Feministische Netzwerke in Nicaragua und im Ausland
Seit fast 40 Jahren organisieren sich Frauen und Feministinnen in Nicaragua in autonomen Organisationen und Netzwerken, nachdem ihre spezifischen Anliegen und Forderungen kein entsprechendes Gehör fanden. Nach der Wahlniederlage der FSLN 1990 schossen unabhängige Frauengruppen quasi wie Pilze aus dem Boden, darunter Sí Mujer, Grupo Venancia, Puntos de Encuentro und CISAS. Beim ersten autonomen Frauentreffen 1991 wurden verschiedene Netzwerke gegründet, wie beispielsweise das Netzwerk gegen Gewalt gegen Frauen. Die autoritären Tendenzen in der FSLN wurden von den Feministinnen beständig kritisiert, weshalb sie zu den ersten Gruppen gehörten, die nach der Wiederwahl Ortegas diskriminiert und verfolgt wurden.
Wie in anderen Ländern auch sind Gewalt gegen Frauen und Feminizide ein zentrales Thema. Das war bereits in den revolutionären Zeiten so, allerdings fanden Frauen damals kaum Gehör. Vielleicht gerade deshalb gehören feministische Organisationen und Netzwerke in und außerhalb von Nicaragua heute zu den beständigsten Gruppen des Widerstands. Gewalt ist und bleibt ein Thema, genauso wie der Kampf gegen patriarchale Vorherrschaft und Unterdrückung im Allgemeinen. Auch sind es besonders Frauen und Feministinnen, die sich für die Freilassung der politischen Gefangenen einsetzen, Feministische Netzwerke in Nicaragua und im Ausland Strukturen für die Betreuung der Opfer der Repression organisieren und im Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit an erster Stelle stehen. So berichtet Emilia Yang, die das Museum zur Erinnerung an die Getöteten von 2018 mit der Mütterorganisation AMA aufgebaut hat, dass es vor allem Frauen und Feministinnen waren, die diesen Erinnerungs- und Trauerort geschaffen haben.
Von den inzwischen über 5000 verbotenen Organisationen der Zivilgesellschaft sind etwa 1500 Organisationen der Frauenbewegung zuzurechnen. Damit wurde fast jede lokale oder nationale Selbstorganisation für die Rechte von Frauen, ihre Gesundheit und ihren Schutz, ihr Empowerment, ihre Bildung und Fortbildung kriminalisiert. Der Schutz vor Gewalt und Missbrauch, Unterstützung in Bedrohungssituationen, Hilfe bei Abtreibungen, die in Nicaragua vollständig verboten sind, Sensibilisierung gegen machistische Stereotype und Bilder, um nur einige Themen zu nennen – all dies muss heute im Untergrund organisiert werden. Eine große Verschwiegenheit über die eigene Praxis, Pseudonyme für alle Beteiligten, sichere Handys und sichere Kommunikationsstrukturen gehören zum Alltag. Ein Großteil der Spenden des Informationsbüros Nicaragua wird daher für Sicherheit und Sicherheitsschulungen verwendet. So kann das Risiko minimiert und gleichzeitig vielen Frauen geholfen werden.
Das seit 1991 bestehende FrauenNetzwerk gegen Gewalt organisiert nach wie vor Schutz für betroffene Frauen, bietet rechtliche und psychologische Beratung an und setzt sich für die Bestrafung der Täter ein. Es kann auf jahrelange Erfahrung und Kontakte zurückgreifen, bietet aber auch für neue Frauen Onlinefortbildungen an.
Leider werden die Aufgaben dabei eher größer als kleiner, denn die Zahl der Feminizide im Land, aber auch im Exil, nimmt zu. Es gibt keine staatlichen Zahlen, aber unabhängige Gruppen haben für 2025 72 Feminizide gezählt, wobei die Dunkelziffer wahrscheinlich deutlich höher liegt. Inzwischen haben sich die Onlinemedien La Lupa Feminista und Despacho 505 zusammengeschlossen und mit #ContraData einen Rahmen für die Dokumentation von Feminiziden geschaffen, die das Regime verschweigt oder verharmlost.Darüber hinaus werden traditionelle Frauen- und Männerbilder auf dieser Plattform infrage gestellt.
