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Kolkata

Vom Museum zur Smart-City in den Selbstmord

Die Großstadt Kolkata ist ein lebendes Museum mit 5 Millionen „Schauspielern“, die Indien vor 100 Jahren nachstellen. Doch anstatt dies zu nutzen, zerstören die politischen Verantwortlichen im Wachstumswahn die Zukunft von 16 Millionen Menschen.

Für Gäste, die Kolkata aus der Luft erreichen, kommt die erste Überraschung schon beim Landeanflug, wie mir eine Dame vor einer Woche aufgeregt mitteilte: „Dann tauchte doch wirklich ein Berg aus dem Nebel auf“.

Die Irritationen für die Dame gingen weiter, als sie die Innenstadt erreichte: Fast alle Gebäude stammen aus der Kolonialzeit und aus den meisten wachsen Sträucher und Bäume, trotzdem leben Menschen darin. Fast alle Häuser fallen unter den Denkmalschutz, so dass Reparaturen nur originalgetreu ausgeführt werden dürfen. Das Ergebnis kann in meinem Hotel aus dem Jahr 1910 beobachtet werden. Zwei Brüder hatten das Gebäude geerbt und liegen seitdem miteinander im Rechtsstreit. Jeder hat aus einer Hälfte ein Hotel gemacht. Sobald der eine beginnt, nötige Reparaturen preisgünstig auszuführen, ruft der andere die Polizei.

So wurde auch die Dame in unserem Hotel darauf hingewiesen, sich auf der Terrasse nicht an die Balustrade zu lehnen, da diese wackelt und samt Gast hinabstürzen könnte. Sie wurde zudem darauf verwiesen, sich in einer Ecke des Hotels nicht an ein Gitter zu lehnen, denn das könnte zum plötzlichen Tod durch Stromschlag führen. Dass sie morgens mit Putz von der Decke auf dem Bett aufwachte, bekam sie gefahrlos selber mit. Die Ratten im Hotel hielt sie zuerst für Katzen, die es auch gibt, bis diese ihr ein langschwänziges Nagetier vor die Tür legten.

Da auch diese Dame das Hotel nach einer Nacht verlassen hat, führe ich sie jetzt weiter alleine durch die Stadt.

Zweitlauteste Stadt Indiens, Platz 11 weltweit

Aus dem Hotel nahe der Sudder Street getreten, geht’s um zwei schmale Ecken und sofort verstehen sie, dass sich in Kolkata tagsüber bis zu 50.000 Menschen auf einen km² tummeln. Dazu verstehen sie auch, warum die Stadt mit einem Durchschnittslärm von 89 Dezibel im Straßenverkehr die zweitlauteste Stadt Indiens ist. Auf der Straße schiebt sich hupend der motorisierte Verkehr zentimeterweise voran. Mitten drin, gelbe Ambassador Taxen aus den 1960er Jahren. Dazu alte, spindeldürre Männer, die in Wickelröcken stecken und eine hölzerne Rikscha hinter sich herziehen, auf der in der Regel korpulente Frauen in farbenfrohen Saris sitzen. Die alten Taxis sind mittlerweile aus Umweltgründen verboten: 4500 haben noch bis Ende 2026 eine Lizenz zum weitefahren. Die hölzernen Rikschas sind eigentlich auch verboten, dürfen aber noch solange rollen, wie die Alten sie ziehen können.

Die Bürgersteige sind nicht zu sehen, da mit Essens- wie Chaiständen zugestellt. Unter den Menschenmassen, die sich auf dem löchrigen wie unebenen Wegen an den Ständen vorbeiquetschen, liegt alle zehn Meter einer der 84.000 Straßenhunde Kolkatas. Irgendwo müssen sie sich ja ausruhen und irgendwo müssen die 5 Millionen Einwohner und die Millionen Pendler täglich essen und trinken – die Hälfte scheint dies auch andauernd zu tun. Genau das verleiht diesem Chaos seine Besonderheit: Überall „Wellenbrecher“ an denen sich Mensch niederlässt und mit Freunden zumindest gedanklich für kurze Zeit der Realität entschwinden kann.

