Die Fussballwelt unseres Zwergstaates und die in ihr eingebetteten Medien rätseln seit gestern, wie die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA so viele Punkte mit so schlechtem Fussball erwirtschaften konnte. Vor wenigen Tagen noch hatten die gleichen Medien ein 3:3 in Frankfurt, mit einer ähnlich besch…eidenen ersten Halbzeit als spektakuläres Ereignis gefeiert. Tatsächlich haben einige der 80.500 Expert*inn*en im Dortmunder Westfalenstadion gestern zum Halbzeitpfiff ihrem Unmut mit ebensolchen Pfiffen Ausdruck gegeben. “Obwohl” ihr Team 1:0 führte. Wie kann das sein?

Die Antwort ist einfach. In meiner Fussballkneipe stimmten wir mit dem kritischen Stadionpublikum vollständig überein. Und wir mussten keinen Eintritt bezahlen und keine überteuerte Stadionbratwurst in der Warteschlange erkämpfen, sondern bekamen kalte Getränke und heisse Pizza von zuvorkommender Bedienung preiswürdig an den Tisch gebracht.

Die eingebetteten Medien beharren in Unkenntis des Publikums darauf, Fussball sei ein “Ergebnissport”. Kein Wunder: das Medienkapital stimmt mit dem Fussballkapital überein. Sie sind Geschäftspartner, und so mancher Oligarch und Emir sitzt auf beiden Seiten des Verhandlungstisches.

Wir hier draussen dagegen, und noch mehr die 80.500 Expert*inn*en, die alle zwei Wochen das Westfalenstadion vollmachen, wollen von ansprechender Kunst unterhalten werden. Unsere Ansprüche wachsen mit den Eintrittspreisen, den Abogebühren diversester Streamingdienste, den Ablösesummen, den Spielerberaterprovisionen und den Gehältern der Akteure.

Auf die Spitze treiben es die eingebetteten Medien mit ihren sog. “Experten”. Niemand braucht die. Die echten Experten sitzen im Stadion und vor der Glotze. Solange der Ball nicht rollt, tauschen sie selbst ihre Meinungen aus. Im Stadion werden sie von unerträglichem Lärm “bespasst”. Niemand hört zu, was währenddessen aus der Glotze quillt. Allenfalls wird noch Volkszorn mobilisiert, wenn aus der Kiste Laberunsinn herausläuft, und alle wissen, dass es mit ihrem Abo- oder TV-Gebühren-Geld teuer bezahlt ist. Die Expert*inn*en im Publikum wissen: wer da labert, hat keinen Fuss mehr auf den Boden des “echten” Fussballs gebracht (egal ob als Spieler, Trainer oder Platzwart) und muss noch was für die Rente und die Familie ansparen. Auf unsere Kosten. Ein Grundwiderspruch, unter dem die Mehrheit der Fussballer*innen dieser Welt zerbricht, und darum kein Profi wird. Eine kleine radikale Minderheit dagegen wird reich, überreich – und von ihr wird Leistung erwartet.

Ein weiser alter Mann hat das vor nun fast 9 Jahren hier im Extradienst erklärt. Und vor nun schon 20 Jahren wurde in den Lateinamerika-Nachrichten erklärt, wie er das alles, sein Fussball-Lebenswerk, gemeint hat.

Von alledem wollen die Herrschenden dieser Welt, sowie ihre Brüder im Geiste in unserem Zwergstaat, seinen Stadien und seinen Medien, lieber nichts wissen. Denn dann müssten sie auf ihre Kriege, ihre Menschenfeindlichkeit, ihre Ressourcenverschwendung und ihre klimakatastrophale Politik verzichten. Ein bisschen viel auf einmal. Das schaffen die nicht. Wir müssen sie zwingen. Da sind die Pfiffe noch das harmloseste …

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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