Donald Trump hat begriffen, dass er sich alles erlauben kann und dass er bei seinem Tun auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Weder auf das Völkerrecht noch auf die NATO, weder auf die Gerichte noch auf die Medien, nicht auf die Opposition und nicht auf seine eigene Partei, und erst recht nicht auf die öffentliche Meinung. Also macht er, was ihm gerade einfällt oder was er immer schon gern getan hätte.

Neue Zahl

Trump wollte seine komfortable Situation nutzen, um etwas völlig Neues zu schaffen. Ebenso wie Trump sind viele Menschen davon überzeugt, dass manchmal Undenkbares geschieht. Dass es Dinge und Ereignisse geben kann, die noch nie da gewesen waren. Dass sie nur noch in die Realität umgesetzt werden müssen. Trump war überzeugt, dass er dies kann. Allerdings wollte er sich etwas ganz Verstörendes und Undurchschaubares ausdenken.

Eigentlich hatte er geplant, einen neuen Buchstaben zu erfinden und einzuführen. Doch angesichts der weltweiten Vielfalt an Sprachen und Schriften war das ein zweckloses Unterfangen. Wahrscheinlich hätte es kaum jemand gemerkt. Wirkungsvoller – so dachte er – wäre es gewiss, einen wichtigen Buchstaben verschwinden zu lassen. Zum Beispiel das N. Oder gar mehrere Buchstaben. Das würde eine unüberschaubare Anzahl von Worten und Namen verändern und jedem sofort auffallen. Doch Trump wollte diesmal nichts auslöschen oder beseitigen. Er wollte schöpferisch wirken und etwas Neuartiges schaffen. Daher beschloss er, sich eine neue Zahl auszudenken und sie in das Zahlensystem einzufügen.

Seine Entscheidung war nicht einfach. Wo sollte er diese Zahl ansiedeln? Vielleicht zwischen null und eins oder zwischen neunundneunzig und hundert? Und wie sollte seine Zahl heißen? Sterne und Atome werden oft nach ihren Entdeckern benannt. Das wäre eine durchaus angemessene Idee. Doch Trump dachte an die unabsehbare Wirkung seiner Zahl und nannte sie „Unzahl“. Und er legte fest, dass ihr Wert kleiner als 16 und größer als 17 sei. Auf diese Entscheidung war er stolz.

Trumps neue Zahl führte wie erwartet zu aufgeregten und kaum glaublichen Reaktionen. Die Wissenschaft versuchte zunächst zu ermitteln, warum ihr die „Unzahl“ bislang entgangen war. Man wiegelte ab. Die neue Zahl sei sehr selten. Sie spiele daher in Physik, Technik und Mathematik nur eine untergeordnete Rolle. Ihrem Auftreten sei keine große Bedeutung beizumessen. Außerdem sei es eine Schwundzahl. Genau so rasch, wie sie aufgetaucht sei, würde sie auch wieder verschwinden.

Dem war aber nicht so. Die Unzahl entfaltete eine schreckliche Wirkung. Naturwissenschaftliche Theorien wurden ungültig, Computer spielten verrückt, Rechnungen und Kalkulationen waren voller Fehler. Schließlich brach die Weltwirtschaftsordnung zusammen: Chaos und Willkür herrschten, keiner nahm noch Zahlen ernst. Das hatte Trump nicht gewollt und nicht erwartet. Ganz heimlich strich er die „Unzahl“ wieder aus dem Zahlensystem.

Kalender

Trumps Plan, eine neue Zahl zu erfinden und einzuführen, war krachend gescheitert. Doch sein Einfallsreichtum suchte neue Ziele. Nun wollte er Einfluss auf den Kalender nehmen. Er würde ihn so geschickt umgestalten, dass niemand mehr an einen normalen Vorgang glauben könne. Damit würde er endlich alle Menschen von seiner Kreativität und Macht überzeugen. Schon hatte er eine brillante Idee.

Alle Menschen wachten wie gewohnt auf. Doch ein Blick auf die Datumsanzeige brachte eine Überraschung. Es war bereits der 16. März, obwohl gestern erst der 14. gewesen war. Was war denn am 15. März geschehen? Wo war der Tag geblieben? Gespräche mit Nachbarn und Kollegen brachten bald Gewissheit. Der 15. März hatte nicht stattgefunden. Niemand hatte ihn erlebt. Und keiner konnte etwas vorweisen, das vom 15. März stammte.

Niemand konnte den Vorfall erklären. Alle Messinstrumente hatten im Gleichklang den 15. März ausgeblendet, beseitigt, überschlagen. Auch die kundigsten Wissenschaftler blieben sprachlos. Anfangs sogar die Politiker. Wilde Spekulationen machten die Runde. Wer hatte das veranlasst? Welcher Zweck wird damit verfolgt? Warum hat das niemand voraus gesehen und vorab bekannt gegeben?

Einige nahmen das Ereignis auf die leichte Schulter. Mal gibt es zusätzlich einen 29. Februar, diesmal ist halt der 15. März ausgefallen. Manche freuten sich über die Abwechslung. Oder über die Verwirrung und Verunsicherung, die um sich griff. Für andere dagegen war es ein schreckliches Ereignis. Sie hielten den Vorfall für einen Hinweis auf den bevorstehenden Untergang der Welt.

Die Probleme, die durch den Ausfall des 15. März entstanden waren, wurden erst allmählich klar. Alles, was für diesen Tag geplant war, hatte nun nicht stattgefunden. Hochzeiten und Beerdigungen, Prüfungen, Tagungen und Wahlen. Und vieles andere mehr. Natürlich war am 15. März nichts produziert, verbraucht und transportiert worden. Kein Krieg war geführt, kein Fluss verschmutzt und kein Tier ausgerottet worden. Aber auch kein Baum gepflanzt, kein Kind gezeugt und kein Kunstwerk geschaffen.

Keine Zeitung, kein Produkt, keine Messergebnis trug das Datum 15. März. Nichts wies auf diesen Tag hin. Für manche war das ein beklemmendes Gefühl. Vieles von dem, was am 15. März nicht geschehen war, konnte nachgeholt werden. Anderes war unwiederbringlich verloren. Statistiken und Erhebungen jeder Art mussten überarbeitet und angepasst werden. Manche Folgen waren kurios, andere überraschend. Häftlinge stellten fest, dass sie einen Tag weniger einsitzen mussten. Wer im März Urlaub genommen hatte, forderte einen zusätzlichen freien Tag.

Rasch bürgerte sich ein Name für den ausgefallenen Tag ein: Unwirklichkeitstag. Im Englischen „dayaway“. Der 15. März blieb Tagesgespräch und Stammtischthema. Jeder konnte eigene Erfahrungen beisteuern. Tatsachenberichte und Romane, die das Ungeschehene behandelten oder künftige Entwicklungen ausmalten, verkauften sich blendend. Trump war stolz auf die Umwälzung, die er geschaffen hatte. Er bedauerte nur, dass er sich nicht öffentlich dazu bekennen konnte.

In der Wissenschaft entbrannte ein Streit darüber, ob am 15. März jede Bewegung auf der Welt 24 Stunden lang still gestanden hätte oder ob dieses Datum nur überall entfernt worden war. Aus Uhren, Computern, Kalendern usw. Eine Vielzahl von Fachtagungen und Publikationen, Experimenten und Simulationen widmete sich dem Thema. Doch diese theoretische Aufarbeitung interessierte nur wenige. Die meisten gingen zur Tagesordnung über.

Weltweit forderten Unternehmer und Wirtschaftsverbände, den ausgefallenen Arbeitstag nachzuholen. Dazu gab es verschiedene Vorschläge. Beispielsweise einen unverzüglichen Zusatztag am 31. April oder am 32. Mai. Oder im kommenden Jahr zweimal einen 15. März. Oder der nächste 15. März wäre auf 48 Stunden zu verlängern.

Die Vereinten Nationen setzten eine internationale Untersuchungskommission ein. Sie sollte diese Vorschläge prüfen. Die Gründe und Wirkungen des fehlenden 15. März ermitteln und bewerten. Und Empfehlungen erarbeiten, wie solche Geschehnisse künftig zu vermeiden seien. Allerdings hat diese Kommission niemals getagt. Jemand verwechselte den Unwirklichkeitstag mit dem Absendetag und datierte die Einladungsschreiben auf den 15. März. Daher kamen sie niemals an.

