Das Fernsehen berichtet von „Chaos“ und einer „Katastrophe“ und meint damit, dass es schneit. Und während ich darauf warte, dass der Russe endlich zugibt, die „eisigen Temperaturen“ in Deutschland veranlasst zu haben, bestrahlt mich am Mittelmeerstrand die Sonne vom azurblauen Himmel aus mit Wohlbehagen …

Ein Schoko-Eis lutschend leiste ich mir eine Erinnerung an die Zeit der Jahreswende 1978/1979: Da holte ich um die Mittagsstunde des Silvestertages meinen Freund Werner Klein, einen großartigen Satire-Kenner, vom Hamburger Flughafen ab. Es schneite, was für die Jahreszeit ja nicht ungewöhnlich ist. Wir wollten die freien Tage in meinem Reetdachhaus auf Eiderstedt verbringen, also an der Nordseeküste, und dort an einem Radioprogramm arbeiten. Die Autobahn war noch nicht vom Schnee geräumt, das Fahren war unangenehm, und wir brauchten für die 150 Kilometer fast drei Stunden.

Ich war 14 Tage nicht zu Hause gewesen, das Haus war bitterkalt. Wir luden unser Gepäck aus und wollten dann schnell noch die 5 Kilometer nach Garding fahren, um Lebensmittel einzukaufen. Wir kamen aber keine hundert Meter weit: Eine Schneewehe am Orts–Ein- und Ausgang versperrte die Straße. Das Auto war ihr hoffnungslos unterlegen. Wir schafften gerade noch den Rückzug auf den hauseigenen Parkplatz. Der Schneesturm hatte in kurzer Zeit eine meterhohe Barriere vor der Haustür errichtet, und es war ziemlich mühsam, sie mit Händen und Füßen wegzuschieben und uns Zugang ins Haus zu verschaffen. Der Start in eine gemütliche Arbeitswoche war misslungen.

Immerhin – wir waren wenigstens im Trockenen. Aber auch im Dunklen: Der Schnee vor den Fenstern reichte bis zur Dachrinne, zwei gewaltige Schneewehen hatten den Schornstein erklettert, die Tür zum Schuppen und der Küchenausgang in den Garten ließen sich genau so wenig öffnen wie der Hauseingang. Wir waren eingesperrt. Das war übel: Ich konnte kein Kaminholz hereinholen.

Der Norddeutsche Rundfunk brachte Nachrichten und warnte die Bevölkerung vor dem vielen Schnee, anschließend teilte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg seinen „lieben Landsleuten“ mit, dass seine Großmutter sich in solchen schwierigen Wetterverhältnissen immer einen warmen Ziegelstein ins Bett gelegt habe. Die Frage, wie und wo Oma Stoltenberg den Ziegelstein warm gemacht hatte, blieb offen. Dann verstummte das Radio. Tot.

Auch die Beleuchtung fiel aus. Keine einzige Leuchte leuchtete. Ich tastete mich die Kellertreppe runter zum Sicherungskasten. Die Sicherungen waren offenkundig in Ordnung. In einer Schublade fand ich mehrere Kerzenstummel und Streichhölzer. So konnten wir feststellen, dass da im Keller ein schöner Vorrat an Trinkbarem auf uns wartete. Wir wärmten uns an einer Flasche Moskowskaya mit etwas Bitter Lemon.

Die Lagebesprechung ergab: Ohne Strom und Gas konnten wir uns nichts kochen. Aber wir hatten ja sowieso nichts Essbares im Haus. Der Kühlschrank war leer. Die Temperatur in der Tiefkühltruhe stieg, Fleisch, Fisch und Gemüse mussten rasch verarbeitet werden. Aber wie ohne funktionierenden Herd? Die Heizung hatte solidarisch das Heizen eingestellt. Zum Trost öffneten wir eine Flasche spanischen Brandy. Etwas zu kühl, aber sehr gut. Wir froren erbärmlich. Wenn man wenigstens telefonieren könnte … Aber das Handy war noch nicht erfunden…

Eingehüllt in Mantel, Schal, Mütze und einige Wolldecken saßen wir im düsteren Zwielicht am Küchentisch und spielten Gobang, ein chinesisches Brettspiel. Die Steine mit Handschuhen zu setzen war eine große Herausforderung. Besoffen, frustriert und komplett durchgefroren legten wir uns schließlich unter die Bettdecken und zitterten uns der Sonne entgegen.

Am nächsten Morgen fassten wir den Entschluss, energisch etwas zu unserer Rettung zu unternehmen. – Ohne Dusche, Zähneputzen und Kaffee, ja sogar die letzte Zigarette war schon geraucht, machten sinnvolle Ideen einen großen Bogen um uns. Sehr zögerlich näherten wir uns darum dem Thema „Bücher Verbrennen.“ Klar, das war ein eindeutiges NoGo, andererseits …

Es werden so viele Wälder abgeholzt für Bücher – mit denen könnte man so lange Feuer machen, bis die Wälder wieder da sind. Ich könnte mir durchaus vorstellen, bedrucktes Papier zu verbrennen, auch wenn Heinrich Heine sich eindeutig gegen Bücherverbrennungen ausgesprochen hat. Und in einer Notlage wie der unseren hätte er sicher nichts dagegen gehabt, zum Beispiel „Stahlgewitter“ von Ernst Jünger anzustecken – wenn er dieses Buch gekannt hätte.

Fakt ist – es brauchte nur ein wenig Mut, zu sagen: Ja, das verbrennen wir! Die entscheidende Frage dabei war: Wer solls machen? Wen machen wir zum Bestimmer? Wem darf man vertrauen, dass er Scheiße von Schokolade unterscheiden kann?

