Kolumbiens neuer Weg

Kolumbien gehört zu den Ländern mit den größten Goldvorkommen Südamerikas, wie mir ein Goldbauingenieur vor einigen Jahren erklärte. Ich wollte herausfinden, was mit der Konfliktmineralie Gold nach dem Ende des Bürgerkriegs passiert ist, und fuhr daher über schlammige Straßen in den Norden des Cauca. Mein Ziel war es, zu verstehen, wie der Goldabbau, der während der Existenz der FARC zu einer ihrer Hauptfinanzierungsquellen gehörte, in einem Kolumbien nach der Demobilisierung aussehen würde.

Der Goldbergbau reicht bis in präkolumbianische Zeiten zurück. Damals wurde das Metall vor allem aus Flüssen gewonnen und insbesondere für rituelle Zwecke genutzt sowie zu beeindruckenden Gegenständen verarbeitet. Die Spanier, die dort landeten, waren davon beeindruckt – allerdings weniger von der handwerklichen Qualität als von der schieren Menge an Goldobjekten. Auch wenn der Goldrausch wenige Jahrzehnte später einem Silberrausch wich, verhalf der Goldreichtum den Bewohner*innen selten zu einem besseren Leben. Stattdessen war er häufig mit Gewalt und Umweltzerstörung verknüpft, zunächst durch Zwangsarbeit in Minen und später durch die verheerenden Folgen des illegalen Goldabbaus im Bürgerkrieg.

Angekommen in einem kleinen afrokolumbianischen Dorf, besuchte ich eine Kooperative, die vielen Klischees über Bergbau widersprach. Anstelle lauter Bars, vieler Motorräder und einer unangenehmen Atmosphäre in einem quasi-anarchischen, gewaltvollen Raum fand ich dort vor allem kinderreiche afrokolumbianische Familien. Die Minen hatten Namen und es gab sehr klare Regeln zum Goldabbau. Wie passte das zusammen?

Kleinschürfer, Illegalität und Grauzonen

Während in Nachbarländern wie Peru ein Großteil des Goldes in großen Minen gefördert wird, ist dieser Anteil in Kolumbien sehr gering. Schätzungsweise 80 Prozent des Goldes werden von mittleren oder kleinen Schürfern gewonnen, die nicht oder nicht korrekt besteuert werden. Lange Zeit wurden diese sogenannten Kleinschürfer (pequeños mineros) im öffentlichen Diskurs pauschal als „illegal“ bezeichnet und mit kriminellen Gruppen in Verbindung gebracht. Dabei ist eine Differenzierung nach Menge der Förderung, Förderungsart und Legalitätsstatus wichtig. Gold kann unter Tage in Stollen oder in Flüssen gefördert werden. Dabei ist jedoch das Fördervolumen von Bedeutung. Während in Flüssen mit handwerklichen Methoden (minería artesanal) 1-3 Gramm/Tag gefördert werden, können Maschinen ein Vielfaches davon fördern. Gleiches gilt für den unterirdischen Bergbau. Auch hier fördern Kleinschürfer nur einen geringen Anteil dessen, was Großunternehmen fördern können. Bei jeder Art des Bergbaus außer dem Goldwaschen sind für die Gewinnung jedoch giftige Chemikalien wie Quecksilber oder Cyanid notwendig, um das Gold aus dem Gestein zu lösen. Die Einteilung in legal und illegal ist eine rein juristische. Laut Gesetz gibt es illegalen Bergbau erst seit der Gesetzesänderung von 2012. Zuvor war der Goldabbau unter Tage und das Goldwaschen in Flüssen keine Straftat. Diese Differenzierung ist komplex, aber sehr relevant, wenn es um eine gerechte Goldzukunft gehen soll.

Rolle des Goldbergbaus für den bewaffneten Konflikt

Insbesondere die Goldschürfungen aus Flüssen spielten eine zentrale Rolle bei der Finanzierung der Akteure des bewaffneten Konflikts. Ob die Gruppen das Gold selbst abbauten oder es lediglich besteuerten, lässt sich nicht abschließend klären. Studien zeigen jedoch, dass in Regionen mit schwacher staatlicher Präsenz der umweltschädliche Goldabbau aus Flussbetten besonders relevant war. Insbesondere nach der verstärkten Bekämpfung von Kokafeldern ist ein Anstieg der Goldproduktion als Finanzierungsquelle des bewaffneten Konflikts zu verzeichnen. Daten des United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) zeigen eine deutliche Ausweitung der Goldförderung aus Flüssen in Regionen, in denen zuvor kaum Abbau stattfand, etwa im Cauca, wo sie sich zwischen 2000 und 2014 versechsfachte. Hier gibt es eine Verbindung zwischen Kokainanbau und Goldabbau. Gelder aus dem Drogenhandel wurden durch den Kauf von Maschinen zur Geldwäsche genutzt und trugen so zur Expansion bei. Einige Studien legen nahe, dass Gold für die Finanzierung der Gruppen zeitweise lukrativer war als der besser bekannte Kokainhandel.

Die Folgen sind gravierend. Neben massiven Umweltschäden durch zerstörte Flussbetten und den Einsatz giftiger Chemikalien wie Quecksilber treten soziale Probleme wie steigende Kriminalität, Prostitution, Morde und wachsende Ungleichheit auf.

Umgang mit illegalem Bergbau nach dem bewaffneten Konflikt: Bekämpfung oder Legalisierung?