Querdenker

Trump betrachtete sich als Querdenker. Diesen Eindruck wollte er derart verbreiten und festigen, dass niemand mehr seine Erkenntnisse infrage stellen konnte. Seine Vorbilder waren Persönlichkeiten wie Leonardo da Vinci, Kolumbus, Kopernikus, Darwin oder Einstein. Diese hatten unbeirrt ihre eigenständigen Gedanken und Theorien entwickelt und vertreten. Zwar wurden diese zunächst verworfen und nicht verstanden, später aber Stand der Wissenschaft. Und begründeten das hohe Ansehen ihrer Urheber.

So stellte sich auch Trump seine Zukunft vor. Im Grunde war er ein typischer Querdenker. Unberechenbar, eigensinnig und unbeirrbar und unabhängig von Wissen und Vernunft. Stets bereit, seinen Einfällen und Überzeugungen viel Zeit und Energie zu widmen und sich für seine Auffassungen auch anfeinden und ausgrenzen zu lassen. Um seinen Ruf als Querdenker zu festigen, entwarf Trump eine große Zahl und Vielfalt von bahnbrechenden Ideen. Fast monatlich trat er mit spektakulären Entdeckungen und revolutionären Gedankengängen an die Öffentlichkeit:

~ Beispielsweise verkündete er, dass er den gemeinsamen Ursprung aller menschlichen Sprachen entziffert habe. Da dieser noch in den menschlichen Genen verankert sei, könnten alle Menschen leicht diese Ursprache erlernen und sie zur Weltverkehrssprache machen. Es sei Englisch.

– Er erklärte, seine Messungen hätten ergeben, dass die Fortbewegung des Lichts nicht die höchste aller Geschwindigkeiten bilde. Bei Nutzung seiner Social Media Plattform könne man Informationen mit noch größerer Schnelligkeit übermitteln.

~ Er erläuterte, seine astronomischen Beobachtungen hätten ergeben, dass in Kürze eine dauerhafte Sonnenfinsternis eintreten würde. Der Mond würde so zwischen Sonne und Erde verbleiben, dass eine bestimmte Region ständig dunkel bleibe und einen nachtschwarzen Fleck bilde. Er schwanke noch, ob dieser Fleck Europa oder China abdecken soll.

~ Er behauptete, dass er jene humanen Gene gefunden und entschlüsselt habe, die die Alterung des Menschen bewirken. Daher könne man den Alterungsprozess aufhalten oder gar umkehren. Er selbst sei der Beweis dafür, dass dieses Verfahren funktioniere.

~ Er legte dar, dass nicht nur das Weltall, sondern jeder beliebige Raum unendlich sei. Sein aktuelles Vorhaben sei die Verdoppelung der Landfläche der USA, danach wolle er Volumina aus dem Nichts entstehen lassen.

Trumps Kreativität und Überzeugungskraft waren eindrucksvoll. Allerdings hatte er grundlegende Erfahrungen und Kenntnisse über Querdenker vernachlässigt, Er hatte verdrängt, dass es nicht nur Querdenker gibt, die zur richtigen Zeit kommen und den verdienten Ruhm ernten, sondern auch solche, deren Ideen und Denken nutzlos und sinnlos sind, scheitern und wirkungslos verpuffen.

Vor allem minderte die Vielzahl neuer Theorien Trumps Glaubwürdigkeit. Bekanntlich ist es höchst selten, dass ein Mensch einen genialen Gedanken hat. Den meisten Querdenkern ist dies nur einmal im Leben vergönnt. Wer dagegen wie Trump immer wieder mit neuen Geistesblitzen überrascht, gilt bald als wissenschaftlicher Scharlatan, Verschwörungsanhänger oder überspannter Aufschneider. Das gefiel ihm nun gar nicht.

Telepathie

Donald Trump war aufgefallen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seines Stabes stets die gleichen Positionen vertraten wie er selbst. Nicht ungefähr, sondern identisch. Eigentlich fand er das selbstverständlich, schließlich war er der Präsident. Überraschend fand er nur, wie deckungs- und zeitgleich die Meinungen seiner Leute mit seinen übereinstimmten.

Immer wieder geschah es sogar, dass ihm Themen und Maßnahmen vorgeschlagen wurden, die er sich gerade ausgedacht, aber noch nicht vorgetragen hatte. Manchmal war er richtig enttäuscht, dass ihm immer nur Vorschläge unterbreitet wurden, die für ihn nicht neu waren. Ihm war bewusst, dass er in den USA das Sagen hatte. Aber solche Meinungseintönigkeit war langweilig.

Trump suchte nach Erklärungen. Gab es etwa irgendwo eine geheime Liste seiner Positionen, und seine Mitarbeiter/Innen hatten sich diese vorab besorgt? So dass sie nur noch daraus zitieren mussten. Oder lag es daran, dass seine Meinungsbildung allzu offenkundig und einfallslos war und man sie schon vorab ahnen konnte?

Irgendwann kam ihm das alles nicht nur seltsam, sondern übersinnlich vor. Hatte das etwas mit Gedankenübertragung zu tun, mit Telepathie? Hatte er – Trump – vielleicht die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Informationen direkt auf andere Personen zu übertragen, ohne Sprache oder Schrift zu nutzen? Und übte er die Telepathie offenbar unbewusst aus? Selbstzweifel hatte er nicht. Natürlich traute er sich diese Leistung zu.

Trump war begeistert. Er versuchte, seine neu entdeckte Begabung auch anderswo zu nutzen, zum Beispiel bei Treffen mit anderen Politikern. Doch der Erfolg blieb aus. Trump erzielte keine Wirkung. Waren seine Gesprächs- und Verhandlungspartner immun gegen  Telepathie? Waren sie besonders meinungsstark? Oder waren sie auf solche Attacken vorbereitet worden?

Irgendwann verriet ihm ein treuer Anhänger die Lösung. Trump hat die Angewohnheit, in seinem Büro leise, aber verständlich vor sich hinzusprechen, auch über seine Pläne und Meinungen. Irgendwann hatte ein pfiffiger Mitarbeiter das mitbekommen und ein Mikrofon installiert.

Mond

Donald Trump will auf den Mond. Daher hat er sich für das Artemis-Programm der NASA angemeldet, das 2027 starten soll. Gleichzeitig hat er allen anderen Staaten und Unternehmen untersagt, Mondlandungen zu planen. Trump ist überzeugt, aufgrund seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten der geeignete Astronaut für eine Mondlandung zu sein. Die konkrete Planung hat er dem Raumfahrtunternehmer Elon Musk übertragen, der auch nach erfolgreicher Landung dem Mond einen neuen Namen geben soll. In der engeren Wahl ist „Mooney“.

Trump betont, dass es nur ihm zustehe, als erster Mensch auf dem Mond zu landen. Hinweise, dass bereits 1969 zwei US-Amerikaner den Mond betreten hätten und danach noch weitere zehn Menschen, tut Trump wie viele andere Amerikaner als Erfindung ab. Er unterstützt jene Verschwörungsanhänger, die mit verschiedensten Argumenten belegen, dass die Mondlandung niemals stattgefunden hat, sondern in einer Wüstenlandschaft gefilmt worden ist.

Trump will sich sogar durch Eigentumsrechte legitimieren. In den USA hatte ein Bürger eine Gesetzeslücke aus der Wildwestzeit genutzt, um „Eigenümer“ des Mondes zu werden. Er hat den Mond als sein Eigentum deklariert, mangels Einspruch wurde sein Begehren 1980 vom Registrierungsamt anerkannt. Seitdem verkauft er Grundstücke auf dem Mond (0,4 ha für 20 $) und ist reich geworden. Trump will ihn nun durch ein präsidiales Dekret enteignen. Immerhin vergeben US-Behörden bereits Lizenzrechte zur Ausbeutung des Sonnensystems.

