Handreichung für einen Journalismus mit Anstand
Ich hole etwas aus, weil es vielsagend und vielleicht auch ein wenig unterhaltsam ist. Kürzlich tauschte ich mich mit einem Aufsichtsgremiumsmitglied einer öffentlichen Medienanstalt über das gelungene Handwerk von Frau Siham El-Maimouni aus. Wir stimmten überein: das Problem ist, dass die Branche das für “besonders” hält. Es fiel das polemische Wort “Erstes Semester Journalistik”. Im folgenden geht es ein paar Semester weiter. Versprochen.
Jüngst ärgerte ich mich über den embedded PR-Journalismus für den Fussballkonzern aus dem westfälischen Raum. Wenn die kritischsten Spielberichte in einem BVB-Fanblog erscheinen – was sagt das über die Profimedien?
U.a. tauschte ich mich darüber mit dem Kollegen und Freund Uli Leitholdt aus. Zu seiner aktiven Zeit war er ein Reporterurgestein des WDR, zu besseren Zeiten dieses flachgespülten Senders. Das erste Mal trafen wir uns in den 80ern, als er vor der Wattenscheider NPD-Zentrale zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Kapust eine Live-Reportage für WDR2 moderierte, und sie mich interviewten. Ich war sehr stolz auf die Fanbasis meiner Borussia. Uli dagegen ist heute bekennender Fan von “Eisern Union”. Da verbindet uns Vieles, u.a. unsere Verehrung für Hans Meyer.
Mich an all das erinnernd fragte ich mich und mein Tablet: was macht eigentlich Wolfgang Kapust? Einer aus der Zeit, als es in den Sendern noch Fachleute gab. Kapust hat seit damals in Wattenscheid nie aufgehört, das Treiben deutscher Faschist*inn*en zu beobachten, zu analysieren und zu “verstehen” – denn nur so sind sie wirkungsvoll zu bekämpfen. Solche Mitarbeiter sind Juwelen für jede Redaktion und Sendeanstalt. Aber sie sind schwierig zu führen. Sie sind nicht für alles verwendbar und geben mitunter fachlich grundierte Widerworte gegen Führungskräfte. Und sind ganz sicher nicht durch KI zu ersetzen 😉
Und bei der Suche nach “was macht eigentlich Wolfgang Kapust?” entdeckte ich diese “Masterabeit vorgelegt von Ramona Lengert zur Erlangung des Grades Master of Arts
an der Hochschule Hannover (University of Applied Science and Arts)” mit dem sperrigen Titel:
Die Autorin hat für diese Arbeit, die nun schon sechs Jahre alt ist, u.a. Wolfgang Kapust für ein Interview gesucht und gefunden (in den Anlagen ihrer Arbeit vorbiildlich transkribiert).
Pflichtlektüre für alle TV-Millionär*inne*e*n
Was soll mann dazu sagen? Die Mehrheit der heute vor der Kamera dilettierenden Star-Moderator*inn*en kennen diese Arbeit offenbar nicht. Ich stelle mir nun vor, ich sei eine Führungskraft in einer der uns allen gehörenden öffentlichen Sendeanstalten und hätte einen (oder mehrere) millionenschwere Produktionsaufträge an die Firmen zu vergeben, die heute politische Diskussionen in Massenmedien inszenieren.
Meine Mindestanforderung wäre: diese Arbeit zu lesen und zu verstehen! Früher, als noch seriös gearbeitet wurde, wurden zur Probe “Nullnummern” produziert, um zu testen, ob die, die es machen sollen, es auch können. Frau Lengert aus Hannover wenigstens weiss was davon. Und Wolfgang Kapust schon sehr, sehr lange.
Also bitte: macht eure Arbeit! Und macht sie besser!

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