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Im falschen Film

Lesetipps zum Wochenende

Literaturempfehlungen gehören nicht zum Standardrepertoire des Beueler Extradiensts. Aber man muss ja nicht alles neu schreiben, wenn andere es bereits getan haben, und das wahrscheinlich besser als man es selbst könnte. Hier also meine Empfehlung Nr. 1: Ein brillanter Beitrag des US-amerikanischen Autors Samuel Charap in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ zum Verlauf des Krieges in der Ukraine.

Bisher gibt es, soweit ich weiß, keine deutsche Übersetzung, aber im Auswärtigen Amt müsste es doch jemanden geben, der oder die den Text für Annalena Baerbock und Olaf Scholz ins Deutsche übersetzt. Die wissenschaftlich untermauerte These des Autors:

Die militärische Unterstützung der Ukraine schließt gleichzeitige Verhandlungen nicht aus. Die Behauptung, man könne und dürfe nicht mit Putin reden, solange er sich nicht bereit erklärt, die eroberten Gebiete zurück zu geben, ist gefährlich und unhistorisch und – gottseidank – so auch in der Praxis nicht umgesetzt.

Wie sonst hätte die wichtige Verlängerung des Getreideabkommens vor ein paar Wochen zustande kommen können? Und kaum bemerkt und in deutschen Medien nicht kommentiert, die offensichtliche Absprache hinter den Kulissen, dass Biden bei seinem Besuch in Kiew im Februar dieses Jahres auch nicht aus Versehen von einer russischen Drohne oder einer Rakete getroffen werden würde. Es gibt also Kanäle, die noch funktionieren. Pragmatische Bemühungen um einen für die Menschen in der Ukraine bitter nötigen Waffenstillstand müssten genau da ansetzen. Gefragt wären also kleine Schritte und nicht große Worte und Auftritte.

Die Ausschließlichkeit, mit der sich die deutsche Politik mit den rein militärischen Erfolgen und Erforderlichkeiten befasst, erscheint vor diesem Hintergrund den deutschen Interessen wenig zuträglich. Der Text von Samuel Charap, der alles andere als ein Pazifist ist, ist zwar sehr ausführlich, gleichwohl in keiner Weise langweilig. Mit wissenschaftlicher Akribie weist er nach, dass es dem Westen an einer Strategie fehlt, diesen Krieg zu beenden, was möglicherweise daran liegt, dass es jenseits des von Olaf Scholz gebetsmühlenartig wiederholten Satzes, die Ukraine dürfe diesen Krieg nicht verlieren, keine explizite Zielsetzung gibt.

Charaps Schlussfolgerung:

„Während die westlichen Regierungen weiterhin alles in ihrer Macht Stehende tun sollten, um die Ukraine bei der Vorbereitung auf die Gegenoffensive zu unterstützen, müssen sie auch eine Strategie für die Beendigung des Krieges entwickeln – eine Vision für ein Endspiel, das unter diesen alles andere als idealen Umständen plausibel ist. Da ein entscheidender militärischer Sieg höchst unwahrscheinlich ist, sind bestimmte Endspiele nicht mehr plausibel. Angesichts der fortbestehenden grundlegenden Differenzen zwischen Moskau und Kiew in zentralen Fragen wie der Grenzziehung sowie der tiefen Verbitterung nach so vielen Opfern und zivilen Toten scheint auch ein Friedensvertrag oder eine umfassende politische Lösung, die die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine normalisiert, unmöglich. Die beiden Länder werden noch lange nach Beendigung des heißen Krieges Feinde sein. . . Für die westlichen Regierungen und Kiew mag es besser sein, den Krieg ohne Verhandlungen zu beenden, als mit den Vertretern einer Regierung zu sprechen, die einen unprovozierten Angriffsakt und schreckliche Kriegsverbrechen begangen hat. Aber zwischenstaatliche Kriege, die diese Intensität erreicht haben, neigen nicht dazu, ohne Verhandlungen einfach zu versiegen.” (Übersetzt mit dem Übersetzungstool deepl).

