Beschleunigung ist das Problem

mit Update 18.11.

Die Wachstumssucht des Kapitalismus enthält die Sucht nach Beschleunigung der Kapitalzirkulation. Das funktioniert bislang “super”, überholt nun aber die physischen und psychischen Möglichkeiten des menschlichen Organismus und Stoffwechsels. Daraus ergibt sich ein Kontrollverlust für die Mehrheit der Menschen, die diesen Prozess nicht steuert, sondern ihm ausgesetzt ist. Wie kommichdrauf?

Vor wenigen Tagen schaute ich mir die Streamingserie “Bad Influencer” (SWR/ARD) an, verfügbar 1 Jahr. Bisher sind nur wenige Kritiken dazu erschienen, deren negativster Punkt lautet: “die szenetypischen Hysterie kann mit der Zeit auf die Nerven gehen.” Das trifft nicht nur diesen Film, sondern auch die von ihm abgebildete Wirklichkeit. Die ist sogar der Kern des Problems.

Vordergründig geht es um eine feministische Heldin, die sich gegen doofe Männer wehrt, mal mit grossem, und auch mal mit weniger Erfolg. Durchgehend ist der Stress. Bei mir führte er zu zeitweiligem Einnicken, und auch mal zu schnellem Vorspulen. Letzteres deswegen, weil die gezeigte Lebenswelt mit meiner nichts zu tun hat. Ich geniesse den Luxus. Wenn ich zur Mittagspause rausgehe, bleibt das Smartphone zuhause. Es hat auch noch nie mein Bett gesehen. Und die asozialen Netzwerke der IT-Konzerne haben gewiss Daten über mich. Aber nicht von mir. “Ich bin da nicht. Nirgends.” – mein wahres Ich jedenfalls. Die Heldin “Donna” und ihr böser Gegner “Pascal” gehören zu der Mehrheit der U60-Menschen, die meinen, sich solcherart Digitaldiät nicht leisten zu können. Wahrscheinlich haben sie Recht.

Das gilt gewiss auch für die Erfinderinnen und Macherinnen dieser Serie Lilli Tautfest und Melanie Waelde.

Selbstverständlich haben sie dramaturgisch zugespitzt. Aber die kritisierte Hektik ergibt sich aus dem wenig medienkompetenten Alltag. Warum fordert die Mehrheit von Jugendlichen ein Pflichtfach “Medienkompetenz”? Weil sie über ihr eigenes Defizit besser Bescheid wissen, als ihre Eltern und Lehrer*innen. Die Zuspitzungen in “Bad Influencer” ergeben sich daraus, dass der Raum für (Nach-)Denken weg ist. Es gibt keinen mehr. Wer mithalten will, Land sehen statt untergehen, beachtet werden statt ignoriert, muss das Karussell besteigen und mitdrehen. Experimente schon im Kleinkindalter haben ergeben, dass das Gleichgewicht so verlorengeht.

All das ist in “Bad Influencer” gut zu sehen. Frau Tautfest und Frau Waelde ist es gut gelungen, das zu zeigen. Zu gut vielleicht, jedenfalls für ältere Kritiker wie mich. Es ist harter Realismus, mit dem ich als Rentner nichts mehr zu tun haben will.

Wir schalten um auf “grosse” Politik und – mindestens – die Rettung der menschlichen Welt

Da funktioniert es nämlich – leider – ganz genauso, und es gelingt uns Älteren noch weniger, uns davon abzuwenden. Mein Kollege und Freund gewordener Andreas v. Westphalen/telepolis hat einen klugen Professor interviewt: KI: Wird die Entwicklung von Superintelligenz zum letzten Fehler der Menschheit? – KI kann immer mehr. Optimisten versprechen ein digitales Paradies, namhafte Experten warnen vor existenziellen Gefahren. Was, wenn wir die Kontrolle verlieren? (Teil 1) – Interview mit Prof. Karl Hans Bläsius, Professor für Künstliche Intelligenz an der Hochschule Trier und Betreiber der Webseiten ‘Atomkrieg aus Versehen’ und ‘KI-Folgen’.”

Es geht im Kern um das Gleiche. Die Beschleunigung der kapitalgetriebenen technischen Entwicklung weit über die menschenmögliche Höchstgeschwindigkeit hinaus. Wie fatal die Lage bereits forgeschritten ist, wird im letzten Satz (von Teil 1) des interviewten Prof. Bläsius deutlich: “Da bereits in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten eine Superintelligenz mit unkalkulierbaren Folgen droht, wären entsprechende Maßnahmen, wie die Beendigung von Kriegen und des derzeitigen Konfrontationskurses zwischen großen Nationen sofort erforderlich, um die Voraussetzungen für wirksame Vereinbarungen zu schaffen.”

Dä! Erkennt der weise Mann dafür irgendeinen Ansatz? In “Teil 2” vielleicht? Ich hätte da eine Prognose …

Update 18.11.

Wie ich befürchtet habe, sieht Prof. Bläsius im Teil 2 des Interviews von Andreas v. Westphalen keinen Lösungsansatz in der gegenwärtigen Politik, sondern Gefahren, die heutigen Politiker*inne*n und ihrem Denk- und Handlungsvermögen über den Kopf wachsen. Ich fürchte, wir erleben das derzeit live. Am Steuer sitzt eine kleine Sekte von Techno-Milliardären, die sich für schlauer als den Rest der Menschheit halten. Sie sind aber nicht schlauer (“Ich weiss, dass ich nichts weiss.”), sondern nur mächtiger.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net