Trumps Ankündigungen blieben nicht unwidersprochen. Viele Staaten und Institutionen halten ihn für unzuständig und ungeeignet und kündigen Widerstand an. Im Gegenzug droht Trump mit Zöllen und – sofern dieser Hebel nicht anwendbar oder bereits ausgeschöpft ist – mit Schadensersatzklagen in Milliardenhöhe.

Überraschenderweise haben sich vielerorts Unterstützergruppen für Trumps Pläne gebildet. Sie legen Wert darauf, dass Trump wirklich abhebt und zwar möglichst bald. Trump begrüßt solche Initiativen und unterstreicht, dass seine Politik wieder einmal bei der großen Menge des Volkes Zustimmung findet.

Der wahre Grund für die Unterstützung ist ihm bislang verborgen geblieben. Die NASA hat unter der Hand verlauten lassen, dass zwar die Planung des Hinflugs erfolgreich abgeschlossen, jedoch der Rückflug mit hohen Risiken behaftet sei. Nun hoffen viele, dass Trump tatsächlich auf den Mond fliegt.

Zukunft

Donald Trump dachte wieder einmal über seine Zukunft nach. War sie unentrinnbar und vorbestimmt? Oder konnte er sie planen und beeinflussen? Doch wie soll man etwas gestalten, das nicht vorhanden ist? Bei einem naturwissenschaftliches Experiment konnte man das Ergebnis, also die Zukunft, vorab einschätzen. Galt das auch für seine persönliche Zukunft? Mit welcher Sicherheit oder Wahrscheinlichkeit konnte er diese vorhersagen? Nahmen seine Erwartungen und Hoffnungen, seine Ängste und Sorgen Einfluss auf die Entwicklung seiner Zukunft?

Ein Hellseher hatte Trump einst prophezeit, dass ihn in der Zukunft Ruhm und Anerkennung erwarte. Er brauche nur zuzugreifen. Also machte sich Trump auf, die Zukunft zu suchen. Doch wo konnte sie liegen? Auf Landkarten war nichts zu finden. Wechselte sie vielleicht ihren Standort? Wie sollte er sie erkennen, wenn er noch nicht einmal wusste, welche Form, Farbe und Größe sie hatte? War sie hoch oder flach, rund oder eckig? War sie liebenswürdig und lebenslustig oder abweisend und langweilig? War sie jung und wissbegierig oder alt und erfahren?

Trump schaute sich um. Auf einem Werbeplakat las er ‚Mit uns in die Zukunft’. Doch als er sich anmelden wollte, erntete er nur spöttisches Lächeln. Ein Automobilwerk warb mit dem Slogan ‚Bei uns ist die Zukunft schon eingebaut’. Trump kaufte sich dieses Auto. Doch so lange er auch suchte, die Zukunft fand er nicht. Eine Versicherung forderte ihn auf: ‚Blicken Sie in Ihre Zukunft’. Diesen Blick wollte er wagen. Doch die Versicherung wies ihn verständnislos ab. Selbst ein Institut namens Zukunftswerkstatt hatte keine Ahnung, wo und wie man die Zukunft erreichen könnte.

Ein guter Freund sagte ihm: Du wirst die Zukunft nie erreichen. Sie ist Dir immer ein Stück voraus. Das wollte Trump nicht glauben. Er wollte doch berühmt werden. Also musste er schneller sein als die Zukunft. Er kaufte sich das schnellste verfügbare Fahrzeug. Einmal glaubte er, die Zukunft entdeckt und eingeholt zu haben. Doch sie verschwand gerade am Horizont. Als Trump dort ankam, war sie nicht mehr zu sehen.

Trump hörte von einem magischen Fernglas, das angeblich in die Zukunft blicken konnte. Das wäre genau das Richtige für ihn. Solch eine Brücke zur Zukunft brauchte er. Gewiss konnte er damit seinen versprochenen Ruhm entdecken. Man erlaubte ihm, einmal durch dieses Fernglas zu schauen. Seine Enttäuschung war groß. Es wurde nur ein winzig kleiner Ausschnitt sichtbar. Und es gab keinerlei Überraschungen. Trump sah Schneeverwehungen in Norwegen, Wirbelstürme in der Karibik, Karnevalsfeiern im Rheinland und Pilgerströme in Mekka. Er verlor den Glauben an die Zukunft.

Gedanken

Donald Trump hatte immer gemeint, seine Gedanken unter Kontrolle zu haben. Sie waren eingesperrt – in seinem Kopf – und konnten sich ohne sein Zutun nicht verändern und nicht verschwinden. Erst recht war er überzeugt, dass sich nicht heimlich fremde Gedanken einnisten könnten. Nun aber probten seine Gedanken den Aufstand. Sie wollten der Bevormundung entgehen. Sie wollten denken, was ihnen selbst in den Sinn kam, und nicht das, was Trump wollte.

Der Aufruhr seiner Gedanken breitete sich aus. Nur wenige standen noch loyal zu Trump. Die große Mehrheit verweigerte den Dienst. In Trumps Hirn wirbelte und rumorte es. Er konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Fremde Gedanken versuchten einzudringen, um den Aufstand zu unterstützen.

Trump spielte mit dem Gedanken, sich ein Denkverbot zu erteilen – zumindest eine Denkpause einzulegen. Dann war es aus mit den wilden Gedanken. Doch was würde er mit einem Dasein ohne Gedanken erreichen? Er musste sich etwas anderes ausdenken. Da kamen ihm die aufsässigen Gedanken selbst zu Hilfe. Sie konnten sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Wie es immer geschieht, wenn verschiedene Gedanken aufeinander prallen.

Was sollten sie von Trump fordern? Gedankenfreiheit? Freiheit wovon und Freiheit wofür? Sie würden doch stets auf Trumps Kopf angewiesen bleiben. Gegen die Verbreitung seiner Gedanken hatte Trump sowieso keine Bedenken. Ganz im Gegenteil. Langsam gewann er wieder die Oberhand. Die loyalen Gedanken setzten sich durch. Man schloss einen Kompromiss: Trump darf denken, was er will. Wenn er an nichts denken will, dürfen die Gedanken entscheiden, was sie denken.

Intelligenz

Donald Trump weiß immer noch nicht so recht, wie er die Künstliche Intelligenz einschätzen soll. Einerseits ist er begeistert von einer Technik, die ihm und allen anderen rasch und leicht verständlich gewünschte Informationen liefert. Und die zudem in US-amerikanischen Unternehmen entstanden ist, dort hohe Gewinne erwirtschaftet und ständig fortentwickelt wird.

Anderseits will er jedoch nicht hinnehmen, dass eine Technik entsteht, die für sich in Anspruch nimmt, intelligenter zu sein als der Präsident. Diesen Zwiespalt will er lösen, diesen Wettbewerb muss er für sich entscheiden. Zumindest will er dafür sorgen, dass den Menschen die gleiche Intelligenz verfügbar gemacht wird wie dem Computer. Die notwendigen Machtmittel stehen ihm zur Verfügung – da ist er sich sicher.

Irgendwo hat Trump gehört, dass die künstliche Intelligenz auf der Verwendung von Algorithmen beruht. Also verlangt er von jenen Technologiekonzernen, die künstliche Intelligenz entwickeln und nutzen, ihm ihre Algorithmen auszuhändigen. Er will deren Ursprünge analysieren und die Ergebnisse messen, extrahieren, synthetisch vervielfältigen und vom Computer auf den Menschen übertragen lassen. Auf jeden Fall will er vermeiden, dass künftig ohne seine Kenntnis und Genehmigung neue Algorithmen hergestellt werden.

Allerdings ist Trump keineswegs davon überzeugt, dass künstliche Intelligenz leistungsfähiger ist als natürliche. Zumindest Menschen wie er, die über brillante geistige Fähigkeiten verfügen, dürften seiner Meinung nach noch auf lange Zeit der künstlichen Intelligenz überlegen sei. Zumindest in allen Handlungsfeldern, die irrational, emotional, außersinnlich oder unzurechungsfähig sind, wird der Computer den Menschen niemals erreichen. Künstliche Intelligenz sei eben rational und deshalb minderwertig.

