Wie das Land aus der Politik einen Witz gemacht hat

In Peru ist Politik zu einem tragikomischen Spektakel verkommen. Zwischen wiederkehrenden Krisen, einer apathischen Bürgerschaft und einer Kultur, die Schlitzohrigkeit normalisiert, dient Lachen der kollektiven Betäubung. Wofür steht dann die Präsidentschaftskandidatur des Komikers Carlos Álvarez bei den anstehenden Wahlen im April?

In Peru gelten seit einigen Jahrzehnten Korruption, Betrug, Schwindel und Lügen nicht mehr als gravierende Probleme. Die wiederkehrenden sozialen und politischen Krisen haben uns abgehärtet. Wir haben uns daran gewöhnt. Wir haben gelernt, damit zu leben.

Es gibt kein kollektives Ziel. Individualismus und Egoismus wachsen unaufhaltsam. Es gibt keine langfristigen Visionen, nur eine Logik des Überlebens, in der Erfolg selten mit Anstrengung oder Arbeit, vielmehr mit List, Betrug oder Lüge verbunden ist: wilder Kapitalismus. Wir sind für unsere reichhaltige Küche bekannt und dafür, dass wir fast jedes Mikroklima der Welt aufweisen. Gleichzeitig für eine reiche und komplexe Geschichte, die die meisten nicht nur nicht kennen, sondern die ihnen zu lästig ist, sie kennenzulernen. Genau dort beginnen unsere Probleme.

Die Eigentümer*innenversammlung als Metapher für Peru

Ein alltägliches Beispiel hilft das zu verstehen: Ich lebe in einem Gebäude an der Promenade von Miraflores, einem gehobenen Stadtviertel in Lima. Wir sind etwa 40 Nachbar*innen und ich kenne nur drei. Wir grüßen uns mit einem Kopfnicken. Es gibt einen Chat für die Besprechung gemeinsamer Probleme im Gebäude, aber kaum einer beteiligt sich dort. Die Hausverwaltung wird jährlich gewählt und die Mehrheit beschwert sich über sie, obwohl sich nur wenige wirklich für den Prozess interessieren. Die Wahlen finden meist im Sommer statt, wenn viele am Strand oder außerhalb Limas sind. Die, die noch da sind, werden gewählt. Nach dem Sommer beginnen dann die Beschwerden. Niemand erinnert sich, gewählt zu haben oder daran, wer kandidiert hat. Die Beschwerde wird zu einer oberflächlichen, irrelevanten Gewohnheit.

Die Apathie meiner Nachbar*innen zeigt im Kleinen, was auf nationaler Ebene geschieht. Übertragen wir dieses Szenario: Wenn uns nicht mal interessiert, wer die Mitgliederversammlung leitet, wie sollte uns dann interessieren, wer der/die Bürgermeister*in auf Kommunal- oder Provinzebene ist, wer die Abgeordneten, Senator*innen oder der/die Präsident*in des Landes sind? Laut verschiedenen Umfragen entscheiden rund 30 Prozent der Peruaner*innen erst in der Warteschlange zur Wahlurne, wen sie wählen. Weitere 20 Prozent entscheiden sich nie, malen stattdessen Obszönitäten auf den Stimmzettel.

In diesem Jahr finden zwei Wahlen statt: Im April wählen wir den/die Präsident*in, Senator*innen und Abgeordnete, im Oktober Bürgermeister*innen und Gouverneur*innen. In einem Kontext, in dem uns so wenig interessiert, was Politiker*innen sagen, und in dem die meisten Präsident*innen im Gefängnis landen, wäre es logisch, die Zahl der Parteien oder Kandidat*innen zu minimieren. Aber wir sind in Peru und die Sache läuft genau umgekehrt. Mehr als 30 Präsidentschaftskandidat*innen treten an, fast 10 000 Menschen bewerben sich für den Kongress. Ein institutioneller Wahnsinn. So liegt es auf der Hand, dass wir weder Regierungsprogramme studieren noch Vorstrafen überprüfen werden. Bei uns wird Betrug belohnt, Regeln gelten nur „für die Dummen“. Das Resultat sind acht Präsident*innen in zehn Jahren. Diese Zahl würde in Europa zu einem Börsenkollaps führen, hier geht sie mit einer relativ stabilen Wirtschaft einher.

