Das Café am Winterfeldtplatz war ein Ort, der aus der Zeit gefallen schien. Hohe Decken mit dezentem Stuck, Marmortische, die die Kälte des Januars speicherten, und das gedämpfte Klappern von Porzellan schufen eine Kulisse, die wie geschaffen war für ihr Vorhaben, das „Sie“ in eine bewohnbare Nähe zu verwandeln.

Clara und Erik saßen sich gegenüber. Erik hatte seinen Mantel mit einer fast zeremoniellen Sorgfalt über die Lehne gehängt. Er wirkte heute schmaler, seine Bewegungen waren von einer bedachten Langsamkeit, die Clara anfangs für reine Höflichkeit gehalten hatte, die sie nun aber mit anderen Augen zu lesen begann.

Es ist seltsam“, begann Erik und rührte behutsam in seinem schwarzen Tee, ohne den Löffel gegen das Glas schlagen zu lassen. „Wir verbringen so viel Zeit damit, uns hinter Fassaden zu verbergen, dass wir fast verlernen, wie man eine Tür auch nur einen Spaltbreit öffnet, ohne dass es gleich zieht.“

Clara lächelte und legte ihre Hände flach auf den kühlen Marmor. „Vielleicht ist das ‚Sie‘ dieser Spalt, Erik. Es erlaubt uns, den anderen zu sehen, ohne ihn sofort zu besitzen oder einzuordnen. Aber sagen Sie mir… warum haben Sie sich entschieden, diese Tür ausgerechnet jetzt wieder aufzustoßen? In der Universität wirken Sie oft so, als würden Sie eine ganz eigene Zeitrechnung verfolgen.“

Erik sah sie lange an. Sein Blick war klar, aber da war eine Nuance von Erschöpfung, die nichts mit Schlafmangel zu tun hatte. „Man nennt es eine ‚eingeschränkte Belastbarkeit‘, Clara. Ein Herzfehler, der mich vor zwei Jahren zwang, mein Tempo radikal zu drosseln. Es ist kein Todesurteil, aber es ist ein Handicap, das dem Leben sehr unbequeme Fragen stellt. Man kann nicht mehr rennen, weder beruflich noch privat. Man muss lernen, im Gehen zu verweilen. Die Soziologie ist für mich der Versuch, die Welt in diesem langsamen Takt neu zu begreifen.“

Clara spürte einen Kloß im Hals. Es war kein Drama, das nach Mitleid schrie, sondern eine stille Tatsache, die seine ganze Erscheinung erklärte. Bevor sie antworten konnte, wurde die intime Stille zwischen ihnen jäh unterbrochen.
Erik? Das ist ja ein Ding! Man sieht dich ja gar nicht mehr im Borchardt!

Eine Frau in einem perfekt geschnittenen, kamelfarbenen Kaschmirmantel war an ihren Tisch getreten. Sie verströmte eine Wolke aus teurem Parfum und eine Energie, die den Raum augenblicklich kleiner wirken ließ. Ihr Blick scannte Clara innerhalb von Millisekunden – fachmännisch, kühl und leicht amüsiert.

Beatrice“, sagte Erik, und Clara bemerkte, wie sich sein Rücken versteifte, während seine Stimme die gewohnte Ruhe bewahrte. „Guten Abend.

Guten Abend?“, echote Beatrice und lachte ein kurzes, vorlautes Lachen. „Ist das jetzt dein neuer Stil? Du sitzt in Schöneberg und trinkst Tee? Und wer ist das hier? Eine neue Forschungsreihe über das Berliner Prekariat?“ Sie sah Clara direkt an, ein Lächeln auf den Lippen, das ihre Augen nicht erreichte. „Ich bin Beatrice. Eriks… sagen wir, seine letzte große Fehlentscheidung, bevor er beschloss, ein Eremit zu werden.“

Clara spürte, wie das Blut in ihre Wangen stieg, doch sie bewahrte die Haltung. „Clara Jensen“, sagte sie ruhig. „Ich bin Dozentin am Institut. Und wir führen gerade ein Gespräch, das weit über das Prekariat hinausgeht.

Beatrice zog eine Augenbraue hoch. „Dozentin. Ach Gott, Erik, du bleibst dir treu. Immer der Geist vor dem Körper. Na ja, ich will die Sitzung nicht stören. Aber Erik, falls du doch mal wieder Lust auf echtes Leben hast – und nicht nur auf Fußnoten –, meine Nummer ist die gleiche. Schönen Abend noch, Sie beide.“

Mit einem kurzen Winken verschwand sie in Richtung Ausgang, wobei sie eine Spur von Unruhe hinterließ. Erik starrte schweigend in seine Tasse. Die Stille am Tisch war nun eine andere. Das Handicap, das er gerade angedeutet hatte, schien durch den Auftritt seiner Ex-Frau eine schmerzhafte Kontur bekommen zu haben.

Es tut mir leid, Clara“, sagte er schließlich leise. „Beatrice hat… eine sehr effiziente Art, alles zu entmystifizieren.
Sie hat gar nichts entmystifiziert, Erik“, antwortete Clara fest und suchte seinen Blick. Sie spürte eine unvermutete Zuneigung zu diesem Mann, der sich weigerte, in Beatrices Tempo zu funktionieren. „Sie hat nur gezeigt, dass sie den Wert des Gehens noch nicht verstanden hat. Und was Ihr Herz betrifft… vielleicht ist ein Herz, das langsamer schlägt, einfach nur gründlicher beim Fühlen.“

Eriks Augen leuchteten für einen Moment auf. Er legte seine Hand vorsichtig in die Nähe ihrer Hand, ohne sie zu berühren – eine Geste, die in ihrer Diskretion mehr Annahme enthielt als jede stürmische Umarmung. „Sie haben eine bemerkenswerte Art, die Dinge zu sehen, Clara“, sagte er. „Darf ich Sie nächste Woche wiedersehen? Ganz ohne Überraschungsbesuche aus meinem früheren Leben?

„Ich würde es sehr bedauern, wenn nicht, Erik“, antwortete sie.

Als sie das Café verließen, war die Luft eisig, doch Clara fühlte eine Wärme, die tiefer saß als der dicke Wollschal um ihren Hals. Sie hatten die erste Hürde genommen – die Grammatik der Annäherung war kompliziert, aber sie war bewohnbar geworden.

Dies war Kapitel 6, nächste Woche lesen Sie in Kapitel 7: Das Licht im Schatten

Anregungen, Anmerkungen oder sachliche Kritik nehme ich mit großem Interesse zur Kenntnis, vor allem, um zu erfahren, was die Leserinnen und Leser bewegt. Gerne beantworte ich offene Fragen, nehmen Sie sich die den Moment im Kommentarfenster zu diesem Kapitel. Bis zur nächsten Woche verbleib ich, Ihre Clarissa Vogler


Jede Art der Vervielfältigung, Weitergabe von Inhalten – auch in abgeänderter Form oder auszugsweise – nur mit Zustimmung der Autorin Dr. Clarissa Vogler über den extradienst.net


Über Dr. Clarissa Vogler:

Avatar-FotoUnter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.