Wer war schuld? – Manche versuchen sich mit der Antwort selbst zu verdummen
Albrecht v. Lucke/Blätter ist ein regelrechtes Kunstwerk gelungen: “Merzens Zeitenwende: Putin und Trump gegen Europa”. Der Mann ist zweifellos gescheit, und seine nicht zu bremsende Beredsamkeit bei Moderator*inn*en deutscher TV- und Radioanstalten gleichermassen beliebt und gefürchtet. Die Kunst in seinem Beitrag besteht in der absoluten Freiheit von jeglichem politökonomischem Hintergrund – keine Ausleuchtung, keine Ableitung. “It’s the economy, stupid!” hat es nie gegeben. Auf diese Weise verkörpert sein Text die Demoralisierung der deutschen demokratischen “Mitte”. Auch wenn er zweifellos nicht so dumm ist, wie das meiste, was am Wahlabend verschwätzt wurde.
Klaus Raab/MDR-Altpapier berichtet distanziert von denen, die eine besonders billige Ausrede glauben gefunden zu haben: “Ist TikTok schuld, und wenn ja, wirklich? – Haben die jungen Leute die Linke gewählt, weil die Partei auf TikTok so präsent ist oder liegt es an den Inhalten? Ist die AfD so stark, weil sie im Fernsehen so präsent ist, oder weil ständig ihre Prämissen übernommen werden? Und was könnte man im nächsten Wahlkampf anders machen?”
Meine Antwort ist so einfach wie blamabel, letzteres vor allem für alle in der Republik, die sich für ein Qualitätsmedium halten. Ich selbst bin gerne hemmungslos darin, die asozialen Medien zu geisseln. Sie reproduzieren jedoch lediglich (das Wahlergebnis übrigens auch), was sowieso schon da ist, und unterscheiden sich insofern überhaupt nicht von den traditionellen Holzmedien. Das ist ja das Problem. Alle sind sie dem Agendasetting der Faschist*inn*en hinterhergewatschelt, die ihre Macht über die veröffentlichten Diskurse kaum fassen können, und dennoch mit dem fabelhaft funktionierenden Opferdiskurs gegen die angeblich “woke Elite” weitermachen. Mit irgendwas aufhören, nur weil es falsch ist? Die sind doch nicht blöd.
Branco Marcetic/Jacobin erklärt diesen Mechanismus nochmalst an den USA. Er hat die Politökonomie verstanden und auch die Dümmsten müssten ihn verstehen können. Wenn sie lesen können.
“Trump marodiert Amerika und nennt es »Kampf gegen Wokeness« – Egal ob Trump die Gesundheitsversorgung zusammenstreicht oder die Interessen von Großkonzernen verteidigt: Er tut es immer unter dem Vorwand, die »Wokeness« zu bekämpfen. Diese zynische Strategie offenbart Trumps Verachtung für die Bevölkerung.”
In Duisburg gibt es auch einen, Burak Yilmaz, der verstanden hat. Was er für Duisburg beschreibt, zieht sich als soziale Spaltung durch das gesamte Ruhrgebiet: im Süden an der Ruhr die Sorglosen (Wahlparty der SPD Essen war in Überruhr, südlicher ging es nicht), im Norden an der Emscher die Abgehängten – so sieht er auch aus. Ergebnisse von Jahrzehnten sozialdemokratischer Kommunal- und Landespolitik.
Philipp Wahl/WAZ: “‘Politik darf den Duisburger Norden nicht weiter ignorieren’ – Duisburg. Bei der Bundestagswahl gab es im Wahlkreis Duisburg II die geringste Wahlbeteiligung deutschlandweit und viele AfD-Stimmen.” Ein authentischer und praxisnaher Zeuge für Lutz Heukens Befund.
Nicht “die Jugend”, aber eine einfache Mehrheit der Jungwähler*innen, hat Die Linke gewählt, weil sie sich als Einzige vom rassistischen Diskurs der Rechten und der Mitte unterschied, und den erfolgreichen Anschein gab, sich mit tatsächlichen Problemen befassen zu wollen. Die zweitmeisten Jungwähler*innen waren statistisch fast exakt so doof, wie alle Andern, und wählten zu einem Fünftel die Faschisten. Womit sie den Beweis erbracht haben, dass die Erziehung durch ihre Erziehungsberechtigten exakt so erfolgreich war, wie die das wollten. Antiautoritär und antielitär ist nichts daran.
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