„Das hier ist doch keine Vorortstraße von Paris und da hinten ist nicht die Place de la Republique, Leute. Ich probiere es einmal als Tango-Oma.“ Josh stellte sich dicht am Bordstein auf die Fahrbahn und warf ein Bein nach vorne, wenn er meinte, ein Fahrer würde ihn dabei sehen und sodann aus natürlicher Tötungshemmung in die Eisen steigen. Das probierte Josh drei-, viermal – ohne Erfolg. Jelene stupste ihn sogar noch etwas weiter auf die Straße. Das führte nur dazu, dass die Wagen ein Bogen machten, gehalten wurde immer noch nicht.

„Wenn die hier alle so stur sind, dann können wir gleich wieder umkehren,“ bemerkte Legu zerknirscht.

„Die fahren hier mit dem Auto zum Klo,“ wusste Alwys noch aus seiner Heimat, „oder meinst du, ein Eingeborener ginge freiwillig zu Fuß, wenn es auch anders geht. Der Fortschritt lässt sich hier fahren. Zu Fuß geht hier keiner freiwillig, alles klar? Wir sind hier in der rheinland-pfälzischen Provinz, haste Auto, haste Frau? Da läuft der Hase lang. Geheiratet wird immer eine aus dem übernächsten Kaff, weil die Nachbargemeinden verfeindet sind, weil jeder behauptet, die anderen hätten ihnen die Bonifatius-Eiche gefällt. So funktioniert das ab einer Baumwipfelhöhe von zwanzig Metern im Gemeindeforst. Scheiße! Ich will jetzt über die Straße.“

Sie traten nervös von einem Bein auf das andere, die Kirchenglocken hatten bereits das Ende der heiligen christlichen Messe eingeläutet. Dndlich bot sich eine Lücke zwischen den vorbeirauschenden Karossen in beiden Richtungen. In zirka fünfzig Metern Entfernung machten sie auf ihrer Fahrbahnseite einen DKW-Oldtimer ohne Verdeck aus, der mit nur vierzig, statt siebzig durch St. Goar knatterte und als ein Zweitakter richtig stank.

„Jetzt,“ befahl Claus, setzte sich seine Sonnenbrille aus den Haaren wieder auf die Nase und betrat den Asphalt. Zwei Schritte später war er schon am Mittelstreifen, die anderen hinterdrein. Tatsächlich bremste dieser DKW und ließ sich von den aus der Kirche mittlerweile strömenden Gläubigen in seinem blitzenden Chrom und polierten Crèmefarben bewundern, besonders von den Jungs. Franticek war auch fasziniert von dem Fossil.

„So einer wäre doch auch was für dich und Fritz,“ was Legu? Angel versuchte einen Scherz zu machen, was ihr fast auch gelang, aber jeder Anfang ist eben schwer.

„Ja, klar, und sein Schwanz ist gleichzeitig der Sicherheitsgurt, auch meiner, würde gehen. Dann musst du mir aber deine Sonnenbrille leihen, Claus, und ein Kopftuch für die Beifahrerin Fritz brauche ich natürlich auch. Oder herrscht im Cabrio schon Kopftuchverbot?“

Endlich war der Kirchhof erreicht. Legu hatte von Angel einen Zeitungsausschnitt bekommen, auf dem Zehner abgebildet war, wie er einen Trimm-Dich-Pfad in einem höher gelegenen Ortsteil eröffnet, feierlich mit weißem Band und überlanger Schere. „Die ist ja so lang wie im Struwwelpeterbuch für die Fingernägel,“ assoziierte Legu erschrocken.

Sie standen im Kreis um Legu und betrachteten das Bild. „Der hier im jägergrünen Filz ist es,“ zeigte Legu auf Zehner.

Die Kirche war fast leer. Zum Schluss kamen noch einige gebückt gehende alte Frauen in Schwarz heraus und verabschiedete sich lange vom Pfarrer.

„Ist ja hier wie in Kalabrien oder in der Ostlowakei an der ukrainischen Grenze,“ sinnierte Jelena angesichts solch sozialromantischer Postkartenmotivik. Nur Zehner war nicht dabei gewesen, denn er war mit dem seinem DKW-Oldtimer gerade erst vom morgendlichen Sich-Warmfahren wieder in St. Goar angekommen.

Die „Die „Komödie des Geldes” von Arthur Zupf erscheint mit freundlicher Genehmigung vom 16. bis 24. Dezember 2025 als Erstveröffentlichung exklusiv im Extradienst.

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