Aber warum die Aufregung?
mit Update nachmittags
Die Satireprogramme des konkurrierenden ZDF (“heute-Show”, “ZDF-Magazin Royale”) schlugen sich darauf Eier auf. Mit dieser Stofflieferung des notleidenden Konkurrenten ARD hatten sie nicht gerechnet. Und in der Tat waren die Bilder, die sie von “Die 100” übernommen hatten, schockierend. WDR-Gesichter, die ich bis dahin für zurechnungsfähig gehalten hatte, wie Anna Planken, Till Nassif oder Ralf Caspers wurden quasi öffentlich “verbrannt”. Wie konnte das passieren?
Die Unterhaltungsabteilung des WDR leidet unter einem Trauma: ihre alten Erfolge, die nicht wiederkehren wollen. Viele im Sender verbinden das mit der Figur Axel Beyer. Ich nicht, aber viele tun es. Wer so schmerzfrei die Arbeitgeber wechselt wie er, ist bei mir persönlich nicht übermässig kreditwürdig. Und die WDR-“Unterhaltung” hatte mich in meiner Jugend weit weniger interessiert, als die – damals noch – anspruchsvollen Politangebote des Senders. “Monitor” hatte Super-Einschaltquoten, im Dritten liefen immer wieder erregende Recherche-Dokus (“Es begann mit einer Lüge”), und die Radiowelle WDR2, die heute das Ruhrgebiet mit “Weihnachtswundern” belästigt, war mal meinungs- und marktführend (Morgenmagazin, Zeitzeichen, Hallo Ü-Wagen, Mittagsmagazin, Quintessenz, Radiothek). War ‘ne schöne Zeit. Ich mochte meinen Heimatsender. Umso mehr, je mehr er bei der CDU verhasst war und er sie auf alle damals noch gesunden Bäume des Sauerlandes brachte.
Heute ist er für die WDR-Unterhaltung verantwortlich. Er ist kein “Axel Beyer”, immerhin. Und nicht jede*r muss alles können. Aber wer um Gottes Willen berät ihn?
Die Medien-Medien überschlagen sich mit Verrissen. Die geschätzte Kollegin Christiane Voges/telepolis macht sogar einen Mehrteiler. Aber warum nur? 1,5 von 84 Mio. waren bereit, das auf dem Sofa zu erleiden. Das wurde von Peter Heinrich Brix (ZDF) und Neil Dudgeon/“John Barnaby” (ZDFneo) in Grund und Boden gesendet. So unterirdisch, wie “Die 100” auf die Fachkritik wirkte, ist es quotenstrategisch auch ausgegangen. Das ist doch eine gute Nachricht! Ich war dabei, als Zuschauer – von Brix und “Barnaby”, wie jeden Montag …
Wo ist also das Problem? Ja richtig, wir haben das bezahlt.
Dazu mein Tipp: gemeinnützig spenden, an freigewählte Adressat*inn*en (bei mir sind das z.B. Proasyl und netzpolitik). Ich weiss genau, wie viel ich spenden muss, um keine Steuern an Rheinmetall u.a. zu zahlen. Für das Wohlbefinden am Jahresende ist das wirksam. Versprochen.
Update nachmittags
Während der Kollege Harald Neuber/Berliner Zeitung sich immer noch nicht einkriegt wegen dieses mediokren Sackes Reis, vermutlich, weil seine Clickzahlen noch niedriger sind als die betreffende Einschaltquote, profiliert sich eine andere Kollegin spektakulär, aber gleichzeitig (vorläufig, eine Woche) unsichtbar, weil Paywall. Annika Schneider/uebermedien, schade, dass ich sie nicht mehr in meinem Edeka darauf ansprechen kann, weil sie jetzt in der Nähe Polens sitzt: “Diese ARD-Show ist anstrengend – und trotzdem finde ich sie wichtig – Nach den neuen Ausgaben der ARD-Debattenshow ‘Die 100’ hagelte es Kritik – mal wieder. Und natürlich kann man sich über einige Szenen aufregen, für den Einsatz einer ‘Hautfarben-Skala’ gar fremdschämen. Andererseits kann uns genau so eine Sendung beibringen, besser zu streiten.” Und dann kommt die Wand. Mein Paywallbohrer hat versagt.
Ob es mich in einer Woche noch interessiert? Ich bin selbst gespannt …
Was vermutlich auch Frau Schneider nicht abstreiten wird, weil sie es längst persönlich kennengelernt hat, ist, was Johanna Adorján in ihrem “Mozart”-Verriss in der SZ-Paywall schreibt, und was ich aus sechs Jahren Rundfunkratssitzungen nur bestätigen kann: “Die Tragik deutscher Fernsehproduktionen liegt darin, dass die Macher die Zuschauer für dümmer halten als sich selbst. ‘Das versteht der Zuschauer/die Zuschauerin nicht’ ist ein beliebter Satz in Drehbuch-Konferenzen. Bevorzugt macht man fürs hiesige Fernsehpublikum, was anderswo schon einmal Erfolg hatte – nur in schlecht.” Wie schlecht das “Die 100” und die ARD machen, das erklärt Matthias Dell/DLF (nur Audio 4 min).
Es ist einfacher die Ausnahmen von dieser Regel aufzulisten.

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