Wir müssen über Putin reden – Zu US-Gesprächsprotokollen zwischen dem amerikanischen und dem russischen Präsidenten 2001 bis 2008

Katja Gloger und Georg Mascolo schrieben eine „investigative Geschichte der deutschen Russland-Politik“ (Ullstein-Verlag, 496 Seiten, Oktober 2025): „Das Versagen“. „Wir wollten es nicht sehen“, wird Wolfgang Schäuble im Untertitel zitiert. Markus Lanz befand: “Pflichtlektüre. .. unglaublich präzise …packend geschrieben.” (entnommen der Website von Amazon). Ich unterzog mich dieser Pflicht, sogar zweimal. Ich wollte das Denken jener besser verstehen, die sich seit der „Zeitenwende“ der Naivität bezichtigen und deutsche Russlandpolitik der letzten Jahrzehnte für eine große „Verdrängungsstrategie“ halten. Im Ergebnis schrieb ich eine Rezension für Das Blättchen, die in die Rubrik „contra“ eingeordnet wurde. Es gibt auch eine „pro“-Rezension. Beide wurden zeitgleich am 15. Dezember 2025 veröffentlicht.

Seit dem 23. Dezember 2025 frage ich mich, ob die Autoren ihr Buch so auf den Markt gebracht hätten, wären ihnen bereits die an diesem Tag veröffentlichten neuen Archivdokumente des National Security Archives (NSA) der USA bekannt gewesen. Nun gut, es gibt so einige Behauptungen im Buch, die mit dem aktuellen Wissenstand kollidieren. Aber zu den Grundannahmen des Buches gehört in Bezug auf Putin: Einmal KGB – immer KGB. Der ist verschlagen und wickelt alle um den kleinen Finger. Praktisch hätten sich die Deutschen Putins Bundestagsrede 2001 selbst geschrieben. Wie inzwischen üblich, gaben die Autoren dem „Angeklagten“ keine Gelegenheit zur Stellungnahme. Ich nehme es als Zeichen von staatsmännischer Klugheit, Ratschlägen zuzuhören, aber letztendlich ist das gesprochene Wort immer das eigene, das, wofür man gerade steht. Das ist die Natur von politischer Führung.

Zweitens, nun sind drei Gesprächsprotokolle zwischen G.W. Bush jr. und Putin im Zeitraum 2001 bis 2008 öffentlich. Das NSA klagte erfolgreich auf Zugang zu den US-Dokumenten. Am 7. Januar 2026 wurden außerdem US-Protokolle von Telefongesprächen der beiden Präsidenten veröffentlicht.

Wenn man diese Protokolle aufmerksam liest, und ich empfehle jedem, der des Englischen mächtig ist, es selbst zu tun, bekommt man eine sehr viel klarere Vorstellung davon, was in den Jahren 2001 bis 2008 die Anführer der beiden größten Atommächte der Welt bewegte, und wie sie miteinander umgingen: offen, oft kontrovers, aber auch mit Respekt. Man erkennt, dass sich Putin, der russische Präsident, ernsthaft darum bemühte, Stabilität im Russland-USA-Verhältnis zu schaffen. Ihm war zudem eine gute persönliche Beziehung zum US-Präsidenten wichtig. Darin unterschied er sich keinen Deut von Gorbatschow oder Jelzin. Darin unterschied er sich auch nicht von G.W. Bush jr.

Denn wenn zwei politische Führungspersönlichkeiten, die förmlich das Schicksal der Welt in ihren Händen halten, keine Wellenlänge finden, auf der sie gemeinsam kommunizieren können, ist Kommunikation, geschweige denn jede Verständigung unmöglich.

Der unipolare Moment der USA

Bush jr. ist erkennbar der Selbstbewusstere in den Gesprächen. Es ist der unipolare Moment der USA. Er weiß, wer am längeren Hebel sitzt, und doch, er hört zu. Wenn Moskau Hilfe anbietet, die ihm passt, nimmt er sie an. Er respektiert auch offenen Widerspruch. Nicht nur zum Irak-Krieg, den Putin ihm mit Verweis auf die UN-Charta auszureden versuchte: „Regime change“ sei dort nicht verankert. Er werde Bush nicht unterstützen, so Putin unumwunden, aber er wolle dafür sorgen, dass keine anti-amerikanische Stimmung im Land entsteht. Einer Frage, wie es Putin mit der Pressefreiheit halte, wich dieser zunächst aus. Um sich dann über einen Oligarchen zu beschweren, der Teile der russischen Presse an sich gerissen und gleichzeitig den russischen Staat geplündert habe.