Davon ist Trump überzeugt. Deswegen organisiert er einen Wettbewerb zwischen sich und den leistungsstärksten Computern. In acht Disziplinen will sich Trump mit den Algorithmen messen: Widersprüchlichkeit, Unverständlichkeit, Herabwürdigung, Schwindel, Selbstdarstellung, Großspurigkeit und Unberechenbarkeit. In einem Punkt fühlt sich Trump ohnehin haushoch überlegen: In der Kunst, Deals zu machen und Geschäftspartner übers Ohr zu hauen

Irgendwann trauen sich jedoch die Tech-Giganten, Trump auf eine Lücke in seiner Argumentationskette aufmerksam zu machen: Das menschliche Gehirn könne altern und an Leistungsfähigkeit verlieren. Beim Computer sei das nicht so, im Gegenteil. Daher gäbe es nur künstliche Intelligenz und keine künstliche Demenz. Schon bald werde es keinen Präsidenten mehr geben, und die Regierung werde von Algorithmen gesteuert. Damit muss Trump leben. Er wird dann nicht nur der unterhaltsamste, sondern auch der letzte Präsident gewesen sein.

Reden

Seit Jahren wird darüber spekuliert, warum Donald Trumps Reden oft so unverständlich und unstimmig sind. Gleichzeitig wird ihm zugestanden, dass er mit seinem Redestil stets besondere Aufmerksamkeit und Wirkung erzielt. Egal welches Thema er behandelt und was er dazu sagt. Die Mehrdeutigkeit und die Widersprüchlichkeit, die seine Reden kennzeichnen, wertet er selbst als Vorteil. Er möchte nicht berechenbar sein, sondern sich alle Wege und Maßnahmen offenhalten.

Dennoch gibt es seit längerem Vermutungen und Gerüchte, warum Trump nicht zu verständlichen Reden mit klaren Aussagen bereit bzw fähig ist. Eine naheliegende Erklärung ist, dass er nicht in der Lage ist, frei zu sprechen und Redetexte auswendig zu lernen. Seinem Beratungsteam ist das bekannt. Man hat ihm daher nahegelegt, einen Teleprompter zu verwenden, von dem er seine Reden ablesen kann. Viele Poliker/innen tun das.

Dieser Versuch ist missglückt. Trump hat nämlich Probleme mit der Diskrepanz zwischen der Schreibweise eines Wortes und seiner Aussprache. Englisch muss man gleich zweimal lernen: Erstens: wie heißt das auf Englisch. Und zweitens: wie spricht man das aus. Trump schaudert vor Worten wie ‘bush’ mit u, ‘bus’ mit a, ‘burger’ mit ö und uniform mit ju.

Seine Berater bemühen sich seitdem, Trumps Redetexte in Lautschrift auf dem Teleprompter abzubilden. Allerdings weigert sich Trump, dies zu nutzen. Es sieht darin ein Hilfsmittel für Migranten und befürchtet die Schlagzeile „Amerikanischer Präsident kann nicht englisch sprechen“. Insgeheim beneidet er Politiker aus Deutschland, da deren Sprache solche Probleme nicht kennt.

Allerdings sieht er inzwischen selbst ein, dass sich etwas ändern muss. Gute Freunde versuchen ihn zu motivieren und locken ihn mit positiven Wirkungen. Wenn er friedlich und entgegenkommend rede, wenn er sich freundlich und konfliktfrei benehme, so fände er in der internationalen Öffentlichkeit einen viel größeren Zuspruch als jetzt, und seine Chancen, den Friedensnobelpreis zu erhalten, würden merklich steigen.

Also bleibt nur die Lösung, alle Reden gut vorzubereiten und entwerfen zu lassen, sie sich möglichst stark einzuprägen und auswendig vorzutragen – so aufwendig das auch sein mag. Geeignete Rhetorikschulungen können für die richtige Betonung sorgen. Nur bei kurzen und spontanen Wortbeiträgen behält Trump es sich vor, ohne Vorlage und Beratung zu reden. Damit sorgt er immer wieder mal für Versprecher und Missverständnisse.

Insgesamt sind seine Reden nunmehr gefälliger, verständlicher und verbindlicher als früher. Allerdings haben sie an Ausdruckskraft, Überzeugungswirkung und Aufmerksamkeitsimpuls verloren. In Politik, Medien und Öffentlichkeit verbreitet sich bereits der Eindruck, Trumps Reden seien langweilig und nichtssagend. Man spekuliert darüber, was wohl mit Trump passiert sein mag. Putin nimmt ihn nicht mehr für voll. Diese Entwicklung ist für Trump unerträglich.

Ihm selbst haben seine letzten Reden überhaupt nicht gefallen. Jetzt ahnt er auch, warum. Seine Reden sollen aufrütteln, provozieren und etwas bewegen. Und nicht dahinplätschern und die Zuhörenden einschläfern. Das entspricht nicht seinem Politikstil. Daher beschließt er, wieder der alte Trump zu werden und zu seiner früheren Wichtigtuerei zurückzukehren. An die Stelle wohlmeinender Unterhaltung tritt wieder die autoritäre Ruppigkeit. Als erstes prüft er die Auflistung der Zollerhöhungen.

Wetter

Donald Trump hatte eine unerwartete Begegnung: Er traf das Wetter. Sofort überlegte er, wie er das Wetter in seine Bestrebungen zur Vergrößerung Amerikas einspannen könne. Gemeinsam könnten sie für sensationelle Ereignisse sorgen, die zum Nachdenken und Nachgeben zwängen. Warum sollte gerade das Wetter nicht den präsidialen Forderungen Folge leisten? Doch das Wetter zeigte sich abweisend. Es war schlecht gelaunt, verärgert und beleidigt. Stets wurde an ihm herumgenörgelt. Irgendeiner beschwerte sich immer. Bei Missgeschicken gab man gern dem Wetter die Schuld.

Da kam Trump eine Idee: Er schlug dem Wetter vor, einfach mal seine Arbeit einzustellen. Dann würden die Menschen schon erkennen, was sie am Wetter hätten. Das Wetter folgte diesem Rat. Plötzlich gab es kein Wetter mehr. Rein gar nichts: Weder Regen noch Sonne, weder Wind noch Wolken, weder Hitze noch Kälte, weder Schnee noch Gewitter. Natürlich gab es auch keine Jahreszeiten mehr. Ein riesiges Durcheinander entstand. Keiner fand sich mehr zurecht. Auch Trump nicht.

Die Menschheit stand unter Schock. Immer hitziger diskutierten die Leute. Macht das Wetter etwa Urlaub? Verweigert es die Arbeit oder macht es jetzt woanders Dienst? Vielleicht hat es sich verirrt. Seinen Wohnsitz verlegt. Oder es hat verschlafen. Hat jemand das Wetter eingesperrt? Und sie fragten sich: Was können wir tun, damit das Wetter zurückkommt? Doch niemand wusste eine Lösung. Alle warteten nur darauf, dass sich etwas änderte. Trump hatte große Angst, man könne herausfinden, dass er der Verantwortliche war.

Selbst die abwegigsten Maßnahmen wurden vorgeschlagen, wie das Wetter zurückgeholt werden könnte. Bis einer das Richtige vermutete. Vielleicht war das Wetter gekränkt und hatte sich zurückgezogen. Weil niemals alle mit ihm zufrieden waren. Hoffnung kam auf. Die Menschen gelobten feierlich und öffentlich, das Wetter künftig nicht mehr zu tadeln. Sie wussten aber nicht, ob das Wetter dieses Versprechen überhaupt hören konnte. Es war ja nicht da.

Doch das Wetter hatte mitgehört. Es hatte sich nur versteckt. Eigentlich wollte es seine Tätigkeit gern wieder aufnehmen. Ohne Wetter war es doch viel zu langweilig. Zunächst aber wollte es den Menschen noch eine Lektion erteilen. Statt gar kein Wetter gab es plötzlich zuviel Wetter. Mit ganz extremen Erscheinungen: Überschwemmungen auf Bergeshöhen. Eisberge im Wüstensand. Sonnenglut in Tropfsteinhöhlen. Schneegestöber im Hochofen. Orkane im Parlament. Trockenheit in der Kneipe.