Wer die Goldgrabungen seit dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs kontrolliert, ist umstritten. Es wird vermutet, dass kriminelle Organisationen und Mafias aus Nachbarländern beteiligt sind. Nach jahrelanger Duldung begannen Polizei und Militär deshalb vor etwa zehn Jahren, verstärkt gegen diese Grabungen vorzugehen.

Große Ansammlungen von Schürfern, etwa am Río Zambingo, wurden in umfangreichen Operationen geräumt, Materialien beschlagnahmt oder zerstört. Allein im Cauca fanden zwischen 2014 und 2017 insgesamt 396 solcher Einsätze statt. Dabei wurden über 500 Maschinen beschlagnahmt oder zerstört, 161 Personen festgenommen und 1,3 Kilogramm Gold sichergestellt. Angesichts dieser Zahlen muss jedoch die Ineffizienz der Maßnahmen betont werden, die vermutlich durch Korruption und die gute Vernetzung der beteiligten Akteure bedingt ist.

Neben eindeutig kriminellen Grabungen gibt es in Kolumbien zahlreiche kleine und mittelgroße Bergbauunternehmen, die seit Generationen Gold fördern, insbesondere in Antioquia, aber auch in anderen Regionen. Sie arbeiten unter Tage in Stollen oder mit Flößen, die Sedimente vom Flussboden absaugen. Dieser Bergbau ist schwer einzuordnen, da er sehr heterogen ist. Viele dieser Schürfer organisieren sich kollektiv und bemühen sich, sich klar von illegalen Unternehmungen abzugrenzen. Zwar versuchen viele, einen legalen Status zu erlangen, doch die Gesetzgebung ist stark auf den Großbergbau ausgerichtet und erschwert die Formalisierung.

Aktivist*innen weisen aber darauf hin, dass auch diese Kleinschürfer zunehmend in Regionen ohne Bergbautradition expandieren und dort ähnliche Schäden verursachen. Eine Aktivistin sagte: „Für uns ist jede Art von Bergbau illegal.“ Gleichzeitig ist der Wanderbergbau für viele junge Männer mit geringer Schulbildung zu einer wichtigen Einkommensquelle geworden, mit dem sie ihre Familien, oft in ländlichen Regionen, unterstützen. Internationale Krisen wie die Coronapandemie und Währungsunsicherheiten haben zudem zu stark steigenden Goldpreisen geführt.

Aktuelle Debatten und politische Neuausrichtung unter Gustavo Petro

Vor diesem Hintergrund ist eine Neuordnung des Goldbergbaus dringend notwendig. Hier setzt der aktuelle Präsident Gustavo Petro andere Akzente als frühere Regierungen. Anstatt mit harter Hand gegen alle Bergleute vorzugehen und auf umstrittene und konfliktbeladene Großprojekte internationaler Unternehmen zu setzen, plant er ein differenzierteres Vorgehen. Der Kampf soll sich gegen illegale Netzwerke richten, während Kleinschürfern neue Möglichkeiten zur Formalisierung eröffnet werden.

Geplant ist unter anderem, die gesetzlichen Regelungen an die realen Bedingungen kleiner Betriebe anzupassen, eine Forderung, die Expert*innen seit Langem erheben. Gold soll direkt von Kleinschürfern von der Zentralbank Banco de la República angekauft werden, um Zwischenhändler zu vermeiden, die illegales in legales Gold „waschen“. Eine weitere wichtige Änderung betrifft beschlagnahmte Maschinen. Diese sollen künftig nicht mehr zerstört, sondern an Kooperativen übergeben werden.

Zentral sind dabei Fragen nach den Besitzverhältnissen. Für die Legalisierung ist sowohl der Besitz des Bodens als auch der Besitz des Schürfrechtes, eine sogenannte Konzession, erforderlich. Beides ist in Regionen mit schwacher staatlicher Präsenz unter Umständen schwer zu erlangen. Da die Grabungen und Minen meist einem Besitzer gehören, der angestellte Schürfer beschäftigt, sind die Machtverhältnisse ungleich verteilt. Dies macht das System zudem anfällig für Schutzgeldzahlungen an kriminelle Vereinigungen.

Während ich die aktuellen Bemühungen begrüße, den Goldreichtum an viele zu verteilen, frage ich mich zugleich, welche Auswirkungen dies auf Kooperativen wie die von mir besuchte haben wird. Ich frage mich, wie Maschinen transportiert und nach welchem Schlüssel sie verteilt werden sollten. Bei einem steigenden Goldpreis bleibt das Grundproblem bestehen, dass Goldförderung in der Regel nur wenigen Reichtum bringt und die soziale Schere sich weiter öffnet. Wie ist es zum Beispiel mit den Frauen, die in der Regel keine Minen besitzen? Wie mit den angestellten Arbeitern der Mine? Profitieren auch Bergleute, die in neue Regionen migriert sind? Es sind noch viele Fragen offen, aber es ist gut, dass es eine reale Debatte gibt, die nicht jeden Kleinbergbau automatisch mit Illegalität verknüpft.

Dorothea Hamilton ist Geographin. Sie promovierte zu Konflikten um Goldabbau in Peru und Kolumbien und arbeitet derzeit als Postdoc in dem Projekt „Resources in Transformation“ an der FernUniversität in Hagen. In ihrer Doktorarbeit werden viele der hier angesprochenen Fragen im Detail diskutiert. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 493 März 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

Über Dorothea Hamilton - Informationsstelle Lateinamerika:

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