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Migrationshintergrund

Der Konflikt um Remigration, Stadtbild und Arbeitsleistung von Migranten hat einen aktuellen Aufhänger: Am 18. Dezember begehen die Vereinten Nationen jährlich den ‘Internationalen Tag der Migranten‘. An diesem Tag vor 35 Jahren beschloss die UN-Vollversammlung die ‘Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Wanderarbeiter und ihrer Familienangehörigen’. Sie ist der Standard, an dem die nationalen Regierungen ihre nationalen gesetzlichen Schutzmechanismen messen sollen. Auf diese Weise soll die Situation der Menschen mit Migrationshintergrund ins Bewußtsein gerufen werden.

In jedem Jahr steht der Gedenktag unter einem eigenen Motto. Das diesjährige Thema – „Meine große Geschichte: Kulturen und Entwicklung“ – würdigt die tiefgreifenden Auswirkungen menschlicher Mobilität auf unserer Welt, die Bereicherung unserer Gesellschaften, die Entfachung und Verbreitung von Innovationen, die Förderung eiiner ausgewogenen und nachhaltigen Entwicklung und die Sicherung von Menschenwürde und Menschenrechten. 

Im Dezember 2018 folgte ein zweiter Schritt. Die Vereinten Nationen verabschiedeten ihren ‘Globalen Pakt für eine sichere und reguläre Migration’. Dieses nicht-bindende Abkommen legt erstmal globale Leitlinien für die Migrationspolitik fest und will deren negative Auswirkungen mindern. Dreiundzwanzig Ziele sollen die Steuerung und Gestaltung von Migration verbessern, den Schutz von Migranten gewährleisten, Ursachen und Gründe für irreguläre Migration zu mindern und die Zusammenarbeit in Bereichen wie Menschenhandel und Zugang zu Grundleistungen intensivieren. Die Flexibilität und Verfügbarkeit von legalen Migrationswegen soll erhöht werden..

Der Pakt ist ein politisches Instrument, kein völkerrechtlich bindender Vertrag. Vorrang hat die Souveränität der Staaten, die selbst entscheiden, wie sie ihn umsetzen. Eine individuelle Mitgliedschaft von Staaten kennt der Vertrag nicht. Fast alle UN-Mitgliedstaaten haben seiner Verabschiedung zugestimmt, nur einige Länder wie die USA, Polen und die Tschechei votierten dagegen oder nahmen nicht teil. Sanktionen bei Verstößen kennt der Vertrag nicht. Wie der Umgang der EU mit Migranten und die Willkür auf dem Mittelmeer zeigen, ist seine Durchsetzungswirkung dementsprechend gering. 

Migration ist seit Urzeiten ein bestimmendes Merkmal der menschlichen Entwicklung. Schon die Besiedelung der Erde zeigte dies. Mehrfach verließen Menschen ihre „Heimat“ Afrika und ließen sich in Eurasien nieder. Die ältesten Funde belegen ein Alter von bis zu 120.000 Jahren. Sie vermischten sich dort mit anderen Hominiden, starben aus oder zogen klimabedingt nach Afrika zurück. Der homo sapiens wanderte zunächst von Afrika in den Nahen Osten, dann nach Südasien und bis Australien, das er nach rund 60.000 Jahren erreichte. Dabei folgte er dem Verlauf der Küstenlinien. Zentral- und Ostasien, Europa und beide Teile Amerikas wurden erst später besiedelt. Bis vor wenigen tausend Jahren teilten sich diese Menschen den Lebensraum mit anderen Arten der Gattung ‘Mensch’, z.B. den Neandertalern.

Vor etwa 15.000 bis 11.500 Jahren erreichten die Menschen den damals menschenleeren amerikanischen Kontinent. In zumindest drei Wellen wanderten sie über die Beringstraße, die zeitweise eine Landverbindung war, von Sibirien nach Alaska und weiter bis nach Nord-, Mittel- und Südamerika. Schon rund 1.000 Jahre später erreichten sie die Südspitze Südamerikas. Alternative Überlegungen vertreten die Auffassung, dass etwa zur gleichen Zeit auch Seefahrer aus Japan, China und Sibirien die amerikanische Westküste erreichten.

