Thema: FAS

Sportifizierung des Politjournalismus

Von , am Mittwoch, 11. Juli 2018, in Medien.

Der geschätzte Kollege Harald Staun, Verantwortlicher der FAS-Medienseite, veröffentlichte einige kluge Reflexionen zum deutschen Politikjournalismus der letzten Wochen. Wird er auch in seiner Redaktion gelesen? Immerhin hat die sonst eifrig mauernde FAZ-Onlineredaktion seinen Text zugänglich gestellt.
Sie sollten es aus eigenem Interesse lesen. Denn Journalismus, der sich der 1:0-Berichterstattung nähert, ist der erste, der heute schon durch Algorithmen ersetzbar ist. Weiterlesen

Brasilien / Afrika / China / Mauern sterben langsam

Von , am Samstag, 12. Mai 2018, in Lesebefehle, Politik.

Die deutsche LeMonde diplomatique, nur gestern als preisgünstige Beilage der taz zu bekommen, war gestern um 15 h nur noch in einem von vier Beueler Zeitungsläden vorrätig. Online stehen derzeit nur zwei lesenswerte Texte:
Brasilien: Rückfall in brutale Zeiten
Angriffe auf Expräsident Lula da Silva und seine Anhänger, das tödliche Attentat auf die linke Stadträtin Marielle Franco, die Ermordung von landlosen Bauern: Die zunehmende politische Gewalt in dem südamerikanischen Land geht in erster Linie auf das Konto der übermächtigen Agrarlobby von Anne Vigna
Die Fischräuber Weiterlesen

Krieg der Gänse / Berlin umringt / Heimat

Von , am Freitag, 20. April 2018, in Genuss, Lesebefehle, Politik.

Manche meinen ja, dass Donald Trump US-Präsident geworden sei, hänge damit zusammen, dass sich die Dorfdeppen auf dem Land damit an den arroganten Fatzkes in den städtischen Metropolen rächen wollten. Machen Sie sich klar, liebe Leser*innen, das ist vielleicht auch schon eine Art Krieg.
Dazu folgende Symptome:

Frankfurt ist Opfer einer Invasion vom Nil geworden. Ich erinnere mich: auch Napoleon kam von dort (zurück), um anschliessend Europa zu erobern. In diesem Fall handelt es sich um keinen Napoleon, sondern um Gänse, die rücksichtslos Frankfurter Kulturerbe zerstören. Z.B. fressen sie den Frankfurter*inne*n ihre Zutaten für die Grüne Sosse weg. Weiterlesen

FJS zur Grundsteuer / #metoo im WDR (Forts.)

Von , am Montag, 16. April 2018, in Lesebefehle, Medien, Politik.

Niklas Maak ist ein seriöser Journalist. Darum glaube ich ihm mal, wenn er Franz-Josef Strauss – den Heiligen der CSU – von 1970 zitiert: „Die Grundstückspreise steigen in einem Maße, dass es nicht zu verantworten ist, diese Gewinne unversteuert in die Taschen weniger fließen zu lassen.“ Ich kannte Strauss vor allem über Bernt Engelmanns Schwarzbuch, dieses Zitat kannte ich nicht. Ob es die CSU von heute noch kennt?
Maak beschreibt in der FAS die neoliberalen Horrorvisionen aus dem Büro der verstorbenen Stararchitektin Hadid – und die linken Alternativen, die eher in die Richtung der Vernunft des Mannes gehen, in dessen Richtung ich 1980 noch Gemüse geworfen habe.
Zur Vollständigkeit der #metoo-Debatte im WDR hier die Darstellung aus Sicht meiner Gewerkschaft. Ihr entnehme ich, dass ähnlich wie beim DFB und Freshfields eine parteiische Anwaltskanzlei mit weiteren Untersuchungen beauftragt wurde. Ich zweifle, ob das einer allgemein respektierten Wahrheitsfindung dient.

Früher war …. vieles schlechter

Von , am Donnerstag, 12. April 2018, in Fußball, Lesebefehle, Medien, Politik.

Die FAS veröffentlichte letzten Sonntag eine Doppelseite mit einem Gastbeitrag von Hans Rosling. Der Mann ist voriges Jahr verstorben, war Professor für “Internationale Gesundheit” in Stockholm. Er hat gemeinsam mit Verwandten das Buch “Factfulnes. Wie wir lernen die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist” verfasst, das vor einigen Tagen auf deutsch erschienen ist. Die FAZ hat seinen Gastbeitrag heute online gestellt, bravo!

