„Der falsche Kuckucksanfang bei Mahler, weil Tatü-Quarte und nicht Terz, beginnt so leise, dass die Musik eigentlich schon klingt, bevor der Tonarm in die Rille eingerastet ist. Da hatte die Schallplatte aber noch zwei Seiten. Jetzt hat sie nur noch eine und der Witz, wie viel Rillen eine Schallplatte denn nun hat, funktioniert bei der CD einfach nicht,“ ging die Gedankenrotation weiter, „OK, die Schallplatte hat auf jeder Seite eine Rille, also insgesamt zwei, die CD hat stattdessen Nullen und Einsen, die aber ziemlich dicht hintereinander mit Laserlichtgeschwindigkeit auf die Membran des Lautsprechers übertragen werden können. Das nennt man heutzutage dann Musik! Da atmet nichts mehr, aber auch gar nichts!“

Alwys hätte das große Jammern bekommen können, weil mit der CD die totale Entfremdung von der Musik eingetreten sei, meinte er jedenfalls, während er, einsockig humpelnd, seine zweite Socke suchte. „Zwischen Rille und Interpret ist der physische Raum immer bestehen geblieben, der ging auf dem Weg vom Werk zum Ohr eigentlich nie verloren.“ Seine zweite Socke aber war es.

Genau deswegen, wegen der von ihm so empfundenen Echtheit des Schallereignisses, die nur ein Plattenspieler garantiere, hatte er sich kürzlich auf dem städtischen Flohmarkt am Rhein einen englischen BSR-Plattenspieler mit Direktantrieb zugelegt, Baujahr 1961, seinem Geburtsjahrgang.

Kostete fünf Mark und der Besitzer schien froh zu sein, dass er das unzeitgemäße Musikmöbel endlich los war. Gekrönt wurde das dunkelbraune, plastisch eichenholzgemaserte Chassis von einem drei Kilogramm schweren, gusseisernen Plattenteller.

„Wenn die Erde ihre Rotation eingestellt haben wird, dann dreht der sich aber immer noch,“ lautete Alwys’ Glaubensbekenntnis zu diesem Fossil.

Tatsächlich brauchte die Stahlscheibe nur einen minimalen Impuls, um sich über zwanzig Minuten gleichmäßig zu drehen – als wäre tatsächlich Strom eingeschaltet, so sah das aus, war es aber nicht. Nach dieser halben Ewigkeit blieb der Plattenteller einfach stehen, als hätte jemand die Handbremse gezogen. Mit dem Auge konnte nicht festgestellt werden, ob sich die Rotation zuvor merklich verlangsamt hatte.

Das Herz der Maschine war ihr Direktantrieb, oder besser: Reibradantrieb. Also kein später viel gepriesenes Gummiband zwischen Antriebsmotor und Plattenteller, um eine größtmögliche Elastizität in das Kreisen zu bekommen, eine vermeintliche Geschmeidigkeit. Stahl war ohnehin der elastischste Stoff überhaupt. Fast kein Energieverlust beim Aufprall aufeinander, beim Ricochet, sweet child in time. Der Keilriemen war gewissermaßen als mechanischer Weichzeichner ersonnen worden, spätere Kuschelrockkompilationen oder sogenannte meditative Klassik gewissermaßen vorausahnend. Debussy-Non-Stop, das ging ja eventuell noch. Der Franzose hatte einen so eigensinnigen Linienfluss komponiert, das sich jedem Marketingkonzept entzog, so sehr man ihn auch in die Softy-Ecke stellen wollte. Der Nachmittag eines Fauns, L’après Midi d’un Faun, ist eben doch mehr als A whiter shade of Pale von Procul Harum. Das basiert aber immerhin auf Johann Sebastian Bachs getragener Air aus seiner dritten Orchestersuite.

Die Dynamik seines englischen BSR aber, da war sich Alwys in seiner Mangelwirtschaft sicher, war unschlagbar. Die Bässe musste er an seinem Verstärker sogar herausdrehen, soviel Präsenz hatten die noch im Leisen. „Da kräuselt sich sogar der Kaffee vor Freude,“ kalauerte Alwys dazu.

Die „Die „Komödie des Geldes” von Arthur Zupf erscheint mit freundlicher Genehmigung vom 16. bis 24. Dezember 2025 als Erstveröffentlichung exklusiv im Extradienst.

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