Bei der Völkerwanderung in Europa zwischen 375 und 568 n.Chr. besagt schon der Name, was geschah. Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches und dem Einbruch der Hunnen nach Europa zogen germanische Stämme – oftmals bei Vermischung mit keltschen Gruppen – durch fast ganz Europa, selbst nach Italien und Spanien, in den Balkan und nach Nordafrika. Dort eroberten die Vandalen Karthago und errichteten ein eigenes Reich. Ostrom wurde von den Ostgoten belagert, Rom von den Westgoten und später den Vadalen geplündert. 

Die Völkerwanderung war kein geschlossener Vorgang, sondern erfolgte im Laufe von 200 Jahren in unterschiedlichen Etappen durch heterogene Gruppen. Als Schlußpunkt wird 568 n.Chr. die Eroberung großer Teile Italiens durch die Langobarden gesehen, die mit maximal 200.000 Personen über die Alpen gekommen waren, darunter etlichen Angehörigen anderer Stämme. 774 besiegte Karl der Große die Langobarden und beendete ihre Herrschaft. Zahlenmäßig waren die Eroberer zumeist nicht sehr viele; man schätzt ihre Zahl auf 2% der römischen Bevölkerung. Ihre Bedeutung lag in ihrer militärischen Stärke. Die meisten germanischen Reiche verschwanden wieder, eines lieferte den Namen für den in Europas Westen entstehenden Staat.

Die Entwicklung der Bevölkerung des amerikanischen Kontinents blieb bis zum Ende des 15. Jahrhunderts von externen Einflüsse frei. Eine Landung der Wikinger im Jahre 1000 in Neufundland blieb folgenlos. Eine 1006 erfolgte Niederlassung von 250 Wikingern an gleicher Stelle führte zu Spannungen mit der einheimischer Bevölkerung, zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und zur Rückkehr der Wikinger nach Grönland.

1492 traf der genuesischer Seefahrer Christoph Kolumbus bei dem Versuch, Indien auf  dem Seeweg nach Westen zu erreichen, in Amerika auf die Insel San Salavor (heute Bahamas). Von da an wurde der Doppelkontinent nach und nach von europäischen Mächten erobert und kolonialisiert. Die einheimischen Indianer und Indios wurden zurückgedrängt, verfolgt, dezimiert, unterdrückt und getötet. England, Frankreich, Spanien und Portugal nahmen fast ganz Nord-, Mittel- und Südamerika in Besitz.

Große Wellen von Einwanderern kamen ins Land, oftmals aus religiösen, politischen und wirtschaftlichen Gründen. Genaue Zahlen fehlen. Schon für das 16. Jahrhundert wird ein Zuzug von mehreren 100.000 Europäern und mehr als 1 Mio. Sklaven angenommen. Ingesamt sollen 10 bis 12 Mio. Schwarzafrikaner Amerika lebend erreicht haben. Die Zahl der Eingeborenen betrug anfangs in Gesamtamerika 8 bis 10 Mio. Menschen, durch Vetreibung und Kriegsführung, vor allem aber durch Krankheiten, gegen die die Einheimischen nicht immun waren (Pocken, Typhus, Cholera, aber auch Masern und Grippe) sank die Zahl rapide. In den USA wurden um 1900 nur noch knapp 300.000 Indianer gezählt.