Gemüse im Müll

Nach 100 Metern löst ein heftiger Gestank die rußige Luft Kolkatas ab, die es im Winter locker mit der Luftverschmutzung Delhis aufnehmen kann. Der beißende Gestank stammt vom Hühnermarkt der hier beginnt. Direkt daneben wird Fisch, Gemüse und Obst verkauft: In Kolkata sind eh nahezu alle frischen Lebensmittel schwer mit Schadstoffen belastet.  Mitten im Hühnermarkt eine Müllsammelstelle. Dort steht ein Laster der staatlichen Müllabfuhr. Auf den springen wir jetzt auf, denn dort wo er den Müll hinbringt, kommt auch ein Großteil des Gemüses für die Stadt her. Los geht’s in östlicher Richtung.

Auf der Lenin-Saraini-Road das gleiche Bild von alten Kolonialgebäuden, einer Blechlawine und Menschenmassen. Der Straßenname Lenin kommt daher, dass bis 2011 die Kommunistische Partei Indiens (CPI-Marxist) die Stadt Kolkata und den Bundesstaat West Bengalen für 34 Jahre regiert hat. Deswegen sehen sie noch immer überall in der Stadt ihre roten Parteifahnen. Zwar konnte die CPI-M bei den letzten Wahlen 2021 nicht einen einzigen Sitz gewinnen, aber sie hat immer noch eifrige Mitglieder: Auch im Verprügeln neuer, linker Gruppen, die mal andere linke Ideen ausprobieren wollen. 

An einer Kreuzung stoppt die Blechlawine, und plötzlich ist ein Quietschen und Krachen zu hören. Die Gemüsehändler am linken Straßenrand schnappen sich hastig ihre Körbe und machen, dass sie davonkommen. Im gleichen Augenblick rollt ein verrostetes Ding aus Eisen um die Ecke, das pink, blau und gelb schimmert: Ein nie eingesetzter Spezialpanzer der britischen Kolonialherren aus dem 1. Weltkrieg? Nein, eine elektrische Straßenbahn – die fuhr hier schon, da dachte noch niemand an den 1. Weltkrieg.

Abwasserreinigung

Doch drei Kilometer weiter östlich eine völlig andere Welt: Gemüsefelder soweit das Auge reicht. Links und rechts entlang der Hauptstraße Wolkenkratzer und in der Mitte eine oberirdische Metro, die noch nicht in Betrieb ist. Richtung Osten sind Gemüsefelder zu sehen, dahinter Fischteiche: Erst vor 30 Jahren fand Dr. D. Ghosh heraus, dass die Bewohner der Feuchtgebiete seit Jahrzehnten das Abwasser Kolkatas reinigen und damit auch noch Geld verdienen: in einem sensiblen biologischen Prozess, bei dem sich organischer Abfall auf dem Grund absetzt und dann mit Hilfe von Bodenbakterien, Makroalgen, Pflanzenbakterien und Pflanzen zu Fischfutter zersetzt wird.

Kolkata: Ein lebendes Museum mit dem Hugli Fluss, der Zugang zum 60 km entfernten Golf von Bengalen hat. Feuchtgebiete, die im internationalen Ramsar-Abkommen geschützt sind und Fischer die das Abwasser der Stadt reinigen – was die politischen Verantwortlichen daraus machen, riecht und sieht man jedoch selbst in den Feuchtgebieten. Denn mittendrin steht der 24 Hektar große Müllberg Dhapa, den auch die Dame beim Landeanflug bestaunen durfte und kokelt vor sich hin. Sein hochgiftiges, kupferfarbenes Abwasser läuft in Rinnsälen in die Gemüsefelder.

