Hinweis: Aus technischen Gründen kommt diese Folge erst jetzt.

Der Abendwind peitschte über die Torstraße und trieb feine Eiskristalle vor sich her, doch Clara spürte die Kälte kaum. Sie lief mit einem Schritt, der federnder war als noch vor einer Woche, an ihrer Seite Meike, ihre beste Freundin seit Studientagen. Meike, die als freischaffende Grafikerin das Chaos als Lebensprinzip kultivierte, jonglierte gleichzeitig ihre Yogamatte, eine Designerhandtasche und einen Becher dampfenden Ingwertee.

Jensen, jetzt mal Butter bei die Fische“, rief Meike gegen den Wind an und sah Clara forschend von der Seite an. „Du strahlst so unverschämt, dass man dich als Warnleuchte am Fernsehturm einsetzen könnte. Was ist passiert? Hat der Institutsrat dir den roten Teppich ausgerollt? Oder hast du etwa einen dieser ‚Habitus-Ingenieure‘ gegen ein Modell mit echter emotionaler Intelligenz eingetauscht?

Clara lachte, und das Geräusch klang in der Häuserschlucht klar und befreit. „Weder noch, Meike. Ich habe heute Morgen meine Mutter überlebt, ein Seminar gerockt, das sich wie eine Befreiung anfühlte, und den Antrag bei der DFG abgeschickt. Ohne noch dreimal an den Fußnoten zu feilen. Ich habe einfach ‚Senden‘ gedrückt.

Meike blieb stehen und ließ ihre Yogamatte fast fallen. „Du? Die Königin der Korrekturschleifen? Das ist ja wie ein Systemumsturz! Und was ist mit der Tulpen-Eskapade, von der du mir gestern am Telefon erzählt hast?

Die stehen zu Hause und sehen mir zu, wie ich mein Leben sortiere“, sagte Clara. „Komm, wir gehen in den ‚Dicken Engel‘. Ich muss heute etwas feiern, das man nicht in Kennzahlen ausdrücken kann.

Der „Dicke Engel“ war eine jener Kiezkneipen, die in Berlin immer seltener wurden: dunkle Holzpaneele, der Geruch von Jahrzehnten an Tabakrauch, der sich trotz Rauchverbot hartnäckig hielt, und ein Wirt namens Kalle, der mehr über die Seelenzustände seiner Stammgäste wusste als jeder Psychotherapeut. Hier traf sich alles, vom einsamen Literaten bis zum überarbeiteten Start-up-Gründer.

Als sie die schwere Tür aufstießen, schlug ihnen eine Welle aus Wärme, Stimmengewirr und dem Klappern von Biergläsern entgegen. Clara steuerte direkt auf den Tresen zu. Die Kneipe war gut gefüllt, eine bunte Mischung aus Singles, die das Alleinsein satthatten, und Gruppen, die sich im kollektiven Rausch verloren.

Clara legte ihr Handy auf den klebrigen Tresen. Fast sofort leuchtete das Display auf: Eine Benachrichtigung von einer Dating-App. „Lars, 34, Architekt, sucht eine Frau, die weiß, was sie will.“

Da ist er wieder, der Architekt“, spottete Meike und bestellte zwei große Gläser Weißwein. „Weiß er denn auch, was er will? Wahrscheinlich eine Frau, die perfekt in seinen Grundriss passt.“

Clara betrachtete das kleine rote Symbol auf dem Bildschirm. Es fühlte sich plötzlich an wie ein Relikt aus einer Zeit, die sie hinter sich gelassen hatte. „Weißt du was, Meike? Ich habe dieses ständige Begutachtet-Werden so unendlich satt. Ich bin kein Gebrauchtwagen, bei dem man die Laufleistung und das Baujahr prüft, bevor man eine Probefahrt macht.“

Mit einer feierlichen, fast rituellen Geste entsperrte sie ihr Telefon. Ihr Finger schwebte über dem ersten App-Icon. Löschen. Dann das nächste. Deinstallieren.

