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Popularität verzockt

Der Kultfilm der Formel 1-Fans “Rush” behandelt vorgeblich die Rivalität von Niki Lauda und James Hunt – zwei Egos, ehrgeizig ohne Ende, der eine spielerisch handelnd, der andere stratgisch denkend. Das F1-Genie Lauda sagt – zu seiner späteren Frau – irgendwann “ich habe zwar einen beschränkten Verstand, aber ich verfüge über einen sensiblen Arsch. Und der sagt mir,  dass Ihre Bremse verschlissen ist, das rechte Vorderrad zuwenig Luft hat und Sie ständig gegenlenken müssen.”

Das Auto bleibt liegen, nicht die herbe Schönheit, sondern der Gnom Lauda hält erfolgreich einen kapitalen Alfa Romeo mit zweien seiner italienischen Fans an, und die beiden kommen gut nach Hause, heiraten und leben zwar nicht glücklich bin ans Ende ihrer Tage, aber Lauda stellt unter Beweis, dass er alles, selbst seinen beinahe tödlichen Unfall, auf dem Nürburgring in Popularität ummünzen kann.

Dass die Formel 1 heute vor allem ein Publikumsspektakel ist, hat der – wie alle anderen deutschen Autohersteller – Mercedes-Benz Konzern wohl nicht richtig verstanden. Dass sie mit Lewis Hamilton einen der intelligentesten und politischsten F1-Fahrer zu Ferrari haben ziehen lassen müssen, war wohl nach den seit vier Jahren eher mittelmäßigen Ergebnissen der Mercedes-Boliden kaum vermeidbar. Dass sie sich aber mit der aktuellen Fahrerkombination ins publizistische Aus geschossen haben, ist hausgemacht. Das scheint in Untertürkheim noch kein Vorstandsmitglied gestört zu haben.

Warum setzt Mercedes dreistellige Millionenbeträge in den Sand?

Wer heute nach glaubt, dass die Formel 1 der Weiterentwicklung der Automobiltechnik oder gar der Umweltforschung – schließlich sind alle Boliden seit Jahren Hybrid-Autos – dienen möge, das ist so wahr, wie die Erde eine Scheibe ist. Sie ist ein spektakulärer (und glücklicherweise inzwischen weitgehend für die Fahrer sicherer) Werbezirkus, dessen Spielorte ziemlich genau die Veränderung politischer und ökonomischer Machtzentren auf unserem Planeten widerspiegeln. Die gewachsene Bedeutung von fernöstlichen und arabischen Grand-Prix Strecken, die Tatsache, dass es derzeit weder in Deutschland, noch in Frankreich einen Grand Prix gibt, aber in China, Singapore, Aserbaidschan und erst neuerdings in USA, sagt schon etwas aus. Und das hat nichts damit zu tun, dass die Saurier der Formel 1, Bernie Ecclestone, Jean Todt und der Faschist Max Mosley inzwischen die Bühne verlassen haben. Hinzu kommt der Privatsender Sky, den eigentlich niemand braucht,  seit dem Ausstieg von RTL vor drei Jahren die Formel in die publizistische Nische des Bezahlfernsehens bugsiert hat. Wer nicht gewinnt, kommt außerhalb auch nicht vor.

