8. Mai 1945: Ein Tag der “Dankbarkeit” Kanzler Merz, 2025
„Dialektik
Unwissende
damit ihr
unwissend bleibt
werden wir euch
schulen.“ (Reiner Kunze)
6. Juni 2014: „Am 6. Juni 1944 landeten die alliierten Truppen an der Küste der Normandie, um Europa von der Schreckensherrschaft Deutschlands im Nationalsozialismus zu befreien.“ (Kanzlerin Merkel)
Beim ersten Treffen des Bundeskanzlers Merz mit dem US-Präsidenten kam es auch zu einem kurzen Austausch über den D-Day (die Landung der Alliierten in der Normandie) und die Rolle der USA bei der Befreiung Deutschlands: Trump: Das (Anmerkung: der D-Day) war kein schöner Tag für Euch. Merz: Nein, es war die Befreiung meines Landes von der Nazi-Diktatur… Trump: Das ist wahr. (Ab Minute 1:22, Welt auf Youtube)
Korrekt war nichts. Aber es entsprach dem vorherrschenden Geschichtsbild. Darin hat die Sowjetunion als „Befreier“ Deutschlands keine herausragende Rolle. Die große Tragödie, die die Völker dieses Landes ereilte, ist ebenfalls nicht präsent. Der Bundespräsident fand zwar 2025 differenzierende Worte. Aber, seine Rede damals machte ebenfalls deutlich, dass wir uns inzwischen sehr leicht tun, mit dem Finger auf andere zu zeigen, so als läge alle Geschichte hinter uns. Abgetragen. Vergeben und vergessen.
Ich denke nicht, dass es so ist.
In Momenten des Konflikts oder der Krise bricht alles hervor, was ansonsten unter dem Deckmantel des Schweigens begraben scheint und allenfalls an Jahrestagen ausgebuddelt wird. Die Erinnerung der Opfer Hitler-Deutschlands ist viel langlebiger als die unsere.
Es wurde „Wiedergutmachung“ geleistet. Die Wortwahl zeugt von einer Annahme, die einem kindlichen Repertoire zu entstammen scheint. Gewiss, die Bundesrepublik Deutschland verfolgte außenpolitisch über viele Jahre einen internationalen Kurs der Mäßigung und des Ausgleichs, emsig bestrebt, wieder gleichberechtigt in die internationale Staatengemeinschaft aufgenommen zu werden. Andererseits war sie aus innenpolitischen Motiven oft auch offen revanchistisch.
Man erinnere sich nur an die Bedenken, die es um die Anerkennung der Oder-Neiße Grenze gab oder an die Debatte über einen gemeinsamen Besuch eines deutschen Kanzlers mit einem US-Präsidenten in einem KZ. Ein Artikel des Spiegel von 1984 erinnert daran. Der stellte fest, dass es nicht leicht sei, ein besiegtes Volk zu sein.
Im damaligen Artikel stand: „Der Kanzler verschweigt bei all seinen vielen Worten beharrlich, daß die Sowjet-Union bis zum 8. Mai 1945 die größten Opfer bringen mußte. Weil es nicht ins antikommunistische Feindbild paßt, weil Ausgleich und Versöhnung mit dem Osten zu Worthülsen werden, ist bei Kohl niemals die Rede von dem im Osten geprägten Wort vom »Tag der Befreiung”: Die von Russen besetzte DDR sei ja nicht befreit. Aber es waren die Sowjets, die bei der Beendigung der Hitler-Barbarei mehr als 20 Millionen Tote zählten.“ Kurzum, es gibt so viele blinde Flecken.
An ein Opfer des deutschen Nationalsozialismus will ich heute erinnern: Tanja Sawitschewa. Als sie starb, war sie 14 Jahre alt.
Die Holocaust-Gedenkstätte in Berlin nennt ihren Namen – Nicht, weil sie Jüdin war, sondern ein Opfer des größten Einzelverbrechens der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg: Gegenüber der Bevölkerung von Leningrad.
