Anfang des Jahres ist der afrikanische Staat Liberia Mitglied des UN-Sicherheitsrates geworden. Die UN-Vollversammlung hatte Liberia im Juni 2025 fast einstimmig für zwei Jahre nominiert. Der Zeitpunkt ist passend gewählt, denn der 17. Januar 1822 ist ein wichtiges Datum in der frühen Geschichte Liberias. An diesem Tag landete die American Colonization Society (ACS) auf einer Insel vor der Küste von Liberia, um eine Siedlung für befreite amerikanische Sklaven zu gründen. Diese Ansiedlung markiert die Entstehung des Landes. Ein Jahr zuvor, am 17. Januar 1821, also vor 205 Jahren, hatte die ACS mit lokalen Häuptlingen einen Vertrag abgeschlossen, der den Kauf und die Übergabe eines Küstenstreifens am Cape Mesurado (heute Monrovia) sicherte und damit die Grundlage für den Beginn der späteren Republik schuf.
1861 begann der amerikanische Sezessionskrieg zwischen den aus den Vereinigten Staaten ausgetretenen Südstaaten und den in der Union verbliebenen Nordstaaten. Ursache war eine tiefe Spaltung des Landes, vor allem in der Sklavenfrage. 1865 kapitulierten die Truppen der Südstaaten. Die Einheit des Landes wurde wieder hergestellt, die Sklaverei wurde endgültig abgeschafft. Rassentrennung und Diskriminierung gab es jedoch immer noch.
Die Amerikanische Koloniserungsgesellschaft war bereits 1816 gegründet worden. Ihr Ziel war die die Finanzierung und Organisation der Heimkehr ehemaliger Sklaven nach Afrika, speziell nach Liberia. Die Zusammensetzung der Mitgliedschaft war durchaus merkwürdig: Humanisten und Philantrophen, die dem weißen Rassismus entgegentreten wollten, Personen, die sich zur Wiedergutmachung verpflichtet sahen, ehemalige Sklavenhalter, die Racheaktionen fürchteten. Auch wirtschaftliche Überlegungen spielten eine Rolle. Ausgedienete Sklaven sollten als billige Arbeitskräfte an der rohstoffreichen westafrikanischen Küste angesiedelt werden.
Rund 12.000 ehemaligen Sklaven kamen per Schiff aus den USA nach Liberia. Doch die Eingliederung verlief nicht konfliktfrei. Das Land war ja vor der Ankunft der Rückkehrer nicht leer gewesen. Die entrechteten Ureinwohner, deren Land von ihren Häuptlingen verschachert oder ihnen gewaltsam entzogen worden war, fühlten sich unterdrückt, Viele Rückkehrer empfanden sich als überlegene Schicht. Manche zeigten ein durchaus arrogantes Auftreten, zumal sie wirtschaftlich erfolgreicher waren als die Ureinwohner. Konflikte zwischen den Nachkommen ehemaliger Sklaven und den länger ansässigen Ethnien prägen die Gesellschaft bis heute.
Die Ansiedler nutzten zudem ihre politische Bildung, ihre Kontakte und ihre wirtschaftlichen Kenntnisse. Sie errichteten Handelsfirmen, übernahmen den Diamantenbergbau und bildeten eine Art Elite. Bald schufen sie auch ihr eigenes Regierungsystem und erklärten 1847 die Unabhängigkeit des Staates Liberia. Der Name bedeutet ‘Land der Befreiten’. Damit war Liberia eines von zwei afrikanischen Ländern ohne koloniale Vergangenheit. Das andere ist Äthiopien, der älteste durchgehend unabhängige und heute noch bestehende Staat Afrikas. Zu den historischen äthiopischen Reichen gehören das spätantike Aksumitische Reich und das vom Mittelalter bis 1974 bestehende Kaiserreich Abessinien.
