Beueler-Extradienst

Meldungen & Meinungen aus Beuel und der Welt

Diskursabmeldung

Als Regierungssprecher in NRW war Wolfgang Lieb 1990-96 für Roland Appel und mich ein verlässlicher und geschäftsfähiger Koalitionspartner. Weil er wusste, wie sein Chef Johannes Rau tickt. Seit 1983 arbeitete er für ihn. Die Wahlsiege dieses Johannes Rau, die sich der Chefintrigant in seinem Stab Bodo Hombach gerne alle persönlich ans eigene Revers klebte, danach aber eine Spur sozialdemokratischer Verwüstung hinterliess (Spiegel-Schlagzeile: “Der Kerl muss weg!”), waren in Wirklichkeit selbstverständlich eine Teamleistung, zu der Lieb so wesentlich beitrug, wie z.B. auch Christoph Habermann, den ich gelegentlich in der “Blauen Stunde” in der Nordstadt treffe. Dieser Wolfgang Lieb hat nun im “Blog der Republik”, kleiner haben dies nicht, zum Ukrainekrieg veröffentlicht. “Statt einer gefährlichen weiteren Emotionalisierung, wäre eine sachlich, nüchterne Debatte über den Schaden und den Nutzen der Sanktionen gegen Russland geboten”. Überschriften üben wir auch noch mal. Rentner wie er und ich geniessen die Unabhängigkeit zu schreiben, was wir denken. Seine Fragen sind auch meine Fragen. Also: danke!

Seine ehemaligen Freunde bei den nachdenkseiten schaffen es immer noch mich zu entsetzen. Ich staune selbst. 1979 hatte Albrecht Müller Lieb von der Uni Bielefeld ins Bundeskanzleramt gelockt. Bis 2015 haben sie die nachdenkseiten zusammen herausgegeben. Heute muss es eine – schwer! nachhaltig! – enttäuschte Liebe sein. Eine, aus der gelegentlich Hass entsteht. Denn Müller persönlich schreibt zu diesem – wie ich finde – wichtigen, reflektierten Text: “Aber die ansonsten unkritische Haltung gegenüber dem Westen ist schon bemerkenswert. Und die berechtigten kritischen Anmerkungen über lange Strecken in Fragen zu kleiden, statt die eigene Meinung offen zu sagen, zeugt nicht gerade von dem in dieser Sache notwendigen Mut. Jedenfalls zeigt das Stück wieder einmal, dass die NachDenkSeiten und ihre Leserinnen und Leser froh sein können, dass der Autor 2015 die NachDenkSeiten verlassen hat.”

Dä! Da will mann nicht dazwischen sein. Ich persönlich bin ja für Meinungsverschiedenheiten. Und ihre Austragung. Das klappt nur bei einem notwendigen Minimum an Respekt. Und klar: wer austeilt, muss auch einstecken können. In der Politik kommt noch der Zwang hinzu, dass z.B. die, die gegen Krieg sind, nicht unter- und gegeneinander in den Krieg ziehen, sondern eine gemeinsame Strategie suchen, ihn zu verhindern bzw. ihn zu beenden. Nur so konnte die Friedensbewegung, die Müller, Lieb, ich und Millionen Andere in den 80er Jahren erlebten, so werden, wie sie war. Und wie sie heute hierzulande fehlt.

Politisch liegt das am gegenwärtigen Versagen der Linkspartei, sowie der Linken in Grünen und SPD. Medial liegt es – auch! nicht nur! – an Medien wie den nachdenkseiten – im Gegensatz zum Extradienst ein Massenmedium. Die Schmerzfreiheit, mit der dort zu russischen und chinesischen Regierungsmedien verlinkt wird, ebenso zu Burda- oder Springermedien, wenn es nur genug Gemeckere an andersdenkenden Linken enthält, ist für mich persönlich bis heute verblüffend. Die hunderttausend mglw. potenziell engagierten Leser*innen werden so politisch direkt vor eine Wand geführt, an der es nicht mehr weitergeht. Hauptsache mann weiss, wer schuld ist. Schade eigentlich. Sehr schade.

Diskursanmeldung

Die Klimakatastrophe schreitet fort, und deutsche Politik und Medien ignorieren. Wie lange soll Russland “besiegt” werden, bis die dortigen Klimagefahren – Gefahren für uns alle! – bekämpft werden?

13 Mio. soll Pakistan an Hilfe bekommen, peinlich, ein akutes Opfer “unserer” ignoranten Klimapolitik säuft ab. Wolfgang Pomrehn/telepolis und Ammar Ali Jan/Jacobin machen auf den Skandal aufmerksam. Grosse deutsche Medien haben dafür weder ausreichend Zeit noch Ressourcen.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

2 Kommentare

  1. A.Holberg

    Soweit ich den Artikel Martin Böttgers verstehe, kritisiert er, dass die Nachdenkseiten (ihm) unliebsame Quellen verlinken. Soweit es sich dabei um russische und chinesische staatliche Quellen handelt, halte ich das gerade angesichts dessen, dass “unsere” freien MSM gerade das mehr oder weniger systematisch nicht tun, für unbedingt notwendig. Und auch die Tatsache, dass bisweilen hiesige eher rechte Quellen zitiert werden, muss nicht falsch sein. Die Frage, ob etwas wahr und richtig ist, entscheidet sich nämlich nicht danach, wer etwas sagt. Als (wie auch immer definierte) “Linke” werden wir die Erde nicht zu einer Scheibe deklarieren, nur weil Adolf Hitler (vermutlich) auch der Meinung war, dass sie rund ist.

    • Martin Böttger

      “Wahr und richtig” – ein weites Feld. Chinas und Russlands Regierungen fehlt es nicht an Macht, ihre Meinung dazu zu verbreiten. Sie ist auch für niemanden schwer zugänglich. “Verbieten” wollen ist da nur – zweifellos weit verbreiteter – kindischer Symbolismus. Zu alldem Distanz zu halten, ist für mich intellektuelle Hygiene. Aber bitte: jede*r, wie sie*er will …

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