Reisen kann Vorurteile abbauen, aber es kommt auf die Art des Reisens an.

Ein Moped rast eine Dorfstraße auf etwa 1000 Höhenmetern entlang – auf der anderen Seite ist der 2805 Meter hohe Calanda zu sehen, nachdem auch die bekannteste Bier-Imitation des Kantons Graubünden getauft ist. 50 Meter neben mir bleibt das Moped kurz darauf stehen. Als die Fahrerin den Helm abnimmt, schaue ich die Schwester meines Gastgebers fragend an: „Das ist die 14-jährige Tochter unserer Nachbarn.“ Da mir die Antwort nicht ausreicht, blicke ich die Schwester weiter an: „Ja, in der Schweiz dürfen Jugendliche schon ab 14 Jahren Mopeds bis 30 Km/h fahren“, worauf ich erwidere: „Das waren doch mindestens 50 Km/h.” „Natürlich ist das Moped frisiert, wie soll denn die Ärmste sonst die Berge hochkommen?“

Eine halbe Stunde später ziehen wir auf einem Rollwagen Holzabschnitte zu einem Abhang an dem schon Gartenabschnitte liegen. Als ich die Schwester anschaue, sagte sie im entschuldigenden Tonfall: „Ja, das ist nur halb erlaubt. Aber seitdem unsere Deponie geschlossen wurde, machen wir das alle im Dorf so. Oder sollen wir jetzt damit extra runter in die Stadt?“

Schon bei meiner Ankunft am Bahnhof in Chur, wurde mein Schweiz-Bild, das aus der Vor-Corona Zeit stammt, aufpoliert. Im Bahnhof wurde trotz Rauchverbot ordentlich gequalmt. Abends durfte ich sehen, dass es die Kneipenwirte auch mit der Sperrstunde nicht so genau halten, wie das berühmte Schweizer Uhrwerk.

Ungerechtes Berlin-Bashing – es ist überall so

Auf meinen Zugfahrten in der letzten Woche durch Deutschland konnte ich sehen, dass es ungerecht ist, dass die Berliner Zeitungen andauernd schimpfen, dass in ihrer Stadt nichts klappt. Ob Frankfurt, Köln, Dortmund oder München – überall kamen die Züge zu spät oder fielen aus. Dazu waren die Informationsstände in den Bahnhöfen entweder nicht besetzt, oder es herrschte solch ein Massenandrang, dass ich dachte, ich sei wieder auf der Kumbh Mela in Indien. Auch die Fahrgastbetreuer am Münchener Hauptbahnhof waren genauso überfordert und wenig hilfreich, wie die in Berlin.

Ja es stimmt, dass am Berliner Hauptbahnhof über Wochen fast alle Rolltreppen stillstanden, aber hätte ich das nicht vorher in der Zeitung gelesen, wäre es mir gar nicht aufgefallen, weil ich als Berliner überhaupt nicht erwarte, dass Treppen rollen können – und wenn sie es tun, das als angenehmes Extra sehe.

BaWü ist “wie Pakistan”

Vor meinem Abflug aus New Delhi nach Frankfurt kam ich am Check-in Schalter mit einem älteren Pärchen aus Baden-Württemberg ins Gespräch, das so gar nicht nach Indienreisenden aussah. Leider wusste ich dort noch nicht, das Baden-Württemberg mittlerweile wie Pakistan sei, wie mir ein junger Kosovare fünf Tage später im Zug nach Lindau erklärte. Er hatte ein Jahr in Stuttgart gelebt, bevor er nach München zog und hatte von mir erfahren, dass es in Pakistan wirtschaftlich rapide den Bach runtergeht. So fragte ich den etwa 60-Jährigen Mann des Paares aus dem heruntergekommenen Baden-Württemberg, wie es ihm in Indien gefallen hätte. Der vorher gutmütige Blick meines Gegenübers wurde schlagartig irre, als frage man einen Höhenängstigen an einem 500 Meter tiefen Abgrund, ob ihm die Aussicht gefalle. Knapp fünf Sekunden brauchte der 60-Jährige um sich wieder zu fangen, dann antwortete er: „Nächstes Jahr wieder Norwegen.“

Dann brauchte er weitere fünf Sekunden um sich erneut zu sammeln und fügte hinzu: „Wir waren auf eigene Faust im Taj Mahal in Agra und haben uns Delhi angeschaut…“, dann gingen ihm wieder die Worte aus. „Da stimmt doch nichts von dem, was die uns zu Hause über Indien erzählen. Das soll eine kommende Weltmacht sein…“, es folgte erneut eine Pause. „Eine aufstrebende Wirtschaftsmacht… . Denen sollten wir erst einmal 50 Müllverbrennungsanlagen schenken… .“ Da ich merkte, dass er sich selber ein wenig über seine Worte erschreckte, wechselte ich das Thema.

Müllverbrennungsanlagen an Indien verschenken

Der Herr hatte offensichtliche in einer Woche Indien mehr verstanden, als die meisten Kollegen die seit Jahren aus Deutschland über Indien schreiben. Das mit den modernen Müllverbrennungsanlagen hatte ich vor Jahren auch einmal in einem Artikel vorgeschlagen, sozusagen als Start zu einer grundlegend neuen Zusammenarbeit zwischen Indien und der Europäischen Gemeinschaft.