Emily Atef

Filmregisseurin Emily Atef macht derzeit PR für ihren scheinbar sehenswerten Film “Drei Tage in Quiberon“, über das Stern-Interview mit der 1981 verstorbenen Romy Schmeider. Frau Atef scheint eine kaum weniger interessante Persönlichkeit zu sein, Weiterlesen

Bank-TV / Afghanistan-Frieden in Bonn?

Von , am Donnerstag, 1. März 2018, in Lesebefehle, Medien, Politik.

Eine kompetente Freundin, in ihrer Jugend beim Grimme-Institut tätig gewesen, hat mir schon vor einer Woche “Bad Banks” empfohlen. Die vom ZDF mitproduzierte Miniserie startet heute auf Arte und war schon in der Mediathek zu sehen. Ein beeindruckendes Interview mit der eine fiese Ober-Bankerin spielenden Desiree Nosbusch gabs in der FAS – ein wenig spektakulärer aber strukturell bemerkenswerter Beitrag zur #metoo-Debatte. Weiterlesen

Kein Land für Biolandbau / Soziologie der Parlamente / GNTM

Von , am Mittwoch, 28. Februar 2018, in Genuss, Lesebefehle, Politik.

Die Nachfrage nach Biolebensmitteln steigt. Sie müssen aber importiert werden, weil die deutsche Landwirtschaft nicht bio produziert, sondern altkonventionell für den Export nach überallhin. Das hat wenig bis fast nichts mit doofen Bauern zu tun. Aber sehr viel mit dem privaten Reichtum an Kapital, Grund und Boden, das uns schon als Wohnungssuchende und Mieter*innen das Leben schwer macht. Wenn ein DLF-Feature eine Gesetzeslücke identifiziert, über das sich Grosskapital zum Kapern von landwirtschaftlichen Agroindustrieflächen einen schlanken Fuss macht, dann dürfen wir davon ausgehen, dass diese Lücke in unserer geliebten Hauptstadt schon seit Jahren bekannt ist. Warum machen unsere Abgeordneten dann ihre Arbeit nicht? Sie lassen sich von den Agrolobbys an der Leine führen, wie der Bauernverband.

Wie kann das passieren? Weiterlesen

Trittin, der trockene Realo

Von , am Samstag, 20. Januar 2018, in Genuss, Lesebefehle, Medien, Politik.

Trump hat den Wirtschaftskrieg schon erklärt, und zwar Europa. Das ist die Deutung von Jürgen Trittin, härter und klarer realistisch, als die, die sich so nennen, in seinem heutigen DLF-Interview. Und es ist jetzt an uns, also Deutschland, wenn es mal wieder eine Regierung hat, zusammen mit Frankreich, darauf eine adäquate Antwort zu finden. Priorität hat dabei, die Kriegs- und Krisenherde unter Kontrolle zu bringen, die Trump in unmittelbarer Nähe Europas mit-entfacht: insbesondere im Nahen Osten, in dem er auf der Seite Saudi-Arabiens ein atomares Wettrüsten provoziert.
“Atlantiker”, wie wir sie kennen, können da ihre ideologischen Sachen packen. Und mir war gestern so, als wenn Friedrich Merz, der sauerländische Mofafahrer, der heute als Blackrock-Manager vermutlich mächtiger ist, als er es als CDU-Fraktioonsvorsitzender war, genau das im Begriff ist, zu tun.

Auch beachtenswert:
FR-Interview mit Prof. Jeremy T. Mayer über Trump
FAS-Porträt von „Lenny“, dem Feminismus-Newsletter von Lena Dunham – das rätselhafte US-Amerika, das wir bereit sein könnten zu lieben
eine DLF-Reportage über libanesische Küche, mit deren akustischer Untermalung ich heute morgen aus einem schönen Traum erwachte; das macht Appetit ;-)

Termiten fressen America first, Köln sich selbst

Von , am Dienstag, 16. Januar 2018, in Lesebefehle, Medien, Politik.

