Weltmacht Indien? Durchaus möglich in der Zukunft. Doch augenblicklich hat der Subkontinent elementare Sorgen mit den Menschen, die die Zukunft des Landes bestimmen sollen.

Der große Unterschied zwischen den Generationen der Älteren und der Jüngeren Indiens ist: Ein 50-jähriger aus einfachen Verhältnissen hat in der Regel an seinem eigenen Leben bemerkt, dass Indien in den letzten 25 Jahre Fortschritte gemacht hat. Selbst für Menschen aus der unteren Mittelschicht ist heutzutage mindestens der Besitz eines Motorrads und eines Smartphones normal. Alle paar Jahre ist sogar ein drei-Tages-Urlaub an berühmte Bergorte wie Darjeeling drin. Das selbst solche Orte wegen des lokalen Massentourismus zu hässlichen Betonwüsten mit Wassernot geworden sind, ist nebensächlich: Mann und Frau kennt dort den Unterschied zu früher nicht. Wichtig ist, dass die Nachbarn informiert werden können, dass man jetzt auch dort gewesen ist.

Noch wichtiger: Auch die Kinder des kleinen Mannes können heute höhere Schulbildung erringen, selbst wenn sie aus der untersten Kaste wie den Dalits stammen. Dafür wird „nur“ noch viel Fleiß und ein Computer gebraucht – fast jeder höhere Bildungs-Abschluss kann mit Hilfe des Internets per Fernstudium gemacht werden.

Ja, der eigene Stadtfluss ist eine stinkende Brühe und die Luft besonders im Winter durch Abgase verpestet, aber das war seit der eigenen Geburt schon immer so. Auch die Jugend Indiens hat nur verdreckte Luft und „schwarze“ Flüsse erlebt, aber durch das Internet wissen sie, dass dies nicht so sein muss. Doch viele von ihnen, deren Väter noch stolz auf ein eigenes Fahrrad waren, haben jetzt einen Master in Informatik oder ähnliche Abschlüsse. Aber die hat ihnen nicht Herr Modi geschenkt, die haben sie sich hart erarbeitet.

Selber schuld?

Aber wozu, wenn es viel zu wenig gutbezahlte Arbeit gibt, die ein Studium erfordert. Laut einer Studie gehören 83 Prozent aller Arbeitslosen in Indien der Altersgruppe der 15-29-Jährigen an. Das Consulting-Unternehmen Wheebox möchte offenbar mit seinem jährlichen skill report andere Schuldige präsentieren: Demnach sind knapp 44 Prozent aller frisch graduierten jungen Menschen für den indischen Arbeitsmarkt nicht zu gebrauchen. Junge Frauen schneiden dabei als „gebrauchsfähiger“ ab.

Dazu verbreiten die indischen Massenmedien regelmäßig die Meinungen aufstrebender, indischer Unternehmer-Millionäre, die 70, 84 oder 140 Arbeitsstunden pro Woche für angebracht halten. Dass der größte Rucksack für indische Studenten immer noch die schlechte Bildung an den kostenlosen Regierungsschulen ist, wird selten thematisiert. Dafür wird Bildung immer stärker privatisiert.

Brutaler Konkurrenzdruck

Der Konkurrenzdruck in Indien um Jobs unter jungen Menschen ist brutal. In den letzten drei Jahren sprach ich in Indien ausführlich mit etwa 300 jungen Menschen: 12- bis 16-Stunden-Arbeitstage in der IT-Branche sind keine Ausnahmen. Artikel und Studien bestätigen dies.
So gut wie jede gesprochene 30-Jährige fühlte sich schon ausgelaugt wie eine alte Frau, die mit den „Jüngeren“ nicht mehr mithalten kann. Die Selbstmordrate junger Frauen in Indien (15-29 Jahre), ist laut WHO sechs Mal höher als der weltweite Durchschnitt. Jedes Jahr nehmen sich 60.000 junge Menschen in Indien das Leben. Darunter 13.000 Studenten. Knapp eine Million junge Inder versucht es.

