

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