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Re-Enactment

Re-Enactment einer Königskrönung – und vielleicht ein bisschen mehr

Wir können uns die Wucht, mit der eine Königskrönung einmal auf die Anwesenden gewirkt haben muss, wohl kaum mehr vorstellen – die Kronaufsetzung und Reichsapfelverleihung, und vor allem die Salbung, mit der der sterbliche Leib des Königs in die Nachfolge Christi gestellt wird – als ein hier unter uns weilender und wirkender Erlöser.

Dass uns das heute operettenhaft verpeilt erscheint, hat damit zu tun, dass die Glaubensgründe, der die Sache ihre Wirkung verdankt, sich weithin verflüchtigt haben. Es bleibt eine Reminiszenz an das entschwundene Absolute und Souveräne, von dem viele sich beim Mitverfolgen solcher Veranstaltungen einen Anhauch versprechen. Das scheint mir der tiefste Grund der anhaltenden Wirkung des Royalen und Aristokratischen in unserer Zeit zu sein.

Ich weiß nicht, wie der „Öko-King“ Charles das sieht – ein Mann, der ja nicht nur in Sachen Klima-, Umwelt- und artenschutz respektable Positionen vertritt, sondern auch in Sachen Europa und Flüchtlinge und Migranten reichlich anders tickt als die trumpisierten Tories in UK. Charles scheint für mich so etwas wie ein Wertkonservativer im guten Sinne des Wortes zu sein.

Wenn man bedenkt, dass die abspacenden Konservativen in vielen westlichen Ländern der Welt gegenwärtig wohl die größte Herausforderung für die liberale Demokratie sind, könnte er als Teil eines weltoffen-konservativ-liberalen Lagers ein Gegengewicht sein. Auch die britische Monarchie ist ja auf der Suche nach einem Daseinszweck. Hier könnte sie suchen und vielleicht auch finden.

Mehr zum Autor hier.

Über Reinhard Olschanski / Gastautor:

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.

Ein Kommentar

  1. Martin Böttger

    Knapp 5 von 84 Mio. Deutschen sollen gestern die ARD mit Zugucken beglückt haben, 2 Mio. mehr, als noch die Sportschau gucken, und genauso viel, wie die Tagesschau (Dritte Programme nicht mitgezählt). Die ARD hat damit gestern im TV den ersten Platz gemacht, und die ARD-Intendant*inn*en liegen deswegen wahrscheinlich noch besoffen in den Federn. Aber wer glotzt heute U60 noch TV?
    An Karl III. Windsor musste ich schon bei der – viel besseren! – TV-Serie “House Of Cards”, das britische Original, nicht die US-Kopie, denken
    https://en.wikipedia.org/wiki/House_of_Cards_(British_TV_series)
    Arte hatte sie vor zwei Jahren noch mal ausgestrahlt.
    https://extradienst.net/2021/02/05/house-of-cards-das-original/
    In dieser Fiktion wurde die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellt.

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