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Bernsteinzimmer

2025 hat das berühmte Bernsteinzimmer gleich mehrfach öffentliche Aufmerksamkeit erzielt. Erstens wird seit Mai 2025 eine originalgetreue Nachbildung in einem Museum in Masuren in Polen ausgestellt. Ein früherer Nachbau steht seit 2003 am früheren Standort in Puschkin bei St. Petersburg. Zweitens ist eine weitere Theorie über den Verbleib veröffentlicht worden; diesmal wird das Zimmer in Kaschubien vermutet. Drittens fehlt das Bernsteinzimmer in keiner der Fernsehsendungen, die sich mit historischen Kunstwerken, Monumenten und Mysterien befassen. Viertens ist 2025 eine Neuauflage des Buches „Vom Bernsteinzimmer in Thüringen und anderen Hohlräumen“ erschienen. Fünftens hat der Tschad 2025 eine Goldmünze mit dem Motiv des Bernsteinzimmers geprägt – aus welchen Gründen auch immer.

All das dokumentiert ein ungebrochenes Interesse an diesem unter ungeklärten Umständen verschwundenen Prunkraum. Doch sind nicht nur die aktuellen Neuigkeiten Anlass dafür, sich mit dem Bernsteinzimmer zu befassen. Es gibt zumindest drei Fakten, die immer wieder Aufmerksamkeit wecken: Erstens seine wechselvolle Geschichte, zweitens die Verwendung von sechs Tonnen echtem Bernstein, drittens der Aufwand und die Kunstfertigkeit bei der Herstellung.

232 Jahre lang, von 1712 bis 1944, ist das Bernsteinzimmer durch Europa gewandert. Es entstand in den Jahren 1701 bis 1712. Zwei Danziger Bernsteinmeister hatten im Auftrag von König Friedrich I nach Plänen des Barockbaumeister Johann Friedrich Eosander die Ausführung übernommen. Das Zimmer wurde dann im Berliner Schloss eingebaut. Bereits 1716 wurde es jedoch von König Friedrich Wilhelm I. (dem wenig Kunstverstand nachgesagt wird) dem russischen Zaren Peter dem Großen geschenkt, der es bei einem Besuch in Berlin bewundert hatte. Angeblich revanchierte sich der Zar mit einigen groß gewachsenen Soldaten für die königliche Leibgarde. Seine Tochter, Zarin Elisabeth, ließ das Zimmer um kostbare Mosaiken und Spiegel erweitern und im Katharinenpalast in St. Petersburg einbauen. 

Die kostbare Täfelung füllte einen 100 qm großen Saal. Venezianische Wandspiegel, Florentiner Mosaiken, Edelsteineinlagen und vergoldete Leuchter ergänzten das Kunstwerk. Die bisherigen bernsteinfarbene Deckengemälde ließ die Zarin durch echte Bernsteinschnitzereien ersetzen. Die immer wieder verwendete Bezeichnung „achtes Weltwunder“ ist keine offizielle Einstufung. Sie entstand spontan durch die Menschen, die den prunkvollen Raum im Katharinenpalast besuchten, darunter Diplomaten, Kunstliebhaber und die Zarin. Vergleichbares gilt für die Bezeichnung von Bernstein als “Gold der Ostsee“.

1941 wurde das Bernsteinzimmer von deutschen Truppen requiriert und im Königsberger Schloss ausgestellt. Im März 1944 wurde die Stadt von alliierten Bombern weitgehend verwüstet. Zu diesem Zeitpunkt soll das Zimmer jedoch bereits abgebaut und in Kisten verpackt gewesen sein. Seitdem gilt es als verschollen oder versteckt, möglicherweise sogar als zerstört oder verbrannt. Herrschende Meinung ist, dass es nach Westen verfrachtet worden sei, um es vor den anrückenden sowjetischen Truppen sicherzustellen. Fest steht nur, dass es zum letzten Mal in Königsberg gesehen wurde. Dort soll es noch ungeöffnete Bunker geben. Das beschädigte Schloss wurde indes 1968 gesprengt, um Platz für ein anderes Gebäude zu schaffen; die Ruine wurde vor drei Jahren beseitigt.

