Das Buch “Griff nach Gold – Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft” wird am Do., 28. Mai um 19.30 h von den Autoren Carlo Gomes und Glenn Jäger im “Beueler Buchladen” vorgestellt. Im Folgenden die Vorveröffentlichung ihres Vorwortes, freundlicherweise von Autor Jäger zur Verfügung gestellt.

Vorab

Was gäben wir für ihre Trikots: José Leandro Andrade, José Leônidas da Silva, Just ›Justo‹ Fontaine oder Eusébio. Oder Zinedine Zidane. Weltstars zu ihrer Zeit, die der Geschichte der Fußball-WMs ihren Stempel aufdrückten. Der eine, mutmaßlicher Erfinder des Scherenschlags, führte Uruguay 1930 zum Titel. Die nächsten drei jeweils Torschützenkönig: 1938 sieben Treffer für Brasilien, 1958 unerreichte 13 für Frankreich, 1966 neun für Portugal. Und Zidane, Weltmeister von 1998, ist Zidane. Was diese Spieler noch an Geschichte mitbringen? Dafür mag ihre Herkunft stehen: Sie waren Nachfahren von Sklaven, stammten aus Französisch-Marokko oder Portugiesisch-Ostafrika. Oder aus Algerien, die Eltern früh genug aufgebrochen, um dem Kolonialkrieg Frankreichs zu entrinnen. Bis heute schürft der Norden auch im Fußball das Gold.

Die Geschichte des Kolonialismus ist dem Fußball eingeschrieben – wie auch die des Neokolonialismus, nachdem in den 1950er und 60er Jahren mehr und mehr Länder ihre politische Unabhängigkeit erstritten. Und während der Zweite Weltkrieg eine zwölfjährige Unterbrechung der WMs bedeutete, hinterließen auch die Kriege seit den 1950er Jahren ihre Spuren im Weltfußball: Korea, Suez, Vietnam, Falkland etc. pp. Spuren indes, die vor allem in den Qualifikationen zu suchen sind. Gerade in den 1950er, 60er und 70er Jahren spiegelten sich dort die globalen Verwerfungen weit mehr als in jenen wenigen Sommerwochen, die für das größte Fest des Fußballs stehen. Die FIFA, mit Sitz im Herzen Westeuropas, war stets Ausdruck der Verhältnisse. Auch wenn bei der ersten WM, ›Uruguay 1930‹, als der noch junge Weltfußballverband alle Mitgliedsverbände zum Turnier einlud, noch etwas von einem Gedanken der Völkerverständigung zu erkennen war, wurde das oft beschworene Ideal künftig vielfach mit Füßen getreten.

Abgesehen von der politischen Schlagseite, siehe nur Italien 1934 unter Mussolini, war bei den WMs schon die zahlenmäßige Dominanz Europas lange Zeit erdrückend, oder besser: der Idee einer ›Welt‹meister­schaft kaum würdig. Jahrzehntelang beschränkte sich das Turnier im Wesentlichen auf zwei Kontinente. Für ›Schweden 1958‹ war ein einziger Platz für Afrika/Asien vorgesehen, der nach einer Reihe boykottierter Partien und einem außerplanmäßigen K.o.-Spiel an, ja richtig: Wales ging. Vier Jahre später, ›Chile 1962‹, war für die beiden Erdteile noch nicht einmal der eine direkte Startplatz vorgesehen, sodass jeweils nur europäische und amerikanische Teilnehmer antraten. Gerne wurde die Gemengelage mit der mangelnden Reife des asiatischen bzw. afrikanischen Fußballs gegenüber den arrivierten Ländern begründet.

Und in der Tat: In dieser Hinsicht klafften Welten zwischen den Kontinenten. 1938 bestritt Niederländisch-Indien ein einziges Spiel bei der Endrunde, das mit 0:6 an Ungarn ging. Südkorea packte 1954 nach einem 0:9 gegen Ungarn und einem 0:7 gegen die Türkei die Koffer, Zaire erging es 1974 ähnlich. Sehr viel mehr war bis dahin nicht, außer vielleicht der knappen Niederlage Ägyptens gegen Ungarn von 1934 (2:4), einem Punktgewinn Marokkos 1970 oder der Sensation Nordkoreas mit dem Einzug ins Viertelfinale 1966. Doch lagen die Gründe für den Entwicklungsstand gerade des afrikanischen Fußballs nicht in Europa selbst? Hatte der Kolonialismus nicht zur Folge, dass nationale Fußballverbände überhaupt erst mit der formalen Unabhängigkeit vieler Länder entstanden? Warum sonst maßen sich beim ersten Africa-­ Cup 1957 nur drei Mannschaften – Südafrika wurde apartheidsbedingt ausgeschlossen – in nur zwei Spielen? Und mehr noch: Wer griff eigentlich auf die Ressourcen eines Fontaine, eines Eusébio zu? Erst unter dem Druck eines zunehmenden antikolonialen Selbstbewusstseins bewegte sich die FIFA schließlich: Im Vorfeld von ›England 1966‹ hatte der afrikanische Kontinentalverband seine Drohung wahr gemacht, die WM zu boykottieren, wenn man nicht wenigstens einen direkten Startplatz bekäme.