Australien wurde vor rund 60.000 Jahren über eine damals bestehende Landbrücke von Norden aus besiedelt. Etwa 300.000 bis 1.000.000 Millionen Menschen lebten dort als Nomaden; sie sprachen etwa 300 verschiedene Sprachen bzw. Dialekte. Ab 1606 wurde Australien von verschiedenen europäischen Seefahrern besucht, 1770 erklärte James Cook den östlichen Teil zum Besitz der englischen Krone, später besetzte Großbritannien den ganzen Kontinent, einschl. der südlichen Insel Tasmanien. 1788 erfolgte eine erste dauerhafte Ansiedlung von Europäern, und zwar durch Sträflinge aus England. 1793 kamen die ersten freien Siedler. 1901 wurde Australien unabhängig, damals hatte es 5 Mio. Einwohner (heute 27 Mio.). Die Ureinwohner (Aborigines) blieben von Anfang an rechtlos, erst 1967 und 1989 erhielten sie Selbstverwaltungsrechte. Heute lebt knapp 1 Mio. Aborigines in Australien, etwa 3,8% der Gesamtbevölkerung.

Neuseeland ist ein Inselstaat südöstlich von Australien, und besteht aus zwei Hauptinseln, getrennt durch eine Meerenge. Zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert wurden die Inseln durch polynesische Seefahrer besiedelt. 1769 wurde es vom Engländer J. Cook erobert, England machte es 1840 zur Kolonie. Die Maoris erkannten die britische Herrschaft an und bekamen Hoheitsrechte zugesprochen. Heute leben dort rund 3,6 Mio. Menschen, von denen 85% europäischer Abstammung sind und 10% Ureinwohner (Maori). Die anderen sind asiatischer und polynesischer Herkunft. Die Ureinwohner sind nach jahrhundertelangen Konflikten mit den britischen Einwanderern in das soziale, politische und wirtschaftliche Geschehen integriert. Neben der Amtssprache Englisch ist Maori als Umgangssprache anerkannt. Auf Maori heißt das Land Aotearoa (“Land der langen weißen Wolke”).  

Selbstverständlich gibt es weitere Einwanderungsbewegungen. Deutschland hat dabei seine eigene Geschichte. Daraus kann man ableiten, welche Erfahrungen wir in der Vergangenheit mit Migranten gemacht haben, wie sich diese um Integration, Ausbildung und Sprachkenntnisse bemüht haben und welche Tätigkeiten sie übernommen haben. Bemerkenswert ist, dass die Zuwanderungen aus völlig unterschiedlichen Regionen und Gründen erfolgten: infolge von konkreten Einladungen, als willkommene Arbeitskräfte, aufgrund spezieller Abkommen oder als Flüchtlinge. Ende 2020 lebten hier 11.430.000 Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, rund 7,7 Mio. Personen mit Migrationshintergrund sind Deutsche und wahlberechtigt (Einzelheiten in der Anlage).

Deutschland braucht Fachkräfte, ohne Migration ist der Bedarf nicht zu decken. Im Durchschnitt wird von 26% ausgegangen. 15,5% aller Ärzte sind Ausländer oder haben einen Migrationshintergrund, in der Kranken- und Altenpflege sind es 18 %. In den Kindergärten haben 12 % einen Migrationshintergrund, der Anteil der Kinder beträgt hingegen 30%. An den Schulen sieht es ähnlich aus: 20% bei den Lehrer/innen, aber bis zu 40% bei den Schüler/innen. 

Im IT-Sektor spielen Personen mit Migrationshintergrund eine bedeutende Rolle, wobei oft technische Fähigkeiten mehr zählen als Herkunft, auch wenn sprachliche Kompetenzen eine Hürde sein können. Im Jahre 2019 hatten 11% der Beschäftigten eine ausländische Staatsangehörigkeit.

Einen Spitzenplatz bei der Beschäftigung von Personen mit Migrationshintergrund nimmt die Gastronomie ein (rund 50%), bei der Herstellung von Lebensmitteln sind es noch etwas mehr. Extrem hoch ist die Beschäftigung von Ausländer/innen in der Erntesaision. Je nach Produkt sind es bis zu 95%. Tätigkeiten in der Abfallbeseitung, der Straßenreinigung und der Gebäudereinigung liegen bei knapp 50%. Lieferdienste sind extrem stark von Migranten abhängig; Schätzungen liegen bei 70%. Bei Busfahrer/innen sind es knapp 40%, ebenso bei Sicherheitsdiensten und bei Tätigkeiten auf dem Bau. In Schönheits- und Friseursalons hat rund jede/r Dritte einen Migrationshintergrund. 

