Mein Herausgeber und viele Freund*innen wissen um meine Leidenschaft zum Autofahren. Natürlich gibt es auch rationale Gründe – ich muss bei Fernreisen wie der letztwöchigen – nach Berlin nicht nur zusätzliches Gepäck mitführen, das meine Gesundheit erfordert, ich habe auch mobiles Büro und Material für eine Veranstaltung des Radikaldemokratischen Bildungswerks und meine Co-Vorsitzende als Mitfahrerin transportiert. So begaben wir uns völlig entspannt auf die Strecke Bonn-Berlin. Ohne Zeitnot, einen Tag vor der Veranstaltung.
Entschlossen, meine Erfahrungen mit dem Kraftstoffsparen gelassen fortzuschreiben, fuhren wir zunächst mit 90-120 km/h gen Berlin, Verbrauch zwischen 5,9-6,6 l Diesel. Unser erster Halt war der Rasthof “Kucksiepen” vor Wuppertal. Denn in Remscheid, wenige km zuvor hatten uns Mc…Kotzbrocken abgestossen. Der unscheinbare Rastplatz verblüffte zunächst durch saubere, nicht der üblichen Rasthofkette angehörenden Toiletten. So, wie man sie sich im ICE wünscht und meist nicht bekommt. Dann überraschte der kleine Rasthof mit einem interessanten Angebot leckeren Kaffees, mit gesunden, vielfältigen Speisen, selbstgemacht und ergänzt durch asiatische Küche. Convenience, aber lecker, vor allem keine tagelang per Rotlicht reanimierten Würste, Fritten oder Tomaten-Zuckersaucen. Alles offensichtlich vom freundlichen Inhaberpaar betrieben und gepflegt.
Wenn Ihr schon Auto fahrt, sucht unabhängige Raststätten oder Autohöfe!
Draußen die nächste Überraschung: Alle Tische im Schatten von kleinen Bäumen, ein Mini-Spielplatz in Sichtnähe, alles mit Pflanzen garniert und ausgestattet – Gäste, die sich wie zuhause fühlen, schmeißen keinen Müll neben die Abfalleimer. Die Betreiber stehen im krassen Gegensatz zu den in den 2000er Jahren an Heuschrecken verkauften Rasthöfe der früheren Tank&Rast-Bundeskette. Manche wissen, wovon ich schreibe: Tank&Rast wurde privatisiert, an Heuschrecken verkauft, die den privaten Pächtern ökonomische Würgeeisen an den Hals setzen. Der Eigentümer der Rastanlage Aachen-Land, eine Ausnahme wie die Betreiber vom “Kucksiepen”, hatte sich 1980 bei meinem Freund und damaligen Arbeitgeber Wolf-Dieter Zumpfort MdB für die Privatisierung eingesetzt. Dass die Umsetzung der Idee zu ökonomischer Knechtschaft und Abhängigkeit von übermächtigen Ketten führen könnte, hatten alle Beteiligten nicht auf dem Zettel. In den 2010er Jahren berichtete der “Spiegel” über die Auswirkungen der Privatisierung von Tank&Rast:
Moderne Sklaverei von Selbständigen
Nicht lange nach dem Kauf wurden die Pachten für die Rasthöfe angehoben. Pinkeln oder Kacken oder nur Händewaschen kostete 0,50€, die Toiletten der Kette wurden renoviert, die 0,50€ “Gutscheine” konnten für völlig überteuerte Getränke oder Speisen angerechnet werden. Kurze Zeit später wurde die Fäkalgebühr auf € 0,70 erhöht, der “Gutschein” für drastisch überteuerte Getränke und Speisen über 0,50 € blieb gleich. Inzwischen vergammeln die einst renovierten als angenehm empfundenen Toiletten ebenso wie ihre Vorgänger vor der Privatisierung. Auch in den Raststätten ging es den Pächtern an den Kragen. “Der Spiegel” berichtete, dass etwa “Berater” der Verpachtungsgesellschaft vor Ort auftauchten, die Pächter aufforderten, ihre Umsatzzahlen preiszugeben und entschieden, die Pachten anzuheben. Wenn ein Pächter etwa einen 5er BMW fuhr, seine Frau einen Golf GTI und die Tochter einen Polo, wurde ihnen vorgehalten, dass der Chef mit einem 3er BMW, die Gattin mit einem Polo und die Tochter mit einem Smart auskommen könnten. Um das durchzusetzen, wurden die Pachten um monatlich vier- bis fünfstellige Beträge erhöht.
Der Manchester-Kapitalismus ist nicht besiegt
Diese moderne Form der Sklaverei dauert wohl weiterhin an. Der Initiator der Privatisierung war vor einigen Jahren Gast in einer Unternehmerrunde seines damaligen Ansprechpartners Dr. Wolf-Dieter Zumpfort. Und er beklagte bitter, was die Bundesregierung und internationale Heuschrecken angerichtet haben. Aber Sie können etwas dagegen tun, wenn Sie schon Auto fahren und damit fleissig zum CO2 Anstieg beitragen: Halten Sie mal im Kucksiepen, in Aachen Land und an den wenigen unabhängigen Raststätten, die es bundesweit noch gibt. Oder an guten Autohöfen neben der Autobahn. Ziesar zum Beispiel. Privat, klein, keine Heuschrecke und freundlich. Geht doch – manchmal.
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