Diskussionsbeiträge dieser Qualität sind im bundesdeutschen politischen Diskurs kaum sichtbar.

In einem ganz anderen Genre bewegt sich meine zweite Empfehlung für das Wochenende. John von Düffels Buch „Das Wenige und das Wesentliche“ (Dumont Verlag) lässt innehalten und ist ein Kontrastprogramm zu Talkshows und anderen Berieselungsaktivitäten der Medien.

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, hat Theodor W. Adorno in seinen Minima Moralia formuliert. John von Düffel erwidert, doch auch im Falschen gibt es eine falsche oder eine richtige Richtung. Das ist im Unterschied zu Adornos These ein höchst pragmatischer Ansatz und hierin liegt die Parallele zu meiner ersten Empfehlung. Der Schriftsteller und Philosoph ermuntert in seinem „Stundenbuch“ anhand einer Fülle von Beispielen und Geschichten, sich der Mühsal der immer wieder notwendigen Standortbestimmung nicht zu entziehen. In welcher Geschichte sind wir und in welche Richtig bewegt sie sich? Und in der Tat überkommt einen dieser Tage beim Einschalten der Fernsehnachrichten immer wieder das ungute Gefühl, dass man im falschen Film, in der falschen Geschichte, ist.

Im Unterschied etwa zum Zeitgeistphilosophen Peter Sloterdijk ist John von Düffel alles andere als arrogant. Seine Sprache ist klar, seine Gedanken weder banal noch unnötig kompliziert. Es geht ihm um die Erkenntnis, in welcher Geschichte wir sind und in welche Richtung sie sich bewegt. Wo kommt sie her und wo führt sie hin? John von Düffel beschwört eine Rückbesinnung einer von Hybris verblendeten Gesellschaft (oder Menschheit). Die Atempause, die das kleine Corona-Virus uns verordnet hat, ist vorbei. Eine Richtungskorrektur scheint nicht erfolgt zu sein. Die Zeitenwende von Olaf Scholz, unterlegt mit 100 Milliarden neuer Schulden (außerhalb des Haushalts, damit Christian Lindner seine Mär von der Schuldenbremse nicht aufgeben muss) ist ganz offensichtlich keine Richtungskorrektur, sondern das Falsche im Falschen. John von Düffels Stundenbuch zieht die Leserin oder den Leser aber nicht runter. Wenn man will, kann man aus ihm sogar neuen Mut schöpfen.

Über Dr. Hanspeter Knirsch (Gastautor):

Der Autor ist Rechtsanwalt in Emsdetten und ehemaliger Bundesvorsitzender der Deutschen Jungdemokraten. Er gehörte in seiner Funktion als Vorsitzender der Jungdemokraten dem Bundesvorstand der F.D.P. an und war gewähltes Mitglied des Landesvorstands der F.D.P. in NRW bis zu seinem Austritt anlässlich des Koalitionswechsels 1982. Mehr zum Autor lesen sie hier.

Sie können dem Autor auch im Fediverse folgen unter: @hans.peter.knirsch@extradienst.net

2 Kommentare

  1. Tina Arndt

    Foreign Affairs schickt einem den Artikel auch kostenlos zu!

  2. W.Nissing

    Corona soll uns eine Atempause gegönnt haben??? Wenn, dann wäre ja erklärt warum die meisten ( imho) Hirne wegen Sauerstoffmangel ausgesetzt haben und in der Kontinuität fugenlos in den Ukrainekriegsmodus gewechselt haben.
    Wobei ich ja in meinem Umfeld nur Schnappatmung statt Reflektion beobachten konnte.

    PS: Wie man hört nutzt die Ukraine den Getreidekorridor für Angriffe auf Überwachungsschiffe der Turkstreampipeline Russlands und das mit Feuerleithilfe der Amerikaber…..Drohnen

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