Die zunächst elfjährige Tanja beschrieb inmitten des eingekesselten Leningrad auf nur acht Tagebuchseiten in ganz einfachen Worten unsägliches Leid. Nicht so eloquent und ausführlich wie die ältere Anne Frank. Sie notierte „nur“ den Verlust aller Menschen, die sie liebte.
Beide Mädchen überlebten den vom faschistischen Deutschland entfachten Horror nicht.
Asteroiden in unserem Sonnensystem tragen ihre Namen: Der Asteroid 5535 (Anne Frank) und der Asteroid 2127: (Tanja Sawitschewa). So wurden sie Teil unseres Universums. Nicht sichtbar dem menschlichen Auge, aber als symbolische Mahnung, dass die Menscheheit, solange es sie gibt, den Opfern Ehre erweise.
Das Tagebuch von Anne Frank wird gelesen. Wie viele Deutsche kennen das von Tanja Sawitschewa? In Russland gibt sie dem unverschuldeten Leiden einer Millionenstadt ein Gesicht.
Wie gehen wir überhaupt mit dem Gedenken an das damalige Grauen um? Man kann es nicht ungeschehen machen. Verlorene Hoffnungen und verlorenes Leben sind nicht wieder herstellbar.
Der Pandemie der Gleichgültigkeit entkommen
Man kann versuchen, zu verstehen, versuchen, der scheinbar alles verschlingenden Pandemie der Gleichgültigkeit zu entkommen, die wie eine natürliche Begleiterscheinung von Konflikttreiberei, Krisen und Kriegsvorbereitungen um sich greift. Sie zerstört das Band, das uns erinnert, was Recht und was Unrecht ist. Dass Menschenleben kostbar sind. Dass die Völker sich nach Frieden sehnen.
Man erinnere sich: Nur friedliebende Nationen sollten der UNO angehören. Die UN-Charta ist ein Friedensmanifest. Das ist die Allgemeine Deklaration der Menschenrechte auch. Und die Genozid-Konvention. Und die Genfer Konvention. Dass alles, was vereinbart wurde, immer wieder gebrochen wurde und wird, ist kein Grund dafür, die Lehren des Zweiten Weltkriegs auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Einen nächsten Weltkrieg überleben wir im Atomzeitalter nicht. Und doch, manchmal scheint es, als sei er längst im Gange.
Ich denke, ein Wissenschaftler wie Albert Einstein, der nicht nur intellektuell sondern auch mit dem Herzen klug war, verfügt über die besseren Argumente als bestimmte Vertreter von Nuklearmächten, die heute gegenteiliger Auffassung sind und absichtlich sogar mit dem Risiko eines Atomkriegs pokern.
Von den Opfern deutscher Aggression und deutschem Rassenwahn vor und im Zweiten Weltkrieg blieben oft nur Namen oder auch Gegenstände zurück. Tagebücher, Spielzeug, Schuhe, Abschiedsbriefe oder -gedichte. Das alles zeugt von der moralischen Verkommenheit des „Dritten Reiches“, von einer außerordentlichen Barbarei, die Größenwahn mit Militärmacht verband und sich schließlich im Massenmord industrieller Effizienz bediente. Im Unternehmen „Barbarossa“ (sogenannter„Russlandfeldzug“) hat es die „anständige“ deutschen Wehrmacht nicht gegeben. Es war ein Vernichtungskrieg.
Menschliche Integrität
Und doch, vergiß nie, erinnerte mich einst ein polnischer Freund, dass die ersten Opfer der Nazis Deutsche waren. Die, die Widerstand gegen Hitler leisteten. Sie wurden gefoltert, eingesperrt, ermordet. Ab 1933. Unser Land ist noch immer geteilt, wenn es um die Erinnerung an viele dieser Menschen geht, die in Straßen- oder Schulnamen weiterleben. An Stauffenberg oder die Geschwister Scholl wird in Ost und West gleichermaßen gedacht. (Am 9. Mai jährt sich der 105. Geburtstag von Sophie Scholl.) Hans und Hilde Coppi, Julius Fucik oder Ernst Thälmann sind nur im Osten weiter präsent. Im Spiegel rügte Hubertus Knabe 2006, dass in solchen Namen die DDR „weiterlebe“.