Obige Zahlen zeigen, dass es einerseits Berufe gibt, für die sich Personen mit Migrationshintergrund besonders interessieren, andererseits aber auch Tätigkeiten, die für das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbar und auf Migranten angewiesen sind. Übrigens sind obige Zahlen nicht unbedingt vergleichbar. Teilweise basieren die Statistiken auf der Staatsangehörigkeit, teils auf dem Migrationshintergrund.

Nicht von allen Bürger/innen wird die Bedeutung und Notwendigkeit der Leistungen von Personen mit Migrationshintergrund anerkannt. Manche fordern lauthals „Remigration“, warnen vor einer Überfüllung unseres Bootes und sehen sich von einem Austausch der einheimischen Bevölkerung durch Flüchtlinge bedroht. Vielleicht kann man diesen Leuten einmal aufzeigen, was geschehen würde, wenn sie sich durchsetzen. Wie es in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland heute aussehen würde, wenn es keine Einwanderung gegeben hätte. Vielleicht könnte man sie sogar von Leistungen ausschließen, die von Migranten erbracht werden. Solch ein Unterfangen wäre gewiss nicht einfach. Organisatorisch und finanziell, und verknüpft mit juristischen Risiken. Doch man könnte es mal versuchen, zumindest als Aufklärung, Ankündigung und Drohung. Vielleicht könnte man damit etwas Nachdenklichkeit oder gar Einsicht erzielen.

Deutsche Migrationsgeschichte

# Im 17. Jahrhundert wurden die Hugenotten (Bezeichnung für die französischen Kalvinisten) in Frankreich unter Ludwig XIV verfolgt und bekämpft. Dies löste eine Fluchtwelle von etwa einer Viertelmillion Hugenotten in die protestantischen Gebiete in Europa und Übersee aus. Ungefähr 40.000 Hugenotten flohen in deutsche Territorien; Brandenburg-Preußen (mit damals 1,5 Mio. Einwohnern) nahm 20.000 von ihnen auf, als Glaubenshilfe und aus wirtschaftlichen Gründen.

# Zwischen 1850 und 1925 kamen viele Pol/innen nach Deutschland, um in der Landwirtschaft im Osten zu arbeiten. Ihre dauerhafte Niederlassung war allerdings unerwünscht, sie blieben in der Regel nur während der Saison. Im Zuge der Industrialisierung wanderten bis 1914  350.000 bis 500.000 fremdsprachige Menschen ins Ruhrgebiet ein und ließen sich dort dauerhaft nieder. Vor allem kamen Bergarbeiter aus Oberschlesien. Die Bevölkerung im Ruhrgebiet wuchs von 1871 bis 1910 von 550.000 auf etwa 3 Millionen.

# Aufgrund eines Anwerbeaabkommens konnten türkische Arbeitskräfte ab 1961 bei deutschen Unternehmen tätig werden. Gesucht wurden Arbeitnehmer für den Bergbau und andere körperliche Tätigkeiten. Ein Hintergedanke auf deutscher Seite war wohl auch, die deutschen Löhne niedrig zu halten. Das türkische Kontingent umfasste 820.000 Personen. Nach dem Anwerbestopp von 1973 lag der Schwerpunkt auf dem Familiennachzug. Bis dahin waren etwa 867.000 Arbeitnehmer, fast nur Männer, als „Gastarbeiter“ gekommen. 500.000 kehrten wieder zurück, die anderen holten ihre Familien nach. 2018 lebten hier 2,8 Mio. türkischstämmige Personen, davon rund 800.000 mit deutscher Staatsangehörigkeit.

