Die WM-Boykott-Debatte

Das Thema hat den Mainstream erreicht. Und wird damit unangenehm für die, die sich praktisch dazu verhalten müssen. Deren Unpässlichkeit ist schon von weitem wahrzunehmen, bevor sie überhaupt den Mund aufmachen, aus dem in der Regel verantwortungsfreies Gestammele entweicht. Ist die Boykott-Forderung desavouiert, weil einer wie Sepp Blatter dafür ist? Unbestritten dürfte sein, dass der immerhin genauestens weiss, wovon er spricht: ein vormaliger Täter (1975-2016) und Schützling von niemand Geringerem als dem deutschen Oligarchen Horst Dassler.

Einer, der ebenfalls genau weiss, wovon er spricht, ist Blatters Landsmann Mark Pieth. Der bemühte sich 2011-13 weitgehend vergeblich als Kommissionsvorsitzender um “Good Governance” bei der seinerzeit noch Blatter-geführten Mafia-Organisation Fifa. Ob gewollt oder ungewollt hat er möglicherweise den Weg geebnet für die Machtübernahme des Gianni Infantino, der seinerseits als Generalsekretär der europäischen Uefa die Strippen zog, die ihn Blatter stürzen und die Fifa-Führung übernehmen liess. Von dort zieht er den Europäern seitdem eine lange Nase und hat sich im Darm von Donald Trump gemütlich eingerichtet. Das tut dem alten Mann Sepp Blatter sehr, sehr weh. Und nicht nur ihm.

Wenn Sie sich nun “nicht für Fussball interessieren”, dann sind diese zentralen Figuren des Weltfussballs – allesamt Schweizer – für Sie natürlich nicht mehr als Witzfiguren und Knallchargen. Das sind sie tatsächlich. Aber das macht sie nicht unwichtig. Oder was ist für Sie Donald Trump? Was Xi Jinping? Was Narendra Modi? Was Wladimir Putin? Und, auch wenns wehtut: was ist Friedrich Merz? Was Ursula von der Leyen?

Und nun stellen Sie sich die VIP-Tribüne beim WM-Finale in East Rutherford, New Jersey, USA vor. Ein Medienereignis, das Oscar-Verleihungen, Präsidenten-Amtseinführungen und Super-Bowls übertreffen wird. Xi Jinping wird es boykottieren. Er ist beleidigt, dass sich China wieder nicht sportlich qualifizieren konnte. Narendra Modi kann ihn zwar nicht leiden, ist in diesem einen Punkt aber seiner Meinung, wenn auch nicht beleidigt – es ist ihm egal. Alle Anderen werden sich um fotogene Plätze in der Nähe Donalds und Giannis bemühen.

Wieviele Menschen werden derweil aus Sicherheitsgründen erschossen werden müssen? Welche Regierungen gestürzt? Welche Länder besetzt oder zumindest bombardiert? Und wer darf überhaupt rein zur WM?

Alles Fragen, die Fussballprofis nun mal leider, leider nicht klären können? Und Fussballfunktionäre kennen sich damit liebend gern nicht aus. Fussballoligarchen aber sehr wohl. Sie gehen bei und mit denen ein und aus, die es tun. Weil sie es können.

Mein Tipp: kein Fussballverband wird die WM boykottieren. Alle lieben die Nähe der Macht und Medien. Aber dass darüber öffentlich diskutiert und gestritten wird, ist gut und nicht schlecht. Weil es alle Beteiligten besser kenntlich macht. Und mehr Bildung hat noch keiner*m geschadet.

A propos: an den Mr. Ellison, der hier völlig zu Recht problematisiert wird, hat die europäische Uefa, obwohl Trumps Finanziers jetzt doch die Grundrechenarten erlernen müssen, ihren wertvollsten Besitz, die Champions League, für die nächsten vier Jahre verscheuert. Noch Fragen?

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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