2003 wurde nach mehr als 20 Jahren Arbeit von 50 Bernstein-Schneidemeistern eine fast perfekte Rekonstruktion des Bernsteinzimmers fertiggestellt. Die Arbeit ist umso anerkennenswerter, weil als Vorlage nur vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos verfügbar waren. Zehn Mal zehn Meter, von der Decke bis zum Boden, hat die Mannschaft mit einer halben Million Bernstein-Elementen gefüllt: mit karamellfarbenen Kronen, Muscheln und Früchten, mit glänzenden Meeresgöttern und Girlanden wie Stromschnellen. Aus Anlass ihres 75-jährigen Firmenjubiläums hatte die Ruhrgas AG in Essen sich kulturell engagiert und 3,5 Mio. für die Wiederherstellung des Bernsteinzimmers bereitgestellt. Die Einweihung fand unter Mitwirkung des russischen Präsidenten Putin und des deutschen Kanzlers Schröder anlässlich der Feierlichkeiten zum 300. Bestehen von St. Petersburg statt.

Nun steht die Attraktion wieder zur Besichtung bereit, im Katharinenpalast bei St. Petersburg, der früheren Sommerresidenz der Zarin, wo sich auch das Original befunden hatte. Der Katharinenpalast in St. Petersburg gehört seit 1990 zum UNESCO-Welterbe und beinhaltet als besondere Sehenswürdigkeit den Neubau des Bernsteinzimmers. Insofern ist auch immer das Bernsteinzimmer einbezogen, wenn hier von einem UNESCO-Welterbe gesprochen wird.

Einen weiteren Nachbau des Bernsteinzimmers gibt es in Mamerki an der Masurischen Seenplatte. Seit Mai 2025 ist er für Besucher zugänglich. Er wurde in Originalgröße erstellt, verwendet jedoch Plastikmaterial und keinen echten Bernstein. In Mamerki war einige Zeit wegen der Lage und der großen Bunkeranlage das Versteck des Bernsteinzimmers vermutet worden. Die Suche war jedoch erfolglos.

Eigentlich ist Bernstein ziemlich aus der Mode. Es ist kein Edelstein und noch nicht einmal ein Halbedelstein, sondern uraltes, versteinertes Baumharz das durch die Ostsee angeschwemmt wird. Man kann es in Platten schneiden oder Figuren daraus schnitzen. Durch Polieren, Erwärmen oder Zusätze verändert es seine Farbe, die Palette ist sehr breit und kann faszinierend wirken. Geeignete Beleuchtungen verstärken den Eindruck.

Der Wert des Bernsteinzimmers wird in Publikationen auf 130 bis 450 Mio € geschätzt, die Historiker und andere Fachleute sind sich da nicht einig. Ein offenbar schon vor 1945 in Königsberg gestohlenes Original-Mosaik wurde 1997 in Bremen von der Polizei beschlagnahmt. Es war für 2,5 Mio. $ auf dem illegalen Kunstmarkt angeboten worden. Aus diesem Vorfall entstand die Vermutung, dass das Bernsteinzimmer 1945 zerlegt und in Einzelteilen versteckt oder verkauft worden sei.

Trotz zahlreicher Theorien und Suchaktionen ist das Bernsteinzimmer nicht wieder aufgetaucht. Angebliche Zeitzeugen, Schatzsucher/innen und selbst Verschwörungsanhänger/innen haben in den vergangenen sechs Jahrzehnten Hinweise gegeben und Lösungen angeboten. Insgesamt wurden bisher mehrere hundert Orte benannt, wo das Zimmer geblieben sein könnte. Beschrieben wurden osteuropäische Bergwerke, z.B. in Tschechien, Stollen in Wuppertal, eine ehemalige Festung des Deutschen Ordens nahe Königsberg und unterirdische Gewölbe im Erzgebirge, wo die Nationalsozialisten andere Kunstwerke untergebracht hatten.

In der DDR ist aufgrund von Hinweisen auf den Verbleib des Bernsteinzimmers an mehr als 130 Orten gesucht worden. Erfasst wurden zum Beispiel militärische Übungsplätze, Bunker, bergbauliche Anlagen, natürliche Verstecke wie die Barbarossa-Höhle in Thüringen oder unterirdische Produktionsstätten für Militärzwecke, wie es sie in den Schlussjahren des Krieges verschiedentlich gegeben hat. Alle Bemühungen blieben erfolglos.