Trump ist nur die Kulisse. Alle Vorurteile über ihn scheinen zu stimmen. Es stellt uns immer wieder zufrieden, das feststellen zu können. Harald Staun, Medienredakteur der FAS, beschäftigt sich mit unserer Rezeption von Michael Wolffs “Fire an Fury“, wie gesagt, ich verleihe es gerne. Hinter der Kulisse findet ein Bürgerkrieg der Milliardärsklasse statt. Kollateralschaden: der demokratische Staat, das was von ihm noch übrig ist. Frauke Steffens (ebenfalls FAZ) bringt uns ein Buch des Pulitzer-Preisträgers David Cay Johnston näher. Dessen These: sie lassen die unfähige Trump-Administration absichtlich machen. Wie Termiten fressen sie die staatlichen Überreste auf.
Denn was gut für die Welt ist, wissen nur die Milliardäre. Wir sollten sie das unter sich ausmachen lassen, und nicht mit unmässiger Demokratie dabei belästigen. Sie haben viel Entertainment bereitgestellt, um uns zufrieden zu machen und sinnvoller als mit Politik zu beschäftigen.

Köln braucht keine Trump-Termiten. In einem launigen Gruss an das übellaunige Berlin schreibt Christian Werthschulte, wie Köln das macht und bedankt sich in Berlin für deren Lärm, der Köln so gemütlich unbeachtet lässt. Auch die taz hatte mal einen NRW-Teil, ebenfalls eingestellt.

Männer & Schwarze

Von , am Sonntag, 31. Dezember 2017, in Lesebefehle, Medien, Politik.

Ich verspreche, hier bleiben Sie von Jahresrückblicken und Bosbach (wdr5) verschont.

Georg Seesslen, will er Shakespeare sein? Extradienst-Leser*innen wissen, wieviel Verehrung ich dem Schreiber Seesslen entgegenbringe. Er zeichnet uns in der Jungle World sein Bild von Horst Mahler, als Teil eines Deutschlandbildes. Mangels Sach- und Personenkenntnis ist mir ein eigenes Urteil kaum möglich, aber gut geschrieben und unterhaltsam wie ein Shakespeare ist es geworden.

Harald Staun (FAS) ist es gelungen, der #metoo-Debatte noch eine diskutable zeitgemässe männliche Perspektive abzugewinnen.

So wie Frauen weiter um ihre Emanzipation kämpfen müssen, müssen es auch Schwarze in Europa. Nicht nur die, die verzweifelt und lebensgefährlich versuchen, es zu erreichen, sondern auch und gerade die, die schon seit Generationen nicht nur “unter uns”, sondern Teil unseres “Wir” sind. Das reicht von Wattenscheid bis Paris und wird weitergehen.

TV is dead

Von , am Mittwoch, 27. Dezember 2017, in Medien.

1 Terrabyte (TB) ist das Speichervolumen eines Weihnachtsgeschenks, das ich dieses Jahr, ich weiss gar nicht mehr von wem, bekommen habe. Es ist wenig grösser als ein Spekulatius. Und darauf gespeichert sind, selbstverständlich nur für streng privaten Gebrauch, so ziemlich alle relevanten US-Serien, egal von welchem Streaminganbieter. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einen von denen zu abonnieren, schon weil ich mein ganzes Datengold behalten, und nicht diesen Milliardären spenden will. Insofern entgeht denen auch kein Geschäft. Und ich lebe sowieso nicht mehr so lange, um das alles gucken zu können.
Wenn es also so einfach ist, an künstlerisch und handwerklich gut gearbeitete Filme mit exzellenten Schauspieler*inne*n zu kommen, wer braucht dann noch deutsches Fernsehen? Weiterlesen

Was mit Medien / Chinas Volkskongress

Von , am Freitag, 20. Oktober 2017, in Fußball, Lesebefehle, Medien, Politik.

Sascha Lobo (Sp-on) und Jens Berger (Nachdenkseiten) schreiben zur aktuellen Legitimationskrise “der Medien” – typischer Fall von beide haben recht.
dpa meldet den medienpolitischen Wasserstand von der Ministerpräsidentenkonferenz, Ex-Jungdemokrat Benjamin Hoff schreibt in der Freitag-Community seine Position als Chef der thüringischen Staatskanzlei (rot-rot-grüne Koalition).
René Martens bewertet im MDR-“Altpapier” den bisherigen Streit um die Deutung der RAF im Tatort von Dominik Graf. Update 22.10.: Eine Deutung, die meine volle Zustimmung findet, von Peter Körte in der FAS.
Ein Beispiel für seriösen Journalismus im hitzigen Gefecht: Thomas Pany (Telepolis) zum Streit um die Untersuchungen zum Insektensterben.