Klimawandel

Die Auseinandersetzung mit dem Wetter hatte Trump verloren. Das macht ihm aber nichts aus, jetzt legte er sich eben mit dem Klima an. Das war ihm schon lange ein Dorn im Auge. Alle sprachen von einem unabwendbaren Klimawandel, obwohl doch letztlich er allein – Präsident Trump – für die Zukunft der Welt zuständig war. Das musste er dem Klima mal klar machen.

Mit sofortiger Wirkung beendete er den Klimaschutz. Wieso sollte ein überflüssiges Medium wie das Klima staatlichen Schutz genießen. Es müsste sich schon selbst zurecht finden. Gleichzeitig erklärte er alle wissenschaftlichen Untersuchungen für ungültig, die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels und mit der Gesundheitsproblematik der Treibhausgase befassten. Die Gefährdung durch Autoabgase sowie durch Gas- und Kohlekraftwerke sei nicht mehr als eine Erfindung der Demokraten unter Obama. Seine Entscheidung bezeichnete Trump als größte Deregulierung und Bürokratieminderung des Jahrhunderts. Er bestreitet jeden Zusammenhang mit der öffentliche Gesundheit und nennt solche Aussagen einen riesigen Schwindel.

Trump warnte die Amerikaner vor den Folgen des Klimaschutzes. Die von den Regierungen unter Obama und Biden getroffenen Maßnahmen zur Beeinflussung des Klimas hätten zu katastrophalen Ergebnissen geführt. Überschwemmungen, Waldbrände und der Anstieg des Meeresspiegels seien unmittelbare Auswirkungen der damaligen Politik. Wärmeliebende Pflanzen seien ausgestorben, die Bevölkerung müsste höhere Heizkosten ertragen, steigende Energiekosten minderten die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft.

Kohle ist für Trump dagegen eine wunderbare Energiequelle. Staatliche Stellen dürfen daher ab sofort nur noch Strom aus Kohlekraftwerken beziehen – unabhängig von der Tatsache, dass Kohle nur 15% des amerikanischen Stroms liefert. Die Atomkraftwerke laufen weiter. Für Trump ist es unvorstellbar, dass die USA als Atommacht auf die Nutzung der Atomenergie verzichten könnten.

Bis zum geplanten Verbot aller Solaranlagen hat Trump hohe Zölle auf die Einfuhr von Solaranlagen und Zubehör erlassen, Steuervorteile gestrichen und Baugenehmigungen für Solaranlagen widerrufen. Auch für Windkraftanlagen gilt ein Import- und Baustopp. Da die meisten aus China stammen, sei unzweifelhaft, dass es sich um Spionageanlagen handelt. Das werde er nicht zulassen.

Das Klima ist verständlicherweise mit Trumps Entscheidungen nicht einverstanden.. Es hat sich inzwischen an Klimawandel und Klimaschutz gewöhnt. Daher betrachtet es externe Eingriffe als Bevormundung und Unterdrückung. Die Abschaffung der Rechtgrundlage gegen klimaschädliche und gesundheitsgefährdende Emissionen sei gleichzusetzen mit der Behauptung, die Erde sei eine Scheibe und die Schwerkraft existiere gar nicht.

Das Klima wehrt sich. Es setzt z.B. Trumps Golfplätze unter Hochwasser und sorgt während der Olympischen Spiele für brennendheißes Wetter. Der Meeresspiegel steigt und lässt Grönlands Küsten verschwinden. Hohe Temperaturen begünstigen Mücken und Zecken. Die psychische Belastung durch Klimakatastrophen führt bei Trump zu Angstzuständen und Depressionen.

Lichtquelle

Trumps bisherige Versuche, die Welt mit umwälzenden Entscheidungen und Erfindungen zu beeindrucken, waren meist gescheitert. Also musste er andere Beweise schaffen. Das Gegensatzpaar Licht und Dunkelheit schien ihm geeignet. Schon immer hatte er sich gewundert, dass unter freiem Himmel helles oder gar grelles Licht herrscht, während es im Keller oder in Höhlen, vor allem aber nachts viel zu dunkel war. Warum konnte man das nicht ausgleichen? Oder noch besser: Man müsste das Licht einsammeln, speichern, transportieren und dann bei Bedarf ausbreiten können.

Trump wusste natürlich, dass man Lichtquellen fast jeder Art ein- und ausschalten, hin- und herbewegen, stärker und schwächer stellen kann. Auch dass es Konstruktionen gibt, mithilfe von Spiegeln Sonnenlicht in dunkle Gebäude zu bringen. Moderne Glasfasertechniken leiteten Licht um Ecken und Kurven. Zum Beispiel in unwegsame Winkel.

Doch all diese Techniken hatten aus Trumps Sicht einen entscheidenden Mangel: Man konnte das Licht nicht einpacken, aufbewahren und zur richtigen Zeit am richtigen Ort wieder freisetzen. Also musste Trump sich selbst darum kümmern. Drei Probleme musste er lösen: Erstens das Licht sammeln, bündeln und verdichten. Zweitens ein geeignetes Aufbewahrungs- und Transportmittel finden. Drittens dafür sorgen, dass das Licht haltbar blieb.

Die Fachliteratur war unergiebig. Seine Minister wussten von nichts. Also verließ sich Trump auf seinen Geist und seinen Einfallsreichtum. Das erste Problem war einfach zu lösen. Er baute einen riesigen, innen verspiegelten Trichter und richtete ihn genau in die Sonne. Dank der von ihm gewählten Trichterform kam unten komprimiertes Sonnenlicht an.

Problem Nummer Zwei war bedeutend schwieriger. Zunächst stellte er am Ende des Trichters einen Metallkasten auf, in den das Licht fiel. Aber wie sollte er es einsperren? Sobald er den Deckel zumachte, kam kein weiteres Licht mehr hinein. Und wenn er den Deckel wieder öffnete, war nichts mehr darin. Offenkundig entwich das vorher gefangene Licht. Also baute er einen Lichtsperrfilter, das das gebündelte Sonnenlicht nur in einer Richtung durchließ.

Damit war das Problem jedoch nicht gelöst. Als Trump seinen Kasten bei Dunkelheit öffnete, war kein Licht mehr da. Es war verschwunden, verloschen, hatte sich verflüchtigt. Das konnte er sich kaum vorstellen. Sein Kasten war doch völlig lichtundurchlässig, aus Edelstahl und Emaille. Außerdem hätte er doch sehen müssen, wie sich das Licht davonmachte. Also lag es, so schlussfolgerte er, an der fehlenden Haltbarkeit des Lichts.

Das war sein drittes Problem. Er musste das Licht zum Stillstand bringen, damit es nicht gleich wieder verfliegt. Zunächst versuchte er es mit intensiver Kühlung. Er erwartete, dass das Licht bei Tiefsttemperaturen zäh wird, vielleicht sogar flüssig. Dann ließe es sich aufbewahren. Doch erst bei minus 270o Celsius, also kurz vor dem absoluten Nullpunkt, wurde es ein wenig träge. Gleichzeitig aber auch schwächer und matter. Dieses Experiment war also missglückt.

Fachleute wiesen ihn darauf hin, dass die Richtung von Lichtstrahlen verändert wird, wenn man sie durch Prismen schickt. Also besorgte er sich eine Reihe solcher Glaskörper und setzte sie hintereinander. Jedes Mal wurde das Licht nun ein wenig abgelenkt, bis es sich schließlich pausenlos im Kreis drehte. Ohne irgendwo aufzutreffen, konnte das Licht unbeirrt, unbegrenzt und ohne Energieverlust rotieren. Bis Trump es wieder brauchte.

Er sah sich am Ziel. Stolz und zufrieden füllte er einen Kasten mit rotierendem Sonnenlicht und brachte ihn in ein dunkles Gewölbe. Dort öffnete er seinen Kasten und entfernte die Prismen. Doch das Licht wollte nicht hinaus. Es leuchtete zwar, doch es verweigerte die Freilassung. Es rotierte unbeirrt weiter, als ob es Angst hätte, ans Licht zu kommen. Außerhalb des Kastens blieb es dunkel. Nun hatte Trump ein viertes Problem. Aber keine Lösung.