Die WM-Qualifikationen sind weit weniger im kollektiven Fußballgedächtnis als die Endrunden selbst. Manche verdienen es, etwas ausführlicher gewürdigt zu werden, insofern sich daran weltpolitische Bruchlinien spiegeln – zwischen West und Ost wie zwischen Nord und Süd. Die Qualifikation zur WM 1958: geprägt vom Suezkrieg; die zur WM 1962: von einer ausgefallenen Partie, bei der die Niederlande der DDR-Auswahl die Einreise verweigerten; die zur WM 1974: von der Weigerung der Sowjetunion, in jenem Nationalstadion Chiles anzutreten, in dem unter Pinochet gerade noch massenhaft politische Gefangene interniert waren. Zuvor war das Estadio Nacional von FIFA-Funktionären, vor Ort empfangen von Vertretern der US-gestützten Militärjunta, für bedenkenlos erklärt worden. Mitunter waren es auch die Weltmeisterschaften selbst, die – siehe ›Argentinien 1978‹ oder ›Katar 2022‹ – zur politischen Nagelprobe wurden.

Und die Frage von Krieg und Frieden? Sie wurde 2022 in Bezug auf Russland von der FIFA anders beantwortet als in den Jahrzehnten zuvor. Ganz unabhängig davon, wie der Ukrainekrieg samt Vorgeschichte zu bewerten ist, und auch abgesehen davon, was von Ausschlüssen allgemein zu halten ist: Vergleichbare Maßnahmen wurden im Fall eines verheerenden Korea-, Vietnam- oder Irakkrieges genauso wenig auch nur in Betracht gezogen wie bei den Kriegen gegen Jugoslawien, Afghanistan oder Libyen. Vom Abessinien-, Algerien- oder Falklandkrieg ganz zu schweigen. Oder vom Griff nach Venezuela im WM-Jahr 2026. Zweierlei Maß? Weil die FIFA stets fest auf dem Boden einer westlich dominierten Weltordnung stand? Die Frage kriegerischer Auseinandersetzungen wird auf den folgenden Seiten wiederkehren. Nicht nur weil sie allgemein von überragender Bedeutung ist: An ihr muss sich auch ein Weltfußball messen lassen, der – ähnlich wie die Olympischen Spiele – die Völkerverständigung zu einem seiner Leitmotive erhoben hat.

Doch was tun? Mitunter waren es die Spieler selbst, die Antworten gaben: Ein Diego Maradona, ein Sócrates, ein Carlos Caszely oder ein Rachid Mekhloufi, der freiwillig auf einen WM-Einsatz für Frankreich verzichtete, um sich stattdessen der algerischen Unabhängigkeitsauswahl anzuschließen. Ihre Bedeutung weist über den Tag hinaus. Ihre Haltung gibt auch Hinweise auf die von Sehnsucht getriebene Frage vieler Fans, wie sich der Fußball in Zeiten galoppierender Kommerzialisierung ›zurückholen‹ lässt. Kurz: Frage nach den Verhältnissen, die diese hervorbringen. Sie wären zu ändern. Entsprechend bleibt, wo von der WM-Historie die Rede ist, weltweiten Bedingungen nachzugehen. Demnach sei hier der Versuch unternommen, eine Geschichte des Turniers zu erzählen, in der eine Globalgeschichte des 20. und des bisherigen 21. Jahrhunderts zumindest aufscheint.

Zur Ausgangslage gehört: Die WM-Geschichte an sich ist weitgehend auserzählt. Neue Schätze lassen sich bis auf wenige Ausnahmen – siehe hier: einen seltenen Fund aus Chile oder die Neudeutung einer Spielabsage Taiwans 1957 in der Qualifikation – kaum noch heben. Es bleibt, das vorhandene, teils verzweigte Material zu arrangieren. Zu dem Vorgehen, Entwicklungen in Fußball und Politik miteinander zu verknüpfen, mögen andere Bücher angeregt haben, etwa die Bände von Bernd-M. Beyer (›71/72. Die Saison der Träumer‹), Dietrich Schulze-Marmeling / Hubert Dahlkamp (›1974. Die WM der Genies‹), Burkhard Rierling (›Sommer 1954‹) oder Ronald Reng (›1974. Eine deutsche Begegnung‹). Oder des unerreichten Eduardo Galeano (›Der Ball ist rund‹).

Teils mögen sich dabei inhaltliche Vorzeichen unterscheiden, die Methode hingegen kaum. Und auch in großen WM-Darstellungen sind meist politische Einordnungen des Zeitgeschehens oder gesellschaftliche Hintergründe zum Gastgeberland zu finden. Das gilt für die vielbändigen WM-Chroniken der Süddeutschen Zeitung und des AGON Verlags ebenso wie für die große Fußball-WM-Enzyklopädie von Hardy Grüne und andere Kompendien aus dem Verlag Die Werkstatt. Neben Fußballlektüre haben wir Literatur zur Einordnung politischer Hintergründe herangezogen. Wer etwa die kleinen Beben rund um die WM 1966 verstehen will, stöbere in dem Band ›Neo-­Colonialism‹. Der Autor, Kwame Nkrumah, war der erste Präsident Ghanas und galt als Initiator des WM-Boykotts afrikanischer Länder.

In Diskussionen über Wohl und Wehe der Boykottkampagne zu Katar 2022 hörten wir bisweilen: Und was ist mit der WM 2026 in Nordamerika? Wo werden dann Proteste gegen eine westliche Führungsmacht bleiben? Gegen eine Politik, die stets auch mithilfe von Kriegen, mit der Unterstützung von Staatsstreichen durchgesetzt wurde, mit Militärbasen in Ländern wie Katar? Jahrzehntelang im Schulterschluss mit Ländern wie Saudi-­Arabien, gegen das zur WM 2034 der Zeigefinger zu erheben bleibt. Könnte zu alldem nicht mal ein Buch rausspringen?

Carlos Gomes / Glenn Jäger: Griff nach Gold – Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft; ISBN 978-3-89438-867-6; 415 Seiten; Hardcover; 28,- Euro [D]

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