Nun kam es im Januar dieses Jahres jedoch zu einem Freihandelsabkommen zwischen Indien und der Europäischen Union das vorwiegend Wirtschaftswachstum im Blick hat. Steuererleichterungen für mehr dreckiges Leder aus Indien für Deutschland und mehr deutsche Benzinautos für Indien. Einer der größten Luftverschmutzer Indiens sind übrigens die Abgase von Fahrzeugen. In der indischen Hauptstadt sind sie an manchen Tagen für bis zu 53 Prozent der Feinstaubwerte verantwortlich. Da es noch Sender wie Arte gibt, kann jeder auch noch sehen, wenn er möchte, wie zum Beispiel seine Antibiotika in Indien hergestellt werden. Triggerwarnung: Kotztüte bereit halten.

So schwenke ich am Check-In in Delhi zum Thema Wetter über, worauf die Frau des Pärchens aus dem Pakistan Deutschlands immer noch in einem Zustand leichter Ungläubigkeit sagt: „Und dann diese verpestete Luft. Ich dachte die hätten nur Smog im Winter?“

Zehnfacher Grenzwert an Feinstaubbelastung

Mit Temperaturen bis 35,7° Grad hatte Delhi den heißesten Herbstanfang seit 50 Jahren. Vorgestern am 9. März waren es dann 36 Grad, dazu zeigte der AQI 206 mg im Tagesdurchschnitt an, der alle Feinstaubpartikel in der Luft pro Kubikmeter misst. Im Hochhausghetto der oberen Mittelklasse in Noida/Delhi stiegen die Tageshöchstwerte sogar auf über 400 mg. Selbst in Indien beträgt der Grenzwert 40 mg. Laut einer Studie aus dem November 2025 atmet die Bevölkerung in 60 Prozent der 806 indischen Distrikte Luft, die gemäß dem US-amerikanischen Air Quality Index (AQI) als gefährlich einzustufen ist – mittlerweile das ganze Jahr über.

An meinem letzten längeren Aufenthaltsort in Indien, Rishikesh am heiligen Ganges, lief mir ein professioneller Kellner aus dem indischen Bundesstaat Goa über den Weg. Für mich überraschend suchte er in Rishikesh nach Arbeit, gelten die Strände Goas doch als Touristen-Hotspot. Die Erklärung lieferte er dann selber: „Die indische Mittelklasse fliegt mittlerweile lieber nach Vietnam oder Thailand.“

„Ah“, antwortete ich und musste daran denken, dass ich vor ein paar Tagen ein junges Pärchen aus Delhi getroffen hatte. Im Gegensatz zu den anderen lärmenden Touristen aus der indischen Hauptstadt fühlten die beiden sich trotz des Ganges nicht wohl in Rishikesh: „Überall nur Lärm, Gestank und Chaos“, sagte der männliche Teil des Paares unverkennbar angewidert. Die beiden waren im letzten Jahr für eine Woche in Vietnam gewesen und schwer überrascht worden: „Die Straßen in Hanoi waren sauber und es gab nirgendwo Chaos, obwohl dort auch viele Menschen leben.“ Dann machte der 30-Jährige eine kurze Pause um mir dann beinahe feierlich seine größte Erkenntnis aus seinem Vietnam-Urlaub mittzuteilen: „Ich dachte immer, dass es überall wie bei uns in Indien aussieht. Die Vietnamesen sind ja auch Asiaten und ebenfalls eine aufstrebende Wirtschaftsmacht, aber es sieht dort trotzdem nicht so schlimm aus, wie bei uns.“ Laut einer Untersuchung von Reiseveranstaltern suchen immer mehr indische Reisende Ruhe statt Chaos. Auch deswegen ist Vietnam bei ihnen angesagt.

Pagal

Gestern morgen schrieb mir dann noch ein junger indischer Freund, der wegen einer Beerdigung und einer Hochzeit für ein paar Tage in sein Geburtsdorf im Bundesstaat Uttar Pradesh zurückgekehrt war. Überrascht nahm er zur Kenntnis, dass sich seine Verwandtschaft angeregt über den Iran-Konflikt unterhielt. „Hast du gehört, die Nato unterstützt, diesen ‘pagal’ Trump nicht mehr“, soll sein Onkel zu einem Bekannten gesagt haben und dieser geantwortet: „Ja, aber China und Russland unterstützen heimlich den Iran.“ Dazu soll jeder seiner Verwandten das Wort pagal (verrückt) benutzt haben, wenn er anschließend Trump sagte. Bisher hielt mein Freund seine Verwandtschaft für etwas zurückgeblieben – mindestens 200 Jahre.

Ja, selbst Reisen in sein Dorf kann Vorurteile abbauen. Aber: eine ältere Frau, die 40 Jahre lang im Urlaub ausschließlich in abgeschottete All-Inclusive-Resorts in der ganzen Welt gereist war, sagte mal zu mir: „Egal wie weit ich fliege, immer öfters denke ich, dass es überall gleich aussieht.“ 

Reisen ist eben nicht Reisen, und die Entfernung ist dabei oft am nebensächlichsten.

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.