Unfähig, etwas zu tun, waren wir uns aber einig, eigentlich müssten wir erstmal allen, die gar nicht mehr wissen, was ein Buch ist, eine kleine Gedächtnisstütze liefern. Zum Beispiel so: „Ein Buch ist ein altmodischer Datenträger auf Zellulose-Basis, auf dem die Information in Form von graphischen Elementen im Ikositetral-System kodiert ist, mit Inline-Graphik und Fixformatierung. Der Vorteil eines Buches ist: Man benötigt keinen Telefonanschluß und keine Akkus, und verglichen mit einem Notebook ist ein Buch lachhaft billig“. Leider war es uns unmöglich, mit anderen Scheeopfern zu kommunizieren – so hielten sich Für und Wider die Waage.

Trotzdem: Bücher zu verbrennen, kam nicht in Frage. Auch nicht die Bücher, die man nicht mehr braucht, die eigentlich kein Mensch je gebraucht hat. Sie stehen da im Regal und sammeln Staub. Lesen wird sie vermutlich niemand mehr. Bücherverbrennung ist die Ultima Ratio vorm Erfrieren. Wir kämpften uns zu der Erkenntnis durch, dass Schnee, Eis und Kälte verabscheuungswürdige Diktatoren sind, denen mit allen Mitteln Widerstand zu leisten ist.

Wir wussten: Wo immer Machthaber ihre Untertanen quälten, wurden Bücher verbrannt, die der Ideologie der Herrschenden widersprachen. Die Kirche verbrannte die aufrührerischen Schriften Martin Luthers, auf dem Wartburgfest warfen Studenten Bücher ins Feuer, die sie als undeutsch empfanden, und 1933 sorgten hirnlose Nazis für die größte und dümmste Bücherverbrennung des Jahrhunderts. Das hätten wir also geklärt, jetzt ging’s an die Auswahl:
„Die dtv-Krimis?“
„Spinnst du? Eric Ambler wird nicht verbrannt“.
„Platon?“
„Och nö – der erinnert mich an meine Schulzeit. Aber diese Thomas-Mann-Taschenbuchausgabe, die ist doch nur peinlich. Da solltest du mal was Anständiges kaufen.“
„Zu wenig Heizkraft.“
„Ich denke, es bietet sich an, vor allem Literaturnobelpreisträger zu verbrennen: Von denen haben die meisten Leute ohnehin nur das gelesen, was über sie geschrieben wurde. So entsteht Ruhm…“

So ging das immer weiter.
„Klassiker verbrennt man nicht!“
„Aber der ganze Goethe… Soviel Papier…“
„Nein! Im Gegenteil! Für junge Menschen sollte man Goethe zeitgemäß ins Deutsche übersetzen, damit er wieder so was wird wie ein mentaler Service-Point.
Hab ja nu, ei, Informatik,
BWL und Heilpraktiker
und leider auch Sozialpädagogik
vollgeil studiert, total engaged.
Jetzt steh ich da als crazy fool
und bin nicht happy, aber cool“.

„Sehr gut – Lyrik für die Jugend“. Oder als Variante:
„Ich hab gekämpft für Umwelt und Leben
und sehe jetzt: Es war alles vergebens …“

Wir retteten also Goethe und Schiller vor den Flammen, auch Büchner und Kleist, Mühsam, Camus, Tucholsky, Ossietzky, Brecht sowieso und selbstverständlich Heinrich Mann und, jawohl, Enzensberger und auch Böll. Am späten Nachmittag einigten wir uns dann sogar ohne Gegenstimme darauf, weder die 45-bändige Lenin-Gesamtausgabe noch die ebenfalls reizvolle Marx/Engels Gesamtausgabe zu verheizen, obwohl beide Autoren das Potential hatten, den Raum eine Zeit lang durchzuwärmen. Wir bedauerten sehr, keine Naziliteratur im Haus zu haben, die wäre längst im Ascheimer. „Aus Frankreich kam ‚Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘, aus Deutschland kam ‚Mein Kampf‘“ bemerkte Werner lakonisch.

Und dann: „Das hier wäre eine Möglichkeit: Textverluste. Gegen den derzeitigen Rollback der literaturwissenschaftlichen Diskussion zurück zur Rephilologisierung und Sinnsicherheit! Das ist eine Streitschrift zur Dezentrierung von Texten und Modalisierung von Sinn. Hast du das verstanden?“
„Doch, schon, aber das mit der Rephilologisierung, also ich weiß nicht“.
„Hm. Die Streitschrift ist auch ein bisschen sehr dünn. Die bringt’s nicht“.

Betrunken und kampfmüde einigten wir uns schließlich schweren Herzens auf eine ziemlich romantische Lösung: Ein Meter gesammelte Schriften von Ernst Thälmann heizte uns ein. Und so hat dieser aufrechte Antifaschist im Kamin nochmal die Bäuche von zwei durchgefrorenen Anarchisten gewärmt.

Nach drei Tagen Frost und Hunger wurden wir schließlich befreit – da stand ein Bergungspanzer der Bundeswehr vor der Haustür. Grundgütiger Himmel, war uns das peinlichb…!

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog des Autors, mit seiner freundlichen Genehmigung. Anm. d. Red.: wenn Sie diesen Winter nicht selbst erlebt haben, bekommen Sie hier Eindrücke aus der BRD und hier Eindrücke aus der DDR jenes Winters.

Über Henning Venske:

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