# Im Wege des Abkommen mit der Türkei kamen viele Gastarbeiter aus dem mehrheitlich von Kurd/innen bewohnten Teil der Türkei. Schätzungen besagen, dass dies ein Viertel der Zugewanderten war. Die meisten dieser Migranten betrachteten sich noch in erster Linie als Türken, die Wiederentdeckung der „kurdischen“ Identität entstand bei vielen erst 1979 mit der zweiten Welle kurdischer Migration. Damals ging es um politisches Asyl in Deutschland. Ende der 1990er Jahren folgte eine dritte und ab 2011 eine vierte Welle. Ein Drittel der Asylbewerber aus Syrien war kurdischstämmig.

# Die Zuwanderung von Italiener/innen begann mit dem 1955 geschlossenen Anwerbeabkommens aus der Zeit des deutschen Wirtschaftsbooms. Heute beträgt die Zahl italienischstämmiger Bürger in der Bundesrepublik Deutschland circa 780.000 Personen, von denen gut die Hälfte in Deutschland geboren ist. Erleichtert wurde diese Wanderung durch  die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die die Freizügigkeit für Arbeitnehmer/innen vorsah.

# Mit Portugal wurde 1964 ein Anwerbeabkommen vereinbart, woraufhin Zehntausende als Gastarbeiter/innen nach Deutschland kamen. Nach der Demokratisierung in Portugal 1974 und seinem Beitritt zur Europäischen Union 1986 wuchs die portugiesische Wirtschaft und die Abwanderung ging zurück. Mit der Finanzkrise nahm der Zuzug aus Portugal jedoch wieder zu. Anders als früher kamen vor allem Akademiker, Fachräfte und Studenten. 2017 lebten in Deutschland knapp 150.000 Portugiesinnen und Portugiesen.

# Deutschland schloss noch weitere Anwerbeabkommen. Viele Personen sind nach dem Anwerbestop 1973 geblieben und haben ihre Familien nachgeholt oder welche gegründet. Aus Griechenland (Vertragsabschluss 1960) kamen bis 1973 rund 600.000 Arbeitskräfte, heute leben hier 450.000 Griechischstämmige. Für Spanien (Vertragsabschluss 1960) lauten die Zahlen 600.000 und 200.000. Der Vertrag mit Marokko datiert von 1963 und motivierte 20.000 Personen zum Umzug nach Deutschland. Der Vereinbarung mit Südkorea (1963) diente sowohl dem Arbeitskräftebedarf Deutschlands im Bergbau als auch der Fortbildung der südkoreanischen Bergleute. Es kamen etwa 8.000 Männer sowie 10.000 Frauen, die im Gesundheitswesen arbeiteten. Aus Tunesien (Vertrag 1968) kamen 2010 23.000 Personen und 2020 38.400. Das letzte Abkommen wurde 1968 mit Jugoslawien vereinbart. Es kamen knapp 500.000 Arbeitskräfte. Heute leben hier 1,5 Mio. Menschen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen, davon 900.000 mit einem ausländischen Pass.

# Als Deutschland sich 1979 nach der Indochina-Flüchtlingskonferenz der UN bereit erklärte, vietnamesische Flüchtlinge (darunter viele Boatpeople) aufzunehmen kamen bis 1989 zwischen 30.000 und 40.000 Vietnamesen/innen. 2009 lebten knapp 85.000 vietnamesische Staatsbürger/innen in Deutschland. Hinzu kommen etwa 40.000, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, und diejenigen, die sich illegal in Deutschland aufhalten.

