Der Profifussball (der Herren) hat seine Grenzen längst erreicht

Da habe ich ja nochmal Glück gehabt. Hätte die Bundesregierung sich in der WM-Boykottdebatte konstruktiv positioniert, hätte das in meinem Inneren tiefe Verunsicherung ausgelöst. Muss ich meine Meinung überdenken, wenn Friedrich Merz sie teilt? Keine Gefahr. Obwohl: dass die Bundesregierung ihre Position durch eine Staatssekretärin mitteilen lässt, die keine*r kennt, zeugt nicht von kollektiver Selbstsicherheit, sondern dokumentiert: “niedrig hängen!” Niedriger geht es kaum.

Das Publikum verhält sich bereits, und die Bundesregierung wird das intensiv studieren. Gestern war Live-Fussball (der Herren) im TV. Und keine*r wollte es sehen. Ausgenommen mickrige 3,1 (von 84) Mio. Das ist ein Viertel so viele, wie am Wochenende Handball sehen wollten. Dass eine Konzernbetriebsmannschaft eines Saatgutmonpolisten und in den USA vielfach verurteilten Straftäters den tapferen FC St. Pauli sportlich auseinandernimmt – das will wahrlich kein echter Fussballfan stundenlang angucken.

Ähnlich wenige wollen den nominell megaerfolgreichen Fussball der Angestellten des SAP-Milliardärs Hopp sehen. In deren Ministadion (30.000 Plätze, wie in Leverkusen) blieben letztes Wochenende 11.000 Plätze leer, obwohl die so gut spielen, wie noch nie. Nur der Fussballkonzern aus dem süddeutschen Raum spielt noch besser als die. Und über den schreibt die FAZ, bevor es in die Bezahlmauer geht: “Die Rechnung des Max Eberl – Max Eberl schafft den Umbruch und stellt einen Kader zusammen, der das Potential hat, Saison für Saison das Champions-League-Halbfinale zu erreichen. Dafür zahlt der FC Bayern aber einen hohen Preis.” Max Eberl, das ist der beste Manager, den Borussia Mönchengladbach jemals hatte, und der, wie alle, die geradeauslaufen können, irgendwann mit einem Haufen Geld abgeworben wurde.

Der “hohe Preis”? Gähnende Langeweile in der Liga. Der neben der Hopp-Truppe “schärfste” Verfolger aus dem westfälischen Raum spielt alle zwei Wochen vor über 80.000 fussballsüchtigen Menschen, und die wollen das nicht sehen, was ihnen gezeigt wird (“Kovac-Fussball”). Wie es der Kollege Theweleit schreibt, bevor es in die Bezahlmauer geht: “Guter Fussball ist nicht so wichtig”. So kommt es dann, wie es kommt.

Was tun?

Gegen die Sucht ist der Mensch machtlos. Es gibt aber Alternativen zum von den Trump-Freunden und Konzernen servierten Trash. Bei den Herren in Deutschland ist es die zweite und dritte Liga. Und sogar die vierte, die gibt es auch in Bonn. Dort weiss noch niemand, wie es ausgeht. Und in der Frauen-Bundesliga tut sich einiges. Zwar gewinnen dort die gleichen Konzerne wie bei den Männern, aber die Verfolgerinnen rüsten nach. Sara Doorsoun kehrt mit 34 aus den USA zurück und bildet den Online-Aufmacher im FAZ-Sportteil (langes Interview mit der fachkundigen Celine Chorus, eingemauert). Die nächste Frauen-WM kommt bestimmt: nächstes Jahr in Brasilien, die TV-Sendezeiten könnten ähnlich kompliziert werden, wie dieses Jahr bei den vernachlässigbaren Herren.

Die nächste Frauen-EM ist 2029, und zwar hier. Wenn kein Krieg dazwischenkommt. Ein guter Antrieb für eine sachgerechte Politik “unserer” Regierung. Und die boykottieren wir auch nicht.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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