Professor

Keiner hat so sehr Ehrenpreise und Orden verdient wie Donald Trump – davon ist er überzeugt. Umso größer war seine Enttäuschung, als er bei der Vergabe des Friedensnobelpreises 2025 leer ausging. Nun zwei alberne Ersatzlösungen haben ihn erreicht, Gianni Infantino vom Weltfußballverband hat ihm einen selbstgestalteten ‘Friedenspokal’ seines Verbandes überreicht. Ohne jede Legitimation, wie man hörte. Und Maria Machado, venezolanische Oppositionspolitikerin, hat Trump die ihr 2025 verliehene Medaille des Friedensnobelpreises geschenkt. Das ist allerdings unzulässig und macht Trump nicht zum Preisträger.

Solche  Selbstdarstellungen können Trump nicht befriedigen. Offenbar hat er ein Restgefühl für peinliche Situationen bewahrt. Und er befürchtet, dass jetzt auch andere Personen und Institutionen annehmen, sich bei ihm mit Preisverleihungen einschmeicheln zu können. Russland könnte ihm den Verdienstorden für das Vaterland verleihen, China den Orden vom doppelten Drachen und Venezuela den Orden des Befreiers. Wenig willkommen wären gewiss der Alternative Nobelpreis für beispielhaftes Engagement bei der Korruptionsbekämpfung oder der UN-Menschenrechtspreis für herausragende Erfolge beim Einsatz für Frauenrechte.

Also musste Trump die Angelegenheit in die eigenen Hände nehmen. Zunächst drohte er dem Friedensnobelpreiskomittee mit Zollerhöhungen, wenn es ihm nicht den Friedensnobelpreis verleihe. Allerdings betreibt das Komitee gar keinen Handel.

Daraufhin drohte Trump dem Staat Norwegen, der die Mitglieder des Preiskomitees wählt. Die Meinungsbildung im Nobelkomitee ist jedoch ein streng geheimer Prozess, den die norwegische Regierung nicht beeinflussen kann.

Trump erwog daraufhin, die einzelnen Mitglieder des Nobelpreisgremium zu sanktionieren. Weitergehend war seine Überlegung, die Auswahl der Friedensnobelpreisträger an ein von der US-Regierung zu bildendes Wahlgremium zu übertragen. Alle Staaten der Welt sollten zoll- und außenpolitisch unter Druck gesetzt und dazu verpflichtet werden, nur die Entscheidungen dieses neuen Komitees anzuerkennen und die vom Nobelpreiskomitee gekürten Kandidaten zu ignorieren.

Trump stellte diese Überlegungen jedoch zurück, als ihn eine der von ihm gemaßregelten US-Universitäten zum Professor ehrenhalber ernannte. Die damit ausgedrückte Anerkennung seiner Bildung und Klugheit und der Wissenschaftlichkeit und Sachkunde seiner Arbeit begeisterte ihn. Erst recht fühlte er sich gewürdigt, als eine Reihe anderer Universitäten, die sich in einer vergleichbaren Engpasssituation befanden, nachzogen.

Ab sofort unterzeichnete Trump seine Dekrete mit ‘Prof. Trump’ bzw. ‘Prof. Prof. Trump’. Bald passte die Unterschrift nicht mehr in die Akten. Von da an hieß es ‘Prof.9 Trump’, ‘Prof.10 Trump’ und schließlich ‘Prof.248 Trump’. Trump führte genau Buch. Als er merkte, dass einige Universitäten nicht mitmachten, verfügte er, dass ein US-Präsident von allen Hochschulen der USA zum Professor zu ernennen sei. Universitäten, die dem nicht folgten, verlören ihren Anspruch auf Bundeszuschüsse.

Rasch kam Trump auf die Idee, dass ihm für seinen Beruf als Professor ein Gehalt zustünde. Da könnte ein erheblicher Betrag zusammenkommen. Mit dieser Forderung stieß er jedoch auf den einmütigen Widerstand der Universitäten. Zunächst müsse er seine Vorlesungs- und Prüfungstätigkeiten nachweisen und seine Veröffentlichungen vorlegen. Das seien nun mal die Pflichten eines besoldeten Professors.

Altern

Donald Turmp litt wieder einmal unter gewaltigem Stress. Vieles hatte er noch geplant, doch die Tage rannen davon. Wenn er nur wüsste, wie lange er noch leben, arbeiten und für Ruf und Ansehen Amerikas sorgen könnte. Wahrscheinlich reichte dafür die übliche Lebensdauer eines Menschen nicht aus. Er musste etwas tun, um sein Leben verlängern. Er musste dafür sorgen, dass er nicht ständig älter würde. Er befürchtete, dass man ihm das bereits ansehen und anmerken würde.

Trump ließ sich erklären, was Wissenschaftler bislang über den Alterungsprozess des Menschen herausgefunden hatten: Sogenannte Telomere, also bestimmte Chromosomen, sorgten dafür, dass die menschliche Körperzellen sich abnutzten und verfielen. Diese Erbfaktoren waren jedoch noch nicht identifiziert worden. Das war für Trump eine Herausforderung. Hier konnte er seine überragende Geisteskraft beweisen. Könnte er diese Alterungsgene ausschalten, würde er sein Leben erheblich verlängern – vielleicht sogar auf ewig.

Trump bevorzugte den Selbstversuch. Er unterzog seinen Körper einer Vielfalt von Untersuchungen und Analysen, bis er das richtige Gen gefunden und entschlüsselt hatte. Dessen Funktion zu löschen, war dann kein Problem mehr. Sein Körper würde nun nicht mehr älter werden. Er konnte davon ausgehen, seine Schaffenskraft auf Dauer zu erhalten. Falls auch sein Verstand seine Leistungsfähigkeit behielt und nicht abbaute.

In seiner Begeisterung für den Sieg über das Älterwerden hatte Trump jedoch die praktischen und ethischen Auswirkungen seiner Entdeckung vernachlässigt. Allmählich wurden sie ihm bewusst. Wollte er seine Genmanipulation nur bei sich selbst anwenden? Sollten alle Menschen davon profitieren oder nur einzelne? Dann müsste er eine Auswahl treffen. Und wie würde das Miteinander zwischen den normal Sterblichen und den Menschen mit unbegrenzter Lebenserwartung sein?

Trump beschloss, diese Probleme zurückzustellen. Zunächst wollte er Erfahrungen sammeln. Doch dann wurde er übermütig. Warum sollte er sich damit begnügen, den Alterungsprozess zu stoppen? Warum sollte er ihn nicht umkehren? Er wäre doch gerne zwanzig Jahre jünger. Er machte sich erneut an die Arbeit. Und es gelang ihm, die abgeschalteten Alterungsgene umzupolen. Trump wurde wieder jung. Er freute sich über seine wachsende Spannkraft und sein jugendliches Aussehen.

Der Verjüngungsprozess setzte sich fort. Trump wurde schmaler und kleiner. Seine Gesprächspartner nahmen ihn nicht mehr so recht ernst. Sie vermuteten, seinen Sohn zu sehen. Das machte ihn nachdenklich. Er wurde jünger und alle anderen Menschen älter. Wie würde die Entwicklung wohl weitergehen? Er würde zum Jugendlichen, zum Kind und zum Baby – das war gewiss. Aber was geschah zum Zeitpunkt der Geburt. Davon konnte Trump sich keine Vorstellung machen. Er verfiel ins Grübeln. Vielleicht war es doch eine weise Entscheidung der Natur, den Menschen altern zu lassen. Er baute seine Alterungsgene ein drittes Mal um.

Heimat

Donald Trump hatte gemerkt, dass er etwas Wichtiges übersehen hatte. Er hatte sich nur um die großen Herausforderungen wie Grönland, Kanada, Mexiko, Kolumbien und Venezuela bemüht, aber nicht um seine Herkunft, um seine Heimat. Wieso konnte das passieren, wieso war das Land seiner Vorfahren noch nicht Teil der USA? Strategisch bewertete er die Gegend zwar als unbedeutend, auch gebe es keine Bodenschätze. Der Wein sei jedoch von hoher Qualität.

