Nachrichten aus Nordrokea

Mein guter alter Freund deng-ma-mit hat in unserem Kloster gu-lag-um-deng Aufnahme gefunden. Dies ist verständlich: er hatte sehr viele falsche Informationen geglaubt und deshalb seinen Pfad verloren. An seinem Beispiel kann man sehen, wie gefährlich die ausländischen und boshaften Falschmeldungen auf einen kleinen Teil unseres Volkes wirken können.

Unsere letzten Diskussionen lauteten in etwa: wir sind eine starke Volkswirtschaft in unserer Region.

Wie kann es sein, dass unser Öffentlicher Verkehr nicht verlässlich ist und bei schlechtem Wetter zusammenbricht? In unseren Nachbarländern ist dies nicht der Fall.

Wie kann es sein, dass viele unserer Kinder in der Schule kaum das nötigste lernen und Schwierigkeiten mit dem Verstehen komplizierter Texte haben? Warum können wir unseren Kinder in der Schule kein ausreichendes Essen gewährleisten?

Wie kann es sein, dass die Versorgung unserer Alten und Kranken nicht ausreicht und eine Rendite erwirtschaften muss?

Warum schafft unser Land keine zuverlässige Betreuung von Kindern?

So waren seine Einwände hinsichtlich der Zustände in unserem beispielhaften und fortschrittlichen Land.

Natürlich ist er damit der ausländischen Propaganda zum Opfer gefallen.

Aus unseren Medien wissen wir: es gibt viele Krisen auf dieser Welt. Wir müssen uns dafür wappnen.

Alles wird knapp! Da muss man sich halt auf eine weniger verlässliche Infrastruktur einstellen – und ebenso auf die Tatsache, dass nicht alle Alten und Kranken ausreichend versorgt werden können.

Die Wohltaten eines starken Sozialstaates fallen nicht vom Himmel. Um diesen
starken Staat zu erhalten, müssen wir alle unsere Gürtel enger schnallen und mehr für unser Gesellschaftsmodell arbeiten.

Dies hat unser überaus demütiger, mitfühlender und geschätzter Führer fitz-kan-nix erst neulich angemerkt: wir müssen mehr arbeiten!

Mein alter Freund deng-ma-mit hatte nun argumentiert: in den vergangenen 30 Jahren haben sich für den großen Teil der Bevölkerung die Lebensbedingungen nur verschlechtert. Demgegenüber habe der Reichtum einiger Weniger zugenommen. Das hielt er für eine Fehlentwicklung.

Dies mögen auf den ersten Blick unverständliche Entwicklungen sein. Aber: wir wissen doch aus unseren allwissenden Medien, dass sich die Lebensverhältnisse für unsere Volksangehörigen nicht bessern können, wenn es nicht genügend reiche Menschen gibt, die unserer Volkswirtschaft die richtigen Impulse für den Reichtum der Gesellschaft geben.

Der Reichtum gehört den Reichen! Das sagt ja schon das Wort! Und da sie – teilweise bereits seit Generationen – den richtigen Umgang mit dem Reichtum erlernt haben, sollen sie ihn auch verwenden.

Ich bedaure das Schicksal meines Freundes deng-ma-mit. Aber ich bin inzwischen zuversichtlich. Aus seiner Zelle schreibt er, dass er neben der Arbeit täglich von den Ermahnungen unseres Staatsfernsehens lernt. Diese werden ihm ununterbrochen vorgespielt.

Wir sehen: auch in unserem Land kann man hinzulernen. Boshafte und tendenziöse falsche Vorstellungen aus dem Ausland können korrigiert werden.

Und dabei helfen ihm die vielen Nachrichten aus unserem Staatsfernsehen. Dort erhalten unsere Wirtschaftweisen täglich Gelegenheit, die Wahrheit zu verkünden. Unsere Wirtschaftsweisen werden weltweit geschätzt. Unabhängig und neutral legen sie ständig Zeugnis ab über unsere Volkswirtschaft. Ihre Prognosen treffen immer zu. Legendär bleibt ihre Vorhersage der letzten Finanzkrise. Und sie weisen auf mögliche Gefahren für unser Volk hin. Sie warnen davor, den Reichtum in die falschen Hände fallen zu lassen. Außerdem sollen ungerechtfertigte Forderungen von Teilen unserer Bevölkerung hinsichtlich “sozialer Wohltaten” ignoriert werden.

Auf diese Zusammenhänge hat unser großartiger und weiser Führer friz-kan-nix neulich noch einmal eindrücklich hingewiesen. Aufgrund seiner umfangreichen Erfahrungen, die er bei der weltumspannendenn NGO Schwarzer Fels gesammelt hat, weiß er: die Lösung kann nur mehr Arbeit sein.

Wenn es um die Schulen schlecht bestellt ist: dann müssen die Anstrengungen des Lehrpersonals verdoppelt werden. Wenn es um die Pflege alter und kranker Menschen schlecht bestellt ist: dann muss das Pflegepersonal sich mehr bemühen. Wie anders soll das gehen?

Unser weitsichtiger und kluger Führer fritz-kan-nix kann sich schließlich nicht um alles kümern. Er vertritt unser Volk auf der Welt. Er bemüht sich um die Verteidigung unseres Landes und er pflegt den Reichtum. Da kann er nicht auch noch alltägliche Sorgen einfacher Menschen lösen.

Und ich hoffe, mein Freund denk-ma-mit wird letztlich zur Vernunft kommen. Wir alle müssen für das Wohl des Volkes kämpfen und gegebenfalls auch leiden!

Über Petra Lustig:

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