Neriman Polat zeigt in der Berliner Dependance der Istanbuler Galerie Zilberman ihre entschieden politische Kunst. Hoffnungsvoll ist die eher nicht
Eine leuchtend rote Daunenkinderjacke im Hinterhof eines Mietshauskomplexes in der Türkei. Sie hängt an dem Ast eines Baumes, der so über eine Mauer ragt, als wolle er seine Hände zur Hilfe nach dem verknäulten Textil ausstrecken.
„Kayıp – Verloren“, der Titel von Neriman Polats Fotografie, die derzeit in der Berliner Dependance der Istanbuler Galerie Zilberman zu sehen ist, ruft eine charakteristische Ambivalenz des Œuvres der türkischen Künstlerin auf: die zwischen Verlorenheit und Fürsorge, zwischen dem Sozialen und dem Individuellen.
Die Ausstellung im friedlichen Berliner Westen kommt zur passenden Zeit. Während in der Türkei die kritische Kunst unter dem immer repressiveren Regime ihres grimmigen Präsidenten ächzt, ruft das Werk der 1968 in Istanbul Geborenen demonstrativ die 1990er Jahre auf, die als die Geburtsstunde der kritischen Gegenwartskunst aus der Türkei gelten, die auf der ganzen Welt Beachtung findet.
Die Absolventin der Istanbuler Mimar-Sinan-Universität der Schönen Künste gehörte damals zu den Künstler:innen, die die klassische Moderne und die Idee einer singulären Künstler:innenpersönlichkeit hinter sich ließen. Mittels Fotografie, Video, Konzept und Installation, mit Fantasie, Ironie und Verve stürzten sie sich auf soziale und politische Konflikte.
Seit dieser Zeit arbeitet Polat mit der Gruppe Sanat Tanımı Topluluğu (STT) zusammen und gründete später gemeinsam mit anderen Künstlerinnen die feministische Künstlergruppe Arada („Dazwischen“). Sie gehörte auch zum Kollektiv Hafriyat: Der Name bedeutet „Ausgrabung“. Er steht symbolisch für das Aufdecken verborgener Schichten, Geschichten und Stimmen.
Die von Polat aus feministischer Perspektive bearbeiteten Themen wie Geschlecht, öffentlicher Raum und die Ästhetik des Alltagslebens ziehen sich auch durch ihre Berliner Schau. Der aus einer Galeriewand herausragende Balkon aus dem Jahr 2025, über dessen Metallgitter bunte Textilien gehängt sind, markiert gleichsam paradigmatisch die Schwelle zwischen Innen und Außen, der privaten und der kollektiven Sphäre, zwischen intim und offen.
Polats Schau ist ein Paradox: Eine Künstlerin, die sich lange weigerte, Galeriekünstlerin zu werden, präsentiert sich mit ihr in den Räumen einer Galerie, die sich seit ihrer Gründung 2008 zu einer der führenden kommerziellen des Landes entwickelt hat. In Berlin ist Zilberman längst zu einem wichtigen Treffpunkt der türkischstämmigen Intelligenz avanciert.
Die Ausstellung ist Teil einer Trilogie, die 2018 im Istanbuler Artspace Merdiven unter dem Titel „Merciless“ begann. Ihre Fortsetzung fand sie 2023 mit „Roofless“ und nun mit „Groundless“ in der Galerie Zilberman. Sie komplettiert das Thema fortschreitenden Verlusts, das sich individuell wie sozial verstehen lässt.
Zu den Stärken dieses bemerkenswerten Œuvres gehört es, das Politische in eine eindrückliche Poetik zu überführen. In ihrer ikonischen Fotoarbeit „Private Security“ von 2013 liegt eine junge Frau in Polizeiuniformjacke und mit nacktem Unterkörper auf einer Matratze.
In der Berliner Schau sind es die wiederkehrenden Rosen auf Textil, ein Symbol für ermordete ebenso wie selbstbewusste Frauen. Einzig „Plastikhandschuh“, die kleine Fotoarbeit aus dem Gezi-Jahr 2013 weckt ein Gefühl sanfter Hoffnung inmitten kulminierender Krisen.
Die zwei in Form eines Victory-„V“ gereckten pinkfarbenen Finger auf einer laubbedeckten Treppenstufe erinnern an die rebellische Straßenkunst der legendären Revolte. Für Polat stehen sie für den anhaltenden Wunsch, dass „wir trotz allem Frieden wünschen“.
Neriman Polat: „Groundless“. Zilberman-Galerie, Berlin, bis 7. Februar 2026. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag. Links wurden nachträglich eingesetzt.

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