Von 1878 bis 1980 übte stets nur eine Partei die Macht in Liberia aus, nämlich die der amerikanisch-liberianischen Elite. Bis 1907 stand das Wahlrecht nur männlichen Liberianern amerikanischer Abstammung zu, die über ein regelmäßiges Einkommen verfügten, danach unter gleichen Bedingungen auch Indigenen. Frauen erhielten erst 1946 das aktive und passive Wahlrecht, sofern sie über Einkommen oder Vermögen verfügten.
1979 gab es einen tiefgreifenden Rückschlag für Liberia. Wirtschaftliche Probleme führten zu Demonstrationen und Unruhen, es kam zu einem Militärputsch. Unter einer neuen Verfassung wurde der Militärchef als Präsident und Regierungschef vereidigt.
Nach erneuten Konflikten kam es Ende 1989 zum Bürgerkrieg, der zum Einsatz der afrikanischen Eingreiftruppe ECOMOG führte. Nach einem weiteren Bürgerkrieg und einem Friedensabkommen fanden Wahlen statt. Dabei setzte sich Charles Taylor, ein Nachfahre angesiedelter ehemaliger Sklaven, mit 75% der Stimmen durch.
Taylor nutzte seine Macht aus. Die Folge waren Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit. In dem vierzehn Jahre dauernden Bürgerkrieg verarmte das Land zusehends. Gekämpft wurde vor allem um Rohstoffe. Schulen und Krankenhäuser wurden zerstört. Rebellentruppen bildeten sich und kämpften gegen die Regierungstruppen. Jugendliche wurden zu Drogen verführt und zwangsrekrutiert. Mehr als 270.000 Menschen starben während der Bürgerkriege. 465.000 wurden zu Binnenflüchtlingen, und 350.000 suchten Schutz in Nachbarländern. Die meisten Vertriebenen sind inzwischen in ihre Heimat zurückgekehrt.
Dann geschah etwas Außergewöhnliches. Frauen aus allen Volksteilen, Schichten und Religionsgemeinschaften schlossen sich zusammen und legten die Regierung lahm. So zwangen sie die Bürgerkriegsparteien an den Verhandlungstisch. 2003 wurde ein Waffenstillstand vereinbart, Taylor musste das Land verlassen, 2005 fanden freie Wahlen statt. Die neue Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf erhielt 2011 gemeinsam mit Mitstreiterinnen den Friedensnobelpreis. Die Machtübergabe zwischen Sirleaf, die zur Wahl 2017 nicht mehr antrat, an ihren Nachfolger Georg Weah verlief reibunsgslos und friedlich.
2014 bis 2016 traf Liberia eine verheerende Ebola-Epidemie. Sie führte zu rund 10.000 Infektionen und über 4.400 Todesfällen, lähmte weite Teile der Gesellschaft und Wirtschaft und schuf Misstrauen gegenüber der Regierung. Die Wirkung war deswegen so durchschlagend, weil Küsten- und Grundwsser häufig verunreinigt sind und weil das Gesundheitssystem Liberias unzulänglich ist. Erst nach zwei Jahren wurde Liberia von der Weltgesundheitsorganisation wieder als ebolafrei erklärt.
Liberia hat rund 5,8 Mio. Einwohner/innen und ist ein Drittel so groß wie Deutschland. Bereits 1461 wurde es von Portugiesen entdeckt und beschrieben, allerdings nicht weiter erkundet. Liberia ist die älteste Republik Afrikas und eine Präsidialdemokratie nach US-amerikanischem Vorbild. Es verfügt über zwei Kammern, Senat und Repräsentantenhaus, gewählt wird nach dem Mehrheitswahlrecht. Liberia gilt heute als demokratischer, rechtsstaatlicher und friedlicher Staat. Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen vom Herbst 2023 werden überwiegend als fair, transparent und demokratisch eingestuft.
Schwerpunkt der derzeitigen Politik ist ein Regierungsprogramm, das sechs Sektoren in den Vordergrund stellt: Landwirtschaft, Straßenbau, Rechtsstaatlichkeit, Bildung, Sanitärversorgung und Tourismus. International positiv bewertet werden u.a. die Presse- und die Religionsfreiheit; hinsichtlich der Rolle der Frau werden hingegen Defizite beklagt. Mehr als 85% der Einwohner/innen sind Christen, etwa 10% sind Muslime. Sie wurden in der Vergangenheit immer wieder diskriminiert.