Gleichzeitig sieht die Jugend das politische Personal ihres Landes: 46 Prozent der Abgeordneten des indischen Parlaments (Lok Sahba) sind verurteilte Kriminelle oder haben ein Strafverfahren laufen.

Zeitungen oder Massenmedien lesen und schauen die Jungen kaum: Sie wissen, dass die indischen Medien sich zu überwiegenden Teilen aus Werbe-Anzeigen der Regierung finanzieren. Im weltweiten Index der Pressefreiheit belegt Indien Platz 151.

Gleichzeitig geht es seit Jahren den „Helden“ der Jugend an den Kragen: Junge Youtuber, Comedian und politischen Kommentatoren werden von den „Herrschenden“ mit Strafanzeigen überflutet: Der Modi-kritische Influencer Dhruv Rathee lebt nach etlichen Strafanzeigen mittlerweile dauerhaft in Deutschland. Alleine auf Youtube hat er 30 Millionen (junge) Fans. In Mumbai wurde dieses Jahr ein Comedy-Club von Hindufanatikern kurz und klein geschlagen, in dem der beliebte Comedian Kunal Kamra aufgetreten war.

Keine Ruhe – nirgends

Selbst die jungen Menschen die dachten, sie hätten ihr Glück an einen der schönen Orte Indiens gefunden, bemerken gerade, dass sie nicht entkommen können. Tausende junge Menschen waren zum Beispiel aus den überfüllten Großstädten in die Nähe von Rishikesh direkt an den Ganges geflüchtet. Dort arbeiteten sie per Computer im Homeoffices und genossen die Ruhe, die Orte ausmachten, die früher bei den westlichen Hippies und Backpackern beliebt waren. Doch zu jedem indischen Fest, wie Divali und zu jedem Event, wie Weihnachten, kommt nun der einheimische Massentourismus. Über Tage bestehen dann alle Straßen im Umkreis von 40 Km aus einer hupenden und Abgase ausspeienden Blechlawine.

Selbst weiter oben in den Bergen gibt es kaum noch ruhigen Orte: Zuhauf lässt die Modi-Regierung Straßen für den religiösen Massentourismus bauen. Dazu riesige Staudämme zur Stromerzeugung, ebenfalls gegen alle wissenschaftlichen Ratschläge. Der lokalen Bevölkerung bleiben Erdrutsche, Tunneleinstürze, Überschwemmungen und Dammbrüche durch Gletscherbrüche und plötzlich absinkende Städte.

Für noch mehr Wachstum fördert die Modi-Regierung nun im Bergstaat Uttarakhand sogenannte Flugtaxis: Also massenweise Hubschrauber, die gutzahlende Kunden über den Stau des Massentourismus des einfachen Mannes zum Ziel bringen sollen. Für die lokale Bevölkerung kommt neben dem Dauer-Hupen noch Lärm aus dem Himmel dazu.

Entkommen ins Ausland

Ein Aufbegehren der indischen Jugend ist jedoch aktuell nicht in Sicht, denn noch besteht dank der überwiegend guten Bildungs-Abschlüsse Hoffnung (ins Ausland zu entkommen): Selbst kleinere deutsche IT-Firmen bekommen jede Woche ein Dutzend „Blindbewerbungen“ aus Indien, erzählten mir die Chefs von zwei IT-Buden. Auch deutsche Universitäten werden mit Anfragen geflutet: aktuell studieren schon mehr als 50.000 junge Menschen aus Indien an deutschen Universitäten.

Aber was wird sein, wenn der europäische Arbeitsmarkt an Fachkräften aus Indien gesättigt ist, oder rechte Regierungen das Kommen noch weiter erschweren? Im September kam es im Unionsstaat Ladakh zu Massenprotesten angeführt von jungen, unzufriedenen Menschen die zu schweren Ausschreitungen mit Toten führten.

