Im TV-Dreiteiler “The Tower”, verfügbar bis 6.3.26, sind alle gegenwärtigen Probleme Britanniens exzellent dramaturgisch verdichtet. Zum Plot heisst es bei Arte: “Ein altgedienter Polizist und ein junges Mädchen stürzen von einem Londoner Hochhaus in den Tod – ein fünfjähriger Junge und die Polizeischülerin Lizzie Adama bleiben als Zeugen zurück. Sonderermittlerin Sarah Collins wird beauftragt, den Fall zu untersuchen.”
Mehr über diese erstklassige Produktion hier in der englischen Wikipedia. Daraus ergibt sich, dass der auftraggebende britische Privatsender ITV keine Fortsetzung beabsichtigt. Schade eigentlich. Der Schluss im letzten Teil lässt den Fortgang der Geschichte bewusst offen. Die vielschichtigen Figuren und ihre Darstellerinnen, zuvörderst Gemma Whelan und Tahirah Sharif, würde ich jederzeit gerne wiedersehen.
Wikipedia sieht dieses Polizeidrama, das im Kern ein politisches Gesellschaftsdrama ist, in der Tradition von “Line of Duty”. Ich würde ergänzend “No Offence” nennen – das Beste, was ich im letzten Jahrzehnt gesehen habe.
Die Schande der Degetoisierung
Die ARD-Produktion “Schattenmord: Unter Feinden”, ein Jahr verfügbar, lief gleichzeitig in dieser Woche und hatte einen ganz ähnlichen Plot:
“Die junge Kommissarin Nadirah Abaza (Sabrina Amali) feiert ihren ersten großen Erfolg: Gemeinsam mit ihrem Team gelingt ihr die Festnahme des Drogenbosses Ali Sakka (Kida Khodr Ramadan). Doch kurz darauf wird ihr Mentor, der Oberstaatsanwalt Frank Leuw (Dani Levy), ermordet. Zusammen mit ihrem Kollegen Erik Stoibel (Nikolaus Sternfeld) steht sie vor einer heiklen Bewährungsprobe – und vor der Frage, wer von Leuws Gegnern hinter der Tat steckt.”
Der inszenatorische Kontrast konnte leider nicht grösser sein. Bei “The Tower” ist der Weg zum Klo oder Kühlschrank kaum ohne Pausetaste möglich. Ein bedeutsames Mienenspiel könnte verpasst werden. Der Verlauf des “Schattenmord” lässt sich dagegen schnell voraussagen.
Besonders schlimm ist der Kontrast bei der Filmmusik. Warum können die Brit*inn*en das? Und warum sollte es den Deutschen am besten verboten werden? Vielleicht wäre die Auflösung der ARD-Degeto die Lösung? Sie hat ein Auftragsmonopol für die ARD-Prgramme, und alles, was sie durch den Fleischwolf gedreht hat, sieht irgendwie ähnlich – und immer vorhersagbar! – aus. Warum? Weil die Damen und Herren das “Publikum nicht überfordern” wollen.
Ja danke, verarschen kann ich mich selber.
Was mich überfordert
“House of Bellevue” (ZDF) – könnten Sie sich das bitte mal angucken?
Ich fremdele mit dem affektierten Getue fast aller Figuren. Ich verstehe, dass es um die Auflösung der Geschlechter und ihrer tradierten Rollen geht. Genervt bin ich von dem Berlin-Getue, von dem offenbar alle langweiligen was-mit-Medien-Menschen bis obenhin angefüllt sind. Mir bleibt das kulturell fremd, und beeinträchtigt die gesellschaftliche und politische Relevanz fast jeder Geschichte, die sich nur auf dieser kleinen Stadtinsel abspielt.
Gut, es sind fast ausschliesslich “schöne” Körper zu sehen. Wer sieht das nicht gern? Oder sind sie alle essgestört? Hatten die Darsteller*innen adäquate ärztliche Betreuung? Werden sie von Präventionsangeboten erreicht? Ich wünsche es ihnen. Denn ich mag sie, und wünsche ihnen alles Gute.
Wenn Sie die erwähnten Produktionen alle glotzen wollen, dann schauen sie die Erstgenannte unbedingt zuletzt. Wie beim Wein: nicht abwärts trinken!
Das deutsche Gegenstück
Das ist zweifellos die von Kida Khodr Ramadan kreierte Serie “Asbest”, von der die gleiche ARD-Degeto die zweite Staffel dieses Wochenende online stellte. Zu beiden Staffeln bitte hier entlang. 1. Staffel verfügbar bis Februar 26, 2. Staffel ein Jahr.
Wie konnte es passieren, dass eine sehenswerte Knast- und Politikserie von der Degeto beauftragt wird? Das könnte daran liegen, dass die Ideengeberin die Witwe Eichinger ist. Ein besseres Netzwerk hat wohl niemand im deutschen Filmproduktionswesen. Die erste Liga der deutschen Schauspielkunst bildet das umfangreiche Ensemble. Unter ihnen Jan Georg Schütte, der bekanntlich über besonders exzellente Beziehungskanäle in ebendiese Degeto verfügt, und dem Kollegen Ramadan und Freund*inn*en so manche Tür aufgetreten haben dürfte.
“Asbest” hat das Potenzial zur Bildung von Rollenmodellen für Knastgrössen, wie einst “The Godfather” ikonisch stilbildend für die reale italo-amerikanische Mafia war, was wiederum in den “Sopranos” entmystifiziert abgebildet wurde. Welcher Knastbruder wollte nicht so sein, wie der Schwerkriminelle, den Ramadan so nebenbei darstellt und personifiziert? Während ich diese Frage lieber offen lasse, ist eins dagegen sonnenklar: die deutsche Innenministerkonferenz wird von Fabian Hinrichs absolut naturalistisch verkörpert. Die Fussball-Ultras wissen, was ich meine.
Ob Sie “Asbest” nun vor oder nach “The Tower” gucken sollen? Da sehe ich ein leistungsgerechtes Unentschieden. Es sind zwei verschiedene Kulturen. Und “The Tower” ist mit nur 3 Teilen schneller weggeguckt. Für “Asbest” ist grösserer Bingewatching-Zeitaufwand erforderlich – 2 x 6 Teile. Verschwendet ist die Zeit jedenfalls nicht.

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