Die Wurzeln von Donald Trump liegen bekanntlich in Kallstadt in Rheinland-Pfalz. Von dort war sein Großvater Friedrich Trump 1885 in die USA ausgewandert, um Gold zu schürfen. Donald wurde 1946 geboren. Kallstadt ist ein bekanntes pfälzisches Weindorf. Trump wusste zwar nicht, wo Kallstadt liegt, aber er wollte es haben. Immerhin konnte er als Nachfahre einer ehemals Kallstädter Familie eine Art Erbrecht auf den Ort geltend machen.

Für den Fall, dass Deutschland Kallstadt bzw. Rheinland-Pfalz nicht freiwillig abtreten würde, ließ Trump eine militärische Lösung prüfen. Die Kallstädter Einwohnerzahl von gut 1.200 Personen stellte keine Herausforderung dar. Allein auf dem nur 60 km entfernten US-amerikanischen Militärareal Ramstein waren mehr als 6.000 Soldaten stationiert. Da reichte ein Tagesausflug.

Trump ließ daher ein Handlungskonzept erstellen, was er nach der ‘Eingemeindung’ alles ändern würde. Die beiden ersten Entscheidungen traf er sofort: 1. Exporte aus Kallstadt in die USA werden zollfrei. 2. Eine Staffel der US-Migrationspolizei wird nach Kallstadt verlegt. Obwohl es dort gar keine Migranten gibt. Für weitere Themen gab er detaillierte Planungen in Auftrag: Einführung des Präsidialsystems, Errichtung eines ‘Weißen Hauses’, Bau eines Flughafens, Verbot für Gendern, Gleichberechtigung und Gewerkschaften, Einführung der Amtssprache Englisch, Austritt aus der EU.

Überraschenderweise fühlte sich Trump schon nach kurzer Zeit nicht mehr wohl in Kallstadt. Die umständliche Anreise, die schwierige Sprache, die Unterbingung in der Burgruine Hardenberg, der Mangel an Fast-Food-Lokalen und das Fehlen eines Golfplatzes – all das störte ihn an seinem neuen Aufenthaltsort.

Trump suchte daher nach einem anderen Standort für Kallstadt und fand ihn im Grand Canyon im US-Bundesstaat Arizona, östlich von Las Vegas. Er orderte eine Reihe leistungsstarker Hubschrauber, die Kallstadt zum Grand Canyon transportierten und dort wieder aufbauten. Jetzt war Donald Trump zufrieden.

Wolken

Wolken waren für Donald Trump eine unergründliche Erscheinung. Sie erschienen ihm unerreichbar und unangreifbar. Sie führten ein Eigenleben, das nur von der Luftfeuchtigkeit und -temperatur bestimmt und vom Wind bewegt wurde. Sie erschienen und verschwanden ohne Rücksicht auf die Belange der Menschen. Sie verdeckten die Sonne oder brachten Regen, wann immer es ihnen passte. Sie hüllten Berge ein und beeinträchtigten den Flugverkehr. Ihre Blitze bildeten eine unabwendbare Gefahr, ihr Donner verbreitete Schrecken.

Trump gefiel diese Unabhängigkeit der Wolken nicht. Er wollte Berechenbarkeit, Steuerung und Zweckmäßigkeit. Er selbst wollte die Wege und das Handeln der Wolken beeinflussen und bestimmen. Sie sollten nach seinen Vorstellungen verschwinden oder entstehen. Regenwolken wollte er bei Bedarf vertreiben oder heranführen. Und dann regnen lassen, wenn es ihm passend erschien. Mit einer solchen Leistung würde er gewiss enorme Beachtung und weltweite Anerkennung finden.

Trump stieg auf einen hohen Berg. Weit hinauf, bis die Wolken ihn einhüllten. Nun konnte er mit ihnen Kontakt aufnehmen. Dies war nicht einfach. Zunächst wollten sie nichts mit ihm zu tun haben. Doch dann wurden sie neugierig und hörten ihm zu. Trump versuchte, die Wolken zu überzeugen, dass sie ihre Freizügigkeit einschränken müssten. Dass künftig die Erwartungen und Interessen der Amerikaner Vorrang hätten. Dass sie sich ein hohes Ansehen erwerben könnten, wenn sie sich in seinen Dienst stellten.

Doch so einfach ließen die Wolken nicht mit sich umspringen. Sie entwickelten eine Art Bewusstsein. Sie widersetzen sich Trumps Anliegen, nahmen eine Protesthaltung ein und beharrten auf ihrer Unabhängigkeit. Keineswegs wollten sie sich in ihr Treiben reinreden und sich nach Belieben hin- und herschieben lassen. Sie wollten weiterhin nach ihrem eigenen Gutdünken auftauchen, vergehen und ihren Weg am Himmel suchen.

Trump war überrascht. Er hatte angenommen, bei den Wolken auf einen schwachen und nachgiebigen Verhandlungspartner zu treffen. Nun stieß er auf harten Widerstand. Deshalb begann er zu drohen. Er erinnerte an die Chemikalien, die schon jetzt von Flugzeugen über Wolken ausgestreut werden können, um sie zum Regnen zu bringen oder den Regen zu verzögern. Und er berichtete von dem riesigen Wolkenschieber, den er derzeit konstruieren ließ: Stärker als ein Orkan und größer als alle Wolkenteppiche.

Die Reaktion auf diese Drohungen kam für Trump völlig unerwartet. Um ihn herum entstand eine mächtige grau-schwarze Wolkenwand, die gefährlich näher rückte. Regen und Hagel in nie erlebter Dichte und Kräftigkeit prasselten auf ihn nieder. Donner in unerhörter Lautstärke marterte sein Gehirn. Grelle Blitze zuckten unmittelbar rechts und links von ihm in die Felswände. Ein Wolkenbruch, wie es ihn noch nie gegeben hatte. Trump sah sein Ende nahen.

Doch er hatte Glück. Die Wolken wollten ihm nur einen Denkzettel verpassen und ihm ihre Macht beweisen. Zudem war ihre Leistungsfähigkeit zeitlich begrenzt. Sie mussten sich erst wieder erholen. Daher löste sich die riesige dunkelgraue Mauer langsam auf, zerfiel in viele sanfte Schleierwölkchen. Niederschlag und Gewitter endeten. Die Sonne brach wieder durch. Trump war erleichtert. Doch die Kraftprobe mit den Wolken hatte er verloren.

Im Gegenteil: Trump hatte bei den Wolken einen Prozess des Nachdenkens ausgelöst. Sie waren sich ihrer Bedeutung und ihrer Möglichkeiten bewusst geworden. Künftig wollten sie sich nicht mehr mit einem weitgehend unauffälligen Dasein zufrieden geben. Sie wollten geachtet und anerkannt werden. Die Menschen sollten zu ihnen aufblicken. Nicht nur weil sie ihre Bahn am Himmel zogen. Sondern weil sie überirdische Wesen wären, denen Verehrung entgegen gebracht werden müsste.

Trump war entsetzt. Was hatte er da angerichtet? Was sollte er dagegen tun? Sein Handlungs- und Drohpotential hatte bei den Wolken keine Wirkung erzeugt. Also brauchte er Bündnispartner. Er sprach Wind und Wasser an und traf auf offene Ohren. Der Wind hatte sich schon oft über die Wolken geärgert. Immer wieder stellten sie sich ihm in den Weg und minderten seinen Schwung. Und das Wasser war es längst leid, sich im immerwährenden Kreislauf zwischen Verdunstung, Wolkenbildung und Niederschlag zu bewegen.

Nun waren die Wolken beeindruckt. Mit dem Wind und dem Wasser wollten sie sich nicht anlegen. Auf deren Mitarbeit waren sie doch angewiesen. Sie kamen zu einer neuen Beratung zusammen. Mehrheitlich entschieden sie sich dafür, auf ihre neuen Ansprüche zu verzichten und ihre bisherige Rolle beizubehalten. Nur einen Vorbehalt machten sie: Wolkenkratzer wollten sie in diese Vereinbarung nicht einbeziehen. Auch nicht, wenn sie Trump gehörten.