Ein Land, das über alles lacht (sogar über den Horror)

Somit war es keine Überraschung, als sich Carlos Álvarez, einer der talentiertesten Imitatoren und Komiker des Landes, für das Präsidentenamt aufstellte. Álvarez hat mit Talent und Ironie im Prinzip bereits alle politischen Figuren des Landes nachgeahmt. Er studierte sie mit absoluter „Seriosität“. Zu Beginn der 2000er-Jahre arbeiteten wir beim selben Fernsehsender, in derselben Sendung. Ich war Investigativjournalist für „La Ventana Indiscreta“ und Carlos widmete sich der politischen Imitation. Das Niveau seiner Detailverliebtheit konkurrierte nur mit der Spitzfindigkeit seines schwarzen Humors. Diese Art des Humors verlieh ihm eine Lizenz zum Künstlerdasein, die er bis auf die Spitze trieb. In der Rolle als Ex-Präsident Alejandro Toledo sog er die Luft ein, hebelte den Unterkiefer aus und rieb sich frenetisch die Nasenscheidenwand. Eine so anschauliche Anspielung auf Kokain, dass es keiner weiteren Erklärung bedurfte. In ähnlicher Weise porträtierte er die Flirts des damaligen Vizepräsidenten Diez Canseco und die des Kongresspräsidenten Carlos Ferrero und präsentierte sie als Personen, die von sexuellen Neigungen beherrscht sind. Heute würden vermutlich viele seiner Interpretationen im öffentlichen Fernsehen zensiert werden. In den 90er-Jahren verurteilte die Exfrau Fujimoris, Susana Higuchi, die Folter mit Elektroschocks. Álvarez erschien mit angesengten Haaren, bewegte sich in grotesken Krämpfen und stotterte. Das Land lachte darüber. Wir lachten über Folter. Wir lachten über den Schmerz anderer.

Ironischerweise übertraf die Popularität des Komikers häufig die der Opfer, sodass viele Politiker nicht zögerten, sich mit ihm zu zeigen. Der Einfluss des Imitators war so groß, dass Vladimiro Montesinos (Ex-Berater Fujimoris) versucht haben soll, ihn in den Propagandaapparat des Regimes einzubinden. Die Vorwürfe verliefen sich, doch in den letzten Jahren der Diktatur wurden seine Imitationen immer wohlwollender. Nach mehr als 40 Jahren als Imitator kandidiert Álvarez nun in einem scheinbar günstigen Szenario für das Präsidentenamt. Wir sind mehr abgelenkt denn je. Uns beschäftigt zwar die öffentliche Unsicherheit, aber wir nehmen die Politik nicht ernst. Die traditionellen Medien erleben eine ihrer tiefsten Krisen und die öffentliche Aufmerksamkeit hängt in den sozialen Netzwerken.

Lachen als Symptom und Anästhesie

So erregt die Kandidatur von Álvarez kaum Aufmerksamkeit. Er tritt mit País Para Todos (PPT) an, einer regionalen Bewegung ohne klare Doktrin oder sichtbare Ideologie. Für den Politologen Carlos León Moya kommt seine Kandidatur nicht überraschend: „Ich sehe ihn nicht als Komiker, der sich auf die Präsidentschaft bewirbt, sondern als Fernsehfigur. Er nutzt im Wahlkampf keinen Humor. Er macht keine Witze, um zu vermeiden, dass man ihn als Clown bezeichnet.“ In den letzten Wochen rückte durch den wachsenden Erfolg in den Umfragen sein Privatleben ins Zentrum der Debatte. Als Antwort verbreitete er einen Sketch, in dem er buchstäblich aus einem Kleiderschrank steigt und sagt: „Hier, beim Ausstieg aus dem Schrank“, um anschließend das Thema zu wechseln. In Peru bedeutet „aus dem Schrank steigen“ eine Anspielung auf die eigene sexuelle Orientierung. Álvarez spielt mit dieser Mehrdeutigkeit, weicht dem Thema jedoch aus. Für León liegt die Problematik in der fehlenden Klarheit: „Eine Person, die für das Präsidentenamt kandidiert, kann wichtige Themen nicht verstecken. Das schwächt sie und macht sie angreifbar.“

Während die Kandidaten ihr politisches Feuer entfachen, hat das Land einen seiner kritischsten Momente in Sachen öffentlicher Sicherheit. Der aktuelle Wahlkampf ist laut León Moya wie ein „Zwergenrennen“: Der Erstplatzierte kommt kaum über zwölf Prozent. Aktuell ist der Komiker in den Schlagzeilen, da er ungefähr bei sechs Prozent und damit auf dem dritten Platz liegt.

Zurück zur Eigentümer*innenversammlung in meinem Gebäude: Diese Zahlen würden bedeuten, dass von 40 Wohnungen zwei für einen Kandidaten stimmen und einer noch zweifelt. Das sollte keine Relevanz haben, hat es aber: Niemand wagt vorherzusagen, wer die Wahlen im April gewinnen wird. Es gibt keinen Favoriten und niemand kann ausgeschlossen werden. Der Imitator könnte in die Stichwahl kommen.

Jerónimo Centurión ist unabhängiger Journalist und Dokumentarfilmer aus Peru. Übersetzung: Valerie Systermans. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 493 März 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

Über Jerónimo Centurión - Informationsstelle Lateinamerika:

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