Beton-Slums

Seit 2011 erzählt die Chief Ministerin von West-Bengalen, Mamata Banerjee, was sie Schönes aus Dhapa machen will, so wie Strom aus Müll.  Dann solle Dhapa geschlossen und ein moderne Müllindustrie im Süden von Kolkata aufgebaut werden. Doch als ich dort vorbeischaute, wusste niemand etwas davon. Dazu zählte ich alleine auf 5 km² private Bauprojekte für die obere Mittelklasse im Wert von einer Milliarde US-Dollar, inmitten von Dörfern und Wäldern. Überall um Kolkata schießen diese Beton-Slums wie Pilze aus der Erde, so leben in seinem Großraum mittlerweile 16 Millionen Menschen.  Doch nun ist die Katze aus dem Sack: Direkt neben dem Müllberg-Dhapa will die Regierung 77 Hektar Land erwerben – also dort wo die Teiche und Gemüsefelder liegen – um Platz für mehr Müll zu haben, denn ansonsten ist alles verbaut.

Laut Satellitenbildern sind die östlichen Feuchtgebiete von 1991 bis 2021 von 65 Km² auf 42 Km² geschrumpft, dabei regulieren sie das Klima der Stadt, schützen vor Überschwemmungen und füllen die Grundwasserspeicher der Stadt auf. Die Folgen der Verdichtung Kolkatas sind schon jetzt dramatisch: Der Grundwasserspiegel ist so stark gefallen, dass sich der Fluss des Grundwassers umgekehrt hat: So sind schon jetzt 75 Prozent des Grundwassers mit Brackwasser versalzen. Dazu ist durch die spezielle Bodenstruktur Kolkatas aus Lehm und Sand, die kaum noch befeuchtet werden, ein Unterdruck entstanden, der in Zukunft überall zu spontanen Erdeinbrüchen führen kann, beschrieb mir Kolkatas Wasserexperte Pradip K Sikdar.

Wüstenbildung in der Stadt

Zudem erreicht Kolkata schon jetzt zwischen April und Mai Spitzentemperaturen bis zu 43,5 °C Grad, was in Zusammenhang mit der maximalen Luftfeuchtigkeit, die hier im Sommer herrscht, dramatische Auswirkungen hat: Eine Temperatur von 50 °C mit einer Luftfeuchte von 80 Prozent besitzt zum Beispiel eine Kühlgrenztemperatur von 36 °C. Schon bei einer Kühlgrenztemperatur von 35 °C ist menschliches Überleben nicht mehr möglich, da sich der menschliche Körper durch Schwitzen nicht mehr selbst abkühlen kann. Bis 2052 sollen die Temperaturen in Kolkata bis 48 °C  ansteigen, sagt die Wissenschaft, dann könnte Kolkata einer Wüste gleichen, warnen Forscher.

Die Regierung setzt nun alle Hoffnungen auf New Town, eine Smart City nördlich neben den Feuchtgebieten. Entworfen am Reißbrett mit ausgiebigen Grünflächen und breiten Bürgersteigen. Mit nachhaltiger Wasserinfrastruktur. Der Strom soll aus erneuerbaren Energien gewonnen werde. Dazu soll New Town alles andere bieten, was eine nachhaltige, lebenswerte Stadt haben sollte. 

Vor zwei Jahren war ich das letzte Mal dort. Mein Fazit: kann vielleicht etwas werden. Bei meinem letzten Besuch vor 10 Tagen war ich schockiert. Die breiten Straßen für die Autos gibt es immer noch, auch die Bürgersteige, doch von denen waren viele schon abgesackt. Die Grünanlage vor dem kleinen Clock-Tower war mit Plastikabfällen übersät und plattgewalzten Bau-Müll. In der Action Area 1 stehen die ersten Slumhütten und auf den Bürgersteigen Chai- und Essenstände. Da Arbeitskraft in Indien billig ist, hat jede Familie der Mittelklasse Haushaltshilfen und die ziehen ihrer Kundschaft hinterher. Am nördlichen Ende des Viertels haben Laster Bauschutt abgeladen, der von den Vierteln stammt, die gerade fertig gestellt werden. Genau das gleiche berichten Anwohner und Journalistin aus der Gegend Action Area 2.

