Die Parallele in den Initialien mit der englischen Motorradlegende BSA gefiel ihm zudem sehr. Direktantrieb, auch das Zweirad. Getriebe und Motorblock als zwei aneinandergeschraubte, aber autonom gedachte Einheiten, die mit jedem Heruntertreten des Kickstarters Hochzeit feierten. Das war auch der Geist seines BSR-Plattenspielers. Bei der BSA ging es Zahn um Zahn voran, bei seinem BSR Inch um Inch. Beide, die BSA und der BSR zogen aus dem Keller heraus mit aller Kraft, vom ersten Moment an und dann für die gesamte Laufzeit eines Ausritts über die Isle of Man oder den sechs Schallplattenseiten, nein, nicht des Woodstock-Triple-Albums, sondern der Yessongs. „I’ve seen all good people,“ summte Alwys den Anfang eines der durchkomponierten Konzeptsongs der Band Yes vor sich hin. Wahrlich, das war für ihn Drehmoment!
Alwys erwischte sich dabei, wie er bei dem Wort Drehmoment auch das Pronomen einfach wegließ, um der Sache noch mehr Bedeutung zu geben, sie zum Eigennamen zu machen, zum feststehenden Begriff, untrennbar mit dem verbunden, worum es ja ging, um das Hören. Aus dem Keller herausgezogen, aus dem Keller raus alles gehört. Die ganze Kraft der Maschine schon bei niedriger Drehzahl. Das war – was noch? – Drehmoment! Genauso, wie Harry Gesamtkunstwerk ohne Artikel und Adenauer Nato ohne geschlechtliche Vorwarnung gebrauchte, so benutzte Alwys das Wort Drehmoment – in Gedanken zumindest.
„Was man liebt,“ sagte sich Alwys, „ist einfach immer da. Das braucht kein Pronomen mehr. Vielleicht kann man sich bei den famous three words auch das dritte sparen, oder?“
Alwys wusste, wie gefährlich das Hören werden könnte, weil Musik eben alles könnte, und schwupps wäre auch Dein Leben, geneigter Leser, umgekrempelt. Seit dem Konzert von Loisiana Red hatte er ein komplett neues Verhältnis zum Lebenssinn bekommen.
„I have no Tecnich, I’am playing the Blues!,“ hatte der ja zu ihm gesagt. Alwys wünschte sich so eine Unmittelbarkeit, eine von jedem Räsonieren unangefochtene und nie unterbrochene Verbindung, ja, womit denn? „Mit dem Mythos!,“ fiel ihm, damit sich selbst vor einer großen Leere rettend, ein, „eine Verbundenheit mit dem Mythos und damit mit der gegenständlichen und nichtgegenständlichen Welt.“
In diesem Moment kam ihm sein BSR-Plattenspieler wie ein Raumschiff vor – oder wie die alte zweihunderter DKW seines Vaters in der elterlichen Garage, die so einsam in den 60er und 70er Jahr vor sich hinmoderte mit Rost im Tank. Wohin Vater damit in Alwys früher Jugend wohl gefahren war? Es musste eine Welt hinter den Hügeln des Heimatdorfs gegeben haben. Wohin sollte der Vater sonst jeden Tag das stetig ansteigende Mittelgebirge zwischen Äckern und Obstwiesen entlang der mäandernden Landstraße mit dem Motorrad gefahren sein und abends denselben Weg wieder zurück?
Eigentlich aber ärgerte sich Alwys noch über das Festival am Vorabend, über die Leichtsinnigkeit der Verantwortlichen, eine Konzertanlage über einen Stromgenerator zu betreiben, statt anständig Kabel vom 16Ampère-Anschluss hoch zu verlegen.
„Wurde wieder gespart und wird jetzt doppelt teuer,“ meinte Alwys zerknirscht, „Joshs Röhren-Fender-Verstärker ist nicht so einfach zu reparieren. Die Röhren müssen erst einmal aus England bestellt werden. Von da, wo sein BSR-Plattenspieler mit Direktantrieb auch herkommt. Genau, aus England müssen sie bestellt werden. Von da, wo der reinste Klang herkommt.“
Allmählich war nicht nur die Muskulatur und das Nervensystem von Alwys wieder alltagstauglich, sondern auch sein Gehirn. Am vorigen Abend waren sie zwar nicht viel später als Claus mit dem Hanomag heimgekommen, gesehen hatten sie aber niemanden mehr.
Die „Die „Komödie des Geldes” von Arthur Zupf erscheint mit freundlicher Genehmigung vom 16. bis 24. Dezember 2025 als Erstveröffentlichung exklusiv im Extradienst.

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