Patria libre para vivir
Die gute Verbindung zwischen Frauen innerhalb und außerhalb des Landes ermöglicht es, Resilienz zu schaffen und für jede Einzelne den entsprechenden körperlichen und psychischen Schutz zu suchen. Das Leben soll im Mittelpunkt stehen.
Gerade junge Feministinnen hatten die alte Parole „Patria libre o morir“ (Freies Vaterland oder Tod) 2018 infrage gestellt, da sie den Tod ins Auge fasst, Märtyrer*innen schafft und die Aufopferung als revolutionäre Tugend preist. Die neue Parole „Patria libre para vivir“ (Freies Vaterland für das Leben) stellt hingegen das Leben ins Zentrum und betont die Selbstfürsorge und den kollektiven Selbstschutz als revolutionäre Werte.
In virtuellen Konferenzen werden daher Konzepte der Gewaltprävention ebenso geschult wie Praktiken der Selbstfürsorge oder der Heilung von Traumata. Auch die Geschichte der Frauen wird aufgearbeitet. So fand neulich ein Treffen statt, bei dem gemeinsam über die Biografien „Guerillera, Mujer y Comandante“ (Guerillakämpferin, Frau und Kommandantin) von Leticia Herrera und „Una vida es una historia para contar“ (Das Leben muss erzählt werden) von Cuta Castillo (Rosa Salaverry) gesprochen wurde, um zu sehen, in welchem Maße Frauenbedürfnisse den sogenannten Zielen der Revolution untergeordnet und welche Rollen Frauen in der Revolution zugewiesen worden waren. Neben dem Netzwerk gegen Gewalt gibt es nach wie vor regionale Netzwerke, die Arbeit vor Ort in den Gemeinschaften machen und vor allem praktische Solidarität als Gegengift gegen die Spaltung durch Hass und Bespitzelung leisten, wie sie durch das Regime vorgegeben werden. Dabei kann es sich um einen Jugendclub, Nachbarschaftshilfe, gemeinsame Kinderbetreuung, Aktivitäten des Umweltschutzes, die gemeinsame Arbeit in der Subsistenz oder die Organisierung von kleinen Frauengruppen handeln, die sich gegenseitig stärken und in jeder Hinsicht unterstützen.
Andere Gruppen wie „Articulación Feminista“ (Feministische Äußerung) oder „Movimiento Autónomo de Mujeres“ (Bewegung der autonomen Frauen) haben sich im Exil neu zusammengefunden und beteiligen sich mit feministischen Forderungen an den verschiedenen Foren, in denen die Opposition die möglichen Szenarien für einen Übergang zur Demokratie diskutiert.
In Costa Rica hat sich „Red de Mujeres Pinoleras“ (Netzwerk der Pinolera-Frauen) organisiert, das jeden Monat einen Markt veranstaltet, auf dem Essen und Getränke sowie Selbstgenähtes und Handgestricktes verkauft werden und kleine Konzerte oder Lesungen stattfinden.
In Madrid hat sich eine Kooperative von Frauen gegründet, die als Pflegekräfte arbeiten. Das feministische Netzwerk in Spanien vereint Nicaraguanerinnen und Internationalistinnen, organisiert jährliche Treffen und einzelne Veranstaltungen in den örtlichen Gruppen. So fand im letzten Jahr in Madrid eine Veranstaltung mit den bekannten Feministinnen Sofía Montenegro und Azahálea Solís statt. Ebenso organisierten die „Feministas en Madrid“ (Feministinnen in Madrid) eine Veranstaltung mit Sadie Tamara Rivas, einer jungen Feministin aus Matagalpa, die in Costa Rica im Exil lebt und sich damals für die Freilassung ihres Vaters Anibal Rivas Reed einsetzte. Sie hatte zuvor in Berlin an einer Konferenz des Runden Tisches Zentralamerika teilgenommen, um auf die willkürliche Verhaftung und das Verschwinden ihres Vaters aufmerksam zu machen. Inzwischen wurde er aus der Haft entlassen.