Nach dem Nato-Gipfel von Bukarest 2008, an dem die prinzipielle Einladung zur Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens schließlich ausgesprochen wurde, gratulierte Bush Putin zu dessen deutlichen Worten vor der Nato: “Eine gute Vorstellung“. Bush hatte sich (fast) durchgesetzt (denn Bush wollte eine schnelle Nato-Mitgliedschaft), aber Putins Widerworte, die nicht öffentlich bekannt sind, nötigten Bush Respekt ab.

Es waren die großen strategischen Themen, die das Gespräch der zwei Präsidenten dominierten: die Nato-Erweiterung, der Kampf gegen Terrorismus, das Schicksal des ABM-Vertrags, eine mögliche nukleare Bewaffnung des Iran, die geplanten Raketen-Abwehr-Systeme in Polen und Rumänien.

Die Unterstützung Russlands für die USA in ihrem Kampf gegen den Terrorismus war Putin wichtig, so wie es ihm wichtig war, zu erklären, dass im eigenen Land, aber auch in Georgien Terroristen aktiv seien. Er beschwerte sich, dass eine Indiskretion in Bezug auf Afghanistan Russen das Leben gekostet habe. Er war ganz deutlich, dass auf seine Anweisung einer der Terroristen im Kaukasus umgebracht wurde, weil dieser und dessen Leute mit den „Köpfen von Georgiern Fussball“ gespielt hatten. Andere hätten sie leider noch nicht erwischt. Putin sagt das einfach so, gibt den Mordauftrag zu. Gegenüber Bush jr. kann er sich das leisten, denn dieser ist mit seinem „Krieg gegen den Terror“ längst sehr viel schuldiger geworden, als es Putin im Kampf gegen den Terrorismus im Kaukasus je werden würde, durch Millionen Kriegsopfer und Vertriebene, Folter, Geheimgefängnisse, Guantanamo.

Putin warnte Bush jr. vor einem Nato-Beitritt Georgiens, weil er fürchtete, dann würde Georgien das Problem der abtrünnigen Gebiete nicht mehr friedlich lösen. In Bezug auf die Ukraine erklärte Putin Bush, sie sei ein künstlich geschaffenes Land, nicht organisch gewachsen. Russland habe aufgrund des Auflösungsvertrags von 1991 soviel Territorium verloren. Das wurde von der ukrainischen Presse aufgegriffen, als Beweis, dass Putin der Ukraine die Existenzberechtigung absprach, und gleichzeitig von territorialen Eroberungsgelüsten getrieben sei.

Aber so verhielt sich Putin nicht gegenüber dem jüngeren Bush. Er kündigte an, dass eine Nato-Option für die Ukraine unvermeidlich dazu führen werde, dass sich Russland in der Ukraine einmischen werde, dass es sinnvoller sei, wenn es in der Ukraine einen mehrheitlichen Willen zur Nato-Mitgliedschaft gebe.

Putin warnte Bush jr. vor der Entwicklung taktischer Nuklearwaffen, da das die nukleare Einsatzschwelle senke. Dieser Gesprächsteil ist sehr interessant, weil sich Bush zunächst ganz ahnungslos gab. An anderer Stelle sprach Putin davon, dass die Kündigung des ABM-Vertrags zu Vorschlägen seiner Militärs zu Waffenentwicklungen führe, die ihm persönlich Angst machten. Bush reagierte nicht darauf. In Bezug auf die Beziehungen zum Iran und die Einschätzung zur Persönlichkeit seiner Anführer erklärte Putin, er sei Mitglied der Kommunistischen Partei der UdSSR gewesen, bereit, für sein Land zu sterben. Veränderungen, persönliche Einsichten brauchen Zeit. Putin forderte Transparenz, was die geplanten Raketen-Abwehr-Anlagen in Polen und Rumänien betraf. Darüber könne man sprechen, so Bush. Die Transparenz wurde nie geschaffen.

Bei diesen Treffen war der US-Botschafter in Russland, Burns, immer mit dabei. Er hat den Buchautoren von „Das Versagen“, die ihn interviewten, offenbar nicht alles erzählt oder wenn, dann mit imperial eingeschränktem Verstand. Denn in „The Back Channel“ schrieb Burns unverblümt, dass die Bush-Administration kaum Veranlassung gehabt habe, sich mit einer „absteigenden Macht“ zu verständigen. Dort stellte er auch die Frage, wer Russland (Anm.: als „Juniorpartner“) verloren habe. Burns kam zur Schlussfolgerung, dass „Russland nie unser Land war“.

Das Problem aller Exzeptionalisten

Genau. Russland blieb das Land der Völker, die sich unter dem Dach der Russischen Föderation vereinen. Willig zu internationaler Zusammenarbeit, aber auf Augenhöhe, mit eigenem Sinn, eigenen Ansprüchen.

