Wie eine Stadt entsteht
Hoch über La Paz erhebt sich El Alto. Eine Stadt, die nie geplant wurde und doch Tag für Tag neu entsteht. Zwischen Marktständen, Ziegeln und Mystik wächst hier ein urbanes Leben, das sich weder vom Staat noch von Architekten vorschreiben lässt. Eine junge Bewohnerin beschreibt, was Bauen, Wohnen und Indigenität in einer Stadt bedeuten, die sich selbst erschafft.
Eine Stadt zu erschaffen bedeutet nicht nur, Mauern zu errichten oder Straßen zu pflastern. Eine Stadt zu erschaffen bedeutet, Raum zu öffnen – für Leben und für Zeit, die vergeht, ohne verloren zu gehen. Eine Stadt entsteht aus Plänen, aus Zement, Sand, Steinen, Wasser und Ziegeln. Doch vor allem entsteht sie aus Entscheidungen und Sehnsüchten. Jede Stadt ist ein kollektiver Traum. Oder besser: ein kollektiver Konflikt. Denn jedes Bauen ist auch ein Selektieren: Wer darf hinein, wer bleibt draußen? Was wird erinnert, was vergessen? El Alto und La Paz erwachsen aus Gegensätzen und Begegnungen. Während erstere sich horizontal ausbreitet, steigt und fällt letztere vertikal. Erstere war einst undenkbar, ist jedoch heute unentbehrlich. Letztere war für wenige gedacht, doch nun ringt sie zwischen Einbeziehen und Beherrschen. Und dennoch bestehen beide aus derselben Substanz: Migration, Handel, Widerstand, Arbeit und Glaube. Aus Ethik und Ästhetik zugleich. Wir wählen nicht immer, wie wir wohnen. Manchmal zwingen uns die Umstände: zu mieten, was wir bekommen, Wohnraum zu teilen oder uns hinter fremden Mauern zu verbergen. Die Stadt prüft uns, sie verlangt Bewegung, Anpassung und Geduld. Und doch entscheiden wir täglich neu, wie wir sie leben. Manche ziehen Zäune, verbarrikadieren sich. Andere öffnen Türen und organisieren Märkte. Einige errichten Symbole des Fortschritts in Richtung Wolken. Andere bleiben nah am Boden, auf den Straßen, in Höfen und Küchen. All diese Gesten sind Akte urbanen Lebens. Die Stadt entsteht nicht auf dem Reißbrett, sondern in den Händen ihrer Bewohner*innen: in Versprechen, in Ritualen, im täglichen Handeln, beim Kehren oder Erzählen. Auch wenn uns die Karten das nicht zeigen, hinterlassen wir Spuren, benennen Orte und halten so das Geflecht am Leben.
El Alto und La Paz wachsen, wie sie können
Eine über der anderen – fast, als wollten sie sich gegenseitig erdrücken. In beiden Städten wachsen Häuser und Hypotheken mit der gleichen Kraft, mit der auch die Widersprüche blühen. Zwei überfüllte Städte in einem Land, das nach Ordnung sucht, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. In La Paz träumt die Architektur von kolonialen Palästen, republikanischer Strenge, brutalistischen Träumen aus Beton und gotischen Ornamenten aus Europa. In El Alto hingegen leuchten die Cholets aus Glas und LEDs – mutig, farbenfroh und unverschämt eigenwillig. Diese Archetypen der Architektur aus El Alto bitten nicht um Erlaubnis, sie behaupten sich. Hier zeigt sich alles zugleich.: improvisierte Beleuchtung, ein Rokoko-Eingang neben einer Wellblechtür, ein Wohnblock mit Gegensprechanlage neben dem Nachbarschaftsladen. Ästhetik und Ethik im Streit, Schönheit und Vernachlässigung nebeneinander. Die Stadt ist ein Spiegel, der nicht lügt. Hier zu leben bedeutet, jeden Tag zu improvisieren. Niemand weiß, wie sie gedacht war – wahrscheinlich wurde sie nie gedacht. Sie hat sich einfach ausgebreitet. Und als nach unten kein Platz mehr blieb, wuchs sie gen Himmel. Hier baut man nicht nur mit Ziegeln, sondern auch mit Glauben, Versprechen und Ritualen – mit zerkauten Kokablättern, verschüttetem Bier und verbranntem Alkohol. In El Alto sind die Märkte keine Orte des Kaufens, sondern des Seins.
