Wenn dilettierende Kommunalpolitiker sich falsche Vorbilder nehmen (kein Gendern, ist Absicht)

“Entertrainer” ist das Selbstbild eines in der ersten Profi-Spielklasse (der Herren) amtierenden Fussballlehrers. Der Begriff signalisiert den Wandel dieses Berufsbildes. Anders z.B. als der weltklassige Fussballlehrer Lucien Favre, der sogar schwertrainierbare Stars wie Mario Balotelli und Alassane Pléa als Sturmduo in Nizza erfolgreich in die Champions League hineintrainierte (was vor und nach ihm keiner mehr schaffte), verstehen sich Fussballlehrer heute selbst als medienaffine Stars, für die mittlerweile Transfersummen gezahlt werden, wie für die Spieler.

Vor und nach den Spielen treten sie vor Kameras und Mikrofone und inszenieren sich selbst. Ihr Job ist die Bedienung der fachlich unterqualifizierten Projektionen von “Motivatoren” und “harten Hunden” – es soll in den Köpfen der Medienkonsument*inn*en ein Bild von einer Trainingseinheit entstehen. Mit der Wirklichkeit hat das selbstverständlich nichts zu tun.

Das Gleiche gilt für die Tänze dieser Personen während eines Spiels am Spielfeldrand. Denn sie wissen, dass sie vertraglich durch die Deals mit den Pay-TV-Sendern zu dieser Show verpflichtet sind – weil die eine eigene “Trainer-Kamera” betreiben, die während des gesamten Spiels draufhält. Der angebliche Fussballlehrer muss also eine 90-Minuten(+ Nachspielzeit)-Körpersprachen-Unterhaltungsshow liefern. Wenn nicht, gibts ein jobgefährdendes Medienecho. Favre weiss (aus Dortmund, nicht aus Mönchengladbach), was ich meine.

Die Hampelei ist im Herren-Fussball der Profiligen völlig sinnlos, weil es dort viel zu laut und hektisch ist, als dass es möglich wäre, das Spiel von der Seitenlinie ernsthaft zu beeinflussen. Aber es beeinflusst das Medienbild, die Einbildung von einer Persönlichkeit.

Weit dilettantischer versuchen deutsche Oberbürgermeister*innen, diesem Berufsbild nachzueifern. Wenn überregionale Medien zugreifen, ist es für sie Beweis genug, dass sie erfolgreich sind. Talkshoweinladungen, Interviews in Tagesschau/Tagesthemen, in FAZ und SZ – und wenn garnichts anbeisst, auch sehr, sehr gerne in hetzenden Springermedien – dann ist der PR-Knoten in der Regel geplatzt, und die entsprechende Figur ein Promi in ihrer notleidenden Partei. Karrierewege stehen offen. Mit Relevanz in der gesellschaftlichen Wirklichkeit hat das meistens nur noch in Spurenelementen zu tun – wie die genannten Medien.

Duisburg

So ein Beispiel ist der Duisburger Sören Link. Nicht nur der Kollege Alfons Pieper/Blog der Republik liegt ihm anbetend zu Füssen. Sogar – für mich überraschend und enttäuschend – der Kollege Stefan Reinecke/taz. Letzterer sogar weitgehend argumentfrei.

Richtig ist, dass Link seine Stichwahl gegen die AfD erfreulich klar gewonnen hat, wie viele Andere auch. Gut so. Falsch ist, dass seine SPD mit einem “Wahlsieg” prahlen kann. Zur Erinnerung: als ich wahlberechtigt war, waren die bundesweit sichersten Bundestagswahlkreise im Norden von Essen (Peter Reuschenbach) und im Norden von Duisburg (Günter Schluckebier, ja, der hiess wirklich so), beide mit knapp 70% im ersten Wahlgang! Reuschenbach war übrigens Arbeitskollege des berüchtigten Günter Guillaume im Mitarbeiterstab von Willy Brandt. Und auch genauso rechts. Der beratbare Willy Brandt liess sich solche Leute aufschwatzen von den Genossen, die ihn 1974 stürzen sollten. Aber ich schweife ab.

Was ist aus dem Revier dieser Kanalarbeiter geworden?

Was Duisburg betrifft, eine AfD-Hochburg mit über 21% (zum Vergleich: Köln 10, Bonn 6). Die SPD kam in Duisburg noch auf weniger als die Hälfte von Schluckebier: 32,6%. Das ist sogar ein “Plus” von 1,8. Das kann so manchen Genossen heute besoffen machen. Denn vor 5 Jahren sah es noch so aus, mit dem gleichen OB-Kandidaten (seit 2012).

Hat er seitdem dazugelernt? Ich merke nichts. Allenfalls zugenommen.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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