Das ist das Problem aller US-Exzeptionalisten und regime changer und aller Vasallen einer solchen Politik: Sie können nicht akzeptieren, dass es Völker/Politiker gibt, die zu vielem bereit sind, aber nicht zu allem. Nicht zur Selbstaufgabe.

Natürlich, und das will ich ausdrücklich hinzufügen, widerspiegeln offizielle Gespräche zwischen Staatenlenkern nicht die ganze Realität. Nach der Kündigung des ABM-Vertrags ließ die US-Administration unter Bush jr. ganz offenbar daran arbeiten, dass die USA eine nukleare Erstschlagsfähigkeit über Russland/ China erlangt, nachlesbar in Foreign Affairs 2006. Sie seien schon sehr nahe daran, beide Staaten vergeltungslos auszuschalten.

Umgekehrt machte Putin am 1. März 2018 geltend, dass die einseitige Kündigung des ABM-Vertrags durch die USA zu neuen russischen Waffenentwicklungen führte, die keine westliche Entsprechung haben. Er forderte damals einen Dialog, auf den auch niemand einging.

Das bedeutet nichts anderes, als dass das von Putin (und einmal von Medwedew) geführte Russland trotz aller diplomatischen Bemühungen nie auf der faulen Haut lag und militärisch vorsorgte. Zusammen mit den russischen Ankündigungen neuer Waffensysteme 2025 (aufgrund der Aufkündigung des INF-Vertrags und des möglichen Auslaufens des START-Vertrags Anfang 2026), die ebenfalls alles ganz blass aussehen lassen, worüber der „Westen“ verfügt, legt das den Preis offen, der zu zahlen ist, wenn nicht Normen, Recht, Verträge und Vertrauen die Staatenbeziehungen regeln, sondern ein ungezügelter militärischer Wettlauf der Großmächte.

Russland hat ihn nicht beginnen wollen, auch das zeigen die Gespräche deutlich. Aber es hat ihn gewonnen. Vorerst. Bis etwas noch Furchtbareres als die aktuellen russischen Waffen am Horizont auftaucht.

Daraus kann man nur einen Schluss ziehen: Wenn man genüsslich in der Vergangenheit wühlt und ihr eine politisch genehme Interpretationsrichtung gibt, so wie im Buch „Das Versagen“, versagt man. An der Gegenwart, vor der Zukunft. Denn die werden davon bestimmt, ob sich die großen Atommächte nuklear duellieren oder nicht. Das nicht zu wollen, definiert – glücklicherweise – noch das gegenwärtige Verhältnis Trump-Putin, so kompliziert es auch sein mag. Schon aber geht das beliebte Putin-Bashing in die nächste Runde. Trump wurde wegen des völkerrechtswidrigen Venezuela-Angriffs die „Putinisierung“ seiner Außenpolitik vorgeworfen. Den Anfang machte The Daily Beast. Der Guardian griff es auf.

Völkerrechtswidrig

Gewiss, sowohl Trump als auch Putin handelten völkerrechtswidrig. Und doch gibt es substantielle Unterschiede zwischen beiden Sachverhalten. Die nun veröffentlichten Gespräche zwischen Putin und Bush verdeutlichen einmal mehr: Putin war in der Bush jr.-Ära nicht angetreten, das Völkerrecht kaputtzuschlagen. Auch alle späteren russischen Vermittlungsversuche in Sachen Ukraine, die Bemühungen um ein zügiges Kriegsende scheiterten grandios, allesamt am Westen. Teil der Tragik von Putin ist, dass er den strategischen Fehler machte, die Bereitschaft des Westens zu unterschätzen, Russland für den Völkerrechtsbruch 2022 nunmehr endlos büßen zu lassen – mit dem Ziel, das Land strategisch zu schwächen, womöglich kaputtzuschlagen. Er dachte vielleicht, er kriegt die übliche US-Behandlung: Ein bedauerlicher Fehler, Schwamm drüber. Wenn, dann hat er sich gründlich geirrt.

Teil der ukrainischen Tragik ist, dass der Krieg vermeidbar war. Kürzlich gab das die Europaabteilungsleiterin im Weißen Haus unter Biden, , zu. Sie fiel einem russischen Prank zum Opfer und redete ungeschützt. Sloat räumte ein, das es in der US-Administration vor Kriegsausbruch darüber Gespräche gegeben habe, was passieren würde, wenn die Ukraine das Ziel der Nato-Mitgliedschaft aufgegeben hätte. Dann wäre der Krieg wahrscheinlich vermieden worden. Aber sie habe sich damit nicht wohlgefühlt. Russland wäre dann einer Art Veto eingeräumt worden (ab Min 5:24). Für diesen Stellvertreterkrieg, den wir immer noch nicht wahrhaben wollen, verblutet die Ukraine.