In Andalusien hat sich vor einigen Monaten ein Netzwerk von Feministinnen gegründet, das zu Aktionen am 8. März und zum 18. April in Granada und Córdoba mobilisierte, um auf die Lage in Nicaragua aufmerksam zu machen. Darüber hinaus präsentierten Tamara Morales und Tamara Dávila am 17. März zusammen mit Jamileth Chavarría ihr Buch „La Bruja Mensajera de Bocana de Paiwas“ an der Universität von Granada. „Die Hexenbotschafterin“ ist laut Klappentext nicht die Geschichte eines Opfers, sondern die einer Hexe, die sich weigerte, schweigend auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, und so wurde es ein kämpferischer Abend.
Ein weiteres Netzwerk bildete sich schon vor zwei Jahren von Deutschland aus. Das Netzwerk SOLFEM verbindet Nicaraguanerinnen und Internationalistinnen, gibt unregelmäßig einen Newsletter auf Telegram heraus und organisiert Zoom-Veranstaltungen wie die im Mai 2025 mit der Autorin Delphine Lacombe zum Thema ihres Buches „Violencias contra las mujeres – De la revolución a los pactos de poder, Nicaragua 1979-2008“ (Gewaltausübungen gegen Frauen – von der Revolution bis zu den Vereinbarungen der Machteliten 1979-2008).
In Mittelamerika sind die nicaraguanischen Feministinnen mit dem Netzwerk IM-Defensoras (Netzwerk der Menschenrechtsverteidiger*innen) verbunden, das sowohl Menschenrechtsverletzungen dokumentiert als sie auch vor der UN-Menschenrechtskommission vorträgt. Für Nicaragua waren dies von 2018 bis 2025 fast 14 000 Übergriffe gegen 1702 Frauen und 390 Organisationen. Auf diese Datenbanken greift auch die Expertenkommission GHREN zurück, um die sexualisierte Gewalt und Folter des Regimes zu belegen.
Nicht ohne Konflikte
Die jungen würdigen zwar die „Vor“-Arbeit der älteren Feministinnen, bestehen aber auch darauf, sich nach eigenen Vorstellungen und Prinzipien zu organisieren, was durchaus zu „Generationskonflikten“ führt. Außerdem sind Demokratie und Gerechtigkeit für sie keine abstrakten Konzepte. Alles fängt bei ihren eigenen Körpern und in ihrem Lebensbereich an. Dadurch wird das Private zum Politischen und stellt die vorherrschende politische Kultur auch der Opposition infrage.
So kam es in Costa Rica zu heftigen Auseinandersetzungen über das frauenfeindliche Verhalten einzelner Männer innerhalb der Oppositionsgruppen. Ein emblematischer Fall war die Anzeige einer jungen Frau gegen einen jungen Mann aus dem Oppositionsbündnis UNAB wegen sexueller Übergriffe und Vergewaltigung. Insgesamt beklagten junge Frauen, dass sie in den oppositionellen sozialen Bewegungen unsichtbar und mundtot gemacht werden und erhielten dabei großen Rückhalt aus der gesamten feministischen Bewegung und auch von vielen Männern. Die jungen Feministinnen setzen auf neue Formen des Protests wie Cyberaktivismus, Kunstaktionen, Konzerte und Ausstellungen, um ihre Empörung zu bündeln. Eine Performance gehört genauso dazu wie audiovisuelle Produktionen oder Expressaktionen wie eine Kurzaufführung des Stückes „Un violador en tu camino“ der bekannten chilenischen Gruppe „Las Tesis“. Auch Straßentheater, kollektive Trauerinszenierungen oder Ausstellungen von gestickten Bildern finden regelmäßig statt.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 495 Mai 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Alle Links wurden nachträglich eingefügt.

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