Daimlers publizistisches Desaster

Das 2010 neu konstituierte Mercedes-Team, erworben von Ross Brawn, ehemals Ferrari-Teamchef zu Zeiten von Michael Schumachers Weltmeisterschaften, dann mit Mercedes-Motor 2009 Weltmeister, musste seine jahrelange Führungsposition vor fünf Jahren räumen. Nach einem Skandal-Saisonfinale 2021, das Lewis Hamilton die achte und damit entscheidende Weltmeisterschaft kostete, um Michael Schumachers Rekord von sieben WM-Titeln zu brechen, dominierte die Folgejahre das Team des österreichischen Brausepanschers Mateschitz und seines niederländischen Piloten Max Verstappen. Mercedes-Benz, das wissen alle, ist AMG, S-Klasse, ist 300 SL, Silberpfeil und nicht zuletzt mit dem Namen Michael Schumacher verbunden. Der Sohn der Legende, Mick Schumacher, war bis Ende letzten Jahres noch Test- und Reservefahrer im Mercedes-AMG Team. Nach dem Weggang von Hamilton wäre es so folgerichtig wie klug gewesen, neben dem wirklich guten britischen Piloten Gerorge Russell – der die Punkte holt – Mick Schumacher das zweite Cockpit anzubieten. Denn der mag vielleicht nicht so gierig und möglicherweise etwas mittelmäßiger als sein Vater fahren – aber er wäre in jedem Artikel zur Formel 1 in jeder deutschen Tageszeitung im Sportteil Gegenstand der Berichterstattung – egal ob Platz sechs oder acht oder zehn. Zumal der inzwischen einzig verbliebene deutsche F1-Pilot Nico Hülkenberg mangels konkurrenzfähigem Team derzeit auf die Plätze 15 ff.  abonniert zu sein scheint.

Wie beim 1. FC Köln

Stattdessen verpflichtete AMG-Teamchef Toto Wolff den italienischen Rookie Andrea “Kimi” Antonelli. Der fährt nun nicht völlig, aber doch ziemlich hinterher. Viel wichtiger aber für Mercedes ist, dass das eben keine Meldung ist, Mercedes folglich in der publizistischen Senke verschwindet. “Schweigespirale” nannte die Erfinderin der Demoskopie, Noelle-Neumann, diesen Effekt. Würde Schumachers Sohn hinterherfahren – was nicht sehr wahrscheinlich erscheint – würde sich die halbe Nation damit befassen, spekulieren, der Rennstall wäre in den Schlagzeilen – so oder so. Ein Verschnitt des Originals Kimi Räikkönen geht den Formel 1-Fans hierzulande am A… vorbei. Toto Wolffs Personalpolitik erinnert an die des glücklosen Geschäftsführers des 1. FC Köln, Christian Keller. Anstatt für den dringend benötigten Aufstieg in die Bundesliga in der Winterpause Spieler, vor allem einen Torjäger, zu verpflichten, der dem Zweitligisten endlich zu Treffern verhilft, kaufte er Spieler ein, die eher Drittligaformat haben, und dem FC beim dringend nötigen Wiederaufstieg nicht helfen können.

Persönlichkeiten prägen das Fahren im Kreis

Da schließt sich der Kreis zur Geschichte, die Niki lauda und James Hunt miteinander auszufechten hatten. Es waren die Persönlichkeiten  – hier der Zocker, Lebemann, Frauenheld, Ehrgeizling mit spielerischem Charme und lockerem Lebenswandel Hunt, dort der mittelmäßig begabte, aber zielstrebige und strategisch denkende, geniale Geschäftsmann Lauda, der irgendwann mal aus der F 1 ausstieg, “weil er nicht mehr im Kreis fahren” wollte, aber doch wenige Jahre später zurück kam – beide haben auf ihre Art Spuren hinterlassen.  Wie Jackie Stewart, Phil Hill, Jochen Rindt, Jim Clark oder Juan Manuel Fangio  und eben Michael Schumacher. Das haben die Mercedes-Manager*innen wohl vergessen – wo sie doch immerhin ein Drittel des Rennstalls zu finanzieren haben. In Zeiten, in denen sich die Autoindustrie mit viel zu teuren SUVs und Elektromobilen droht, am Verbraucherinteresse und am Markt vorbei zu verzocken. Nicht nur der CLA ist wohl die letzte Hoffnung: Ola, greifen Sie ein – oder es könnte zu spät sein. – Auch bei der F1!

 

 

Über Roland Appel:

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net

3 Kommentare

  1. Martin Böttger

    Nach Jacky Ickx
    https://de.wikipedia.org/wiki/Jacky_Ickx
    binichraus.

    • Peter Kramer

      Oder Eddy Merckx? Der war auch flott, hat aber nicht so einen Krach gemacht.

    • Martin Böttger

      Nee, Jacky Ickx wurde damals im Innenteil der “Micky Maus” vorgestellt, den fand ich sympathisch. Und dieser Name, so leicht zu merken …

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