Wie wir die Sonnenenergie zum weltweiten Erfolg gemacht haben – Rezension
Schließlich und endlich vermittelt die Lektüre des Buches in diesen angespannten Tagen, Wochen, ja Jahren, Hoffnung. Wenn Michael Bukowski seine kleine Geschichte der Sonnenenergie von der Mitte der 1970er bis zur Mitte der 2020er Jahre erzählt, sind viele Berichte keinerlei Märchen. Es bleiben jedoch einige Fragen.
Um es gleich zu sagen: Mich hat es zu diesem Buch gezogen, weil ich mich 2011 nach der Lektüre von Hermann Scheers Buch „Der energethische Imperativ. 100% jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist“ dazu entschlossen hatte, in der von ihm mit etwa 100 Mitstreiter*innen 1988 gegründeten „Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien EUROSOLAR e.V.“ zu engagieren. Das tat ich in den folgenden Jahren bis 2019.
Das gewählte Medium eines außerirdischen Berichterstatters, der mit Abstand auf die Entwicklungen rund um die Sonnenenergie in Deutschland blickt, irritiert anfänglich. Es folgt eine gut lesbare Übersicht über die vielfältigen Anfänge von Macherinnen (nur wenige) und Machern (= Pionieren) aus Forschung, Technik und Unternehmen; rund um das Jahr 2000 und damit zum grundlegenden Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) folgen dann auch Aktivitäten von Politikerinnen und Politiker sowie von Bürgerinitiativen; des Weiteren erfahren wir Interessantes über zahlreiche Firmengründungen im Osten Deutschlands. Michael Bukowski würdigt Rolle und Bedeutung des EEG angemessen. Er beschreibt den erfolgten Ausbau der Sonnenenergie als sich abzeichnende solare Zivilisation, deren Schwelle er aktuell als überschritten ansieht.
So weit, so gut. Am Ende seines Berichts begründet der Autor für die Leserinnen und Leser, weshalb er das Buch geschrieben hat: „Weil die meisten von euch von dieser Geschichte gar nichts wissen.“ (S.171) Er sei nun gespannt auf die Fortsetzung des Berichts durch seinen Nachfolger.
Ein solcher zweiter Band sollte zwingend z.B. die Rolle der Mainstream-Medien unter die Lupe nehmen, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass „die meisten“ Menschen in unserem Land gar nichts oder viel zu wenig über die erneuerbaren Energien wissen. Die Springer-Presse unterstützte in den 2010er Jahren nicht unwirksam Bürgerinitiativen, die sich in vielen Regionen gegen den Ausbau der Windenergie auflehnten. Dass es gänzlich anders geht, zeigt der unermüdliche Franz Alt, der im Buch allerdings an keiner Stelle erwähnt wird.
Es bleibt zudem gewiss zu klären, wer dieses „wir“ aus dem Buchuntertitel ist. Es gab und gibt immer noch einflussreiche Lobbyisten, die der Wind- und der Sonnenenergie in unserem Land langanhaltenden Widerstand entgegensetzen und die die Politik vieler Bundesregierungen nach 2000 das Bremsen des Ausbaus der erneuerbaren Energien immer wieder erfolgreich nahegelegt haben. Das waren nicht nur die vier Energiekonzerne RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall sowie die mit diesen verbundenen Stromnetzbetreiber Amprion, TenneT TSO, TransnetBW und 50Hertz Transmission. Auch dem früheren Vorsitzenden der Gewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, waren die knapp 30.000 Arbeitsplätze in der Kohleindustrie in den 2010er Jahren wichtiger als 50.000 oder gar 100.000 Arbeitsplätze in der solaren Zukunftsindustrie, die damals „verloren gingen“, wie es im neoliberalen Sprech heißt.
Diese und weitere kritische Aspekte finden im Märchen von Michael Bukowski keinen Platz. Doch für eine friedlichere und entspanntere, eine gerechtere und aufblühende ‘all electric world‘ (S.176), wie er sie am Ende seines Buches als Ausblick formuliert, ist solch ein Realismus unbedingt vonnöten.

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