Die Wahl Liberias in den UN-Sicherheitsrat gilt als Zeichen, dass das Land das Vetrauen der Weltgemeinschaft wiedergewonnen hat. 1992 hatte der Sicherheitsrat wegen der verheerenden Bürgerkriege Sanktionen gegen Liberia verhängt, u.a. ein Waffenembargo, Finanzsanktionen, Reiseverbote für bestimmte Personen und Exportverbote für Diamanten und Holz). Ab 2003 wurden diese Maßnahmen wegen Verbesserung der Lage schrittweise wieder aufgehoben, endgültig 2016. Die UN-Friedenskommission UNMIL beendete ihren Einsatz 2018.
Wirtschaftlich zählt Liberia trotz einiger Fortschritte noch zu den am wenigsten entwickelten Ländern. Im ‘Human Development Index’ liegt es auf Rang 177 von 193. Die Folgen des Bürgerkriegs von 1989 bis 2003 und der Ebola-Epidemie von 2014 bis 2016 wirken immer noch nach. Wirtschaftliche Chancen werden im Bergbau (u. a. Eisenerz, Gold und Diamanten) sowie im Handel mit Hölzern, Kautschuk und Reis gesehen. Kautschuk erzielte bis 1950 fast 90% der Exporterlöse, heute sind es – nach Eisenerz und Diamanten – noch rund 10%. Der Markt befindet sich fast ausschließlich in den Händen von US-Firmen. Immer wieder gibt es dort Beschwerden über Kinderarbeit, Menschenrechtsverletzungen, Landrechte und Arbeitsbedingungen.
Ungeachtet seiner positiven Entwicklung gilt Liberia als Umschlagplatz für Drogen und Waffen sowie für Geldwäsche. Korruption ist weiterhin verbreitet, und das Vertrauen in Polizei und Justiz ist gering. Das liegt auch daran, dass sich Liberias Justizwesen immer noch im Aufbau befindet. Teilweise erfolgt die Rechtsprechung nach althergebrachten Moralvorstellungen und Rechtsgepflogenheiten, teils nach den religiösen Vorschriften der Scharia. Immerhin gibt es seit 1982 (wieder) ein Oberstes Gericht.
Afrikas Regierungsformen sind vielfältig und reichen von Demokratien (parlamentarisch, präsidentiell, z.B. in Südafrika und Lesotho) über föderale Systeme (z.B. Äthiopien, Nigeria) bis hin zu verschiedenen Formen von Autokratien (Diktaturen, autoritäre Regime, z.B. Ägypten, Simbabwe, Gabun), Einparteienysteme (mit Parteiverboten und Scheinwahlen, z.B. Eritrea) bis zu Monarchien (absolut oder konstitutionell, z.B. Eswatine, Marokko).
In manchen Ländern gibt es Mischformen mit versteckten Einparteiensystem oder ‘defekten Demokratien’. Andere befinden sich im Übergang oder in einer Grauzone, oft mit Einschränkungen der Pressefreiheit und der Menschenrechte. Etliche Staaten leiden unter Bürgerkriegen, Militärdiktaturen, Aufständen, Vertreibungen oder Spaltungen. Funktionierende Demokratien im europäischen Sinne sind in der Minderzahl. Liberia zählt trotz Armut, Korruption und Bürgerkriegsfolgen dazu.
Eine Reihe von afrikanischen Staaten ist derzeit in Teilen ihres Territoriums mit bewaffneten Konflikten unterschiedlichster Art konfrontiert: Äthiopien, Burkina Faso, Dem.Rep. Kongo, Kamerun, Mali, Mosambik, Niger, Nigeria, Somalia, Südsudan und Sudan. Liberia gehört nicht (mehr) dazu.

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