Es wird heiss – in jeder Hinsicht

 Vor und neben jeder Metrostation, die noch nicht eröffnet sind, sammeln sich Bauschutt, Müll und menschliche Fäkalien. Obwohl New Town noch nicht einmal zur Hälfte fertig gestellt ist, ist der Müllberg Dhapa mit dem zusätzlichen Abfall der Smart-City überfordert. Laut einer Studie sind die Spitzentemperaturen in New Town beschleunigt durch die Urbanisierung von 29.18°C im Jahr 1991 auf 34.61°C gestiegen. Im Herbst von 19.18°C auf 27.11°C .  Laut Masterplan von 2017 hatten die Verantwortlichen von New Town versprochen, 2000 Hektar Fläche wieder in Feuchtgebiete umzugestalten. Doch wie Geographen der Presidency Universität herausfanden, ist dies nur bei 100 Hektar wirklich passiert .

Ende Januar brannte ein Lagerhaus der Fastfood-Kette „Wow! Momo“ im Osten Kolkatas nieder. Mindestens 25 Menschen starben. Anschließend stellten Journalistin und die Polizei fest, dass an Stelle des Warenhauses eigentlich Feuchtgebiete sein sollten. Bei einem zweiten Blick kam ans Licht, dass direkt neben der Unglückstelle Lagerhäuser von Amazon, Flippcard und einer Reihe anderer „moderner“ Unternehmen stehen. 10 Kilometer östlich von den Lagerhäusern in Bantala, steht der größte Ledergerbeipark Asiens in den Feuchtgebieten und produziert wie Amazon und Co. Wachstum. Die Unternehmen haben gemeinsam, das in ihren Preiskalkulationen die Kosten der Zerstörungen der Lebensgrundlagen Kolkatas, ignoriert werden.

Deutsche Satire – billig wie dreckiges Leder

In der aktuellen Heute Show vom 30. Januar machte sich Oliver Welke über die Partei der Grünen lustig, die mit ihrer Klage das neue Handelsabkommen zwischen der EU und Indien verhindern könnten. Was Welke nicht sagte, dass die Grünen damit auch noch mehr billiges Leder aus Bantala für Deutschland und andere Sauereien verhindern würden

 Dabei zeigte die Heute Show noch vor 7 Monaten einen Beitrag von Moritz Neumeier, der beschrieb, warum die Reichen immer reicher werden und der Masse der Menschen Rechtsruck und Zerstörung bleibt. Nennt sich Kapitalismus, und Amazon kommt auch drin vor. Wenn also nicht einmal Welke und sein großes Team ein Gedächtnis haben, dass ein paar Monate weit reicht, ist es billig wie dreckiges Leder nur Indien anzuklagen – oder nur Deutschland.

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.

Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Gilbert Kolonko

    Im letzten Artikel beschrieb ich, das selbst Modi treue Medien langsam die Geduld verlieren und die krassen indischen Realitäten aussprechen.
    Darunter, dass ein junger Mensch in Delhi mit seinem Auto in einen Abwasserkanal fiel und ertrank.
    Gestern starb ein 25-jähriger Mann in Delhi, als er mit seinem Motorrad in ein 4 Meter tiefes Loch gefallen war, das Straßenarbeiter ohne Absperrung hinterlassen hatten.
    Vor ein paar Jahren wäre das eine kleine Unfallmeldung in den Medien gewesen, wenn überhaupt. Heute berichten Zeitungen wie der Indian Express in ihrer Printausgabe auf der Hauptseite über den Tod des jungen Motorradfahrers. 25-years old dies after bikenfalls into 4 m picks indian express
    Die Veränderungen in Indien sind im Gange, doch noch mehr dreckige Billigindustrie für Europa ist dabei sicherlich nicht hilfreich.
    Der Grund der Bauarbeiten, die das Loch in der Straße hinterließen, war, dass ein altes Abwasserrohr kollabiert ist: Indiens Wasser-Infrastruktur ist in einem katastrophalem Zustand.

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