Jede andere Stadt
Wohnen bedeutet mehr als nur ein Dach über dem Kopf mit einem Weg davor. Wohnen bedeutet, beteiligt zu sein – zu wissen, dass die Wände Geschichten tragen, dass jedes Dach durch gemeinsame Anstrengung entstand und jeder Quadratmeter Erinnerung ist. Unsere Städte sind keine toten Räume, sondern lebendige Körper, die aus Nachbarschaft und Notwendigkeit gewebt sind. Die Hänge von La Paz sind wie offene Wunden, die täglich neu bepflastert werden. Hier entsteht eine andere Ordnung – nicht von oben, sondern von unten. Kein Plan, kein Architekt. Die Stadt wuchs aus Migration, Eigenbau und Not, aber auch aus dem „ayllu”, diese traditionellen, engmaschig organisierten Gemeinschaften der Quechua und Aymara, das sich ins Urbane übersetzte. Nicht alle Städte stehen auf der Karte. El Alto war einst die Stadt, die La Paz nicht sein wollte: Ein Ort der Ausgestoßenen, der Zuflucht und des Stolzes zugleich. Hier trennt sich, was zusammengehört: oben Glas und Kontrolle, unten Schulden und Staub. In einer Zone gibt es Kaffee mit Aussicht, in der anderen Feuerstellen und Hunde. Nicht Abweichung trennt sie, sondern Hierarchie. Denn Stadtpläne sind Machtkarten: Sie entscheiden darüber, was gepflastert wird und was im Schlamm bleibt, wo Licht ist und wo Dunkelheit. Und doch entzieht sich die Stadt. Sie wächst weiter in den Rissen – in Märkten, die Wege schaffen, in Festen, die verbinden, in informellen Vierteln, die Schulen bauen. In El Alto klingt der Wind nach Baustellen und Gebeten. So entsteht Stadt – nicht trotz der Ränder, sondern durch sie.
Ein Gebäude ist aus mehr als nur Steinen gebaut
Mit der Zeit nimmt jedes Viertel etwas vom Wesen seiner Bewohner*innen an. Es kursieren Legenden, dass einst einsame Menschen, ohne Namen und Familie, gesucht und einzementiert wurden. Man opferte sie in den Rohbauten, damit das Gebäude später nicht einstürze. „Man muss der Pachamama ihr Blut geben“, sagte man damals. „Ein Opfer, damit die Erde sich nicht erzürnt.“ Heute hat sich diese Legende gewandelt. Keine Menschen mehr, sondern Lamaföten, Alkohol, Zigaretten und Miniaturen von Häusern und Lastwagen werden der Erde gegeben. Doch die Absicht bleibt: Man bittet um Erlaubnis, begleicht die Schuld, damit nichts einstürzt. Ein Segen für das Fundament, eine Gabe an die Erde. Hier überlebt eine Spiritualität, die mit dem Kapitalismus verhandelt, anstatt vor ihm niederzuknien. Die „Prestes“ (Name für ein in bolivianischen Gemeinschaften rotierendes Fest, zugleich Name für deren Schutzperson oder Financier) sind die andere Seite dieses Pakts – die festliche, die überbordende. Schuld und Hingabe zugleich: Auf den rauschenden Zusammenkünften tanzt man bis zum Morgengrauen, feiert ein Fest, das mehr kostet, als man sich leisten kann. Musik als Opfer, Rausch als Gebet. Ein erfolgreicher „Preste“ zeigt Status, verschafft sich Respekt – man hat seine Schuld beglichen. Und die „Comadres“ – mit ihren schweren Röcken und ernsten Gesichtern, die sich im Tanz drehen, als hielte die Zeit den Atem an – zeigen, dass hier mehr geschieht als Prunk: ein Akt der Liebe, des Gedächtnisses und der Identität. In La Paz und El Alto liegt die Spiritualität nicht in kalten Tempeln, sondern in Straßen aus Erde, in Festhallen, geheimen Ritualen und Miniaturen, die wir im Januar voller Hoffnung aufstellen – selbst nach einem schlechten Jahr. Sie liegt in den Märkten, die wie lebendige Wesen atmen, wo Tausch und „yapa“, (etwas, das man dem eigentlichen Kauf zufügt) der Nachschlag, älter sind als Geld. Und ich – ich will auch etwas erschaffen. Kein Gebäude, sondern vielleicht nur eine andere Art, in der Stadt zu sein. Sie zu benennen, zu achten und zu durchqueren. So wie es meine Tanten getan haben, meine Nachbarinnen, die Marktfrauen und die „yatiris“, die traditionellen Heiler*innen und spirituellen Führer*innen, mit ihren Tischen voller Rauch und Farben.
Jhoselyn Paola Huanaco Febrero ist in El Alto geboren und absolviert derzeit ihr Studium der Soziologie an der Universidad Mayor de San Andrés. Sie ist Co-Autorin des Buches „Cuaderno feminista: debates desde las mujeres y diversidades sobre los feminismos bolivianos” (Feministisches Heft: Debatten von Frauen und Diversen über bolivianische Feminismen). Eine Fortsetzung des Artikels mit dem Titel „Alltag im Alarmzustand: Was El Altos Puppen nicht erzählen“ wird in der Zeitschrift „Für Vielfalt“ in der Ausgabe 4/2025 erscheinen. Übersetzung: Charlotte Fischer & Jan Königshausen. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 491 Dez. 2025, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

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