Trump ohne Zuckerguss

Trump hingegen trat in Gestalt von Venezuela in die Fußstapfen seiner Vorgänger. Mit einem entscheidenden Unterschied: Er ließ die Maske fallen und agiert ohne den rosaroten Zuckerguss, mit dem bisher die USA völkerrechtswidriges Handeln zu übertünchen suchten: Trump will Öl, er will Territorium, er will Unterordnung unter das „nationale Interesse“ der USA – jedenfalls in der westlichen, in seinem Verständnis jedoch längst „amerikanischen“ Hemisphäre.

Sein Hauptberater, stellvertretender Chef des Weißen Hauses, Stephen Miller, erklärte unverblümt: “You can talk all you want to about international niceties and everything else, but we live in a world—in the real world—that is governed by strength, that is governed by force, that is governed by power. These are the iron laws of the world since the beginning of time.” Übersetzung: „Man kann so viel über internationale Höflichkeiten und alles andere reden, wie man will, aber wir leben in einer Welt – in der realen Welt –, die von Stärke, von Gewalt und von Macht regiert wird. Das sind seit Anbeginn der Zeit die eisernen Gesetze der Welt.“

Regelrecht beängstigend ist, dass Millers Logik Widerhall in europäischen Gazetten findet. Wenn die Welt nun so ist, dann muss sich auch Europa, sprich die EU, dem anpassen.

Im UN-Sicherheitsrat über Venezuela hielten China und Russland am Völkerrecht fest. Natürlich kann man das als Doppelmoral ansehen. Allerdings sind sie dabei nicht allein. Keines der Ständigen Sicherheitsratsmitglieder hat jedoch soviel Dreck am Stecken wie die USA.

Man sollte sich auch die Frage stellen, warum Russland und China weiter das Völkerrecht und die UN-Charta verteidigen: Nicht aus Schwäche. Denn es gibt einen entscheidenden Unterschied zu früheren Epochen ungezügelter Großmachtpolitik, die regelmäßig in die Tragödie führte.

Wir leben im nuklearen Zeitalter.

Insofern sollte die aggressive Reaktion des ehemaligen russischen Präsidenten Medwedew auf Venezuela jeden aufschrecken. Der repräsentiert auch eine politische Strömung in Russland. Die Schlussfolgerung, so Medwedew, die aus der widerrechtlichen US-Aktion zu ziehen sei, ist, sich bis an die Zähne zu bewaffnen. Lang mögen die Nuklearwaffen leben, schloss er.

Erinnern wir uns: Die UNO wurde vom amerikanischen Präsidenten Roosevelt erfunden, damit die Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges, die unsäglichen Zerstörung von menschlichem Leben und Hoffnungen, der Verlust an Zivilisation, die Zerstörung von so Vielem die letzte große kriegerische Episode der Menschheit bleibt. Deshalb darf man das Recht, die Charta der Vereinten Nationen, die universelle Deklaration der Menschenrechte, alles, was an Konventionen nach dem Zweiten Weltkrieg verabredet wurde, auch nicht so behandeln, als gehörten sie auf die Müllkippe der Geschichte. Es ist die letzte Verteidigungslinie, so brüchig sie auch inzwischen geworden ist, die uns vor der Tragödie eines letzten, nuklear geführten Krieges noch schützen kann. Und vor all den anderen Überlebensrisiken der Menschheit.

Dazu aber braucht es die Zusammenarbeit der rivalisierenden Großen. Leider versagt die EU seit langem bei der Aufgabe, die USA zu zügeln. Weil sie sich zum Knecht der USA machte, lieber jahrhundertealtem Russenhass ergibt, in Putin den Oberteufel sieht und nicht versteht, dass die Menschheit längst Passagier auf der Titanic ist. Noch ist der Schiffskurs änderbar, aber nicht mehr lange.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog der Autorin, mit ihrer freundlichen Genehmigung. Einige Links (zu Vertragstexten) wurden nachträglich eingefügt.

Über Petra Erler / Gastautorin:

Avatar-FotoPetra Erler: "Ostdeutsche, nationale, europäische und internationale Politikerfahrungen, publizistisch tätig, mehrsprachig, faktenorientiert, unvoreingenommen." Ihren Blog "Nachrichten einer Leuchtturmwärterin" finden sie bei Substack. Ihre Beiträge im Extradienst sind Übernahmen mit ihrer freundlichen Genehmigung.