Was Knabe nicht sehen konnte oder wollte: In solcher Namensgebung lebt auch ein Bewusstsein für das zutiefst Unmenschliche weiter, was der deutsche Faschismus repräsentierte. Wie auch in Stolpersteinen. Stellvertretend für viele andere nenne ich hier exemplarisch jenen, der 2025 in Berlin-Schöneweide für Erich Busse verlegt wurde. Busse war Teil einer Widerstandszelle, Kommunist, Antifaschist, dem die Gestapo buchstäblich das Leben aus dem Leib prügelte. Zum Verräter seiner Gefährten wurde er nicht. Er verstarb an den Folgen der Misshandlungen. Seine Familie erhielt die Erinnerung aufrecht. Dass es heute nun auch diesen Stolperstein gibt, zeigt, dass es nicht um „DDR-Nostalgie” geht oder verkappten Kommunismus, sondern um menschliche Integrität.
Es geht immer darum, zu verhindern, dass die Barbarei den Menschen frisst. Das geht schleichend, und Mitleidlosigkeit, Gleichgültigkeit und Hassgefühle sind ihre Wegbegleiter. Man darf weder das weite Opfer-Spektrum des hochaggressiven und auf Zerstörung zielenden Menschenbildes des Hitlerfaschismus einengen, noch das Spektrum derer, die dem widerstanden. Hier hat der Westen Nachholbedarf. Man sagt, dass diejenigen, die als Zeitzeugen noch berichten können, nun aussterben und so alles verlernt und vergessen würde. Ich glaube das nicht. Man bringt Kindern schließlich auch nicht bei, dass sie sich am heißen Herd schwerst verbrennen, indem man sie absichtlich verbrennt.
Ich denke, gezielte Propaganda, Machtdemonstrationen und die Geschütze vorgeblicher Moral versperren den Blick auf das, was Menschen tief im Innern wissen und auch was zuvorderst not tut: Frieden und Sicherheit im eigenen Land brauchen Sicherheit und Frieden in der Welt. Aber unsere Gegenwart ist auch von zu vielen Kleingeistern bevölkert, und die schreien aktuell am lautesten. Häufig äußerst widerlich.
Der kanadische Wissenschaftler Michael Carley goss sein Lebenswerk in drei Bücher: Die Erforschung der Außenpolitik Stalins, speziell zwischen 1930 und 1941 (herausgegeben von der University of Toronto Press, in englischer Sprache, 2023). Carley arbeitete auf der Basis von Archivmaterial aus der Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien und den USA und vielen weiteren Quellen. Er ist ein äußerst gründlicher Rechercheur und ein furioser Erzähler. Im Ergebnis kommt er für die Ära 1933 bis 1939 eindeutig zur Schlussfolgerung, dass die Sowjetunion in der Machtergreifung Hitlers umgehend eine Kriegsgefahr erkannte, aber es der sowjetischen Außenpolitik trotz anhaltender Anstrengungen nicht gelang, England, Frankreich oder Polen von der Notwendigkeit einer Anti-Hitler-Koalition zu überzeugen, um so den drohende Krieg abzuwenden. Die ideologischen Widerstände waren schlicht zu groß.
Man kann nur hoffen, dass Carleys Arbeit hilft, die Spreu künftig besser vom Weizen zu trennen und zu einer faireren Beurteilung der Position der Sowjetunion in jener Zeit zu kommen. Was die Jahre 1939 bis 1941 betrifft, so erkaufte sich die Sowjetunion – laut Carley – eine Verzögerung eines Angriffs Hitler-Deutschlands, allerdings um den Preis der territorialen Invasion.