Der Aufstand der Jugend in Bangladesch begann, als sie nichts mehr zu verlieren hatte und deswegen sogar ihr Leben aufs Spiel setzte. Alleine in den ersten Tagen des Aufstandes wurden 300 aufständische Studenten von Hasinas Schlägerbanden und der Polizei ermordet. Die jungen Menschen Bangladeschs hatten die schwarzen Flüsse und die verpestete Luft ertragen, solange es noch Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufstieg gab. Doch als klar wurde, dass Premierministerin Hasina und ihre korrupte AwamiLiga das Land verkauft hatten, ging es los.

In Nepal waren die Umstände etwas anders. Die Wut richtete sich nicht nur gegen die Regierung, sondern gegen alle etablierten, politischen Parteien. Auch ahnte noch niemand das kommende Ausmaß von Gewalt, als die ersten demonstrierenden Umzüge friedlicher junger Menschen loszogen. Doch als die ersten Nachrichten von getöteten Demonstranten kamen, entlud sich die Frustration und Perspektivlosigkeit in Gewalt.

In Indien besteht jedoch berechtigte Hoffnung, dass es anders ausgeht

Mit bis zu 330 Sonnentagen im Jahr liegt die Energieunabhängigkeit sogar ohne Abgase auf dem Silbertablett. Mit der indischen Pharmaindustrie kann nur China mithalten (noch mit schockierenden Nebenwirkungen).

Mit 1,46 Milliarden vermeintlichen „Kunden“ kann es sich kaum eine Wirtschaft der Erde leisten, es sich mit Indien zu verscherzen. Auch hat das Land Atomwaffen und kein Trump der Welt kann Indien ernsthaft drohen.

Die Amtstage als handlungsstarker Premierminister sind für Narendra Modi schon lange lange vorbei. Er ist für seine hindunationalistischen BJP nur noch ein moderates Feigenblatt. Im September wurde er 75 Jahre alt. Seine hindunationalistische BJP hat kein Gesicht, das es der oberen Mittelklasse in der Zukunft als gemäßigt verkaufen kann. Das wissen selbst Abgeordnete der BJP.

Abwendung von “der Politik”

Schon mit Modi reichte es bei den Wahlen 2024 nur noch zu 36 Prozent. Seitdem muss die BJP mit zwei zusätzlichen (unzuverlässigen) Koalitionspartnern regieren. Den politischen Populismus wie Nationalismus, den die meisten Länder Europas noch vor sich haben, hat Indien nun schon 11 Jahre ausprobiert: Aber die Masse der jungen Menschen sieht darin keine Perspektive mehr. Für die Parlamentswahlen 2024 ließen sich nur noch 38 Prozent der Erstwähler registrieren.

Der im Vergleich zu Modi relativ junge Oppositionsführer Rahul Gandhi (55 Jahre) hat eine große Chance – er spricht von allen etablierten Politikern am besten die Sprache der Jugend. Doch er muss endlich seine Kongress-Partei in den Griff bekommen. Dort haben immer noch die alten korrupten Seilschaften gerade regional das Sagen. Auch diese korrupten Politiker waren es, die einen Populisten wie Modi erst möglich gemacht haben. Auch so etwas haben die meisten jungen Inder verstanden: Nicht Narendra Modi ist schuld an allem. Nur Modi fort und alles wird gut, reicht nicht. Rahul Gandhi hat nun Taten anzubieten, die der Masse der jungen Menschen glaubwürdig eine Perspektive in Aussicht stellt.

65 Prozent der indischen Bevölkerung sind jünger als 35 Jahre. Ältere Menschen können ihren Ärger über die Politik in der Regel nur alle paar Jahre bei Wahlen herauslassen. Jüngere Menschen dagegen haben die Energie, das jederzeit spontan zu tun. Neben Nepal und Bangladesch sind auch Sri Lanka und Nigeria aktuelle Beispiele.

Über Gilbert Kolonko:

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