In der grössten Weltmacht unserer Tage ist Volkskongress. Falk Hartig schreibt in den Blättern zur politischen Ausgangslage, ND-Chef Tom Strohschneider im Oxiblog zur widersprüchlichen Wahrnehmung Chinas hierzulande.
Kai Strittmatter kommentiert das Ereignis im SZ-Leitartikel. Er übersieht beim scheinbaren Sytemgegensatz vielleicht, dass eine deutsche Innenministerkonferenz an der von ihm beschriebenen Herrschaftsform auch Gefallen finden könnte. Und wie viele EU-Innenminister würden sich denn wohl dagegen wehren? Ganz zu schweigen von den kalifornischen Konzernemmissär*inn*en, die Schlangestehen, um unter kommunistischen Türritzen in China durchkriechen zu dürfen, der “großen Märkte” und Datenmengen wegen. Ärgerliches Problem: sie werden nicht mehr erhört, die chinesischen Oligarch*inn*en, gierig wie unsere, wollen alles für sich.

Dominik-Graf-Tatort – Treffer!

Von , am Dienstag, 17. Oktober 2017, in Medien, Politik.

Getroffene Hunde … Stefan Aust, in seinem Bemühen die Herrschaft über die historische Deutung der Raf und des “deutschen Herbstes” zu verteidigen, sah sich gezwungen, den Tatort vom letzten Sonntag unter der Regie von Dominik Graf als “Raf-Propaganda” zu verunglimpfen. Wo er das tat, enthielt auch gleich das Urteil über dieses Urteil.

Aust, ein klassischer lebenslanger Narzissmus-Fall, hat seine Verdienste. Als ich ihn das erste Mal wahrnahm, hatte er seine Arbeit bei den “St.Pauli-Nachrichten” bereits beendet, und war zum Reporter beim NDR-Magazin “Panorama” aufgestiegen. Ich fand den Kerl sehr beeindruckend, er wirkte, zu dieser Zeit, mutig. Was dann als Berufsbiografie folgte, ist weitgehend bekannt. Dem “Spiegel” hat es nicht gutgetan. Die eigenhändige Zensur Austs einer Titelgeschichte zur Energiepolitik von Harald Schumann, und Verdrehung ihrer Aussagen ins industriefreundliche Gegenteil, wird unvergesslich bleiben. Weiterlesen

Macht über Europa, entschieden in: Deutschland

Von , am Sonntag, 15. Oktober 2017, in Beuel & Umland, Lesebefehle, Politik.

Die gegenwärtige, demnächst “geschäftsführende” Bundesregierung trägt einen erbarmungslosen europäischen Machtkampf in den eigenen Reihen aus, kaum noch verdeckt. Letzteres ist dem Noch-Aussenminister Gabriel zu verdanken, der sich nicht nur intern, sondern offensiv sichtbar gegen Finanzminister Schäuble positioniert. Der wiederum schnell vor Bildung einer ungewissen neuen Koalition entscheidende Pflöcke für das austeritätsfixierte deutsche Großkapital einrammen will. Aktuelle Analysen dazu von Svenja Glaser beim Oxiblog und von Steffen Vogel in den Blättern.

Ein Wetterleuchten, wie es auch hierzulande desaströs weitergehen könnte, droht heute in Österreich. Manche meinen ja, wir wären die meisten reaktionären Probleme los, wenn wir Bayern an Österreich verschenken würden. Aber wohin mit Baden-Württemberg? Wohin mit den Ossis? Müssen wir dann nicht eher NRW für unabhängig erklären? Aber wohin dann mit den Westfalen? Und ist nicht auch das Rheinland mental geteilt, durch den breiten Fluss in seiner Mitte?
Die Probleme der “andern” sind schon längst hier. Die Jungle World beschreibt z.B. die Spaltung der österreichischen Grünen durch Peter Pilz. Bei den Grünen im Rhein-Sieg-Kreis ist es längst schon ähnlich: in jedem Ort, der sich dort für eine Stadt hält, gibt es schon mindestens zwei “grüne” Grüppchen, und auch hier in Bonn gibt es in deren Ratsfraktion kaum noch ernsthafte Bemühungen den Laden zusammenzuhalten.
Die FAS berichtet heute über den Immobilienkapitalismus im idyllischen Voralpenland. Und gerade am Mittwoch sprach ich mit Freund*inn*en über das gleiche Thema hier im idyllischen Bonn. Alles schon hier, im Voralpenland von Köln, nicht mehr abspaltbar.
Der oben schon erwähnte Herr Schäuble kämpft darum, dass das nicht besser wird, sondern weitergeht. Nach einem “Monitor”-Bericht kämpft er in der EU darum, dass die deutsche Immobilienwirtschaft ein Paradies für Geldwäsche bleibt.

