Eine gefährliche Falle für die bürgerliche Demokratie
Gestern korrespondierte ich mal wieder mit einem guten politischen Freund über die grassierende sinkende Medienqualität. Ich erwähnte einen US-Korrespondenten der SZ, und zwar einen Gutwilligen, der eine landesweite Mobilisierung für millionenstarke Anti-Trump-Demos nicht bemerkt hatte, und eine Woche vorher von einem gemeinsamen Freund darauf hingewiesen werden musste. Hier in Beuel kannte ich das Thema schon einen Monat lang. Ich mache dem Kollegen keinen Vorwurf – obwohl: objektiv ist es schon einer. Die Arbeitsverdichtung ist weit fortgeschritten, die Verlegerclans sparen die Redaktionen nieder, die Allgemeinbildung wird nicht besser … Und der Gute ist ja kein Einzelfall, sondern Repräsentant eines verbreiteten Problems. Die Kolleg*inn*en beim MDR-Altpapier protokollieren es jeden Werktag. Und machen das immerhin gut. Aber wer kennt die?
Beginnen wir lieber mit der guten Nachricht
Auch die ist schon fragil, denn in Spanien wollen, wie überall im EU-Europa, trumpfreundliche Faschist*inn*en Wahlen gewinnen und die aktuelle Regierung ablösen. Jedenfalls macht die Regierung offenbar fast alles anders, als der Rest der EU, wie Antón Gómez-Reino Varela/IPG-Journal schreibt: “Vielfalt oder Niedergang – Gegen den europäischen Trend will Spanien eine halbe Million Migranten legalisieren. Der Schritt ist wirtschaftlich motiviert – und zukunftsweisend.” Ob das erfolgreich ist, weiss ich nicht. Richtig ist es. Freilich gibt es einen Stolperstein, den Spanien allein nicht in der Hand hat: der Klimawandel und die Wüstenbildung in Spanien. Mitverursacher: die industrielle Landwirtschaft. Das ist EU-Politik, und die macht es nicht besser sondern schlimmer. Auch das von ihm richtig beschriebene Landflucht-Problem ist keijn spanischer Sonderfall. Im herrschenden Immobilienkapitalismus ist Grunderwerb für Individuen weitgehend unmöglich geworden, und Grundbewirtschaftung wird es – überall, wo Privatbesitz an Grund und Boden grassiert.
Fast schon komisch-satirisch ein anderer Text an gleicher Stelle Emily Chamlee-Wright, die, so ihre Autorinnennotiz “klassisch liberale Ideen fördern” will: “Positiv bleiben – Technische Revolutionen haben stets Arbeitsplätze vernichtet – und zugleich Fortschritt bewirkt. Auch KI wird den Menschen nicht überflüssig machen.”
An einer Stelle heisst es bei ihr: “Unzählige Einzelpersonen und Unternehmen erproben, wie man Werkzeuge, Instrumente, Fertigkeiten und Ideen neu miteinander kombinieren kann. Diese neuen Kombinationen sind nicht vorhersehbar, denn ihre Entwicklung ist in erster Linie keine technische Frage, sondern eine des Entdeckens. Welche neuen Kombinationen erfolgreich sind, erweist sich erst im Marktprozess.” Ich musste sehr lachen. Den staatsmonpolistischen Kapitalismus kennt die Frau “Präsidentin” offenbar nicht, hat sie vielleicht noch nie gehört. Ich habe sogleich Beueler Garagen überprüft, ob dort “unzählige Einzelpersonen”, jugendliche Daniel Düsentriebs, es wild mit dem Erfinden treiben, um in Kürze so reich zu werden, wie die angeblichen Idole Elon Musk und Mark Zuckerberg. Autogaragen sind die Garagen schon lange nicht mehr, die Autos parken alle auf dem Gehweg und nehmen den Rollatoren den Platz weg. Aber in den Garagen ist heute alles ruhig.
