In dem Moment flog die Tür auf. Drei stämmige Afro-Amerikaner mit Pilotensonnenbrillen standen blitzartig mitten im Raum, wie bestellt und nicht abgeholt. Klaus holte sie ab, bzw. begrüßte den größten von ihnen, den im geblümten Hawaii-Hemd, mit besserem Englisch, als bislang vermutet. Der größte war Louisiana Red. Dahinter stand seine nicht minder raumfüllende Frau und Managerin. Der etwas Schmalere war sein Sohn, der das Tour-Auto fuhr. Wo die Bühne sei, fragte Louisiana Red etwas unwirsch. Klaus zeigte sehr verhalten auf die vier Quadratmeter freie Fläche neben der Theke.

„That’s no stage, oh my god,” lachte der große Barde.

Sein Sohn legte die mitgebrachten Schallplatten und CDs auf dem Tresen zum Verkauf aus. Frau Red platzierte sich auf dem Barhocker davor mit Blickrichtung ins Publikum. Das stand jetzt schon bis auf den Bürgersteig draußen an. Durch die offenen Fenster gab es auch einige Zaungäste. Louisiana Red zog sich einen Stuhl in die Ecke, ging noch einmal zum Wagen, um einen kleinen Fender-Verstärker zu holen und klappte die zwei Gitarrenkoffer auf, in denen je eine elektrische Fendergitarre lag und eine akustische Westerngitarre.

Der Kneipenstuhl sah unter seinem massigen Körper wie ein Puppenstubenstuhl aus. Bei jeder seiner Bewegungen verschob sich das Möbel in seinen Verstrebungen symmetrisch.

All und Josh saßen im zweiten Trinkcarrée dem Meister direkt gegenüber. Vor ihnen hatten drei recht kräftige afro-amerikanische Soldaten jeder eine Berliner Weiße bestellt.

„Den Stuhl himmelt er,” sagte All zu Josh. Weiter dachte er, „meine Güte, was sind wir Deutschen für Schwächlinge.“

Stefan hatte seine Lieblingskassette eingelegt, der Trompeter Arturo Sandoval spielte Standards, auch „Maria“ von Bernstein aus der West Side Story. Das war immerhin Musik mit sozialem Anspruch, obwohl in dem dissonanten Intervall des gespreizten Eröffnungsmotivs auf das Wort Maria einiges an Schmalz steckte. “Sozialschmalz,” dachte sich Alwys. Und: “Gab es überhaupt Männer, die keine schmalzige Ader freilegten, wenn es sein musste?”, fragte er sich, aber nur ganz kurz. Arturo Sandoval überblies im Schlusschorus gerade diese pathetische Stelle mit “bestimmt 3 Atü”, meinte All gespielt unbeteiligt wirkend zu Josh.

„Eyh, der bläst gerade drei Atü über Maria.”

Dann war plötzlich Stille. All sah, wie Stefan die kleine rote Kassette aus dem Rekorder nahm und sorgfältig in ein Geheimschubfach des Tresenschranks legte. Dann fing Louisiana Red an zu spielen. Er spielte zuerst ein Stück, das hieß „Jack Rabbit Scat” auf der akustischen Gitarre. Die Bassseiten dämpfte er mit dem Handballen der rechten Hand. Mit den Fingern zupfte er gegen den trockenen, schlagzeugartigen Wechselbass-Rhythmus eine fröhliche Melodie wie einen Auszählreim. Louisiana Red hatte die Gitarre einen ganzen Ton tiefer gestimmt als es der Kammerton A mit seinen 440 Hertz vorgab. Dadurch klangen die Melodien und Akkorde irgendwie indirekt, sprachen überhaupt etwas später an und verliehen dem Sound eine Art historische Patina, als rollte gleich die Dampflok aus dem optimistischen Schlussbild von “Spiel mir das Lied vom Tod” durch die Kneipe. Diese Verzögerung im Anschlag machte sich der große Bluesbarde zu Nutze und legte darüber, gewissermaßen als ein Homer ewiger Sagen, seine tiefrauhe, mitunter in die Kopfstimme sich überschlagene Stimme.

