Als Alwys die Stiege in die Küche noch etwas schlaftrunken hinunter taumelte, hörte er schon lebhaftes Geplapper. Claus und Jelena debattierten mit Legu über die beste Strategie, mit der man auf Zehner zugehen sollte. Entweder sofort noch am Kirchenportal ansprechen und um ein Gespräch bitten, oder man könnte sich in seiner Stammkneipe dazu gesellen und ihn in ein Gespräch verwickeln, um dann irgendwann die Katze aus dem Sack zu lassen. Claus musste allerdings erst einmal in die Problematik eingeführt werden und saß nur kopfschüttelnd am Küchentisch, als er der Story vom Großen Plan gewahr wurde. Angel schenkte Alwys leicht genervt einen Espresso aus Joshs blitzblankem Kännchen ein und kippte anschließend ziemlich achtlos heiße Milch mit Haut darüber. Alwys setzte sich an den Tisch dazu, nippte vorsichtig an dem Heißgetränk, langte dann nach einer Scheibe Brot und begann sie trocken zu kauen, bis sie wieder zu Sauerteig wurde.

„Mach’ hin,“ ermahnte ihn Legu, „wir sind spät dran. Bis St. Goar brauchen wir mit dem Hanomag bestimmt eine Stunde. Wir fahren alle bei Claus mit, der will den Diesel den Rhein runter nageln lassen, hat er gesagt.“

„Ok, ok,“ antwortete Alwys hastig. Dabei purzelten ihm einige Brotkrümel auf den heiligen Küchentisch. Mit der Handkante strich er sie zusammen und dippte sie mit einer angefeuchteten Fingerspitze restlos wieder auf. Angel beäugte das mit spitzem Mund.

Claus hatte den Hanomag vor das Wirtschaftsgebäude rollen lassen und neben Joshs R 4 abgestellt. Beide Wagen wirkten nebeneinander wie Vertreter gänzlich unterschiedlicher Lebensprinzipien. Hier der blechblaue, scheinbar unverwüstliche Nachkriegsdeutsche, an dessen vernieteten Radkästen der rasante wirtschaftliche Erfolg Made in Germany noch erahnt werden konnte. „Der fährt auch mit Margarine,“ hatte Claus den Schrotthändler noch im Ohr, von dem er den Hanomag mehr getauscht als gekauft hatte. Da der praktische Franzose, das kleinste Wohnmobil der Welt, wenn man so wollte. Rücksitze raus und Matratzen hinten rein. Zum Schlafen konnte man die Vordersitze nach vorne klappen, dann war genug Platz für zwei. „Nur doof, wenn nachts das Kondenswasser vom Blechdach auf die Schlafenden tropfte. Es tropfte bei jeder Umdrehung im Schlafsack, die den leichten und noch leichter gefederten Kastenwagen ins Schwanken brachte,“ sinnierte Alwys beim Blick durch das Küchenfenster auf den Hof, „so etwas vergnügliches konnte man sich im Hanomag nicht vorstellen. Eher den Werkstattwagen einer Bauschlosserei. Wenn man die seitlichen Schiebetüren aufmachte, hätte darin auch ein Eisenbiegertisch gestanden haben können, um das Muniereisen für die Schalungen von mittelgroßen Brückenbögen in Form zu bringen.“

Der wirkliche Morgen aber war frühlingsfrisch, fast schon kühl. Als die Aufbrechenden aus der Küche hinaustraten, blendete sie die Sonne, die flach und halbrechts aus Wiesbadener Richtung zu ihnen herüber schien. Die wasserfallartig herunterhängenden Triebe der Trauerweide brachen das grelle Morgenlicht in ebenso viele Strahlenfächer auf. Man hätte fast vermuten können, die Sonne würde mitten in der Trauerweide hausen, so gleißend glühte deren Geäst. Das, fanden alle, war magisch. Ja, magisch war wohl das richtige Wort. Sie stiegen nacheinander in den etwas altmodisch niedrig wirkenden Hanomag ein.

Die „Die „Komödie des Geldes” von Arthur Zupf erscheint mit freundlicher Genehmigung vom 16. bis 24. Dezember 2025 als Erstveröffentlichung exklusiv im Extradienst.

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