Wer Carley liest, versteht, dass es geschichtlich und politisch falsch ist, der Sowjetunion eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu geben, und dass jene, die die aktuelle Lage in Europa mit 1938 oder 1939 vergleichen, Mythen und nicht Kenntnissen folgen. Der könnte auch besser verstehen, welche Sicherheitsinteressen eine Konstante bilden, die sich über den Zusammenbruch der Sowjetunion und ihres Imperiums erhalten hat. Der könnte zur Schlussfolgerung kommen, wie gefährlich es für ganz Europa wird, wenn Teile der Geschichte europäischer Völker abgespalten, selektiv erinnert und ideologisch aufgeladen werden.
Überlegenheitsgefühle, Siegerattitüden und Dominanzstreben, das in Konfrontation mündet, treffen auf dem europäischen Kontinent auf eine fruchtbare Erde, schon wegen der vielen tatsächlichen und eingebildeten offenen geschichtlichen „Rechnungen“. Das erschwert Dialog, Annäherung, Verstehen und schließlich auch Versöhnung ungemein. Es braucht daher auch Toleranz für das Existenzrecht des Anderen, des Fremden, ja selbst des Gegners, den Willen, „neu“ zu denken und zu handeln. Was gegenwärtig zu dominieren scheint, ist säbelrasselnde Vergangenheit. Mancher trägt längst auf dem Hals den von Erich Kästner beschriebenen Helm, der den Kopf ersetzt. Im völlig falschen Verständnis, wer den Zweiten Weltkrieg gewann und wer nicht und in der noch verheerenderen Annahme eines künftigen Siegs.
Die Verpflichtung, eine friedliebende Nation zu sein und zu bleiben
Beinah klingt es wie eine Plattitüde und doch hat es Deutschland – in Ost wie West – einst den Weg zurück in die Gemeinschaft der Völker geebnet: Die Verpflichtung, eine friedliebende Nation zu sein und zu bleiben. Das war eine notwendige Voraussetzung, warum die deutsche Einigung international akzeptiert wurde.
Was aber haben auch wir aus den Versprechen, den Hoffnungen und Möglichkeiten jener Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer gemacht? Und mit „wir” meine ich alle. Klar, dass so eine Frage in aktuellen deutschen Talk-Shows keiner Betrachtung wert ist. Denn die Jahre 1989/1991 öffneten ein Fenster zum dauerhaften Frieden. Nicht russische Politik hat es zugeschlagen.
Was macht eine Nation „friedliebend“? Ist es der geplante Griff nach der stärksten konventionellen Macht, nach „technologisch überlegenen, innovativen Streitkräften“ (2039) in einem Bundeswehr-„Europa“, in dem schon das NATO-Mitglied Türkei keinen Platz hat? Und wenn die Bundeswehr erst 2039 technologisch überlegen sein will, wer ist es dann heute? Wir brauchen Abrüstung und können uns glücklich schätzen, dass die USA nicht mehr ausreichend über Waffen verfügt, die sie auf unserem Boden 2026 stationieren wollten. Man muss sich nur das Kanzler-Interview von Caren Miosga zu dieser Frage genau anhören. Nein, diese Stationierung war keine deutsche Idee. Und ja, lieber Herr Merz, so ganz nebenbei räumten Sie mit der These von der angeblichen „Fähigkeitslücke“ auf, die wegen der Kaliningrad-Waffen zu füllen sei. Aber das ging dann auch unter.
Leider muss ich mein Plädoyer zum 8. und 9. Mai auch in diesem Jahr in großem Ernst wiederholen: Mögen über die Himmel von Kiew, Minsk und Moskau am Tag der deutschen Befreiung durch die Alliierten und ihres Sieges allein Wolken ziehen. Und Kraniche, die der Legende nach die Seelen derer sind, die im Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verteidigten.
Mögen auch wir Deutsche deren Botschaft endlich vernehmen. Es ist höchste Zeit, den schweren Weg zum Frieden mit allen zu gehen, auch mit Russland.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog der Autorin, mit ihrer freundlichen Genehmigung. Einige Links und Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

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