Er erzählte mehr, als dass er davon sang, dass er kein Geld und keine Frau habe und an irgendeinem Morgen verkatert in einem parfümierten Bett aufgewacht sei, von dem er nicht wisse, wie und wann er da hineingekommen sei. Das war eigentlich schon die ganze Botschaft, Strophe und Refrain zugleich. Zwischen den Zeilen spielte er ohne Unterbrechung des trockenen Wechselbasses irrwitzige Solos. Die klangen oft, nein, meistens sogar, falschgespielt und deshalb richtig.

„Eyh Josh,” stieß All seinen Freund kurz an, „es gibt doch etwas Richtiges im Falschen, man muss es nur gut spielen.“ All fand sich mit seiner umgekehrten Adorno-Paraphrase irgendwie überlegen. Worüber aber, war ihm egal, “überlegen an sich, also a priori” schloss er den Gedankengang zufrieden ab.

„Halt mal die Klappe,” reagierte Josh leicht erschrocken auf die aufgezwungene Musik-Hör-Unterbrechung. Außerdem wusste er nicht, was All meinte und schließlich war ihm gerade das egal. Seine und Alls Augen klebten auf der rechten Hand von Louisiana Red. Dass man ihm keine neuen Akkorde vom Griffbrett abgucken konnte, war schon nach den ersten Takten klare Sache. Wie spielte dieser Sitzriese solche wundersam zeitverschobenen, filigranen Melodien nur? Klang ein Ton tatsächlich unwiderruflich falsch, also nicht nach E-Dur oder Cis-Moll, dann zog er ihn mit den Fingern der linken Hand so lange quer über das Griffbrett, bis er wieder zur entsprechenden Tonleiter gehörte. “Leitereigen,” schoss es durch Alwys’ Kopf. So einfach konnte es manchmal in der Musik zugehen. Nein, im Blues.

Und lag die rechte Hand einmal etwas zu abseitig von der zu zupfenden Saite, dann aktivierte Louisiana Red einfach den kleinen Finger, um ihr einen Impuls zu verpassen.
Jetzt sang er wieder, oder besser, er heulte wie ein Wolf. Die Worte geronnen zu Urlauten. Kein Geld, keine Frau, wie kam ich in das fremde Bett. Louisiana Red fing an in das Stück hinein zu lachen und den Text irgendwie schauspielernd dialogisch zu kommentieren.

All und Josh blieb förmlich die Spucke weg. “Mach den Mund zu, sonst gibt’s Durchzug,” knuffte Josh Akwys. Das hier war Oper im Taschenformat, wenn nur der Interpret nicht so ein Koloss gewesen wäre, der in keine Tasche und irgendwie auch in keine Schublade passte. Die Titel seiner Stücke hießen jetzt „Don’t hurt me, mama,” „I hear the Train is coming“ oder „You can’t fool me.” Für den ganz langsamen Blues „Piece of paper“ steckte er sich einen abgeschnittenen Flaschenhals auf den kleinen Finger der linken Hand und legte sich die Mundharmonikaklammer um den Hals.

Der Text, wenn man den teilweise entsemantisierenden Sprechgesang so nennen durfte, handelte davon, dass jemand dringend ein Stück Papier brauchte, um jemand anderem darauf seine tiefsten Gedanken zu schreiben – einen Liebesbrief, ein Liebeslied, einen Liebesblues. So langsam gespielt und so einfühlsam mit dem Flaschenhals über die Saiten gefahren, dass oft der Eindruck entstand, Louisiana Red wäre schon fertig. Das war er erst nach tatsächlich unendlich 12 Minuten und einem expressiven finalen Solo auf der Mundharmonika. Die Bässe und Akkorde, zwischen die er sein trunken wirkendes Saitenspiel platzierte, liefen so schicksalhaft mechanisch zu einem chronologischen Nullpunkt hin, dass jeder im Break das Gefühl hatte, Louisiana Red könnte mit seinem Blues tatsächlich die Zeit anhalten wie ein Albert Einstein des Blues.

