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Blattkritik – Tagesschau

Die ARD-aktuell-Redaktion in Hamburg irrt, wenn sie meint zumutbarer werden zu müssen – sie organisiert ihren Abstieg

Die Tagesschau in der ARD gibt es seit 1952. Seitdem wurde ihr von was-mit-Medien-Fuzzys beständig nachgesagt, sie sei “zu steif”, “zu konservativ”, “zu brav” und selbstverständlich “zu langweilig” und “zu unlocker”. Gleichzeitig war und ist sie die meistgeguckte Nachrichtensendung des German Television. Allerdings: dass sie das immer noch ist, liegt auch daran, dass die anderen Nachrichtensendungen anderer Sender auch immer weniger geguckt werden. Immer mehr Menschen vermeiden all die schlechten Nachrichten.

Das lässt die Hamburger Redaktion schon lange nicht mehr ruhen. Sie praktiziert nun seit einiger Zeit folgende Veränderungen mit dem Motiv und der Absicht der “Modernisierung”:

– Die Sprecher*innen sitzen nicht mehr am Tisch und lesen Nachrichten vor, sondern stehen an verschiedenen Stellen des Studios und performen mit ihrem ganzen Körper – wie es fast alle Moderator*inn*en fast aller anderen moderierten Magazine auch tun.

– Dabei moderieren die Sprecher*innen immer weniger journalistisch gebaute Filmbeiträge (= journalistischer Arbeitsaufwand), sondern interviewen live Korrespondent*inn*en, die sich vor eine Kamera stellen, und die vorbereiteten 2-3 Fragen mit vorbereiteten 1-2 Sätze langen Antworten versehen (= billiger: ihre Gehälter sind “Sowieso-Kosten”)

– Dieses Performen einzelner Personen befriedigt deren Eitelkeit, Selbstgefühl von Wichtigkeit, sowie ihre Einbildung von Prominenz (ähnlich der “Presenter”-Pest in substanzarmen Dokumentationen). Diese Subjekte interessieren die Zuschauer*innen nicht. Zwar ist es nicht grundsätzlich verkehrt, Gesicht zu zeigen (Singular, nicht unendlicher Plural!). Der Kern aber ist die Nachricht. Wenn überhaupt eine übermittelt wird. Die Nachricht, dass Trump mit seiner Zollpolitik vorm mehrheitlich von ihm selbst nominierten Supreme Court vor die Wand gelaufen ist, machte gestern allein ein Drittel der Sendezeit aus.

– Das “Auflockern” geht so weit, dass zu einer verlesenen Nachricht zum Iran alte Teheraner Archivbilder vom dortigen Strassenverkehr abgespielt wurden (ab Minute 5:20), nur damit in den rund 20 Sekunden niemand aus Langeweile umschaltet: journalistisch nichtsnutzige Bewegtbilder.

– Der Zeitverbrauch der immer zahlreicheren und scheinaktuellen Live-Gespräche verbraucht viel von der knappen 15-minütigen Sendezeit, und verringert damit den Informationsgehalt der Gesamtsendung zugunsten der Verkündigung der Welt- und Politiksicht einzelner Korrespondent*inn*en. So entstehen immer riesigere blinde Flecken in der Welt, von denen das Tagesschau-Publikum nichts erfährt. Spart aber viel Geld für teure Korrespondent*inn*enstellen.

Diese Verkündigung ist das Kernproblem. Im inflationären Talkshowtrash gibt es nichts Anderes als – meistens billige – Verkündigung. In den bei den Programmdirektionen und Quotenhengsten verhassten Politmagazinen gehört Verkündigung von Analysen und Einschätzungen zum Konzept. Auch bei den “Tagesthemen” der gleichen Redaktion ist das so.

Dass die “Tagesschau” um 20 h dem angeglichen wird, ist ein schwerer Fehler. Ihre Marke wird damit abgeschliffen. Und am Ende zerstört. Neben dem “Tatort” die letzte wertvolle massenwirksame Marke der ARD.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger

Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Helmut Lorscheid-Hauschild

    Ich schaue mir die Tagesthemen schon fast 10 Jahre nicht mehr an, die Tagesschau seit rund 8 Jahren auch nicht mehr. Manchmal schaue ich kurz mal rein, aber die ganze Zeit über schon lange nicht mehr. Das meiste, über das da geredet wird, habe ich tagsüber schon mit bekommen, ich bekomme als Journalist noch immer reichlich Post aus Berlin und Brüssel.

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