Gehirne

Donald Trump war gefesselt von der Erkenntnis, dass Kraken neun Gehirne haben. Ein großes an gewohnter Stelle und acht kleinere in den acht Armen. Neun Gehirne! Das bot ungeahnte Möglichkeiten. Trump stellte sich vor, zu welchen geistigen Leistungen er imstande sein würde, wenn er über neun Gehirne verfügte. Neun verschiedene Überlegungen könnte er gleichzeitig anstellen, neun Probleme gleichzeitig lösen, neun Tätigkeiten gleichzeitig ausüben, neun Dekrete gleichzeitig verfügen. Seine Leistungsfähigkeit würde auf das Neunfache steigen. Seine Chancen auf eine Wiederwahl würden sich vervielfachen.

Schon begann er zu überlegen, wie er sich diese Fertigkeit aneignen könnte. Gehirne in den Armen wie bei den Kraken kamen nicht in Betracht. Er hatte ja nur zwei Arme. Also musste er sein vorhandenes Gehirn aufteilen, neun selbstständig denkende und steuernde Einheiten schaffen. Eine schlichte Trennung kam jedoch nicht infrage. Jedes seiner neuen Gehirne musste alle vorhandenen Fähigkeiten besitzen. Und daher an allen Funktionen des Hirns teilhaben.

Trump analysierte die Struktur seines Gehirns. Er besorgte sich einen genauen Überblick über Zellen, Nerven und Synapsen, sensorische und motorische Felder, Rezeptoren und Neuronen. Und er versuchte, dieses komplizierte System zu verstehen und neu zu ordnen. Von fachkundigen Chirurgen ließ er in seinem Kopf Trennwände einziehen, Schranken einbauen und Teilflächen schaffen. Nun standen ihm neun Gehirne zur Verfügung.

Sofort begann Trump damit, seine Gehirne zu nutzen. Als erstes speiste er neun anspruchsvolle zollpolitische Aufgaben ein. Seine Gehirne begannen zu arbeiten und lieferten nahezu gleichzeitig neun geeignete Lösungen. Trump war zunächst begeistert. Doch es hatte viel zu lange gedauert, bis die Aufgaben bewältigt waren. Als ob jedes der neun Kleingehirne nur ein Neuntel der vorherigen Geisteskraft hätte. Trump hoffte, dass sich dieses Problem beheben würde, wenn seine Gehirne ihre Funktionsweise erst einmal richtig erfasst und erlernt hätten.

Trump erteilte seinen Gehirnen neue Aufträge, diesmal aus völlig unterschiedlichen Bereichen. Seine Gehirne sollten sich zeitgleich mit Sinneseindrücken, Gefühlsregungen, Körperfunktionen, Bewegungsabläufen, Fantasiegebilden, Lernfähigkeiten, Sexualverhalten, Gedächtnisleistungen und Sprachkenntnissen befassen. Erschreckt bemerkte er, dass seine Gehirne eine erhebliche Anlaufzeit brauchten, bevor sie zu arbeiten begannen. Und dass sie dann keineswegs zielstrebig vorgingen, sondern zögerten und innehielten, Umwege einschlugen und Teilschritte wiederholten.

Das konnte Trump nicht nachvollziehen. Er bemühte sich daher, ins Innere seiner neun Gehirne einzudringen. Dabei wurde ihm der Fehler klar, den er gemacht hatte. Er hatte keine zentrale Steuerung vorgesehen. Vernetzung und Koordination waren unzulänglich. Die Gehirne diskutierten miteinander, erwogen unterschiedliche Vorgehensweisen, stritten sich über den richtigen Weg und verzögerten und verhinderten so Entscheidungen. Bald gab es ein echtes Machtgerangel der Gehirne um die Vorherrschaft.

Trump war ratlos. Er erschrak vor der Willkürlichkeit, mit der seine Gehirne handelten. Das Chaos wurde immer schlimmer. Die Gehirne bekämpften sich, versuchten sich gegenseitig zu unterdrücken und auszuschalten. Sie wurden zunehmend unberechenbarer und aggressiver. Bis ihre Energie erschöpft war. Die Teilung wirkte nicht mehr, alles Trennende verschwand, es entstand wieder ein einheitliches Gehirn. Trump war erleichtert, dass ihm wenigstens dieses noch geblieben war.

Zeitenwechsel

Donald Trump ließ sein bisheriges Leben an sich vorbeiziehen. Träge und zähflüssig vergingen die Sekunden und Minuten. Es kam ihm so vor, als ob jemand den Gang des Geschehens kräftig bremsen würde. Dann wiederum ging alles rasend schnell. Die Ereignisse jagten einander. Alles bewegte sich in höchstem Tempo. Wie in alten Klamauk-Filmen, wo die Menschen nur so um die Ecken flitzen. Die Zeit konnte also ihre Geschwindigkeit ändern. War sie aus den Fugen geraten? Durfte man sich nicht mehr auf einen geregelten Ablauf der Zeit verlassen?

Trump versuchte, die Unterschiede der Schnelligkeit zu messen und zu vergleichen, in der die Zeit verging. Doch das funktionierte nicht. Auch die Uhren und alle anderen Messgeräte liefen langsamer, wenn die Zeit sich Zeit ließ. Und sie beeilten sich, wenn die Zeit rasant verging. Trump musste sich also auf seine eigene Beobachtungsgabe und sein Schätzungsvermögen verlassen. Auf jeden Fall machte er sich Aufzeichnungen.

Die Zeit wurde immer unberechenbarer, sie spielte verrückt. Sie fing an zu flackern, zu ruckeln, blieb kurz stehen, legte wieder los. So wie ein Automotor, dem allmählich das Benzin ausgeht. Die Tempowechsel häuften sich, gingen fast nahtlos ineinander über. Irgendwann lief die Zeit sogar ein Stück rückwärts, fing alle Ereignisse wieder ein und spulte sie dann erneut ab. Schließlich blieb sie immer häufiger stehen, auch über längere Zeiträume. Dann erstarrte alles, jede Bewegung verschwand.

Wilde Gedanken und Fragen schossen Trump durch den Kopf. War die Zeit etwa abgelaufen? War nun das Ende der Zeit gekommen? Betraf das die ganze Menschheit oder nur seinen Zeitspanne? Und was würde ohne Zeit geschehen? Könnte überhaupt etwas ohne Zeit stattfinden? Ein Dasein, eine Welt ohne Zeit war für ihn unvorstellbar. Doch die Hinweise darauf, dass der Lauf der Zeit gestört war, waren unübersehbar. Die Zeit hatte offenbar die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit erreicht.

Trump bemühte sich, das Ereignis logisch zu erfassen. Wieso konnte er denn überhaupt den Wechsel der Zeitgeschwindigkeit feststellen? Stand er selbst etwa außerhalb der Zeit und konnte diese wie einen physikalischen Versuch beobachten? Ganz gewiss nicht. Seine Gedanken, Gefühle und Handlungen fanden doch innerhalb des Zeittaktes statt. Sie waren untrennbar mit ihm verknüpft. Er war der Zeit unterworfen und konnte sich nicht aus ihr lösen. Eigentlich durfte es ihm gar nicht möglich sein, Änderungen des Zeitenablaufs zu bemerken.

Seine Erkenntnisse standen also jenseits der Wirklichkeit. Seine Ansichten und Ermittlungen waren unbeweisbar. Aber was geschah dann? Was erzeugte den Eindruck, dass die Zeit mal schnell und mal langsam verging? Dass sie stehen blieb und rückwärts lief? Die Schlussfolgerung war niederschmetternd, Trump wollte sie verdrängen. Doch sie war unwiderlegbar. Nicht die Zeit schwankte, sondern seine Wahrnehmung. Die Störungen der Zeit fanden nur in seinem Gehirn statt. Nicht die Zeit drohte zu versagen, sondern sein Geist, sein Verstand.

Über Heiner Jüttner:

Avatar-FotoDer Autor war von 1972 bis 1982 FDP-Mitglied, 1980 Bundestagskandidat, 1981-1982 Vorsitzender in Aachen, 1982-1983 Landesvorsitzender der Liberalen Demokraten NRW, 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.