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Die meisten wissen es längst

Medienkritik wird dadurch nicht überflüssig – eher im Gegenteil

Einerseits ist es ermüdend. Nicht zum ersten Mal schreibt Christiane Voges/telepolis: Ukraine-Krieg und Iran-Krieg: Wie Medien mit zweierlei Maß berichten – Ein Essay über Framing, Wortwahl und Doppelstandards: Warum der Ukraine-Krieg klar benannt wird – und der Angriff auf Iran sprachlich verschwimmt.” Ermüdend für mich als Bescheidwisser, vielleicht auch für sie als Autorin (bei dem bescheidenen Honorar). Überflüssig ist es nicht.

Von der gegenwärtigen Bundesregierung und der bei ihr eingebetteten Medien hat die Mehrheit der Bevölkerung mutmasslich nichts Anderes erwartet. Ihre Parteien, die “Grosse Koalition” zu nennen sich die meisten Menschen und Medien abgewöhnt haben dürften, haben gerade mal 22,3 von 60,4 Mio. Wahlberechtigten gewählt. Das ist knapp mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten, und ca. ein Viertel der Bevölkerung.

Die Mehrheit, so meine steile These, weiss längst Bescheid über die moralischen Doppelstandards von Regierung, Parteien und Medien. Die Gefahr daran ist: sie haben u.U. schon oder sehr bald die Schnauze voll von den hart erkämpften und unbedingt verteidigenswerten Restbeständen an bürgerlicher Demokratie. Denn was “bringt” die, wenn das dabei rauskommt?

Um diese Restbestände an Demokratie zu verteidigen, ist solche Medien(selbst-)kritik lebensnotwenig. Der öffentliche Diskurs braucht mehr davon, quantitativ und erst recht qualitativ. Denn nur, wenn die beschriebene Mehrheit sich verstanden, “gesehen” (furchtbarer Begriff), und repräsentiert fühlt, ist sie u.U. in der Zukunft noch zur Mitwirkung bereit. Denn gegenwärtig wenden sich Mehrheiten ab.

Meine Empfehlung: MDR-Altpapier

Ehrlich gesagt zähle ich die Tage, weil ich befürchte, dass die erratische Intendanz des MDR diese Kolumnenreihe aus Kostengründen dichtmacht. Sie wurde während der Amtsführung der strategisch klugen Karola Wille gerettet, weil die Medienorganisation der Evangelischen Kirche sie mit dem Aufsitzrasenmäher den vielen toten Igeln hinzufügen wollte.

Diese Kolumne ist werktäglich (in der Regel mittags) in gut 5 Minuten fertiggelesen, qualitativ oftmals höherwertig, als alle Texte, die dort (inkl. weiterführendem Link) kritisch rezensiert werden, zusammen. Und die*der Leser*in ist auf Ballhöhe des Tages. Ein Werk dieser Art gehört grundsätzlich in jedes kritische demokratische Medium unserer Zeit. Plus von echten Menschen moderierter Kommentarfunktion. Statt Angst vor Shitstorms, wie sie in den meisten öffentlichen Medien vorherrschend ist, und dort jeden Mut zur Kreativität lähmt und tötet, Mut zur öffentlichen Debatte. “Tear down the paywalls!”

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger

4 Kommentare

  1. Avatar-Foto
    wauz ワウズ

    @martin.boettger
    Ich widerspreche mal gründlich: die meisten wissen gar nichts. Die schauen jeden Tag "Tagesschau" und fühlen sich bestens informiert. Die nehmen auch jede Formulierung hin. Was Framing ist, haben nur ganz wenige kapiert. Ein paar mehr haben das Wort schon gehört. Diese Mehrheit fühlt sich unbehaglich. Ein Drittel davon sind sich sicher, dass sie von den Politikern belogen werden. Da sie die Lügen nicht durchschauen, glauben sie alternativen Lügnern. Nichts hat das so deutlich gemacht, wie die Corona-Krise. Da war die _ganze_ öffentliche Diskussion Schwurbel. Alles andere wurde nicht öffentlich, weil die Medien das nicht zugelassen haben.

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      Martin Böttger

      Wer die Leute für doof hält, schneidet sich von ihnen ab. Ich tue das nicht. Bzw. bemühe mich, es nicht zu tun. Auch wenn es nicht wenige zweifellos sind 😉 Wer bescheidwissend aufgibt, leistet den Rechten Vorschub.

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      wauz ワウズ

      @martin.boettger
      Ich gebe nicht auf. Aber wir müssen, genau genommen, wieder bei Kant anfangen. Wobei: didaktisch ist es schlauer, den Film "Der junge Karl Marx" und das "Manifest" zum Ausgangspunkt zu machen.
      Aber: um erfolgreich zu sein, muss man sich darüber im Klaren sein, wie gehirngewaschem die Mehrheit der Bevölkerung tatsächlich ist.
      Auch wichtig: zu verstehen, dass es völlig unterschiedliche Zugangswege zu Erkenntnis gibt und die auch Milieu-abhängig sind. Milieu im Sinne von Bourdieu.
      "Altpapier" usw wird nur von einer winzigen Minderheit überhaupt wahrgenommen.

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      Martin Böttger

      “Gehirngewaschen” halte ich für abwegig – so eine Sicht führt ins Sektierertum. Ansonsten stimme ich zu. Eine Minderheit kann sich eine Mehrheit erkämpfen – das ist das Grundgesetz von Demokratie. Mir ist es auch schon mehrmals gelungen, im Kleinen 😉 Mund abputzen, weitermachen.

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