Dass es auch anders geht, zeigt ausgerechnet Italien. Dort, auf Sardinien, haben sie eine Villa des katarischen Präsidenten von PSG aufgrund seiner – mutmasslich – kriminellen Machenschaften in Fussballbusiness erst mal beschlagnahmt. Geht doch.

Riesling – bedroht von der Finanzbranche

Von , am Freitag, 22. September 2017, in Genuss, Politik.

1999 besuchte ich zusammen mit der damaligen Pressesprecherin des NRW-Umweltministerium das Slowfood-Festival in Lübeck. Neben dem Besuch des Marzipan-Herstellers Niederegger, ich bin marzipanabhängig, bleibt eine Veranstaltung mir im Sinne des Wortes am “nachhaltigsten” in Geschmackserinnerung: eine Vergleichsverkostung von Rieslingen “aus vier Jahrzehnten”. Die Probeflaschen kamen nicht aus professionellen Lagern und Vertrieben, sondern waren aus privaten Kellern gestiftet worden. Ich hatte es als interessierter Laie bis dahin nicht für möglich gehalten, dass Weissweine so lange in der Flasche geniessbar “überleben” können. Was wir dort präsentiert bekamen, übertraf nicht nur alle Erwartungen. Danach schmeckte man nichts Anderes mehr, jeder Käse versagte. Der Gaumen war den Rest des Tages belegt.

Mich lehrte dieses Erlebnis, was für ein wichtiges Kulturgut der Riesling ist. Und wie dankbar wir den nachgewachsenen Winzer*inne*n seiner diversen Anbauregionen sein müssen, die sich um seine Qualitätssteigerung, seine landschaftsgerechte und ökologische Weiterentwicklung verdient machen. Stark vereinfachend formuliert: der fortlaufende Generationenwechsel im deutschen Weinbau hat, zumindest in meiner jetzt 60-jährigen Lebenszeit, dem Riesling speziell und dem deutschen Weinbau insgesamt, sehr, sehr gut getan.

Umso mehr erfasste mich Schrecken und Entsetzen, als die FAZ heute online ihr Finanzressort (!!!) mit einer Reportage über eine Rieslingversteigerung aufmachte. Weiterlesen

Von Schwarzen lernen

Von , am Sonntag, 13. August 2017, in Lesebefehle, Politik.

Die Londoner Schriftstellerin Zadie Smith gibt heute im FAS-Interview eine nachdenkliche Antwort und Ahnung auf eine Frage, die mich gedanklich stark umtreibt: warum sind die mittelalten gesellschaftlichen Linkskräfte politisch und strategisch so schwach gebildet und ratlos? Eine Erklärung für das langlebige Merkel.

Der südafrikanische Schriftsteller Niq Mhlongo behandelt im Prinzip die gleiche Frage, aber für einen geografisch und historisch ganz anderen Raum. Er war in seiner Jugend am PAC orientiert, der damals recht unreflektiert linksradikal agierte und sicher nie in die Lage hätte kommen können, das Apartheidsystem zu stürzen, wie es dem ANC gelang. Aber das ist Geschichte. Heute stellen sich neue Fragen, die uns hier wie dort der Kapitalismus aufgibt.

Indien – China

Von , am Mittwoch, 9. August 2017, in Politik.

Die beiden Großmächte der Zukunft kennt hierzulande nur eine verschwindende Minderheit. Die Berichterstattung in unserem Sprachraum über sie ist nur analphabetisch zu nennen. Sprachkenntnisse existieren bei uns faktisch nicht. Immerhin ist unter Jugendlichen häufig zu hören, dass sie beginnen wollen, Chinesisch (welches? es gibt zahllose Sprachen in diesem Land) zu lernen.
Die globale Macht beider Länder wächst, Atommächte sind sie seit langem. An Demokratie sind ihre Regierungen nicht interessiert. Die indische ist nach hiesigen Massstäben demokratisch gewählt, was die Sache aber eher noch schlimmer macht.