# Vor 1979 lebten in Deutschland weniger als 2.000 Afghan/innen, zumeist Geschäftsleute oder Studierende. Die Ankunft größerer Gruppen fand weitgehend in Wellen statt, die mit bestimmten politischen Regimen und Konfliktphase zusammenfielen, z.B. der sowjetischen Invasion 1979 oder der Machtergreifung der Taliban 2021. Ende 2024 lebten in Deutschland rund 350.000 Schutzsuchende aus Afghanistan, gut 280.000 waren anerkannte Flüchtlinge. Afghan/innen bilden die zweitgrößte Gruppe nach Syrer/innen. 

2021 hatte die deutsche Regierung ihren ehemaligen Ortskräften sowie gefährdeten Personen (Menschenrechtler/innen) samt ihren Familienangehörigen zugesagt, sie zu evakuieren. In über 35.000 Fällen ist dies erfolgt. Nunmehr will die Bundesregierung die noch verbliebenen Personen, die zumeist in Pakistan Zuflucht gesucht haben, den Taliban überlassen. Die 2021 erteilte Aufnahmezusage wurde zurückgenommen. Allerdings konnten etliche Afghan/innen ihren Einreiseanspruch erfolgreich vor Gericht durchsetzen. Möglicherweise stellt die Regierung den rechtsverbindlichen Anspruch auf Evakuierung künftig nicht mehr infrage.

# Aus dem Iran kamen bis in die 1960er Jahre neben Studenten vor allem Unternehmer und Ärzte. Die iranische Revolution 1979 und der Erste Golfkrieg (1980–1988) zwischen dem Irak und dem Iran veranlassten Einwanderungswellen, die sich stark auf die demographische Struktur der in Deutschland lebenden Iraner/innen auswirkte. Die iranische Diaspora in Deutschland liegt im europäischen Vergleich an der Spitze..

# Während des libanesischen Bürgerkrieg 1975 bis 1990 und des israelischen Einmarschs 1982 flüchteten etwa 800.000 Libanesen/innen ins Ausland. Nach Deutschland kamen rund 200.000, von denen grob geschätzt je ein Drittel Personen mit libanesischem Pass, Palästinenser/innen und Kurden/innen waren.  Flüchtlinge aus dem Libanon sind wenig integriert; sie weisen besonders niedrige Bildungsabschlüsse und hohe Quoten an Arbeitslosigkeit und Kriminalität auf (Clans).

# Bis 2010 waren Syrer/innen in Deutschland eine recht kleine Gruppe (etwa 30.000 Personen), die sich vor allem über Bildungsmigration, aber auch über Fluchtmigration und Familiennachzug gebildet hatte. Die Zahlen änderten sich ab 2011 mit dem Bürgerkrieg. Seither haben bis Ende 2018 rund 6,7 Millionen Menschen das Land verlassen. Die meisten von ihnen befinden sich in den angrenzenden Staaten, mehr als eine Million syrischer Kriegsflüchtlinge ist nach Europa gekommen – 800.000 leben in Deutschland. 

# Eine besondere Rolle nehmen die rund 2,4 Mio. Aussiedler/innen bzw. Spätaussiedler/innen ein, die in den vergangenen Jahrzehnten aus einem Staat des ehemaligen Ostblocks nach Deutschland ausgewandert sind. Dazu kamen noch mehr als 200.000 sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge. Während Anfang der 1990er Jahre jährlich bis zu 400.000 Aussiedler/innen in Deutschland eintrafen, beläuft sich die Zahl seit 2005 nur noch auf einige Tausend pro Jahr.

Über Heiner Jüttner:

Avatar-FotoDer Autor war von 1972 bis 1982 FDP-Mitglied, 1980 Bundestagskandidat, 1981-1982 Vorsitzender in Aachen, 1982-1983 Landesvorsitzender der Liberalen Demokraten NRW, 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.

Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Wolfgang Palm

    Vielen Dank für die ausführliche Übersicht. Sie weitet Herz und Verstand. Besonders die Idee, Leistungen durch Migranten denen vorzuenthalten, die Remigration befürworten, finde ich interessant. Auch für den Wahlkampf in Rheinland-Pfalz im Frühjahr nächsten Jahres.

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