Die amerikanischen Soldaten vor Josh und All stoppten während dieses Stücks sogar das Saugen an den Berliner-Weiße-Strohhalmen. Gegen Louisiana Reds existentialistischem Saugen und Schnauben an der Hohner-Harp wirkte das ohnehin nur albern. Red befand sich in diesem Solo auf dem so unscheinbar wirkenden Instrument im Daseinskampf, und es ging um alles – darum, ob der Atem reichte. Genug Atem, um einen Brief fertig zu schreiben, genug Atem, die im Obertonbereich überblasene Phrase mit der gleichen Inbrunst zu einem guten Ende zu führen, wie er sie begonnen hatte. Vielleicht ging es jetzt bei allen im Break darum, ob sie genug Atem hatten, um am nächsten Tag noch weitermachen zu können. Da, wo sie am Vortag aufgehört hatten. In Louisiana Reds Mundharmonika-Solo stand genau das mit jedem der unzähligen mitschwingenden Töne, wenn er einen reinen Grundton einmal zuließ, auf dem Spiel. Es hätte sein können, dass die Zeit tatsächlich von seinem Spiel zum Stillstand gekommen wäre, und das Zeitmaß des Bluesschemas die einzig übrigbleibende Chronologie bedeutet hätte. Schweißnass leitete er von dem entkörperlicht geblasenen Solo zum reinen Spiel auf der Gitarre über. Sein Oberkörper bewegte sich rhythmisch heftig vor und zurück.

Wie der Hospitalismus eines Bären im Käfig wirkte das an diesem viel zu beengten Spielort.

Der Stuhl bewegte sich bedrohlich mit wie ein Metronom. Dann, mit einem Tonartenwechsel aus heiterem Himmel, vom sattsam bekannten E-Dur, das im Blues eigentlich ein cis-moll ist, sang er die letzten orphischen Zeilen in D, der Doppelsubdominate zu E, also tonal Lichtjahre entfernt. Das war reine Hoffnung. Es hieß dann, dass er Stift und Papier jetzt weglegen würde, um auf die Geliebte einfach zu warten. Sie könnte ihm heute, vielleicht morgen oder erst nächstes Jahr begegnen. Und dann wüsste er, Louisiana Red, im Break an diesem frühlingslauen Freitagabend, dass sein Blick in ihre Augen, vielleicht grüne, bis tief in ihr Innerstes reichen würde und umgekehrt. Bis dahin, wo der Blues seinen Ort habe und das sei ein Stückchen weiter als bis zur Seele. „A little more far than from your soul, than from your soul, your soul.“

Dann war das Stück vorbei und es herrschte ein Stille, in der man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. Alle blickten zum erschöpften Sänger. Selbst seine Frau und Managerin rührte sich nicht. Erst als jemand pfiff und danach der Applaus wie eine Gischt aufbrauste, reichte sie ihm ein Handtuch und blickte ihren Mann dankbar an. Der war wieder ganz im Hier und Jetzt, lachte laut auf, fast so manisch wie ein Blinder, der seine Körpersprache nur wenig kontrolliert, sprach ein paar Worte mit seiner Gitarre, stand dann auf und verbeugte sich tief.

Als er eine halbe Stunde später seine Instrumente wieder einpackte, ging All zu ihm und fragte zaghaft, wie er das mit der rechten Hand mache, welche Technik er da verwende. Louisiana Red schaute ihn nur kurz an und sprach: „I have no technique, I am playing the blues.”

Die „Komödie des Geldes” von Arthur Zupf erscheint mit freundlicher Genehmigung vom 1. bis 24. Dezember 2024 als Erstveröffentlichung exklusiv im Extradienst. Rückmeldungen sind explizit erwünscht.

Über Arthur Zupf:

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