Die indische BJP-Regierung unter Ministerpräsident Modi wird von nicht wenigen, Salman Rushdie z.B. charakterisierte BJP-inspirierte antimuslimische Pogrome schon vor über 20 Jahren so, als faschistisch bezeichnet. Im DLF lief gestern dieses Feature über die Nehru-Universität in Dehli. Es erscheint lächerlich, dass sich die Regierung eines Milliardenvolkes vor ein paar tausend Student*inn*en und Wissenschaftler*inne*n so fürchtet, Weiterlesen

Chinafrica

Von , am Montag, 31. Juli 2017, in Politik.

In den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Tiefenströmungen zwischen Europa, Afrika und China hat es grundlegende Richtungsveränderungen gegeben. Noch heute interessiert das die Mehrheit unserer Gesellschaft nicht. Vielleicht ist Angst Antrieb dieser Verdrängung. Hilft aber nichts. Wenn diese Veränderungen von Kunstausstellungen etablierter Träger im Hipster-Berlin wahrgenommen werden, bedeutet das, dass sie schon sehr weit gediehen sind, aber sie bedeuten leider nicht, dass der Glockenschlag damit hierzulande schon gehört wurde.
Mark Siemons, langjähriger China-Korrespondent, hat sich gestern in der FAS rechtschaffen darum bemüht.

Mexiko-Fussball / Spatzen / Bullen / Hass

Von , am Mittwoch, 28. Juni 2017, in Beuel & Umland, Fußball, Lesebefehle, Politik.

Mexiko spielt seit vielen Turnieren regelmässig bei WMs mit und immer eine wichtige Rolle in amerikanischen Kontinentalmeisterschaften; die USA rangieren bis heute im Fussball da drunter. Sein nationaler Fussballmarkt ist unter dem amerikanischen Grosskapital bereits aufgeteilt und hemmt, auf allerdings besagtem global wettbewerbsfähigem Niveau, die sportliche Weiterentwicklung wie das Fussball-Fachblatt Handelsblatt analysiert.
Enthüllungen gegen die Fifa in BILD? Da liegt die Frage nahe: wem nützt es. Der Fussball ist längst Gegenstand globaler Strategien der Weltpolitik und verdeckter Strippenzieher. Mitleid gegen Russland und Katar und ihre jeweiligen Diktatoren ist sicher nicht angebracht, das macht ihre Gegner in den USA und Saudi-Arabien (und bei BILD) allerdings keinen Deut sympathischer – hier Fifa-Experte und everybody’s enemy Jens Weinreich im Interview mit der Funke-Mediengruppe.

Spatzen – Cord Riechelmann beschreibt in der FAS die historische Entwicklung unseres Verhältnisses zu ihnen. In meiner Kindheit galten sie als minderwertig gegenüber “Singvögeln” (Meisen, Rotkehlchen, Finken), heute versetzt uns ihr “Verschwinden” in ökologische Furcht. Weiterlesen

NRW-Kultur / Seidenstrasse / Feminismus

Von , am Montag, 15. Mai 2017, in Lesebefehle, Medien, Politik.

Wer nach Gründen für die rot-grüne NRW-Wahlniederlage sucht, sollte die Kulturpolitik nicht vergessen. Wieso, die kostet doch nur Geld, wählt sowieso rot-grün und hat null politischen Einfluss? Andreas Rossmann veröffentlichte diese Analyse in der FAZ noch vor dem Wahlsonntag. Wahlrelevant ist sie aus folgenden Gründen: wer mit den Kulturschaffenden eine Kerngruppe planmässig demotiviert, mit Nichtbeachtung und demonstrativer intellektueller Ignoranz, darf sich über das Ergebnis nicht wundern. Die so “Gewürdigten” sind sozial aussergewöhnlich aktive Individuen, was sie Denken und Meinen strahlt mehr in die Gesellschaft hinein, als es an den Zuschauer*innen*zahlen ihrer Darbietungen, die auch schon nicht so gering sind wie die meisten denken, abzulesen ist. Und dann kommt noch die Sache mit dem “Framing” hinzu, wofür Kulturschaffende, wie Willy Brandt mal wusste, exakt die passenden Aktivist*inn*en sind. Elisabeth Wehling, zu Recht ein Star aktueller Mediendiskurse, erklärte es am Sonntag noch mal im Deutschlandfunk. Am besten verstehen tun es die Leute wie Gauland und im Merkel-Umfeld. Leider.

Unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit fand neben der NRW-Wahl auch noch ein weltpolitisch wichtiges Ereignis statt: die von China veranstaltete “Seidenstrassen”-Konferenz (dieser Link verschwindet in einigen Tagen in einem Paywall-Archiv), Weiterlesen