Was machst du da?“, quietschte Meike halb belustigt, halb entsetzt. „Das ist der digitale Selbstmord einer Single-Frau in Berlin! Wie willst du denn jetzt jemanden kennenlernen? Im Supermarkt bei den Bio-Gurken?

Vielleicht gar nicht mehr auf diese Weise“, antwortete Clara, und sie spürte, wie mit jeder gelöschten App eine enorme Last von ihren Schultern fiel. „Das hier ist kein Selbstmord, Meike. Das ist ein Frühjahrsputz mitten im Januar. Ich will nicht mehr gefunden werden wie ein Produkt in einem Katalog. Wer mich sehen will, muss schon im echten Leben an mir vorbeilaufen – oder in meinem Seminar sitzen.“

Sie dachte kurz an Erik, den Gasthörer mit dem warmen Blick, und ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen. Dann wandte sie sich zum Schankraum um. Die Stimmung in der Kneipe war aufgeladen, eine Mischung aus Melancholie und Hoffnung. „Kalle!“, rief sie dem Wirt zu, der gerade Gläser polierte. „Eine Lokalrunde für alle Singles hier im Raum! Auf meine Rechnung!

Ein Raunen ging durch die Kneipe. Köpfe drehten sich um. Kalle hielt inne, eine Augenbraue hochgezogen. „Eine Lokalrunde? Bist du im Lotto gewonnen, Clara, oder hat dich der Forschungsantrag wahnsinnig gemacht?

Weder noch, Kalle! Ich feiere die Unabhängigkeit!“, rief sie zurück.

Die Gläser wurden gefüllt, und für einen Moment schienen die einsamen Gestalten an den Tischen zu einer Gemeinschaft zu verschmelzen. Fremde hoben ihre Gläser in Claras Richtung. Ein älterer Herr am Ende des Tresens, der den ganzen Abend in ein Buch vertieft gewesen war, prostete ihr mit einem stillen Lächeln zu.

Auf die Freiheit!“, rief Meike und stieß ihr Glas gegen Claras. „Und auf die Tulpen im Januar!

Auf das Leuchten“, antwortete Clara. Sie fühlte sich lebendiger als je zuvor. Sie war nicht mehr das „unfertige Projekt“, das darauf wartete, durch ein „Match“ vervollständigt zu werden. Sie war die Frau, die den Raum beherrschte, nicht weil sie nach Aufmerksamkeit suchte, sondern weil sie mit sich selbst im Reinen war.

Als sie später durch die kalte Berliner Nacht nach Hause lief, wirkte der Himmel über der Stadt ein kleines Stück weiter und klarer. Zu Hause angekommen, strich sie im Vorbeigehen sanft über ein gelbes Blütenblatt ihrer Tulpen. Sie waren nun voll erblüht und verströmten einen dezenten, frischen Duft. Clara wusste, dass der Frost draußen noch lange anhalten würde, aber in ihrer Wohnung und in ihrem Herzen hatte eine neue Zeitrechnung begonnen. Sie war bereit für alles, was kam – aber nur zu ihren eigenen Bedingungen.

Soll ich im nächsten Kapitel beschreiben, wie Clara nach dieser intensiven Nacht Erik im Seminar wiederbegegnet und wie die beiden beginnen, ihren „bewohnbaren Raum“ zwischen diskretem „Sie“ und wachsender Nähe zu gestalten?

Ja, bitte. Das muss auch etwas umständlich wirke, so, als würden beide ein Missverständnis aneinander vermuten. Obwohl sie beide Nähe suchen, reden sie erst aneinander vorbei, empfinden aber Zuneigung und Annahme zueinander.

Dies war Kapitel 4, nächste Woche lesen Sie in Kapitel 5: Die Grammatik der Missverständnisse

Anregungen, Anmerkungen oder sachliche Kritik nehme ich mit großem Interesse zur Kenntnis, vor allem, um zu erfahren, was die Leserinnen und Leser bewegt. Gerne beantworte ich offene Fragen, nehmen Sie sich den Moment im Kommentarfenster zu diesem Kapitel. Bis zur nächsten Woche verbleib ich, Ihre Clarissa Vogler


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