Kürzlich teilte mir die Partei, der ich angehöre, mit, dass ich jetzt eine Nummer sei. Das würde ihr meine Bearbeitung erleichtern. Ich bekam einen spontanen inneren Wutausbruch, den ich sogleich ausgewählten Freund*inn*en per Email mitteilte. Denn als anerkannter Pflegegrad 1 sehe ich mit 69 Lebensjahren, was kommt: die fortschreitende Entmenschlichung unserer Beziehungen und Dienstleistungen zueinander. Meine Lust, das zu erleben, kann ich nirgendwo finden. Darum bin ich bereit, für ein Grundrecht auf analoges Leben zu kämpfen. Bis zum Schluss.
Meine Gewerkschaft tut es auch. Darum korrigierte ich mich auch, als ich kürzlich im Fahrradladen vom “Scheiss-Streik” sprach. Denn dieser ÖPNV-Streik geht um “Verkürzung der Wochenarbeitszeit, Verkürzung der Schichtzeiten, Verlängerung der Ruhezeiten und Erhöhung von Zuschlägen für Arbeit in der Nacht und am Wochenende”. Mit anderen Worten darum, dass in Zukunft überhaupt noch neue Bus- und Bahnfahrer*innen gefunden werden.
Denn die KI-Oligarchen werden den von unseren Provinzpoiltiker*innen beaufsichtigten öffentlichen Verkehrsunternehmen in Kürze das fahrer*innen-lose Fahren verkaufen. Von unserem Geld natürlich – von wem sonst? – werden dann die einschlägigen Milliardärskonten weiter aufgefüllt. Und Fahrgäste, die Hilfe und Information brauchen – die haben doch ein Handy, oder? So what?
Schon jetzt sind die Fahrer*innen vom real existierenden Verkehr, zugeparkten Wohnstrassen und pöbelnden Fahrgästen so gestresst, dass eine höfliche Ansprache nur in glücklichen Fällen noch möglich ist. In den Bahnen sind sie in eigenen Kabinen, angeblich aus “Sicherheitsgründen”. Zwei Personen in einem Fahrzeug, was bei der DB fürs Begleitpersonal jetzt wieder mit Recht gefordert wird, das wurde in kommunalen Unternehmen schon im vorigen Jahrhundert abgeschafft. Obwohl es damals für mehr Sicherheit gesorgt hat – im Fahrzeug, und auch um es herum, weil es damals noch nicht mit Werbung zugeklebt war. Heute gibt es kaum noch analoge Fahrkarten zu kaufen.
Worum sie nicht so gerne Wind machen: weil sie Ihre und meine Daten haben wollen. Und dann ruft Sie zuhause ein Chatbot an, bei mir kürzlich von meiner Krankenkasse (und demnächst von meiner Partei? Banken tun es längst), und belästigt mich mit Zeitdiebstahl – dabei schon so gut trainiert, dass sie (eine Frauenstimme) meine schlechte Laune wahrnimmt und das Gespräch von sich aus beendet.
Während des gegenwärtigen Streiks wartete ich auf “meinen” nichtbestreikten Rhein-Sieg-Bus, und bekam Appetit auf ein frisches belegtes Brötchen. Doch der Laden an der Haltestelle verweigert die Annahme von Bargeld. Ich schreibe lieber nicht, was ich in dem Moment dachte …
In einer Zeit, als sie noch über 40% erreichte, wählte die SPD in ihren Untergliederungen ehrenamtliche Kassierer*innen, die die Parteimitglieder persönlich aufsuchten, um den Mitgliedsbeitrag zu kassieren. Heute wird, zumindest bei Grünen und Linkspartei, wieder der “Haustürwahlkampf” als Erfolgsgeheimnis verherrlicht. Es gibt da einen Unterschied: die Tatsache der Parteimitgliedschaft ging von ebendiesem Mitglied aus. Von Geschäften an der Haustür, das lehrt jede Verbraucher*innen-Beratung, ist dringend abzuraten (wer sagts der Telekom?).
Die SPD-Kassierer*innen erfuhren bei ihrer Arbeit ganz beiläufig, wie es ihren Mitgliedern ging, was sie freute und was sie ärgerte. Auch und gerade die, die keine Lust auf Sitzungen und Versammlungen hatten. Sie wurden damit zu mächtigen Leuten in ihrer Parteigliederung. Nicht wegen des Geldes, sondern wegen ihres Wissens. An meinem Jugendwohnort im Ruhrpott hatte die SPD damals übrigens 75%. Du gingst über die Strasse, und konntest ihnen kaum ausweichen. Mann nannte es Demokratie..
Dieses Kommunikationstalent war auch das Erfolgsgeheimnis eines gewissen Helmut Kohl. Erst als er glaubte, zu alt, zu dick und zu mächtig dafür zu sein, gelang einer gewissen Angela Merkel (und keinem einzigen Sozialdemokraten) sein Sturz. Aber ich schweife ab …
Als ich in o.g. Email positiv an das SPD-Kassierer*innen-Modell erinnerte und es mir zurückwünschte, erhielt ich eine besorgte Zuschrift eines guten Freundes, ob ich etwa in einer Partei mit dem “Kriegsminister Pistorius” sein wolle. Mein Wutausbruch war abgekühlt, mein Verstand noch verfügbar. Entwarnung. Aber noch nicht das Ende. Alles ist im Fluss.

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