Näher an der Wirklichkeit ist da “Der neue Davos Man” von Cord Jakobeit – “Nach der neoliberalen Globalisierung kommt die ‘Tech-Brobalisierung’. Auch hier offenbart sich Europas massive Abhängigkeit von den USA.” In seinem gezeichneten Bild wird die Abkapselung dieser “Bro’s” von der realen Welt da draussen spürbar.
Sind die Herrschenden nun “krank” oder “normal”?
Der Kampf um diese Deifinition bringt uns dem Kern der Sache schon näher. Krankheiten – fragen Sie nach bei Friedrich Merz und seinen “Wirtschaftsräten” und “Familienunternehmen” – angebliche und wirkliche, rücken ins Zentrum der gesellschaftspolitischen Machtkämpfe. Mann kann darüber zwar sachlich argumentieren – aber die Instrumentalisierungsoptionen liegen quasi alle vor der Haustür von Parteien, Medien und Lobbys.
Für die Analyse ist nicht ganz nebensächlich, ob zuerst die Henne oder das Ei da war. Mein Vorschlag: versuchen wirs mal mit der aussterbenden Dialektik.
Im Wissenschaftsteil der oft allzu doktrinären Jungen Welt fand ich diese Orchidee von Felix Bartels, die in einigen Tagen in einem “linksradikalen” Paywallarchiv beerdigt wird: “Psychiatrie: Gib ihm das Tablet – Virtueller Autismus. Digitale Medien und ihre Wirkung auf die Kindesentwicklung”. Im Prinzip richtig beobachtet und nicht zu bestreiten. In Rechnung zu stellen ist, dass Körper und Gehirne von Kindern noch mitten in der Konstruktion und Verdrahtung, also im Guten wie im Schlechten beeinflussbarer sind, als bei uns erwachsenen Geriatrie-Patient*inn*en. Die Neuimplementierung von Informations- und Kommunikationstechniken gefährdet uns Erwachsene dennoch in gleicher Weise und ähnlichem Ausmass. Zeigen Sie mir den allseitig gebildeten Erwachsenen, dessen Medienkompetenz perfekt-medienkritisch und spielerisch-souverän mit den asozialen Netzwerken und den bestehenden KI/AI-Konsumangeboten umzugehen weiss. Ich kenne noch keinen.
So kommt es dann, wie es kommen muss. Wie erwähnt: das können Sie hier weiterlesen, vorwärts oder rückwärts, egal.
Noch Beiträge zur Versachlichung des Krankheitsdiskurses gefällig?
Zu den modischen Klassifizierungen von Krankheiten ist Stephan Schleim der Autor meiner Wahl. Z.B. seine Textreihe zu “ADHS” halte ich für uns Laien für aussergewöhnlich aufschlussreich:
“ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern – Seit der COVID-Pandemie explodieren die psychiatrischen Diagnosen förmlich”
“Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? – Vor allem bei erwachsenen Frauen stieg die Häufigkeit in den letzten Jahren auf bis das Sechsfache”
“ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks – Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung.”
An Schleims Argumentationsführung gefällt mir, dass er individuelle Schicksale nicht verniedlicht, aber immer den Weg zur gesellschaftlichen/sozialen Bedingtheit sucht. Das steht im einzelnen dann jedem sachlich-fachlichen Streit offen. Und unterscheidet sich damit wohltuend von PR-Moden und ideologischen Propagandafeldzügen der Herrschenden.
Mein Tipp: ziehen Sie Ihre Schlüsse selbst.

@martin.boettger also ich habe jetzt lang diese Artikel durchgelesen.
Ich muss zugeben, die sind zwar unfassbar lang und für jemanden, der sich intensiv mit dem Thema befasst, enthalten sie jetzt nichts bahnbrechendes. Dennoch sind die Konklusionen überzeugend
Neurologische Störungen teils über Dekaden eklatant unterdiagnostiziert und wegargumentiert, teils Ausprägung des astronomischen Stresslevels und lukrativ zugleich.
Nur so lässt sich die Lage problemlos erklären.
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