Er flog mit der TR6 übers Nazilager und machte den langen Blick zum Statement. Gestern wäre der Schauspieler Steve McQueen 96 geworden
Manche nannten ihn »Bandito«, andere schlicht »King Of Cool«. Er war der Schauspieler mit Benzin im Blut. In den 60er und frühen 70er Jahren war Steve McQueen der bestbezahlte Hollywood-Act, ein Multimillionär. Am besten war er, wenn er irgendetwas in der Hand hielt, einen Steuerknüppel, eine Waffe, eine Spielkarte. Er ließ Taten statt Worte sprechen, ging Problemen nicht aus dem Weg, gab privat wie vor der Kamera alles. Was die Leute sich erträumten, aber nie wagten; er machte es. Komischerweise war er genau deshalb einer von ihnen.
In all seinen Unterfangen verkörperte McQueen die Mär vom Boxer: Wenn du auf die Fresse fällst, stehst du auf und machst weiter. Kein Eingliedern, kein Unterordnen. Gegen das Establishment und dumme Gesetze. Freiheit ist nicht billig – setze ruhig alles aufs Spiel. McQueens schauspielerisches Œuvre steht für Rebellentum, Unangepaßtheit, Unvernunft und Rücksichtslosigkeit. Er war clever, cool und cholerisch. Regisseure, Produzenten und Kollegen trieb er mit Perfektionismus, Geltungsdrang und einer schon klinischen Obsessivität am Set zur Weißglut. Er kokettierte mit Minimalismus und nachhaltiger Präzision – lange Blicke auf der Leinwand wurden durch ihn zu Statements.
Am 24. März 1930 wurde Terence Steven McQueen in Beech Grove/Indiana geboren – unweit der Rennstrecke von Indianapolis. Der Vater William war Stunt-Pilot, die 19jährige Mutter »Julian« schon Alkoholikerin. Als Steve sechs Monate alt war, haute der Alte ab. Mit drei kam Steve zu seinen Großeltern, die im Zuge der großen Depression zu einem Großonkel aufs Land in Slater/Missouri zogen. Der Junge gab noch Sternschnuppengastspiele bei der Mutter in Los Angeles, wurde von deren Lovern jedoch regelmäßig zusammengeschlagen. Er schloß sich Jugendgangs und mit 14 einem Zirkus an, wurde er wegen Radkappendiebstahls verhaftet, und einer seiner Stiefväter steckt ihn in ein Heim für schwer erziehbare Jungen, die »Boys Republic« in Chino Hills, Kalifornien, eine Arbeitsfarm. Wiederholt brach Steve aus, schließlich richtete er sich ein, blieb 14 Monate dort und schulte sich als Mechaniker. Bevor er 1947 beim United States Marine Corps anheuerte, verdingte sich der Teenager als Holzfäller und auf Erdölfeldern. Bei der Infanterie erhielt McQueen den Posten eines Panzerfahrers. Er frisierte den Motor des Kriegsgeräts, bis das nur noch Schrott war. Das brachte ihm 48 Tage Arrest ein.
1950 ging McQueen nach New York, studierte u.a. am Actor’s Studio von Lee Strasberg, finanzierte das durch Pokerspielen und Motorradrennen. 1955 debütierte er am Broadway. Nach der erfolgreichen TV-Serie »Wanted: Dead Or Alive« (McQueen mimt in 117 Folgen einen Kopfgeldjäger) folgte 1960 der Westernklassiker »The Magnificent Seven« (Die glorreichen Sieben) von John Sturges. McQueen hatte 100000 Dollar Gage ausgehandelt. Das Cowboyleben und der Umgang mit Waffen waren ihm vertraut. Yul Brynner wirkt an seiner Seite wie ein Dressman, der sich im Film verlaufen hat.
Den Durchbruch schaffte McQueen mit »The Great Escape«, den Sturges 1963 in Bayern drehte. Unvergessen, wie McQueen einem Nazi das Motorrad entwendet und auf einer Triumph TR6 Trophy Bird mit einem der gewagtesten Zweirad-Stunts der Filmgeschichte über den Stacheldraht des Kriegsgefangenenlagers segelt. »Es gibt ’ne Menge Sachen, die ich einfach nicht spielen kann, deshalb muß ich mir Figuren und Situationen aussuchen, die zu mir passen«, stellte er mal fest, als Geschwindigkeit und Ausbruch zu festen Größen geworden waren.
Für die Rolle eines Maschinenmaats in China (»The Sand Pebbles«) erhielt McQueen 1966 seine einzige Oscar-Nominierung. Es folgten Kassenschlager wie »Bullit« (Nullhandlung und ein Cocktail aus logischen Fehlern, aber hervorragende »Muzak« und Schnittechnik). 1973 wechselte McQueen ins dramatische Fach und machte seinen besten Film: Franklin J. Schaffners »Papillon« über Isolationsfolter, Widerstand und Carpe Diem. Die wundervolle Romanvorlage stammte von Henri Charrière, der zu dieser Zeit in Venezuela ein »Hospedaje« (Reiseunterkunft) aufgemacht hatte, den Film aber nie sah, weil er kurz vor der Uraufführung an Kehlkopfkrebs verreckte.
Dann machte McQueen nur noch, wozu er Lust hatte, also vor allem Rennen fahren, schon wegen Adrenalin. Hollywood hing ihm lange zum Hals raus. Ferner widmete er sich ausgiebig LSD, Whisky ohne E und Kokain und starrte ansonsten aufs Meer, wie schon auf der Teufelsinsel in »Papillon«. Die konnten ihn alle mal kreuzweise. Er nahm »Jeet Kune Do«-Unterricht bei seinem Freund Bruce Lee, und wurde später dessen Sargträger.
In seinem letzten Film »The Hunter« (1980) schließt sich der Kreis. McQueen spielt wieder einen (»modernen«) Kopfgeldjäger, karikiert sich aber vor allem selbst. In der ersten Szene beweist »Papa« Thorson mit schönen Grüßen ans Getriebe, das er nicht einparken kann und rammt einen Cadillac, Baujahr 1970. Ein gerade von ihm festgenommener schwarzer Jugendlicher fragt: »Wer hat Ihnen denn Fahren beigebracht – Fittipaldi?« Später geht Thorson zu einem Schwangerschaftskurs. Ein echter Anti-McQueen. Die obligatorische Verfolgungsjagd wird mit dem Mähdrescher und einem Abschleppwagen erledigt.
Am 7. November 1980 gab Steve McQueen mit 50 Jahren die Zündschlüssel endgültig ab. Er starb in der Santa Rosa Clinic von Júarez/Chihuahua (México) an einem seltenen Bauchfellkrebs, verursacht durch Asbeststaubpartikel. Seine letzten zusammenhängenden Worte waren »Lo hice« (spanisch »I did it«). Er hinterließ drei Frauen und drei Kinder, zirka 210 Motorräder, über 50 Autos, fünf Flugzeuge und eine horrende Waffensammlung. Zwei Tage nach seinem Tod flogen sieben Jets über die Ranch des besten Schauspielers aller Zeiten und trugen seine Asche hinaus auf den Pazifik. Von dort aus ruft er euch heute noch zu: »Hey you basterds, I’m still here.«

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