Die Suche geht jedoch weiter. Manche setzen ihre Hoffnung auf neue Technologien. So wird das Zimmer immer noch in Kellern und Verstecken des zerstörten Schlosses in Königsberg vermutet und gesucht. Zeitweise wurde angenommen, das Zimmer sei im Januar 1945 in dem torpedierten und gesunkenen Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff gewesen. Inzwischen ist in der Ostsee ein anderes Schiffswrack entdeckt worden (die ‘Karlsruhe’), womit Überlegungen, das Bernsteinzimmer läge in einem Wrack, Aufschwung genommen haben. 2021 fand ein Taucherteam dort zwar Kisten mit wertvollem Porzellan, aber ansonsten nur Militärfahrzeuge, Ersatzteile und Werkzeuge. Weitere Untersuchungen fanden aus rechtlichen und finanziellen Gründen nicht mehr statt.

Die neue Vermutung, dass das Bernsteinzimmer in der Kaschubei versteckt sei, beruht im wesentlich auf der Tatsache, dass dort ein geheimer Bunker, ein SS-Übungsgelände und ein See existieren. Ein hoher SS-Funktionär soll den Standort verraten haben. Ein LKW-Konvoi mit Wertgegenständen und Kunstwerken aus Königsberg habe damals die Autobahn auf seinem Weg nach Berlin verlassen und sei in Richtung Oder gefahren. Zehn Jahre lang wurde bislang bereits dort nachgeforscht. Mitte 2025 hat die Denkmalbehörde eine Genehmigung für archäologische Untersuchungen erteilt.

Manche Behauptungen entstammen wohl eher der Fantasie als konkreten Überlegungen. Immerhin hat es bislang eine Reihe von Filmen und Romanen gegeben, die sich recht kreativ mit dem Verbleib des Bernsteinzimmers befasst haben. In diese Rubrik passt auch das Gerücht. dass Nationalsozialisten bei ihrer Flucht nach Südamerika – ein damals beliebter Weg des Verschwindens – das Bernsteinzimmer mitgenommen hätten.

2008 veröffentlichte der Autor Martin Stade ein 280 Seiten starkes Buch „Vom Bernsteinzimmer in Thüringen und anderen Hohlräumen“; 2025 gab es eine Neuauflage. Stade, inwischen verstorben, beschreibt recht detailliert, wie der Transport von Königsberg in Kasernenbunker in Weimar erfolgt sei. Dazu legt er eine Reihe von Belegen vor, die seine Theorie unterstützen. Zudem berichtet er über erstaunliche Ereignisse am Kriegsende in Thüringen und über verschiedene Täuschungsmanöver und das Legen falscher Spuren zum Verbleib des Zimmers. Allerdings blieben selbst aufwändige Suchaktionen in Weimar erfolglos. 

Über Heiner Jüttner:

Avatar-FotoDer Autor war von 1972 bis 1982 FDP-Mitglied, 1980 Bundestagskandidat, 1981-1982 Vorsitzender in Aachen, 1982-1983 Landesvorsitzender der Liberalen Demokraten NRW, 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.

Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Rolf Sachsse

    Sehr schöner, umfassender Bericht, dem ich gern weitgehend folge. Ein kleiner Punkt ist allerdings anders: Als das Zimmer nach Königsberg verlegt wurde, wartete dort die damals bereits hoch renommierte Fotografin Helga Glassner (ab 1944 Schmidt-Glassner [1911-1998]) mit einem Dokumentationsauftrg für ganz Ostpreussen und nahm das Zimmer in Schwarzweiß und Farbe auf. Ein SW-Foto ist online bei Foto-Marburg abrufbar, ein farbiges Foto von der großen Prunkwand ist an vielen Stellen im Netz auffindbar, dort meist mit falscher Datierung – da Helga Glassner sehr viele Farbfotografien anfertigte, dürfte diese eine Aufnahme auch von ihr stammen. Das Bild ist als großer Duxochromie-Druck von ca. 30 x 40 cm hergestellt worden (das Verfahren hier zu beschreiben, sprengt den Blog), den wiederum hat entweder Hermann Harz oder Rolf-Werner Nehrdich ausgeführt, die beide eine Lizenz der Bremer Firma Herzog (=Dux) hatten. Leider ist der Nachlass von Helga Schmidt-Glassner durch ihre Arbeit mit zwar renommierten, aber wenig kapitalstarken Verlagen nahezu komplett verloren. Die ‘vergilbten SW-Bilder’ sind ein beliebtes Sprachmotiv der Restaurator*innen zur Aufwertung ihrer Arbeit.

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